Zum Inhalt
© Pixabay_geralt_KLU_240526

Die Zeit hin­ter­lässt Spuren

Unbe­merkte Gewe­be­re­ak­tio­nen beein­flus­sen den Zustand von Brust­im­plan­ta­ten bis hin zu Ent­zün­dun­gen. Kom­pli­ka­tio­nen resul­tie­ren nicht nur aus mecha­ni­schen Ursa­chen, son­dern auch aus bio­lo­gi­schen Pro­zes­sen. Neue Stu­die der Karl Land­stei­ner Pri­vat­uni soll kli­ni­sche Pra­xis unterstützen. 

Eine neue Stu­die deu­tet dar­auf hin, dass Kom­pli­ka­tio­nen bei Brust­im­plan­ta­ten häu­fig nicht allein auf mecha­ni­sche Ursa­chen zurück­ge­hen, son­dern auch mit bio­lo­gi­schen Pro­zes­sen zusam­men­hän­gen. Diese ent­wi­ckeln sich über län­gere Zeit unbe­merkt im Gewebe. Die For­schen­den fan­den Hin­weise dar­auf, dass mikro­bielle Kon­ta­mi­na­tion und Ent­zün­dun­gen im Gewebe rund um das Implan­tat mit höhe­ren Kom­pli­ka­ti­ons­ra­ten, ins­be­son­dere mit soge­nann­ten Implan­ta­trup­tu­ren, ver­bun­den sind. 

Die pro­spek­tive Ana­lyse der Karl Land­stei­ner Pri­vat­uni­ver­si­tät (KL Krems) umfasste über 600 Pro­ben von 125 Implan­tat­re­vi­sio­nen bei knapp 100 Pati­en­tin­nen. Arbeit und Ergeb­nisse sol­len nun hel­fen, die Ursa­chen eines Implan­tat­ver­sa­gens genauer zu ver­ste­hen. Für die KL Krems unter­strei­chen die Ergeb­nisse, dass nicht nur erkenn­bare Schä­den beach­tet wer­den soll­ten, son­dern auch unter­schwel­lige ent­zünd­li­che Ver­än­de­run­gen, die die Sicher­heit von Implan­ta­ten lang­fris­tig beein­flus­sen könnten.

Nach Brust­krebs­ope­ra­tio­nen und zur kos­me­ti­schen Brust­ver­grö­ße­rung

Brust­im­plan­tate wer­den häu­fig sowohl nach Brust­krebs­ope­ra­tio­nen als auch zur kos­me­ti­schen Brust­ver­grö­ße­rung ein­ge­setzt. Auch bei Ein­grif­fen nach eta­blier­ten Stan­dards kann es Jahre spä­ter zu Kom­pli­ka­tio­nen wie bei­spiels­weise Ver­här­tun­gen des Nar­ben­ge­we­bes um das Implan­tat (Kap­sel­fi­borse), Rup­tu­ren oder Schmer­zen kom­men. Inwie­weit bak­te­ri­elle Ver­un­rei­ni­gun­gen oder chro­ni­sche Rei­zung des Gewe­bes dabei eine Rolle spie­len, war bis­her aber unbekannt. 

Die KL Krems unter­suchte daher nun Implan­tat­kap­seln und das umlie­gende Gewebe mit­tels der Kom­bi­na­tion von mikro­bio­lo­gi­schen Tests und mikro­sko­pi­schen Gewebs­ana­ly­sen. „Wir woll­ten bes­ser ver­ste­hen, ob Kom­pli­ka­tio­nen aus­schließ­lich durch Mate­ri­al­er­mü­dung und mecha­ni­sche Belas­tung ent­ste­hen oder ob Ent­zün­dun­gen eine wich­ti­gere Rolle spie­len könn­ten als bis­her ange­nom­men“, sagt Celina Kersch­bau­mer, Erst­au­torin der Stu­die an der Kli­ni­schen Abtei­lung für Rekon­struk­tive Chir­ur­gie am Uni­kli­nik St. Pöl­ten, einem Lehr- und For­schungs­stand­ort der KL Krems. 

Ent­schei­den­der Ein­fluss auf Halt­bar­keit und Sicherheit

„Die Stu­die zeigt deut­lich, dass Implan­tate nicht nur unter tech­ni­schen Gesichts­punk­ten betrach­tet wer­den dür­fen. Sub­tile, lang­fris­tige Ent­zün­dungs­pro­zesse kön­nen einen ent­schei­den­den Ein­fluss auf Halt­bar­keit und Sicher­heit haben“, unter­streicht auch Klaus Schrö­gen­dor­fer, Pri­mar die­ser Abtei­lung, die kli­ni­sche Rele­vanz. Ins­ge­samt wur­den 631 Pro­ben aus 125 Implan­tat­re­vi­sio­nen bei 97 Pati­en­tin­nen unter­sucht. Das Team wies bei 27 der 125 ope­ra­tiv behan­del­ten Implan­tate mikro­bielle Kon­ta­mi­na­tio­nen nach, wäh­rend 58 Implan­tate his­to­lo­gi­sche Ent­zün­dungs­zei­chen zeigten. 

Implan­tate mit sol­chen Ent­zün­dungs­zei­chen wie­sen deut­lich höhere Kom­pli­ka­ti­ons­ra­ten auf als Implan­tate ohne diese Befunde. Das zeigte sich sowohl in der Gesamt­ko­horte als auch in bei­den unter­such­ten Pati­en­ten­grup­pen (Anm. nach Krebs­ope­ra­tio­nen und nach kos­me­ti­scher Brust­ver­grö­ße­rung). In der Gesamt­gruppe tra­ten Kom­pli­ka­tio­nen bei 65 Pro­zent der Implan­tate mit Ent­zün­dung auf, ver­gli­chen mit 21 Pro­zent der Implan­tate ohne Ent­zün­dung. Vor allem Implan­ta­trup­tu­ren kamen bei vor­han­de­ner Ent­zün­dung signi­fi­kant häu­fi­ger vor. Die Daten zeig­ten außer­dem, dass kon­ta­mi­nierte Implan­tate häu­fi­ger ent­zünd­li­che Gewe­be­ver­än­de­run­gen auf­wie­sen als nicht kontaminierte.

Der Ein­satz­zeit­raum eines Implan­tats

Ein genaue­rer Blick auf die nach­ge­wie­se­nen Bak­te­rien zeigte, dass soge­nannte gram­po­si­tive Arten über­wo­gen. Am häu­figs­ten fan­den sich Bak­te­rien, die typi­scher­weise auf der Haut vor­kom­men (Anm. Sta­phy­lo­coc­cus epi­der­mi­dis und lug­d­unen­sis). „Nicht jede bak­te­ri­elle Spur ver­ur­sacht auto­ma­tisch Pro­bleme, umge­kehrt kann schon eine geringe Kon­ta­mi­na­tion ent­zünd­li­che Pro­zesse auf­recht­erhal­ten, die das Gewebe und mög­li­cher­weise auch das Implan­tat im Lauf der Zeit schwä­chen“, so die For­scher der KL Krems.


Ein zwei­ter rele­van­ter Fak­tor in der Stu­die war die Dauer, die ein Implan­tat bereits ein­ge­setzt war. Pati­en­tin­nen mit kos­me­ti­schen Implan­ta­ten tru­gen diese signi­fi­kant län­ger als Brust­krebs­pa­ti­en­tin­nen und wie­sen zugleich signi­fi­kant häu­fi­ger Ent­zün­dun­gen auf. Das spricht dafür, dass eine lange Implan­tat­lie­ge­dauer selbst chro­ni­sche, nied­rig­gra­dige Gewe­be­re­ak­tio­nen för­dern könnte, und das auch ohne nach­weis­bare mikro­bielle Kon­ta­mi­na­tion. Mög­li­che Ursa­chen sind mecha­ni­sche Rei­bung und die all­mäh­li­che Frei­set­zung kleins­ter Sili­kon­par­ti­kel aus altern­den Implantathüllen.


Implan­tate wider­stands­fä­hig, bio­lo­gisch aber nicht unbe­grenzt neutral

„Implan­tate sind sehr wider­stands­fä­hig, bio­lo­gisch aber nicht unbe­grenzt neu­tral“, sagt Tona­tiuh Flo­res, Ober­arzt an der Kli­ni­schen Abtei­lung für Plas­ti­sche, Ästhe­ti­sche und Rekon­struk­tive Chir­ur­gie. „Je bes­ser wir diese lang­sa­men Pro­zesse ver­ste­hen, desto geziel­ter kön­nen wir Prä­ven­tion, Nach­sorge und den chir­ur­gi­schen Umgang mit Implan­ta­ten wei­ter ver­bes­sern“, ergänzt Flo­res.

Ins­ge­samt zei­gen die Ergeb­nisse, dass Kom­pli­ka­tio­nen bei Brust­im­plan­ta­ten nicht nur tech­nisch, son­dern auch bio­lo­gisch ver­stan­den wer­den müs­sen. Sorg­fäl­tige chir­ur­gi­sche Hygiene, kon­se­quente Nach­sorge und ein lang­fris­ti­ger Blick auf ent­zünd­li­che Ver­än­de­run­gen könn­ten daher ebenso wich­tig sein wie die tech­ni­schen Eigen­schaf­ten des Implan­tats selbst. „Dass die KL Krems an der Schnitt­stelle von Plas­ti­scher Chir­ur­gie, Patho­lo­gie und Mikro­bio­lo­gie forscht, ent­spricht ihrem Schwer­punkt auf inter­dis­zi­pli­nä­ren The­men mit hoher gesund­heits­po­li­ti­scher Rele­vanz“, so die KL Krems in einer Aus­sendung. (red/​cc)

Autor: red/cc
24.05.2026

Weitere aktuelle Artikel

Med Uni Inns­bruck lei­tet inter­na­tio­nale Zulas­sungs­stu­die einer neuen The­ra­pie von Par­kin­son mit Wirk­stoff Pra­si­ne­zu­mab. Aktu­elle Ergeb­nisse der kli­ni­schen Phase II-Stu­die als Basis für erste „Par­kin­son-Imp­fung“ nun im renom­mier­ten Fach­jour­nal The Lan­cet veröffentlicht. Par­kin­son gehört zu den am schnells­ten zuneh­men­den Krank­hei­ten. Welt­weit lei­den daran rund 20 Mil­lio­nen Men­schen, bis 20250 sol­len es über 25 Mil­lio­nen sein. […]
Insti­tut für Demo­gra­phie der ÖAW ent­wi­ckelt neues Gebur­ten­ba­ro­me­ter für umfas­sende Ana­ly­sen zur Fer­ti­li­tät in Öster­reich. Immer mehr Frauen wol­len kin­der­los blei­ben, Zwei-Kind-Fami­lien häu­figs­tes Modell, Trend zu spä­ter Mut­ter­schaft, ältere Väter mit jün­ge­ren Partnerinnen. Das neue Gebur­ten­ba­ro­me­ter des Insti­tuts für Demo­gra­phie der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten ermög­licht viel­fäl­tige und umfas­sende Ana­ly­sen von aktu­el­len Daten zur Fer­ti­li­tät […]
Mit Hilfe von Was­ser kön­nen bestimmte Mine­ra­lien schäd­li­ches CO2 aus der Atmo­sphäre holen und rasch in fes­tes Car­bo­nat umwan­deln. Die TU Wien konnte die­sen mine­ra­lo­gi­schen Mecha­nis­mus nun nachweisen. Steine kön­nen Koh­len­di­oxid bin­den – und das weit­aus schnel­ler als bis­her bekannt und ange­nom­men. Bis dato wur­den lang­wie­rige und ent­spre­chend lang­same Pro­zesse für die Umwand­lung von CO2 in […]
Von robus­ter 3D-Wahr­neh­mung über sichere Bewe­gungs­re­ge­lung bis zu veri­fi­zier­ba­rer Sicher­heit und Ent­schei­dungs­lo­gik als rele­vante Schlüs­sel­bau­steine für auto­nome Maschi­nen. AIT sowie TU Wien und Tufts Uni­ver­sity zei­gen bei ICRA in Wien meh­rere hoch­ka­rä­tige Projekte, Das Aus­trian Insti­tute of Tech­no­logy (AIT) prä­sen­tiert gemein­sam mit der TU Wien und der Tufts Uni­ver­sity sechs hoch­ka­rä­tige wis­sen­schaft­li­che Bei­träge auf der […]
Humor­voll phi­lo­so­phi­sche und streng wis­sen­schaft­li­che Ein­ord­nun­gen zum Sta­chel des Skor­pi­ons mit mensch­li­chen Quer­ver­wei­sen. Neue Stu­die mit Betei­li­gung der Öster­rei­chi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten (ÖAW) beleuch­tet unter­schied­li­che Ein­satz­wei­sen und Verstärkungsmuster. Jagd, Schutz, Selbst­ver­tei­di­gung sind die Ein­satz­ge­biete für den Sta­chel. Die Fort­pflan­zung gehört nicht dazu. Beim Skor­pion natür­lich. Der Skor­pion res­sor­tiert zu den Spin­nen­tie­ren (Anm. Arach­nida), er gilt […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram