
Die Zeit hinterlässt Spuren
Unbemerkte Gewebereaktionen beeinflussen den Zustand von Brustimplantaten bis hin zu Entzündungen. Komplikationen resultieren nicht nur aus mechanischen Ursachen, sondern auch aus biologischen Prozessen. Neue Studie der Karl Landsteiner Privatuni soll klinische Praxis unterstützen.
Eine neue Studie deutet darauf hin, dass Komplikationen bei Brustimplantaten häufig nicht allein auf mechanische Ursachen zurückgehen, sondern auch mit biologischen Prozessen zusammenhängen. Diese entwickeln sich über längere Zeit unbemerkt im Gewebe. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass mikrobielle Kontamination und Entzündungen im Gewebe rund um das Implantat mit höheren Komplikationsraten, insbesondere mit sogenannten Implantatrupturen, verbunden sind.
Die prospektive Analyse der Karl Landsteiner Privatuniversität (KL Krems) umfasste über 600 Proben von 125 Implantatrevisionen bei knapp 100 Patientinnen. Arbeit und Ergebnisse sollen nun helfen, die Ursachen eines Implantatversagens genauer zu verstehen. Für die KL Krems unterstreichen die Ergebnisse, dass nicht nur erkennbare Schäden beachtet werden sollten, sondern auch unterschwellige entzündliche Veränderungen, die die Sicherheit von Implantaten langfristig beeinflussen könnten.
Nach Brustkrebsoperationen und zur kosmetischen Brustvergrößerung
Brustimplantate werden häufig sowohl nach Brustkrebsoperationen als auch zur kosmetischen Brustvergrößerung eingesetzt. Auch bei Eingriffen nach etablierten Standards kann es Jahre später zu Komplikationen wie beispielsweise Verhärtungen des Narbengewebes um das Implantat (Kapselfiborse), Rupturen oder Schmerzen kommen. Inwieweit bakterielle Verunreinigungen oder chronische Reizung des Gewebes dabei eine Rolle spielen, war bisher aber unbekannt.
Die KL Krems untersuchte daher nun Implantatkapseln und das umliegende Gewebe mittels der Kombination von mikrobiologischen Tests und mikroskopischen Gewebsanalysen. „Wir wollten besser verstehen, ob Komplikationen ausschließlich durch Materialermüdung und mechanische Belastung entstehen oder ob Entzündungen eine wichtigere Rolle spielen könnten als bisher angenommen“, sagt Celina Kerschbaumer, Erstautorin der Studie an der Klinischen Abteilung für Rekonstruktive Chirurgie am Uniklinik St. Pölten, einem Lehr- und Forschungsstandort der KL Krems.
Entscheidender Einfluss auf Haltbarkeit und Sicherheit
„Die Studie zeigt deutlich, dass Implantate nicht nur unter technischen Gesichtspunkten betrachtet werden dürfen. Subtile, langfristige Entzündungsprozesse können einen entscheidenden Einfluss auf Haltbarkeit und Sicherheit haben“, unterstreicht auch Klaus Schrögendorfer, Primar dieser Abteilung, die klinische Relevanz. Insgesamt wurden 631 Proben aus 125 Implantatrevisionen bei 97 Patientinnen untersucht. Das Team wies bei 27 der 125 operativ behandelten Implantate mikrobielle Kontaminationen nach, während 58 Implantate histologische Entzündungszeichen zeigten.
Implantate mit solchen Entzündungszeichen wiesen deutlich höhere Komplikationsraten auf als Implantate ohne diese Befunde. Das zeigte sich sowohl in der Gesamtkohorte als auch in beiden untersuchten Patientengruppen (Anm. nach Krebsoperationen und nach kosmetischer Brustvergrößerung). In der Gesamtgruppe traten Komplikationen bei 65 Prozent der Implantate mit Entzündung auf, verglichen mit 21 Prozent der Implantate ohne Entzündung. Vor allem Implantatrupturen kamen bei vorhandener Entzündung signifikant häufiger vor. Die Daten zeigten außerdem, dass kontaminierte Implantate häufiger entzündliche Gewebeveränderungen aufwiesen als nicht kontaminierte.
Der Einsatzzeitraum eines Implantats
Ein genauerer Blick auf die nachgewiesenen Bakterien zeigte, dass sogenannte grampositive Arten überwogen. Am häufigsten fanden sich Bakterien, die typischerweise auf der Haut vorkommen (Anm. Staphylococcus epidermidis und lugdunensis). „Nicht jede bakterielle Spur verursacht automatisch Probleme, umgekehrt kann schon eine geringe Kontamination entzündliche Prozesse aufrechterhalten, die das Gewebe und möglicherweise auch das Implantat im Lauf der Zeit schwächen“, so die Forscher der KL Krems.
Ein zweiter relevanter Faktor in der Studie war die Dauer, die ein Implantat bereits eingesetzt war. Patientinnen mit kosmetischen Implantaten trugen diese signifikant länger als Brustkrebspatientinnen und wiesen zugleich signifikant häufiger Entzündungen auf. Das spricht dafür, dass eine lange Implantatliegedauer selbst chronische, niedriggradige Gewebereaktionen fördern könnte, und das auch ohne nachweisbare mikrobielle Kontamination. Mögliche Ursachen sind mechanische Reibung und die allmähliche Freisetzung kleinster Silikonpartikel aus alternden Implantathüllen.
Implantate widerstandsfähig, biologisch aber nicht unbegrenzt neutral
„Implantate sind sehr widerstandsfähig, biologisch aber nicht unbegrenzt neutral“, sagt Tonatiuh Flores, Oberarzt an der Klinischen Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie. „Je besser wir diese langsamen Prozesse verstehen, desto gezielter können wir Prävention, Nachsorge und den chirurgischen Umgang mit Implantaten weiter verbessern“, ergänzt Flores.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Komplikationen bei Brustimplantaten nicht nur technisch, sondern auch biologisch verstanden werden müssen. Sorgfältige chirurgische Hygiene, konsequente Nachsorge und ein langfristiger Blick auf entzündliche Veränderungen könnten daher ebenso wichtig sein wie die technischen Eigenschaften des Implantats selbst. „Dass die KL Krems an der Schnittstelle von Plastischer Chirurgie, Pathologie und Mikrobiologie forscht, entspricht ihrem Schwerpunkt auf interdisziplinären Themen mit hoher gesundheitspolitischer Relevanz“, so die KL Krems in einer Aussendung. (red/cc)