
„Diese Krise ist strukturell“
Westeuropa mit höchster Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit über 20 Jahren. Österreich im Mittelfeld. Gewerbe, Dienstleistung, Handel besonders betroffen. Geopolitische Krisen und Energiepreise und generelle Kostensteigerungen und fehlender Konsum als Hauptursachen.
Westeuropa verzeichnete im Jahr 2025 die höchste Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit mehr als 20 Jahren. Das zeigt eine aktuelle Analyse der Creditreform Wirtschaftsforschung. Mit insgesamt 197.610 Insolvenzen liegen die Fallzahlen um rund fünf Prozent über dem bereits ebenso erhöhten Vorjahresniveau (188.623 Fälle). Ein schwacher Welthandel und geopolitische Risiken setzen Europas Unternehmen zu. Gleichzeitig lähmen hohe Energiepreise und Bürokratie die eigene Wettbewerbsfähigkeit.
Am stärksten fiel der Zuwachs bei den Insolvenzen in der Schweiz aus (plus 35 Prozent), gefolgt von Griechenland (plus 24 Prozent), Finnland (plus 12 Prozent) und Deutschland (plus neun Prozent). Auch in Österreich stiegen die Fallzahlen laut Creditreform mit plus 4,3 Prozent, sie liegen damit im europäischen Mittelfeld. Der Kreditschutzverband KSV1870 wies in Österreich für 2025 eine Zahl von plus 3,4 Prozent aus. Sechs Länder verzeichneten 2025 einen Rückgang der Insolvenzen, darunter die Niederlande, Irland und Norwegen.
Starker Anstieg im Handel und im Dienstleistungssektor
„Europa driftet auseinander. Große Industrieländer wie Deutschland, Frankreich und Italien litten 2025 unter einer Konjunkturschwäche. Hier lag das Wirtschaftswachstum unter dem europäischen Durchschnitt. Die Krise in diesen ‘Ankerländern’ treibt die Insolvenzzahlen in ganz Westeuropa“, erklärt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. „Die Krise ist nicht nur konjunkturell, sie ist strukturell“, unterstreicht Hantzsch.
Runtergebrochen auf einzelne Branchen verzeichnet insbesondere das Verarbeitende Gewerbe erneut steigende Insolvenzzahlen – sie nahmen um fast vier Prozent zu. Bei den Dienstleistern wurde ein Plus von knapp neun Prozent registriert. Im Handel (einschließlich Gastgewerbe) erhöhten sich die Fallzahlen um drei Prozent. Im Baugewerbe blieben die Fallzahlen nahezu unverändert, nachdem es im Vorjahr noch zu einem deutlichen Anstieg um 15 Prozent gekommen war.
Insolvenzniveau mittlerweile höher als nach Finanzkrise 2008/2009
„Die schwache Konjunktur und anhaltende Preissteigerungen belasteten im vergangenen Jahr die Verbraucherstimmung. In Westeuropa ist das Insolvenzniveau mittlerweile höher als nach der schweren Finanzkrise 2008/2009“, ergänzt Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform Österreich. „Für 2026 ist der Trend noch sehr ungewiss, ein weiterer Anstieg ist aber wahrscheinlich“, so Weinhofer.
Anders als in Westeuropa war in den osteuropäischen Ländern ein Rückgang der Unternehmensinsolvenzen zu verzeichnen. Die Gesamtzahl verringerte sich um sieben Prozent auf 36.939 Fälle (2024 : 39.746). Damit liegen die Zahlen etwa auf dem Niveau von 2020. In acht der zwölf untersuchten Länder wurden 2025 weniger Insolvenzverfahren registriert. Die Spannweite des Rückgangs reichte von minus 19 Prozent in Kroatien bis minus 0,6 Prozent in Polen.
Osteuropa und die Vereinigten Staaten
In vier Ländern – Bulgarien, Rumänien, Slowenien und Tschechien – wurde hingegen ein Anstieg der Fallzahlen beobachtet. Die Türkei verzeichnete einen Anstieg der Insolvenzen um sechs Prozent. Insgesamt wurden dort 34.546 Unternehmensauflösungen gemeldet. „Der rückläufige Trend in vielen osteuropäischen Ländern darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Insolvenzzahlen in den meisten Wirtschaftsbereichen weiterhin auf einem hohen Niveau liegen“, so Weinhofer
In den Vereinigten Staaten erreichte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen den höchsten Stand seit fünf Jahren. Insgesamt wurden hier 31.810 Insolvenzfälle registriert. Damit liegt der Wert um über fünf Prozent über dem des Vorjahres (2024 : 30.201 Fälle). „Hohe Zinsen und eine restriktivere Kreditvergabe erschwerten offenbar Sanierungen und die Fortführung angeschlagener Unternehmen“, so die Einschätzung der Experten von Creditreform. (red/czaak)