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© Pexels.com/ Alexander Krivitskiy

Dro­gen­kon­sum bleibt konstant

Abwas­ser­ana­ly­sen der Gerichts­me­di­zin Inns­bruck zei­gen keine Zunahme des Dro­gen­kon­sums in Öster­reich. Can­na­bis wird am häu­figs­ten kon­su­miert. Kokain im Wes­ten ver­brei­te­ter als im Osten, bei Amphet­ami­nen genau umgekehrt. 

Das Insti­tut für Gericht­li­che Medi­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Inns­bruck (GMI) ist Teil des euro­pa­wei­ten Netz­wer­kes SCORE, das in Zusam­men­ar­beit mit der Euro­päi­schen Beob­ach­tungs­stelle für Dro­gen und Dro­gen­sucht (EMCDDA) jähr­lich die Men­gen ein­zel­ner ver­bo­te­ner Sub­stan­zen in den Abwäs­sern euro­päi­scher Städte unter­sucht (eco­nomy berich­tete). 2019 wur­den euro­pa­weit die Abwäs­ser von 100 Klär­an­la­gen in 86 Städ­ten und Regio­nen ana­ly­siert, dar­un­ter auch die Abwäs­ser von acht öster­rei­chi­schen und zwei Süd­ti­ro­ler Klär­an­la­gen. Mit­tels die­ser Unter­su­chun­gen las­sen sich valide Aus­sa­gen über den Dro­gen­kon­sum von über 920.000 Men­schen tref­fen, so die Uni Inns­bruck in einer Aussendung. 

GMI als Kom­pe­tenz­zen­trum für Dro­gen- und Abwasseranalytik
Bezo­gen auf die Ein­woh­ner­zahl waren Graz, Inns­bruck und Bozen mit jeweils über 100.000 Bewoh­ner die größ­ten unter­such­ten Gemein­den. Mit der Ana­lyse durch die GMI nimmt Öster­reich seit 2016 am euro­päi­schen Dro­gen-Moni­to­ring teil. Seit Beginn an sind die Inns­bru­cker Kom­mu­nal­be­triebe (IKB) Pro­jekt­part­ner der GMI. Durch Unter­stüt­zung des Öster­rei­chi­schen Was­ser- und Abfall­wirt­schafts­ver­ban­des (ÖWAV) konn­ten die Unter­su­chun­gen nun auf ins­ge­samt 10 Klär­an­la­gen aus­ge­wei­tet wer­den, was zusätz­li­che Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten schafft.

Das Inns­bru­cker Labor nimmt auf Grund sei­ner Exper­tise als ein­zige Ein­rich­tung Öster­reichs am SCORE-Pro­gramm teil. „Beson­ders stolz sind wir auf den Umstand, dass die Ergeb­nisse unse­rer che­mi­schen Ana­ly­sen von der Euro­päi­sche Beob­ach­tungs­stelle für Dro­gen und Dro­gen­sucht (EMCDDA) in Lis­sa­bon für den euro­päi­schen Dro­gen­be­richt ver­wer­tet wer­den“, betont Her­bert Ober­acher, Lei­ter des foren­sisch-toxi­ko­lo­gi­schen For­schungs­la­bors an der von Richard Scheit­hauer geführ­ten Inns­bru­cker Gerichts­me­di­zin. Mit letz­tak­tu­el­len Ana­ly­se­ver­fah­ren kann die Zusam­men­set­zung von Abwäs­sern im GMI-Labor exakt ent­schlüs­selt wer­den und der Dro­gen­kon­sum von zumin­dest 9 Pro­zent der öster­rei­chi­schen, 30 der Tiro­ler, 29 der Stei­rer, 18 der Vor­arl­ber­ger, 8 der Kärnt­ner und 40 Pro­zent der Süd­ti­ro­ler Bevöl­ke­rung abge­bil­det werden. 

Abwas­ser­ex­per­ten unter­stüt­zen Spurensuche
Für die Durch­füh­rung der Abwas­ser­ana­ly­tik gibt es zwi­schen GMI und der Inns­bru­cker Kom­mu­nal­be­triebe AG (IKB) eine Part­ner­schaft : „Wir betrei­ben die Klär­an­lage Inns­bruck, in der die Abwäs­ser von Inns­bruck und 14 Umland­ge­mein­den zusam­men­flie­ßen und stel­len der GMI Abwas­ser­pro­ben als wich­tige Infor­ma­ti­ons­quel­len für deren Ana­lyse zur Ver­fü­gung,“ erläu­tert Hel­muth Mül­ler Vor­stands­vor­sit­zen­der der IKB. 

Die Ana­lyse der ein­zel­nen Kon­sum­mar­ker (Dro­gen bzw. deren Stoff­wech­sel­pro­dukte) erfolgt schließ­lich im Labor der GMI. Im Fokus stan­den die Sucht­gifte Tetra­hy­dro­can­na­bi­nol (THC, Wirk­stoff in Can­na­bis), Kokain, Amphet­amin (Wirk­stoff in „Speed“ bzw. Auf­putsch­mit­tel), 3,4‑Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA, Wirk­stoff in Ecstacy) und Metham­phet­amin (Wirk­stoff in Crys­tal Meth).
 
Regio­nale Unter­schiede und zeit­li­che Trends
In jeder der unter­such­ten Regio­nen war Can­na­bis die domi­nie­rende Droge. In Städ­ten wird dabei ten­den­zi­ell mehr Can­na­bis kon­su­miert, als im länd­li­chen Raum. Der höchste Pro-Kopf-Ver­brauch an THC war dabei in Inns­bruck zu mes­sen. Im Gegen­satz dazu wie­sen Graz und Bozen ver­gleichs­weise nied­ri­gere THC-Pro-Kopf-Kon­sum­men­gen auf. Das meist­kon­su­mierte Sti­mu­lans war Kokain. „Bei Kokain sahen wir von 2016 bis 2018 eine jähr­li­che Stei­ge­rung. Aber wie bei Can­na­bis und den ande­ren Sucht­mit­teln ver­zeich­nen wir nun auch bei Kokain kei­nen wei­te­ren Anstieg mehr im Jah­res­ver­gleich“, beschreibt Ober­acher die Trendumkehr. 

Der Koka­in­kon­sum ist in West­ös­ter­reich sowie in Süd­ti­rol – hier liegt Bozen mit dem höchs­ten Pro-Kopf-Ver­brauch vorne – höher als im Osten. Bei Amphet­amin ist das Bild genau umge­kehrt, hier wird im Osten mehr kon­su­miert als im Wes­ten Öster­reichs und Süd­ti­rol. Der höchste Pro-Kopf-Ver­brauch an Amphet­amin wurde in Kap­fen­berg beob­ach­tet. „Diese Ost-West-Gefälle dürf­ten mit der geo­gra­phi­schen Lage Öster­reichs erklär­bar sein. Auf Gesamt­eu­ropa bezo­gen wird Kokain bevor­zugt im Süd-Wes­ten und Amphet­amin im Nord-Osten kon­su­miert. Öster­reich liegt genau dazwi­schen“, erläu­tert Oberacher. 

Par­ty­dro­gen und Stim­mig­keit der Ana­ly­sen für nach­hal­tige Drogenpolitik
In allen Regio­nen war der MDMA-Kon­sum 2019 nied­ri­ger als jener von Kokain und Amphet­amin, rele­vante Men­gen an Metham­phet­amin wer­den de facto nicht umge­setzt. Die Metho­dik der Abwas­ser­ana­lyse erlaubt auch die Nach­zeich­nung eines Wochen­ver­laufs beim Kon­sum­mus­ter. „In den meis­ten Regio­nen las­sen sich für das Wochen­ende höhere Kokain‑, Amphet­amin- und MDMA-Kon­zen­tra­tio­nen nach­wei­sen, als an ande­ren Wochen­ta­gen. Dar­aus lässt sich schlie­ßen, dass diese Sub­stan­zen vor allem als Par­ty­dro­gen Ver­wen­dung fin­den“, so Oberacher.

Die Ergeb­nisse aus Öster­reich und Süd­ti­rol wur­den im Rah­men der SCORE Stu­die mit jenen von wei­te­ren 77 euro­päi­schen Städ­ten bzw. Regio­nen ver­gli­chen. Dabei zeigte sich, dass die von der GMI unter­such­ten Abwäs­ser bei allen ana­ly­sier­ten Sub­stan­zen Plätze im inter­na­tio­na­len Mit­tel­feld ein­nah­men. Für die qua­li­ta­tive Stim­mig­keit der Unter­su­chung spricht auch, dass die Ergeb­nisse der Abwas­ser­ana­lyse weit­ge­hend mit ande­ren Kenn­zah­len des Dro­gen­mark­tes wie Anzei­gen im Rah­men des Sucht­mit­tel­ge­set­zes oder Sicher­stel­lun­gen von ille­ga­len Sub­stan­zen korrelieren.
 
Durch ein kon­ti­nu­ier­li­ches Moni­to­ring von Dro­gen­wirk­stof­fen im Abwas­ser las­sen sich ein­fach, kos­ten­güns­tig, rasch und mit hoher räum­li­cher und zeit­li­cher Auf­lö­sung Trends und Ent­wick­lun­gen am Dro­gen­markt erken­nen. Die erho­be­nen Daten wür­den staat­li­chen Behör­den und poli­ti­schen Ver­ant­wor­tungs­trä­gern Ent­schei­dungs­hil­fen für eine nach­hal­tige Dro­gen­po­li­tik lie­fern : „Die Erfah­run­gen, die wir über die letz­ten Jahre mit dem Abwas­ser basier­ten Dro­gen­mo­ni­to­ring gesam­melt haben, zei­gen das große Poten­zial der Methode. Daher hof­fen wir auf die not­wen­dige poli­ti­sche Unter­stüt­zung, um das Moni­to­ring in Zukunft auf noch mehr öster­rei­chi­sche Regio­nen aus­deh­nen zu kön­nen“, resü­miert Her­bert Ober­acher vom foren­sisch-toxi­ko­lo­gi­schen For­schungs­la­bor der Inns­bru­cker Gerichtsmedizin.

Autor: red/mich/cc
04.05.2020

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