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Dschi­ha­dis­mus Online

Krie­ge­ri­sche Kommunikationsstrategen.

Isla­mis­ti­sche Ter­ror­grup­pen nut­zen die Mög­lich­kei­ten des Inter­net ganz gezielt. Wie sie dabei vor­ge­hen und wel­che Gegen­stra­te­gien sich dar­aus ablei­ten las­sen, wurde in einem Pro­jekt des Wis­sen­schafts­fonds FWF untersucht.
Aben­teu­rer­ro­man­tik, ein­gän­gige Musik, para­die­si­sche Ver­lo­ckun­gen und Heils­ver­spre­chen : Das ist eine Ver­sion der Selbst­dar­stel­lung, die radi­kale isla­mis­ti­sche Strö­mun­gen im Inter­net ver­brei­ten. Nicht nur gewalt­tä­tige Inhalte zäh­len. Viel­mehr wird auf der gan­zen Kla­via­tur des “Sto­rytel­ling” in eige­ner Sache gespielt. 

Ent­wick­lung von Gegenstrategien
“Viele Videos leh­nen sich an die Ästhe­tik von Com­pu­ter­spie­len an”, so Rüdi­ger Lohl­ker von der Uni Wien. Der Islam­wis­sen­schaf­ter forscht seit Jah­ren über isla­mi­sche Inter­net­auf­tritte und leis­tet damit wich­tige Pionierarbeit.
In einem vom FWF geför­der­ten Pro­jekt haben Lohl­ker und sein Team nun den Fokus auf glo­bale dschi­ha­dis­ti­sche Strö­mun­gen und ihre Online­prä­sen­zen gelegt. “Wir müs­sen die Stra­te­gien der Dschi­ha­dis­ten ver­ste­hen, um Gegen­stra­te­gien ent­wi­ckeln zu kön­nen. Noch ist das nicht aus­rei­chend der Fall”, betont Lohlker.

Soziale Aspekte im Fokus
Ein Grund für die­ses feh­lende Ver­ständ­nis ist, dass sich die Dschi­ha­dis­mus­for­schung bis dato vor­wie­gend auf den Sicher­heits­be­reich kon­zen­triert hat. Betrach­tet man die aktu­el­len Ent­wick­lun­gen, die von einer dschi­ha­dis­ti­schen Online-Sub­kul­tur zuse­hends in einen Online-Pro­pa­gan­da­krieg mün­den, greift die reine Sicher­heits­for­s­hung sicher­lich zu kurz.
Mit dem FWF-Pro­jekt konnte nun eine For­schungs­lü­cke geschlos­sen wer­den, indem der Fokus der Unter­su­chun­gen auf die sozia­len Aspekte der radi­ka­len Grup­pie­run­gen und ihrer Online-Auf­tritte gelegt wurde. Kon­kret ana­ly­sier­ten die For­scher drei Ebe­nen : die reli­giöse, die rhe­to­ri­sche und die visuelle.
Sowohl das isla­mi­sche Wis­sen der Wis­sen­schaf­ter als auch die Sprach­kom­pe­ten­zen spiel­ten dabei eine wesent­li­che Rolle. Rüdi­ger Lohl­ker und sein Team unter­such­ten vor­wie­gend ara­bisch­spra­chige Inter­net­platt­for­men. Diese seien noch immer die zen­tra­len Inter­net­prä­sen­zen, erklärt der
For­scher : “Das Ara­bi­sche ist die Schwelle, um im dschi­ha­dis­ti­schen Milieu aner­kannt zu werden.”

Inter­net-Pro­fis
In zahl­rei­chen Unter­su­chun­gen wur­den pri­mär Inter­net­fo­ren und eine Viel­zahl an Videos unter­sucht. Dabei zeigt sich, dass die Werk­zeuge der dschi­ha­dis­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gen immer mehr pro­fes­sio­nel­len PR-Werk­zeu­gen der Pri­vat­wirt­schaft ähneln. Cor­po­rate Design und Cor­po­rate Wor­ding kom­men zum Einsatz.
Das bedeu­tet, wie­der­keh­rende und leicht iden­ti­fi­zier­bare visu­elle Sym­bole wer­den abge­stimmt auf reli­giös begrün­dete sprach­li­che Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter. All­ge­meine isla­mi­sche Dis­kurse wer­den dabei in dschi­ha­dis­ti­sche umge­deu­tet und als Legi­ti­ma­tion der radi­ka­len Akti­vi­tä­ten genützt.
“Auch die Ver­tei­lungs­stra­te­gien von Mate­ria­lien sind sehr gut, ver­gleich­bar mit der Gam­ing-Indus­trie”, berich­tet Lohl­ker. Und schließ­lich spielt auch die Kon­takt­an­bah­nung eine zen­trale Rolle im Inter­net. Die For­scher konn­ten auf­zei­gen, wie mit­tels einer Art Loya­li­täts­eid poten­zi­elle Mit­strei­ter ein­ge­schwo­ren werden.

Nut­zen für die Gesellschaft
Als nächste Schritte sind Big-Data-Ana­ly­sen geplant, die sich auf der aus dem FWF-Pro­jekt nun vor­han­de­nen “Matrix” wei­ter­füh­ren las­sen. Dem Anspruch der Wis­sen­schaf­ter ist damit nicht aber genüge getan. Sie wol­len auch pra­xis­taug­li­che Stra­te­gien zur Dera­di­ka­li­sie­rung entwickeln.
“Nur so kön­nen wir den Dschi­ha­dis­ten ihre Grund­la­gen ent­zie­hen”, ist Lohl­ker über­zeugt. “Denn gerade in der Prä­ven­tion, aber auch in ande­ren zen­tra­len Berei­chen, gibt es nach wie vor einen ver­blüf­fen­den Man­gel an Ver­ständ­nis über diese Inter­net-Akti­vi­tä­ten”, ergänzt der Experte.

Gegen­maß­nah­men
Um Gegen­maß­nah­men zu ent­wi­ckeln, wurde aus dem FWF-Pro­jekt bei­spiels­weise eine Online-Stra­te­gie ent­wi­ckelt und auch schon auf ihre Taug­lich­keit erprobt. Dar­über hin­aus betei­ligt sich das Insti­tut aktu­ell am Auf­bau eines Zen­trums in Indo­ne­sien, in dem rund 4.000 Akti­vis­ten einer gro­ßen mus­li­mi­schen Orga­ni­sa­tion aus­ge­bil­det wer­den sol­len, um Dera­di­ka­li­sie­rung voranzutreiben.
“Davon könn­ten wir auch in Öster­reich und Europa pro­fi­tie­ren, indem wir Mul­ti­pli­ka­to­ren aus­bil­den, die sowohl eine solide Kennt­nis der Reli­gion haben, als auch ver­siert sind im Umgang mit dem Inter­net,“ erläu­tert Lohl­ker. Es brau­che die För­de­rung von Akti­vi­tä­ten, die aus der Zivil­ge­sell­schaft kom­men, ist der For­scher über­zeugt. Da gelte es, die Kon­trolle aus der Hand zu geben, so sein Rat. “Denn büro­kra­tisch funk­tio­niert das Inter­net eben nicht.”

Aus­ge­wie­se­ner Experte und Buchautor
Rüdi­ger Lohl­ker ist seit 2003 Pro­fes­sor für Islam­wis­sen­schaf­ten am Insti­tut für
Ori­en­ta­lis­tik der Uni­ver­si­tät Wien. Er hat zahl­rei­che Publi­ka­tion zu isla­mis­ti­schen Bewe­gun­gen im Inter­net ver­öf­fent­licht und betreibt unter ande­rem den Blog “Die San­da­len von Sind” (https://lohlker.wordpress.com).
Aus dem For­schungs­pro­jekt sind auch drei Sam­mel­bände von ihm her­vor­ge­gan­gen : Jiha­dism : Jihadi Thought and Ideo­logy (Ber­lin : Logos 2014), Online Dis­cour­ses and Repre­sen­ta­ti­ons (Göt­tin­gen : Vienna Uni­ver­sity Press 2013) und New Approa­ches to the Ana­ly­sis of Jiha­dism : Online and Offline
(Göt­tin­gen : Vienna Uni­ver­sity Press 2012).

Autor:
13.03.2015

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