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Ega­li­täre Lern­chan­cen für alle

Die öffent­li­che Debatte über die Neue Mit­tel­schule erhitzt die Gemü­ter bereits seit gerau­mer Zeit. Die einen befürch­ten Gleich­ma­che­rei und ban­gen um die Eli­ten­bil­dung. Für die ande­ren greift der von Kom­pro­mis­sen gekenn­zeich­nete Ansatz zu kurz. Heuer geht diese neue Form der Lern­kul­tur ins zweite Jahr.

Beacht­li­che 1,2 Mio. Schü­le­rin­nen und Schü­ler gibt es hier­zu­lande. Rund 20.000 davon besu­chen, ver­teilt auf 244 Stand­orte und 801 Klas­sen in ganz Öster­reich, aktu­ell die im Vor­jahr als Modell­ver­such gestar­tete soge­nannte Neue Mit­tel­schule (NMS). Bil­dungs­mi­nis­te­rin Clau­dia Schmied (SPÖ) zeigte sich beim Start des neuen Jahr­gangs zuver­sicht­lich : „Die Neuen Mit­tel­schu­len sind die Leucht­türme der Bil­dungs­in­no­va­tion. Ich freue mich über den gro­ßen Andrang der Eltern und Kin­der und die Bereit­schaft so zahl­rei­cher Schu­len, an die­sem Pro­jekt teil­zu­neh­men. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir auf­grund des gro­ßen Inter­es­ses bereits heuer eine Geset­zes­än­de­rung durch­füh­ren wür­den müs­sen und vor­aus­sicht­lich schon kom­men­des Schul­jahr an die gesetz­li­che Ober­grenze sto­ßen werden?“
Bis zum Jahr 2013 bleibt noch Zeit, dann muss die öster­rei­chi­sche Bun­des­re­gie­rung eine Grund­satz­ent­schei­dung dar­über fäl­len, ob in Zukunft alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Alter von zehn bis 14 Jah­ren von die­ser neuen Form der Lern­kul­tur pro­fi­tie­ren werden.

Kon­tro­ver­si­elle Debatte
Die poli­ti­sche Bri­sanz des The­mas ist unbe­strit­ten, die ideo­lo­gi­schen Gra­ben­kämpfe über Sein oder Nicht­sein einer ega­li­tä­ren Schul­aus­bil­dung ver­wei­sen auf eine lang­jäh­rige Tra­di­tion. Bereits 1848 hatte der dama­lige libe­rale Unter­staats­se­kre­tär Ernst von Feuch­ters­le­ben eine Gesamt­schule gefor­dert und stieß mit sei­nem Ruf nach mehr Bil­dungs­ge­rech­tig­keit vor allem in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen auf wenig Gegenliebe.
Seit­her hat sich an der Argu­men­ta­tion nur wenig geän­dert. Wäh­rend die einen es als wider­sin­nig erach­ten, Kin­dern bereits im zar­ten Alter von neun Jah­ren eine für ihr wei­te­res Leben tief grei­fende Ent­schei­dung auf­zu­bür­den, und vor einer Ver­geu­dung von Talen­ten und Bega­bun­gen durch die Zwei­klas­sen­aus­bil­dung war­nen, fürch­ten andere um Bil­dungs­ni­veau und Eliten-Exzellenz.
Bernd Schil­cher, Vor­sit­zen­der der von Schmied instal­lier­ten unab­hän­gi­gen Exper­ten­kom­mis­sion zur Erar­bei­tung von Stra­te­gien und Model­len für die Schul­or­ga­ni­sa­tion, bezieht Posi­tion : „Aus allen natio­na­len und inter­na­tio­na­len Unter­su­chun­gen geht her­vor, dass das öster­rei­chi­sche Schul­sys­tem unge­rech­ter ist als die meis­ten übri­gen – Deutsch­land aus­ge­nom­men. So haben Töch­ter und Söhne von Matu­ran­ten und Aka­de­mi­kern aus städ­ti­schen Gebie­ten bei uns eine sechs­mal grö­ßere Chance, in eine höhere Schule zu gehen, als die Kin­der aus bil­dungs­fer­nen Schich­ten auf dem Land. Diese Ungleich­heit setzt sich mit stei­gen­der Bil­dungs­höhe fort. Dem­nach besu­chen 70 Pro­zent der A- und B‑Schicht-Kin­der die Sekun­dar­stufe II, aber nur fünf Pro­zent von Eltern mit blo­ßem Pflicht­schul­ab­schluss. Und nichts ande­res gilt schließ­lich auch für die Uni­ver­si­täts­stu­dien. Daher ist in Deutsch­land und in Öster­reich die Beob­ach­tung rich­tig, dass Matura und Uni­ver­si­täts­ab­schluss ver­erbt wer­den. Also matu­rie­ren hier­zu­lande nur 38 Pro­zent eines Jahr­gangs – OECD-weit hin­ge­gen 56 Pro­zent – einen Hoch­schul­ab­schluss machen 20 Pro­zent. Das heißt aber nichts ande­res, als dass wir Bil­dungs­re­ser­ven ver­geu­den. Und zwar nicht zu knapp. Ähn­lich wie in Deutsch­land nüt­zen wir die reich­lich vor­han­de­nen Bega­bun­gen nicht.“
Die Neue Mit­tel­schule alleine, räumt Schil­cher ein, könne natur­ge­mäß nicht alle Pro­bleme des hei­mi­schen Schul­sys­tems lösen, die Funk­tion „eines äußerst wirk­sa­men Vehi­kels für eine Gesamt­re­form des öster­rei­chi­schen Bil­dungs­we­sens“ stelle sie aber zweifels­ohne dar. Schließ­lich ver­spre­che die­se die Ent­de­ckung aller Talente und Bega­bun­gen an einer Schule sowie deren indi­vi­du­elle Förderung.

Viel­falt statt Selektion
In der Pra­xis sieht das so aus, dass Team- und Pro­jekt­ar­beit for­ciert und via Kurs­sys­tem Inhalte ver­mit­telt wer­den. Ganz­tags­an­ge­bote gestal­ten das Unter­richts­ge­sche­hen fle­xi­bel. Der Lehr­plan der Neuen Mit­tel­schule ori­en­tiert sich an jenem der AHS-Unter­stufe. Davon pro­fi­tie­ren vor allem die 763 Haupt­schul­klas­sen, die seit heuer im Modell­ver­such als Neue Mit­tel­schule geführt wer­den. Für sie gibt es keine Leis­tungs­grup­pen mehr, unter­rich­tet wer­den sie von Mit­tel­schul- und Gym­na­si­al­leh­rern im Team. För­der­pro­gramme sor­gen dafür, dass Schü­ler bei Lern­pro­ble­men ent­spre­chende Unter­stüt­zung fin­den. Sei­tens des Minis­te­ri­ums ver­weist man auf das posi­tive Feed­back, das die Neue Mit­tel­schule nach nur einem Jahr von Schü­lern, Eltern und Leh­rern glei­cher­ma­ßen erhal­ten würde, was nicht zuletzt auch die Ver­drei­fa­chung der Stand­orte im Ver­gleich zum Vor­jahr anschau­lich doku­men­tiere. Inhalt­lich wolle man die Neue Mit­tel­schule erst im Jahr 2013 bewerten.
Hel­mut Bach­mann, Lei­ter des Pro­jekt­teams Neue Mit­tel­schule im Bun­des­min­s­te­rium für Unter­richt, Kunst und Kul­tur (BMUKK): „Der Erfolg der NMS-Ent­wick­lungs­ar­beit ist auch mit einer Wei­ter­ent­wick­lung des Bil­dungs­sys­tems ins­ge­samt ver­bun­den. Ver­wal­tungs­re­form, Neu­ge­stal­tung der Leh­re­rin­nen- und Leh­rer­bil­dung, Reform der Schul­auf­sicht, aber auch die Auf­ga­ben­re­form im BMUKK sind wich­tige Ele­mente einer Gesamt­stra­te­gie für die Schul­re­form und müs­sen gut auf­ein­an­der abge­stimmt sein.“

Autor:
25.09.2009

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