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© Pexels/ Nicola Barts

„Ein Insol­venz­jahr wie schon sehr lange nicht“

Wei­te­rer mas­si­ver Zuwachs an Betriebs­plei­ten. Dop­pelt so viele Groß­in­sol­ven­zen wie im Vor­jahr. Han­del, Bau sowie Hotel­le­rie und Gas­tro beson­ders betrof­fen. Weni­ger pri­va­ter Kon­sum und Exporte, hohe Kos­ten bei Mie­ten, Ener­gie und Löh­nen als Ursachen.

Fast 5.000 insol­vente Unter­neh­men in den ers­ten drei Quar­ta­len des heu­ri­gen Jah­res (exakt 4.895). Das bedeu­tet eine Stei­ge­rung von 25 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr 2023. Im Schnitt gibt es 18 Fir­men­plei­ten pro Tag. Beson­ders betrof­fen sind ein­mal mehr der Han­del, die Bau­wirt­schaft und die Berei­che Beher­ber­gung und Gas­tro­no­mie. Der Kre­dit­schutz­ver­band KSV1870 erwar­tet bis Jah­res­ende rund 6.500 Firmenpleiten.

In Kom­bi­na­tion mit einer Viel­zahl an Groß­in­sol­ven­zen (Anm. bis dato 55 mit jeweils min­des­tens über 10 Mio. Euro) sind auch die vor­läu­fi­gen Pas­siva auf rund 15 Mrd. Euro gestie­gen. Das ent­spricht einem Zuwachs von enor­men 683 Pro­zent. Zudem sind die betrof­fe­nen Arbeit­neh­mer um knapp sechs Pro­zent auf 18.700 Per­so­nen und die Zahl der Gläu­bi­ger um circa 13 Pro­zent auf 36.800 Betrof­fene angewachsen. 

Weni­ger pri­va­ter Kon­sum und Exporte und par­al­lel mehr Kosten
Eine Viel­zahl der hei­mi­schen Unter­neh­men hat wei­ter­hin mas­siv mit ihrer Geschäfts­lage und feh­len­den Ein­nah­men zu kämp­fen. Die seit knapp einem Jahr deut­lich erhöhte Insol­venz­dy­na­mik bleibt auf­recht und fin­det im drit­ten Quar­tal 2024 ihre Fort­set­zung, selbst wenn die­ses in abso­lu­ten Zah­len leicht hin­ter den ers­ten bei­den Quar­ta­len des Jah­res liegt. 

„Die Betriebe sind sehr häu­fig am Limit und müs­sen sich ver­mehrt die Exis­tenz­frage stel­len. Das wird auch in den kom­men­den Mona­ten nicht anders sein“, erklärt Karl-Heinz Götze, MBA, Lei­ter KSV1870 Insol­venz. Pri­märe Gründe sind ein rück­läu­fi­ger pri­va­ter Kon­sum und schwin­dende Exporte, dazu kom­men gestie­gene Kos­ten bei Löh­nen, Miete und Ener­gie. Das erste Quar­tal des Jah­res ver­zeich­nete mit 1.688 Fäl­len die meis­ten Insol­ven­zen seit 2009, gefolgt vom zwei­ten mit 1.610 und 1.600 im drit­ten Quartal. 

Mitt­ler­weile jede dritte Insol­venz nicht mehr eröffnet
Nach zuletzt einer leich­ten Ent­span­nung steigt die Zahl der nicht­er­öff­ne­ten Insol­venz­fälle wie­der an. Zum Ende des drit­ten Quar­tals 2024 wur­den 1.804 Unter­neh­mens­in­sol­ven­zen man­gels Ver­mö­gens nicht eröff­net. Das sind 37 Pro­zent aller Fir­men­plei­ten seit Jah­res­be­ginn und ein Anstieg von 20 Pro­zent an „Nicht­er­öff­nun­gen“ gegen­über dem Ver­gleichs­zeit­raum des Vor­jah­res. Das ist auch des­halb alar­mie­rend, weil es dadurch nicht mög­lich ist, betrof­fene Unter­neh­men einem geord­ne­ten Insol­venz­pro­zess zu unterziehen. 

Im Regel­fall blei­ben Gläu­bi­ger dadurch nahezu zur Gänze auf der Stre­cke und sehen kei­nen Cent mehr von jenem Geld, wel­ches ihnen auf­grund erbrach­ter Leis­tun­gen eigent­lich zuste­hen würde. „Dass in die­sen Fäl­len nicht ein­mal mehr 4.000 Euro für die Deckung der Gerichts­kos­ten auf­ge­bracht wer­den kön­nen, ist ein Armuts­zeug­nis für die jewei­li­gen Betriebe und ein Feh­ler im Rechts­sys­tem“, kri­ti­siert KSV-Experte Götze. 

Zahl der Groß­in­sol­ven­zen verdoppelt
Die Zei­ten, in denen Fir­men­plei­ten ver­mehrt mit eher nied­ri­ge­ren Pas­siva auf­ge­tre­ten sind, gehö­ren aktu­ell der Ver­gan­gen­heit an. Das lieg nicht nur an den zahl­rei­chen „Signa-Insol­ven­zen“, so der KSV. Aktu­ell gibt es bereits 55 Groß­in­sol­ven­zen mit jeweils über 10 Mio. Euro Pas­siva. Im Vor­jahr waren es mit 27 Fäl­len die­ser Grö­ßen­ord­nung bedeu­tend weni­ger. Hinzu kom­men aktu­ell 195 Groß­in­sol­ven­zen mit über 2 Mio. Euro, auch in die­ser Kate­go­rie hat sich die Zahl nach 106 Fäl­len im Vor­jahr mas­siv erhöht bzw. fast verdoppelt. 

Wie die aktu­elle KSV1870 Ana­lyse zeigt, ver­zeich­net der Han­del 853 Fälle (+ 16 Pro­zent gegen­über 2023) seit Jah­res­be­ginn die meis­ten Unter­neh­mens­plei­ten. Betrof­fen sind sowohl der Groß- wie auch der Ein­zel­han­del in ähn­li­chen Dimen­sio­nen. Knapp dahin­ter folgt die Bau­wirt­schaft (814, + 22 Pro­zent) und der Bereich Beherbergung/​Gastronomie (596, + 16 Pro­zent). Diese drei Bran­chen geben im nega­ti­ven Sinne wei­ter „den Ton an“ und sind für knapp die Hälfte aller öster­reich­wei­ten Unter­neh­mens­in­sol­ven­zen verantwortlich. 

Größ­ter pro­zen­tu­el­ler Anstieg bei Grund­stücks- und Wohnungswesen
Den größ­ten pro­zen­tu­el­len Anstieg ver­zeich­net das „Grund­stücks- und Woh­nungs­we­sen“ mit einem Plus von 63 Pro­zent gegen­über dem Vor­jahr. Ein tie­fer­ge­hen­der Blick in die Bau­wirt­schaft belegt, dass der­zeit vor allem der Hoch­bau und das Bau­ne­ben­ge­werbe (u.a. Elek­tri­ker, Instal­la­teure, Maler oder Dach­de­cker) mit zahl­rei­chen Insol­ven­zen zu kämp­fen haben. Gegen­über dem Ver­gleichs­zeit­raum des Vor­jah­res ver­zeich­net der Hoch­bau um 25 Pro­zent mehr Fir­men­plei­ten, gegen­über dem Vor­kri­sen­jahr 2019 zeigt sich eine Ver­dop­pe­lung der Fälle. 

Gleich­zei­tig zeigt sich im Bau­ne­ben­ge­werbe im Ver­gleich zum Vor­jahr eine sehr ähn­li­che Ent­wick­lung. Hier gibt es um 21 Pro­zent mehr Fir­men­plei­ten, gegen­über dem Jahr 2019 liegt der Anstieg bei 13 Pro­zent. Dar­über hin­aus gibt es im Bau­ne­ben­ge­werbe mit aktu­ell rund 1.600 Fäl­len eine hohe Zahl an mehr oder weni­ger frei­wil­li­gen Schlie­ßun­gen. Die Gründe sind unter ande­rem eine feh­lende wirt­schaft­li­che Per­spek­tive, feh­len­des Per­so­nal und eine zu geringe Auf­trags­lage, die es kaum mög­lich macht, gewinn­brin­gend oder zumin­dest kos­ten­de­ckend zu wirtschaften. 

Mit Plus von 683 Pro­zent enor­mer Zuwachs auch bei Passiva
Mas­si­ven Ein­fluss auf die regel­recht hor­ren­den Pas­siva in Höhe von rund 15 (!) Mrd. Euro hat zwangs­läu­fig die Viel­zahl an „Signa-Insol­ven­zen“. Die nach Pas­siva bis dato größte Pleite des Jah­res ver­zeich­net jedoch die Fis­ker GmbH aus Graz mit Pas­siva von knapp 3,8 Mrd. Euro. Dahin­ter fol­gen die Fami­lie Benko Pri­vat­stif­tung (Pas­siva ca. 2,3 Mrd. Euro) und René Benko als Unter­neh­mer (ca. 2 Mrd. Euro). Selbst wenn man diese „Signa-Plei­ten“ her­aus­rech­net, auch weil diese keine gewöhn­li­chen Unter­neh­mens­in­sol­ven­zen dar­stel­len und größ­ten­teils bestrit­ten sind, stün­den vor­läu­fige Pas­siva in der Höhe von rund 10,5 Mrd. Euro zu Buche. 

Wie bereits pro­gnos­ti­ziert, beru­higt sich das Insol­venz­auf­kom­men nicht. Durch aus­lau­fende Bank­ga­ran­tien und dem Ende der COFAG-För­de­run­gen wird sich die Situa­tion noch zusätz­lich ver­schär­fen. „Wir gehen aktu­ell davon aus, am Jah­res­ende von einem Insol­venz­jahr spre­chen zu müs­sen, dass es schon sehr lange nicht mehr gege­ben hat“, so Götze. Der KSV1870 rech­net mit öster­reich­weit rund 6.500 Unter­neh­mens­in­sol­ven­zen, was einem Zuwachs von etwa 1.100 Fäl­len ent­spre­chen würde. „Mehr gab es zuletzt im Jahr 2009“,so Insol­venz­ex­perte Karl-Heinz Götze vom Kre­dit­schutz­ver­band KSV1870. 

Autor: red/czaak
30.09.2024

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