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Ein­mal spu­cken, und schon wird man transparent

Ein Gen­test per Inter­net und Post ist für das US-Nach­rich­ten­ma­ga­zin Time die Erfin­dung des Jah­res 2008. Kri­ti­ker war­nen jedoch davor, einen Gen­test ohne ärzt­li­che Betreu­ung zu machen.

Die wich­tigste Erfin­dung des Jah­res 2008 ist ein Gen­test, der per Post ver­schickt wird. Das meint zumin­dest das US-Nach­rich­ten­ma­ga­zin Time in sei­ner Aus­wahl der 50 bes­ten Erfin­dun­gen des Jah­res. Wer sich traut, über die eigene DNA etwas in Erfah­rung zu brin­gen – etwa, ob man in spä­te­ren Jah­ren zu Haar­aus­fall nei­gen wird oder anfäl­lig für Par­kin­son ist – kann den Test-Kit auf www.23andme.com um 399 Dol­lar bestel­len, per Post eine Spei­chel­probe an das Labor schi­cken und das Ergeb­nis in sechs bis acht Wochen wie­der per Post erhal­ten. Ärzt­li­che Bera­tung ist nicht vor­ge­se­hen. Wes­halb wohl ein mit düs­te­ren Vor­her­sa­gen gequäl­ter Mensch die dar­auf fol­gen­den Wochen goo­geln­der­weise vor dem Com­pu­ter ver­brin­gen wird, um medi­zi­ni­sches Fach­wis­sen zu recherchieren.

Google ist immer und überall
Das kommt wie­derum den Erfin­de­rin­nen der Erfin­dung des Jah­res durch­aus zupass. Denn gegrün­det wurde www.23andme.com von Anne Wojci­cki und Linda Avey mit sehr viel Start-up-Geld von Google. Das hat nicht nur geschäft­li­che Gründe. Wojci­cki ist mit Google-Mit­be­grün­der Ser­gey Brin ver­hei­ra­tet. Google wie­derum bie­tet seit 2008 „Google Health“ an, eine Gesund­heits­platt­form, auf der ein Mensch seine gesam­ten medi­zi­ni­schen Befunde spei­chern und sie mit­tels eines Pass­worts allen Ärz­ten zur Ver­fü­gung stel­len kann, von denen er behan­delt wird.
23andme ist bei Wei­tem nicht das ein­zige Gen­test-per-Inter­net-Unter­neh­men auf dem Markt, es hat nur beson­ders gute Mar­ke­ting­vor­aus­set­zun­gen. Gemäß der Web­site www.genetests.org, einer von den US Natio­nal Insti­tu­tes of Health unter­stütz­ten Web­site, sind der­zeit Gen­tests für 1654 Krank­hei­ten ver­füg­bar. Man kann sich natür­lich ganz seriös in einem Labor oder einem Kran­ken­haus tes­ten und bera­ten las­sen, so wie das auch in Öster­reich prak­ti­ziert wird. Man kann aber ebenso anonym bei einem der vie­len Anbie­ter die Unter­su­chung buchen.
Mar­kus Hengst­schlä­ger, Gene­ti­ker an der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien und am Wie­ner All­ge­mei­nen Kran­ken­haus, sieht einen drin­gen­den Bedarf für einen gesell­schaft­li­chen Dis­kus­si­ons­pro­zess, wie in Zukunft Infor­ma­tio­nen zur Gene­tik eines ein­zel­nen Men­schen erho­ben, aus­ge­wer­tet und genutzt wer­den dür­fen. „Eine gene­ti­sche Unter­su­chung, die nicht eine direkte pro­phy­lak­ti­sche oder the­ra­peu­ti­sche Kon­se­quenz hat, hat in der Medi­zin nichts zu suchen“, sagt Hengst­schlä­ger. Vor allem aber berei­tet ihm Sor­gen, wie Men­schen mit den mög­li­cher­weise beun­ru­hi­gen­den Ergeb­nis­sen umge­hen, die sie in der Dimen­sion meis­tens nicht klar ein­schät­zen kön­nen. „Wer wird ihnen bei­ste­hen, wenn sie das Kuvert öffnen?“
Denn die der­zeit ver­füg­ba­ren Tests zei­gen über­wie­gend nur eine Wahr­schein­lich­keit an, dass man eine Krank­heit in spä­te­ren Jah­ren bekom­men könnte. Das heißt in keins­ter Weise, dass man sie auch kriegt. Obwohl bei psy­chisch sen­si­blen Men­schen sogar die Gefahr besteht, die Krank­heit tat­säch­lich zu bekom­men, nach dem Prin­zip der sich selbst erfül­len­den Prophezeiung.
Eine der weni­gen ver­erb­li­chen Krank­hei­ten, die man sicher tes­ten kann, ist Cho­rea Hun­ting­ton – frü­her als „Veits­tanz“ bekannt. Diese unheil­bare Erkran­kung des Ner­ven­sys­tems tritt meist vor dem 50. Lebens­jahr auf und führt mit Sicher­heit zum Tod. Einem schreck­li­chen Tod. 

Nicht­wis­sen beruhigt
Eine Groß­tante von Robert K. hatte die Krank­heit. Ihr Tod war dop­pelt schreck­lich – sie wurde wäh­rend der NS-Zeit in Hart­heim getö­tet. Seit 1993 kann man die Krank­heit gene­tisch nach­wei­sen. Robert K. machte einen Test. Doch das Ergeb­nis holte er sich nie ab. „Ich wollte dann doch nicht wis­sen, ob ich die Krank­heit in mir trage. Das hätte mich nur belas­tet“, sagt er. Seit­her hat er jeden­falls keine Anzei­chen der Krank­heit entdeckt.
So den­ken anschei­nend doch viele Men­schen. „Das Unter­neh­men Smart Gene­tics sagt Ihnen Ihr Alz­hei­mer-Risiko vor­her. Sie bekom­men dann eine Aus­sage, dass Ihr Risiko bei­spiels­weise sie­ben Pro­zent über oder drei Pro­zent unter jenem der Nor­mal­be­völ­ke­rung ist“, sagte Hengst­schlä­ger in Alp­bach im August 2008. Smart Gene­tics ist im Okto­ber 2008 „out of busi­ness“ gegangen.

Autor:
01.01.2009

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