
Einsparungen können auch tödlich sein
Ein 16-jähriges Mädchen stirbt in einem Hotelzimmer an einer Überdosis. Die Jugendliche war in Betreuung der Wiener Kinder- und Jugendhilfe. Suchtkrankheiten und Drogenmissbrauch betreffen immer mehr jüngere Menschen. Parallel gibt es von der Stadt Wien massive Einsparungen bei Einrichtungen zur Suchthilfe. Eine kommentierende Erörterung mit Anstoß zu einer Debatte über medizinische Zwangsmaßnahmen von Christian Czaak.
Wenn suchtkranke Menschen zu Beginn der 1980 er Jahre in Wien ärztliche Hilfe suchten, gab es zwei Möglichkeiten. Die erste war eine stationäre Aufnahme im sogenannten Einsa-Pavillion am Steinhof auf der Baumgartner Höhe, in der Wiener Vorstadt auch „Guglhupf“ oder „Irrenhaus“ genannt. Für den bis zu acht Tagen dauernden körperlichen Entzug wurde der oder die PatientIn mit dicken Lederriemen auf eine Holzpritsche niedergeschnallt und einzig mit schweren Neuroleptika „behandelt“.
Zweite Möglichkeit war eine ambulante Behandlung mit zumindest theoretisch wirklich guten Ratschlägen in der damals einzigen Sucht- und Drogenberatungsstelle der Stadt Wien in der Borschkegasse nahe dem AKH. Bei beiden Varianten waren die Erfolgschancen gleich null. Breitere wie fundierte und vor allem niederschwellige Behandlungsangebote für die schon damals immer jünger werdenden Sucht- und Drogenkranken starteten dann ab 1985 unter Helmut Zilk (SPÖ) als Bürgermeister.
Zahlreiche vielschichtige und niederschwellige städtische Einrichtungen im Bereich der Suchthilfe
Ein gewisser Peter Hacker, aktuell Gesundheits- und Sozialstadtrat der SPÖ in Wien, wird von Zilk mit der Leitung des neuen Wiener Bürgerdienstes betraut und dazu gehörten auch Maßnahmen gegen die zu diesem Zeitpunkt offene Drogenszene am Wiener Karlsplatz. Für gutbürgerlich-katholisch geprägte Wiener Verhältnisse galt diese Drogenszene als „ausufernd“ und als untragbarer Skandal. Im Vergleich zum damaligen Züricher Platzspitz oder italienischen Großstädten war die Wiener Szene eher der umgangssprachliche Jungmädchenorden des Ursulinen-Klosters – aber natürlich trotzdem behandlungswichtig.
Vierzig Jahre später existieren nun vergleichsweise zahlreiche wie vielschichtige und vor allem auch niederschwellige städtische Einrichtungen im Bereich der Suchthilfe, die von Prävention über Behandlung bis Reintegration ehemals schwerkranker Menschen setzt. Projekte wie Ganslwirt, Jedermayr oder „Let’s End Hepatitis C In Vienna“ (@ Hans Haltmayer und Michael Gschwantler) waren dabei Meilensteine und wurden als internationale Best Practice Projekte ausgezeichnet.
Breite Proteste nach Budgeteinsparungen von bis zu 25 Prozent
Aktuell gibt es allein über die Suchthilfe Wien Hilfsprojekte bei Aufklärung, Kontrolle der Substanzen und medizinischer Hilfe oder auch mobile Sozialarbeiter, Tagesräume sowie Schlafstellen und auch die Themen Arbeitsplatz und Reintegration werden behandelt. Die Suchthilfe Wien (SHW) ist dabei eine Tochter der Sucht- und Drogenkoordination Wien (SDW) und nur für Teile des Wiener Sucht- und Drogenkonzepts zuständig. Zu diesem gehören auch Einrichtungen wie Dialog, Grüner Kreis, Anton Proksch Institut, Change, Contact, checkIt oder garbarage sowie weitere ambulante Hilfestellungen.
Viele dieser Einrichtungen sind nun mit teilweise massiven finanziellen Einsparungen seitens der Stadt Wien konfrontiert. Die Rede ist von Budgeteinsparungen für einzelne Organisationen von bis zu 25 (!) Prozent. Zahlreiche Betriebsräte und Mitarbeitende von Wiener Suchthilfeeinrichtungen wie etwa Anton Proksch Institut oder aus dem Netzwerk der Suchthilfe Wien haben an die verantwortlichen Peter Hacker als direkt zuständigen Stadtrat und an Michael Ludwig als Wiener Bürgermeister (ebenfalls SPÖ) offene Briefe geschrieben und Protestmaßnahmen organisiert, um auf die möglichen Folgen hinzuweisen.
Einsparungen im Suchthilfebereich verursachen langfristig höhere Kosten
„Wien war immer stolz auf seine soziale Verantwortung, doch was jetzt passiert, ist kein Sparprogramm – es ist ein sozialer Kahlschlag!“, so der Betriebsrat einer Suchthilfeeinrichtung. Von den Einsparungen bedroht sind auch Arbeitsmarkt- und Sozialintegrations-Programme für suchtkranke oder ehemals abhängige Menschen, die durch Kürzungen bei Förderungen und AMS-Kooperationen reduziert werden. Bei den Betreuungskapazitäten reduziert ein Personalabbau direkt die therapeutischen und sozialarbeiterischen Kapazitäten. Und final drohen langjährig aufgebaute Strukturen,Netzwerke und viele niedrigschwelligen Suchthilfeangebote verloren zu gehen, so die weitere Kritik der betroffenen Stellen.
Die Mitarbeitenden warnen zudem vor dem Verlust von Expertise. Viele Angebote basieren auf einem langjährig aufgebauten Vertrauensverhältnis. Ein Abbau oder gar eine Einstellung lässt sich nicht kurzfristig rückgängig machen. Für Betroffene und Angehörige kann das eine (zu) späte Hilfe bedeuten oder das Patient:innen gar nicht mehr erreicht werden. Experten verweisen auch darauf, dass Einsparungen im Suchthilfebereich langfristig höhere Kosten verursachen, etwa durch steigende Gesundheitsausgaben oder mehr Polizeieinsätze.
Anerkanntes System zur Sucht- und Drogenhilfe wird bewusst in Gefahr gebracht
„Wien verfügt seit Jahrzehnten über ein differenziertes und auch international anerkanntes System zur Sucht- und Drogenhilfe. Prävention, niederschwellige Beratung, medizinische Betreuung, Arbeitsmarktintegration und langfristige psychosoziale Begleitung greifen gut abgestimmt ineinander“, sagt die medizinische Leitung einer der angeführten Hilfseinrichtungen zu economy. „Das alles wird jetzt bewusst in Gefahr gebracht und ohnehin besonders hilfsbedürftige und oft mehrfach belastete Menschen werden im Stich gelassen“.
Die Stadt Wien betont, dass die Sparmaßnahmen für den Budgethaushalt nötig seien und parallel wird versichert, dass zentrale soziale Leistungen weiterhin aufrecht bleiben. Die Einrichtungen wissen aber nicht, wo genau diese Grenze verlaufen soll. Auch die politische Opposition und übergeordnete Sozialorganisationen fordern mehr Transparenz und vor allem eine Priorisierung nach sozialer wie medizinischer Wirkung. „Es stellt sich die Frage, ob es finanzpolitisch sinnvoll ist, bei präventiven, heilenden oder stabilisierenden Angeboten zu sparen und dann zahlt die Stadt später einen noch höheren Preis?“, so der kaufmännische Leiter einer weiteren Wiener Therapieeinrichtung.
Zahl der betroffenen jungen Menschen steigt seit vielen Jahren
Das überaus tragische Ableben des 16-jährigen Mädchen und die sieben anderen Minderjährigen, die 2025 während der Betreuung durch behördliche Einrichtungen auch ums Leben kamen, zeigen wie der aktuelle Konflikt um die Wiener Suchthilfe, wie schwierig soziale Betreuung und angemessene Budgetpolitik ist. Es geht hier nicht nur um Zahlen, sondern um Menschen und ihre Unterstützung, die fast immer über Stabilität oder Absturz entscheidet. „In letzter Konsequenz kann das Ende einer Betreuung oder längere Wartezeiten auf einen Therapieplatz tödliche Folgen haben“, so ein Psychotherapeut und Sozialarbeiter zu economy.
Im Kontext mit Suchtkrankheiten und Drogenmissbrauch steigt die Zahl der betroffenen jungen Menschen seit vielen Jahren kontinuierlich an. Ebenso zunehmend ist die sogenannte Polytoxikomanie bei Jugendlichen, also die parallele Konsumation von mehreren Drogen mit der latenten Gefahr eines Atemstillstandes. Auch das Einstiegs- und generelle Konsumationsalter sinkt laufend. Suchtmediziner berichten von vielen unter 14-jährigen, die regelmäßig Alkohol trinken, Cannabis rauchen oder sogar Opiate wie Heroin nehmen. Der generelle Kokainkonsum hat sich seit 2015 verdoppelt. Junge Mädchen kommen beim Konsum oft in Hochrisikosituationen mit sodann verbundenen sexuellen Übergriffen durch ältere Männer.
Eine Debatte über medizinisch-therapeutische Zwangsmaßnahmen
Im Kontext mit all diesen Entwicklungen sollte irgendwann dann auch (zumindest) eine Debatte über medizinisch-therapeutische Zwangsmaßnahmen beginnen. Diese Debatte kann dann auch andere psychische Ausnahmesituationen adressieren. Etwa die weit und vergleichsweise mehrheitlich bei Frauen (weltweit rund 75:25 Prozent im klinischen Umfeld) verbreitete Borderline-Erkrankung. Hier kann es ebenso bedrohliche Auswirkungen geben, etwa in einem Familienverbund. In extremen Fällen passieren hier neben psychisch-traumatischen auch physische Verletzungen der eigenen, erkrankten Person und bei anderen im direkten familiären Umfeld befindlichen Personen.
Wenn kranke Menschen hier behandlungs- oder gar diagnose-uneinsichtig sind, dann bedeutet das langwierig extremste Belastungen für Kinder und (Ehe)PartnerIn. Betroffene empfinden das oft als eine Art auswegloses Gefängnis, eben weil die kranke Person keine Behandlung zulässt. Eine derartige Situation kommt auch bei Sucht- und Drogenkranken vor und auch hier gibt es oftmals direkte Betroffenheit im familiären Verbund, psychisch, physisch und final ebenso existentiell. Medizinische Zwangsmaßnahmen könnten hier Abhilfe schaffen und dafür braucht es einmal eine breite wie fundierte Erörterung.
Pro Monat zwei Mal eine Stunde Gesprächszeit für 500 Schüler:innen
Zurück „nur“ zum Thema Sucht- und Drogenkrankheit, wo auch die vorliegenden Zahlen bei Rettungseinsätzen eine deutliche Sprache vermitteln : eine für Wien verfügbare Statistik zeigt, dass die Einsätze bei unter 18-jährigen wegen Medikamenten- und Drogenmissbrauch zwischen 2018 und 2023 von 75 auf 231 gestiegen sind. Das ist eine Steigerung von über 300 Prozent in fünf Jahren. Die Drogentoten sind von 191 im Jahr 2019 auf 248 für 2023 gestiegen, macht plus 30 Prozent. Von diesen an Drogenmissbrauch verstorbenen Menschen waren 2019 noch 18 Prozent unter 25 Jahren. 2023 waren es schon 25 Prozent, macht plus 40 Prozent (jüngere Zahlen liegen noch nicht vor).
Wenn die Stadt Wien nun vor diesem Hintergrund derart umfangreiche Sparmaßnahmen setzt, dann sind Stimmen verständlich, die hier in letzter Konsequenz eine fahrlässige Gefährdung von Menschenleben sehen. Als Vater zweier Spät-Teenies und als langjähriges Mitglied im Elternverein einer Schule erlebe ich den stark steigenden Bedarf und die nicht einmal ansatzweise vorhandenen Ressourcen für die Betreuung der psychischen Probleme von Jugendlichen hautnah mit. Mit größter Mühe auf Grund des auch hier herrschenden Sparzwanges und der parallel fehlenden therapeutischen Ressourcen, gibt es heuer an der Schule statt bisher 1x 1 Stunde nun 2x 1 Stunde Gesprächszeit — pro Monat, für rund 500 Schüler:innen…
Zwei nachdenklich machende Kommentare zu einem Bericht von Der Standard
Die Sparmaßnahmen der Stadt Wien und das überaus traurig machende Ableben des jungen Mädchens wurde auch von anderen Medien behandelt. Im derStandard.at erschien dazu kürzlich ebenso ein Bericht und dazu gab es im Standard-Forum zwei sehr nachdenklich machende Leser-Kommentare. Unter dem Pseudonym „DielinkeVernunft“ schreibt ein/e LeserIn :
„Der Artikel pathologisiert jugendliche Überdosen als individuelles Scheitern, statt endlich zu benennen, dass ein kapitalistisches System Jugendliche systematisch in Prekarität, Leistungsdruck und Zukunftsangst treibt, bis Rausch vernünftiger wirkt als der nächste Tag im Hamsterrad.“
Der Kapitalismus wirft Jugendliche weg wie Ausschussware
Und weiter : „Während bürgerliche Moralpanik über Drogen inszeniert wird, bleiben Armut, Wohnungsnot, kaputte Schulen und fehlende psychosoziale Angebote unangetastet, weil sie den Profit stören würden. Die eigentliche Überdosis ist der Sozialabbau. Der Kapitalismus wirft Jugendliche weg wie Ausschussware, aber alle tun überrascht, wenn sie an Überdosen sterben.“
Und schließlich : „In Wahrheit hat schon die Boomer-Generation im Wohlstandsprojekt der Kreisky-Zeit gezeigt, dass sozialer Aufstieg, Sicherheit und echte Perspektiven möglich sind. Heute wird diese Erfahrung verraten, indem man Märkte entfesselt und Kinder im Wettbewerb verbrennen lässt, statt Schutz, Bildung und Stabilität wie in den 70 er und 80 er Jahren zu garantieren.“ (Zitat-Ende)
Ein politisches Versagen und die notwendige Erörterung von Zwangsmaßnahmen
Ein zweiter Posting-Kommentar zum Standard-Bericht von einem „hansglueck10“ wird auch sehr deutlich : „Einsparungen in Suchthilfeeinrichtungen und fehlende Therapieplätze sind keine abstrakte Budgetfrage, sondern unterlassene Hilfeleistung und sie kosten Leben. Wenn Jugendliche wie das verstorbene Mädchen bekannt vulnerabel sind, in staatlicher Obhut stehen und dennoch keine rasche Therapie, Krisenintervention und Schutz bekommen, dann ist das politisches Versagen. Wer bei Suchthilfe kürzt, nimmt Überdosierungen, Ausbeutung und Tod billigend in Kauf. (Zitat-Ende)
Als familienexistenzerhaltender Vater und kleinunternehmerischer „Mit-Radler“ in diesem „Hamsterrad“ sowie als langjähriger Kenner von psychischen Krankheiten und ihren oft verheerenden Auswirkungen auf das jeweilige (familiäre) Umfeld : beide Standard-Kommentare sind angebrachte Befunde und ebenso angebracht ist eine sachlich fundierte Erörterung medizinisch-therapeutischer Zwangsmaßnahmen in solchen Fällen. Stimmig ist auch die abschließende Forderung der Betriebsräte von Wiener Hilfseinrichtungen in ihrem Protestschreiben an die SPÖ-Stadtregierung von Wien : „Nehmen Sie die geplanten Kürzungen zurück, erhalten Sie die bewährten Strukturen und sichern Sie die Finanzierung der Suchthilfe in ausreichendem Maße!“ Andernfalls drohen uns vielleicht die Zeiten mit den Lederriemen und den Holzpritschen aus den alten Steinhof-Zeiten in den 1980 er-Jahren möchte man ergänzen. (Christian Czaak/red)