
„Entscheidend ist der reale Nutzen“
Unternehmen und Institutionen fehlen beim Einsatz von KI immer noch Orientierung und Wissen damit neue Wertschöpfung entsteht. Economy sprach mit Manuel Moser, Director Digital Innovation & KI bei CANCOM Austria, über bestehende Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten und über das Lift fahren in Hochhäusern.
Economy : Wo stehen wir aktuell beim Thema KI ?
Manuel Moser : Die großen Tech-Konzerne überbieten einander derzeit mit Erfolgsmeldungen : Kerngeschäfte werden durch künstliche Intelligenz disruptiert, Prozesse radikal verbessert, Wertschöpfung neu erfunden. Die Versprechen sind groß und während global von Durchbrüchen gesprochen wird, steht Österreich vielerorts noch im Nebel. Ein Nebel, der weniger aus fehlender Technologie besteht als aus fehlender Orientierung.
Woran liegt das ?
KI ist präsent, aber immer noch schwer greifbar. Sie schwebt abstrakt über Unternehmen und Organisationen, beeindruckend und diffus zugleich. Betriebe bewegen sich „auf Sicht“, ohne klare Richtung. Ohne zu wissen, ob sie links oder rechts abbiegen sollen. Zwischen Hype und Realität klafft also eine gefährliche Lücke.
Lässt sich das genauer einordnen ?
Allein die nüchternen Zahlen sind entlarvend : Nur rund 15 Prozent der österreichischen Unternehmen setzen KI heute tatsächlich sinnstiftend ein. Bei generativer KI sind es sogar nur acht Prozent. Das steht in scharfem Kontrast zu den oft zitierten 80 Prozent, wo Mitarbeitende oft private Tools im Unternehmenskontext einsetzen. KI ist angekommen – aber nicht dort, wo sie Wert schafft.
Aber warum ist das immer noch so ?
Der Grund dafür liegt nicht in mangelndem Willen, sondern in fehlender Struktur. Wer KI sinnvoll einsetzen will, braucht mehr als Pilotprojekte. Er braucht ein stabiles Fundament. Der Einstieg beginnt nicht nur bei der Technologie, sondern bei der strategischen Entscheidung : Wofür soll KI eingesetzt werden und auch, wofür nicht ? Will ein Unternehmen Prozesse vollständig automatisieren oder Menschen gezielt unterstützen ? Diese Frage ist nicht technischer Natur, sondern strategisch unternehmerisch.
Gibt es noch weitere relevante Kriterien ?
Mit der strategischen Ausrichtung entscheidet sich der Erfolg in den Prozessen und in konkreten Anwendungsfällen. KI entfaltet ihren Nutzen dort, wo reale Probleme gelöst und neue Chancen geschaffen werden. Doch selbst der beste Use Case scheitert, wenn die Menschen ihn nicht mittragen. Diese notwendige kulturelle Veränderung ist kein Selbstläufer. Führungskräfte wie Mitarbeitende müssen eingebunden, begleitet und überzeugt werden. Ohne aktives Change-Management bleibt KI ein Fremdkörper.
Und was ist bei der praktischen Umsetzung zu beachten ?
Bei der operativen Umsetzung bildet das technologische Fundament die zentrale Ebene : skalierbare KI-Plattformen und belastbare Datenökosysteme. Ohne validierte, zugängliche Daten und eine entsprechende Governance wird jede KI nur oberflächlich bleiben. Die Ebenen lassen sich nicht isoliert betrachten. Sie gleichen einem Hochhaus, das man stets mit dem Lift in beide Richtungen durchfahren sollte. Wer „oben“ Strategie formuliert, muss „unten“ prüfen, ob Plattform und Infrastruktur das tragen können. Wer „unten“ Technik aufbaut, braucht „oben“ die passenden Anwendungsfälle.
Wie weiß ich, welche Anwendung passt ?
Es ist wichtig zu verstehen, was KI kann – und was nicht. Zwischen schneller Umsetzbarkeit und echtem Business-Impact gibt es Abstufungen. Einfache Sprachmodelle sind rasch integriert, liefern aber begrenzten Mehrwert. Anspruchsvollere Anwendungen erfordern mehr Reife, zahlen sich dafür aber deutlich stärker aus.
Können Sie hier reale betriebliche Beispiele nennen ?
Ja. Von uns (Anm. CANCOM) zahlreich durchgeführte Beratungen und vor allem konkrete Projekte belegen einen messbaren Nutzen von KI und das über alle Branchen der Wirtschaft hinweg. Beispielsweise unterstützt ein Netzwerk aus spezialisierten KI-Agenten den Mitarbeiter bei der Fehleranalyse in der Qualitätssicherung. Statt Daten mühsam aus verschiedenen Systemen zu ziehen, übernimmt ein orchestrierter Agent die komplexe Planung der Lösungsfindung, greift auf Produktionsdaten zu, analysiert Maschinenparameter und Dokumentationen und liefert konkrete Handlungsvorschläge. KI wird hier nicht zum Ersatz des Menschen, sondern zum Werkzeug, das Komplexität reduziert, Entscheidungen beschleunigt und final neue betriebliche Wertschöpfung bringt.
Gibt es in diesem Kontext auch konkrete Zahlen ?
Ja. Beispiel Gewinnung neuer Mitarbeitenden mit Automatisierungsquoten von bis zu 90 Prozent. KI-Agents erledigen hier alle Arbeiten, von Dokumente lesen und klassifizieren, Informationen extrahieren bis hin zur Entscheidung, ob eigenständige Beurteilung oder Abgabe an menschliche Sachbearbeitung. Dann industrielle Produktionsbereiche, wo Prozesse bis zu 50 Prozent beschleunigt werden können und reale Kostensenkungen um durchschnittlich 20 Prozent.
Ihre finale Empfehlung ?
Manuel Moser : Die genannten Beispiele zeigen den Weg aus dem eingangs zitierten Nebel. KI darf kein Selbstzweck bleiben und kein abstraktes Versprechen. Sie muss in Prozesse eingebettet, orchestriert und auf reale Entscheidungen ausgerichtet werden. Österreichs Unternehmen und Institutionen stehen nicht vor der Frage, ob sie KI einsetzen sollen, sondern wie konsequent sie bereit sind, aus dem Hype greifbaren Nutzen und neue Wertschöpfung zu generieren. Es gibt genügend Zahlen aus erfolgreich umgesetzten Projekten, die das Potential klar belegen. (red/czaak)