
Es braucht einen neuen Dialog
Aktuelle Muehl-Schau im Wiener Aktionismus-Museum (WAM) ist von lautstarken Verbotsprotesten und medialen Angriffen auf Direktor Klaus Albrecht Schröder begleitet. Es geht um den immer noch nicht komplett aufgearbeiteten Kindesmissbrauch und um Geld. Das WAM könnte die Plattform für eine fundierte Aufarbeitung unter Einbindung aller Akteure werden. Ein Kommentar von Christian Czaak.
2019 schien die Welt rund um Präsentationen aus dem umfangreichen Werk von Otto Muehl (1925 bis 2013) vergleichsweise noch von Dialog und Einvernehmen getragen. Im Rahmen einer retrospektiven Muehl-Ausstellung am Standort der ehemaligen Muehl-Kommune am burgenländischen Friedrichshof bildet sich aus ehemaligen Kommunen-Kindern die Gruppe „Mathilda“. Ein Mitglied der Gruppe war und ist auch Paul-Julien Robert, der 2013 im Film „Meine keine Familie“ seine eigenen Erlebnisse als Kommunen-Kind aufgearbeitet hat.
Grund für den Zusammenschluss war, dass die Ausstellung ohne Hinweis oder Einarbeitung auf den in der Kommune passierten und mit vielen Werken direkt verbundenen Kindesmissbrauch erfolgte. Otto Muehl wurde 1991 u.a. für schweren sexuellen Missbrauch von Unmündigen, für Vergewaltigung und für Verstöße gegen das Suchtmittelgesetz zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt und sitzt die Strafe fast in voller Länge ab. Die Gruppe „Mathilda“ einigte sich dann mit Hubert Klocker als damaligen Ausstellungsmanager am Friedrichshof auf einen gesonderten Auftritt („Intervention“, Anm.) bei der Finissage der Schau.
Von Dialog und Einvernehmen zum kompletten Verbot
Grundtenor von „Mathilda“ und von Paul-Julien Robert war, dass die bei der Ausstellung praktizierte strikte Trennung von Werk und Otto Muehl mit Nichterwähnung des Kindesmissbrauchs gerade am Friedrichshof für die ehemaligen Kommunen-Kinder als „besonders verletzend empfunden wurde“. In einem damaligen Bericht der Tageszeitung „Die Presse“ betonte Robert aber auch, es gehe „nicht um ein Ausstellungs- oder Verkaufsverbot für die Werke von Otto Muehl“, sondern um „die Einarbeitung des Themas Kindesmissbrauch als zusätzlichen Kontext“.
Sieben Jahre später gibt es bei der Gruppe „Mathilda“ nun eine andere Sichtweise. Parallel zur Pressekonferenz für die aktuelle Muehl-Schau im WAM protestiert „Mathilda“ mit Trillerpfeifen und Transparenten gegen die Ausstellung – und dazu fordern sie ein „Ende der Vermarktung von Muehls-Kunst“. Die Gruppe fordert zudem 2,5 Millionen Euro als entschädigende Abfindung (für alle Kommunen-Kinder) und eine wissenschaftliche Aufarbeitung. „Mathilda“ soll aus sechs Personen bestehen und wie auch andere Kinder der Muehl Kommune von der Plattform re-port eines ehemaligen Kommunarden unterstützt werden. Die Plattform steht wiederum mit einer gemeinnützigen Stiftung in Verbindung.
Kinder der Muehl-Kommune erhalten 2,5 Millionen Euro
Die Proteste von „Mathilda“ und die Frage zur Legitimität einer Ausstellung von Werken eines verurteilten Sexualstraftäters werden von allen relevanten Printmedien über das Ö1-Mittagsjournal bis hin zu ZIB1 und ZIB2 breit erörtert. Die Forderung nach finanzieller Entschädigung erfolgt mit dem Wissen, dass ein großer Teil der Muehl-Sammlung gerade um 12 Millionen Euro den Besitzer gewechselt hat. Gemeinsam mit einem Konsortium rund um das neue WAM-Museum hat der Galerist und Muehl-Sammler Philipp Konzett vom Friedrichshof ein Konvolut von rund 13.000 Arbeiten erworben. Von diesem Kaufpreis sollen nun die 160 ehemaligen Kinder einen Betrag von 2,5 Millionen Euro erhalten.
Die Kriterien und die rechtliche Basis für diese Zahlung werden von der Genossenschaft Friedrichshof und ihren rund 335 Mitgliedern gerade ausgearbeitet. Laut dortigen Informationen soll die Zahlung an alle Kinder gehen und entsprechend mit allen abgestimmt sein. Bis dato waren mehrere Mitglieder der Genossenschaft mit diesen Auszahlungen nicht einverstanden, einige hatten juristische Schritte dagegen ergriffen. Jetzt soll bei einer breiten Mehrheit Einvernehmen herrschen und aktuell soll laut Angaben der Genossenschaft die Zahlung der 2,5 Millionen schon offiziell genehmigt sein. Mittlerweile sind schon fast achtzig ehemalige Kinder Mitglieder in der Genossenschaft, halten Angaben zufolge 50 Prozent der Anteile und damit können sie direkt über das Geld mitentscheiden. Laut economy vorliegenden Informationen werden Mitgliedschaften auch durch re-port unterstützt.
Keine einzige Aufforderung, die Schau nicht zu zeigen
Zurück zur aktuellen Muehl-Schau im WAM, wo im Vergleich zur damaligen Schau am Friedrichshof das Thema Kindesmissbrauch und die Verurteilung von Otto Muehl von der Planung weg sowohl bei der Werkauswahl wie auch in der Kommunikation (inklusive Anführung der Delikte aus der Verurteilung) berücksichtigt wird. WAM-Direktor Klaus Albrecht Schröder und sein Team suchten Angaben zufolge im Vorfeld der Schau mit ehemaligen Kommunarden und Kindern den Kontakt.
„In zahlreichen Gesprächen mit vielen Kommunarden und auch mit seinerzeitigen Kindern und Opfern des sexuellen und des Machtmissbrauchs in der Muehl-Kommune gab es nicht eine einzige Aussage, die Ausstellung nicht zu zeigen“, so Schröder in seiner Eröffnungsrede bei der Preview der Ausstellung. „Wäre das der Fall gewesen, wir hätten die Ausstellung trotzdem gemacht“, bezieht der WAM-Direktor auch hier Stellung.
Die große Leistung und die größte Differenz
Auch zur Thematik von Werken, die Missbrauchsopfer darstellen, bezieht Schröder Stellung: „Ich bin gebeten worden, Werke mit diesen Opfern nicht auszustellen, aber das kam für mich ohnehin nie in Frage“. Wer Klaus Albrecht Schröder besser kennt, der erlebt einen sehr betroffenen Menschen und das resultiert insbesondere aus der Pressekonferenz einen Tag vor der Preview mit der parallelen Protestaktion von „Mathilda“ und aus danach publizierten Presseberichten mit persönlichen Untergriffen.
„Ich bin nach der Pressekonferenz und den Zeitungsberichten mit vielen eMails konfrontiert worden, dass Otto Muehl als verurteilter Sexualstraftäter das Recht auf eine Präsentation verwirkt hat. Ich sehe das anders und das ist die größte Differenz, die ich mit einer Gruppe („Mathilda“, Anm.) habe, der ich die große Leistung zuerkenne, dass sie auf die wahren Opfer dieser Muehl-Kommune hingewiesen hat. Das sind sicher keine Kommunarden – sondern das sind Kinder“, betont Schröder.
„Die Existenz eines Werks und seine Bedeutung kann nicht verschwiegen werden“
Und weiter: „Kinder, die sich nicht ausgesucht haben, wo, wie und mit wem sie aufwachsen. Auf diese Kinder als Opfer hinzuweisen, das unterstütze ich. Nicht unterstütze ich, dass wir die Geschichte umschreiben. Otto Muehl ist der bedeutendste Wiener Aktionist, er war der Motor dieses Wiener Aktionismus. Die Existenz seines Werks und seine nationale wie internationale Bedeutung kann nicht weggezaubert werden, kann nicht verschwiegen werden, weil er ein Straftäter war“, so Schröder.
„Das Werk in seiner Existenzberechtigung muss und hat eine Bedeutung. Kunst hat eine Eigenmächtigkeit, die unabhängig von der Zeit wirkt, unabhängig von der Biografie. Das gehört zu meiner felsenfesten Überzeugung“, resümiert Klaus Albrecht Schröder als WAM-Direktor und Kurator der aktuellen Muehl-Schau. Vor dem WAM hat der promovierte Kunsthistoriker im Albertina-Museum gearbeitet, wo er über 25 Jahre die Direktion verantwortete, davor als Direktor des Kunstforums der damaligen Bank Austria.
Muehls Vita und gesellschaftspolitische Entwicklungen als Teil des Diskurses
Aus Sicht eines langjährigen Beobachters der Entwicklung rund um Otto Muehl braucht es jetzt bei allen involvierten Seiten mehr Sachlichkeit und einen neuen Dialog. Das inkludiert auch einige Printmedien, wo ebenso eine gewisse Polarisierung festzustellen ist. Bestandteil dieses Diskurses rund um Kommune, Missbräuche und Werk muss auch die Vita von Otto Muehl sein und dazu die generelle gesellschaftspolitische Entwicklung im westlichen Mitteleuropa der 1970er Jahre. Eine kunsthistorische Betrachtung von anderen, ähnlich problematischen Künstlern (u.a. Gauguin, Gill, Picasso, Schiele) kann dabei ebenso erfolgen.
Otto Muehl wird am 16. Juni 1925 im burgenländischen Grodnau geboren. Das Dorf zählt zu diesem Zeitpunkt rund 400 Einwohner, 40 Prozent davon sind Roma. Muehls Mutter ist Hausfrau, sein Vater Volksschullehrer. Muehl besucht nach der Volksschule ein Realgymnasium und wird dann 1940, mit 15 Jahren zum sogenannten Landdienst eingezogen. 1943 wird er zur deutschen Wehrmacht eingezogen. Er meldet sich freiwillig zur Offiziersausbildung und wird schließlich zum Leutnant befördert.
Kriegstraumata als Grundlage für ein pessimistisches Weltbild und künstlerische Ausdrucksformen
Muehls Vater und sein Bruder fallen im Krieg. 1944 wird Muehl an der Front eingesetzt. Er nimmt an der Ardennenoffensive teil, eine der letzten großen und besonders verlustreichen deutschen Offensiven an der damaligen Westfront. Bei einem nächtlichen Bombenangriff auf einen Zug soll er eigenen Erzählungen zufolge auf den lichterloh brennenden Lokführer getroffen sein, der einer menschlichen Fackel gleich flüchten wollte, bevor er sterbend zusammenbrach. Nach Kriegsende flieht Otto Muehl vor der russischen Armee kilometerlang zu Fuß durch zerstörte Gebiete voller Leichen. Er ist da 19 Jahre alt.
Derartige Erfahrungen machen etwas mit einem Menschen und insbesondere mit einem jungen Menschen, Stichwort Traumata. Möglicherweise liegt hier die Grundlage für Muehls pessimistisches Weltbild und seine künstlerischen Themen Zerstörung und Verlust der menschlichen Identität mit der Transformation zu Material. „Muehls Aktionismus handelt immer wieder vom Verlust der Identität und von der Zerstörung des (menschlichen) Individuums. Der Mensch ist für Muehl nur Material“, bestätigt auch Klaus Albrecht Schröder den thematischen Kontext zu Muehls Werk.
Muehls neuer Optimismus für ein positives Menschenbild
Die Gründung der Kommune im Jahre 1970 markiert dann aber einen zentralen Wendepunkt in Muehls Sicht- und Lebensweise. Geprägt auch von der gesellschaftlichen Gegenkultur der späten 1960er Jahre lehnen Muehl und seine Kommunarden traditionelle gesellschaftliche und familiäre Strukturen ab und experimentieren mit Psychoanalyse, Körperkunst und neuen Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens. „Kunst kann nur Antwort auf die uns umgebende Wirklichkeit sein, also im weitesten Sinn politisch“, so Muehl 1966. Er entwickelt die „Aktionsanalyse“ und die „Selbstdarstellung“, wo die Kommunarden vor versammelter Gruppe Gefühle, Konflikte und Rollen ausdrücken sollten. „Kunst ist eine ehrliche Bewältigung seiner eigenen Neurosen – und das heißt: Darstellung seiner Ängste“, sagt Muehl.
Klaus Albrecht Schröder beschreibt den Schritt der Kommune so: „Aus dem Aktionismus wird Leben und aus Leben wird Kunst und aus Kunst die Kommune“. Für Schröder ist die Kommune ein therapeutisches Projekt: „Hier äußert sich auf einmal der Optimismus einen neuen Menschen schaffen zu können“, so der WAM-Direktor. Als Grundlage sieht er die Zerstörung der Kleinfamilie, etwa im Kontext mit Wilhelm Reich (1897 bis 1957), österreichischer Arzt, Psychoanalytiker und Sozialforscher. Dieser sah in der bürgerlichen, patriarchalischen Familie die zentrale Brutstätte für autoritäres Denken, sexuelle Unterdrückung und die Anfälligkeit für Faschismus.
Die Kommune als neues Lebensmodell
Ein anderer Kontext war laut Schröder die Urschreitheorie von Arthur Janov, ebenso eine Behandlungsmethode der Psychotherapie. Seelische und körperliche Krankheiten entstehen durch verdrängte Schmerzen aus der Kindheit und diese Traumata prägen das ganze spätere Leben. Ein wichtiger Punkt in der Muehl-Kommune war die freie Sexualität, auch als Attraktionspunkt für neue Kommunarden. „Final sollte in der Kommune ein neues Lebensmodell entstehen, ein neuer Mensch und das ist das absolute Gegenteil dessen, was Muehl bis hierher machte. Bisher glaubte er nicht an die Heilung des Menschen, jetzt soll das die Kommune ändern“, so Schröder.
Diese grundlegende Veränderung fällt in die Zeit der 1970er-Jahre, wo die sexuelle Revolution breite Gesellschaftsschichten erreicht und dann auch ein entsprechend wichtiges (gesellschafts)politisches Thema wird. Viele traditionelle Sexualnormen werden in Frage gestellt, darunter die Strafbarkeit von Homosexualität, die Diskriminierung unverheirateter Paare, rigide Geschlechterrollen, Zensur, patriarchale Familienstrukturen und insbesondere die (staatliche) Kontrolle privater Sexualität.
Sexuelle Befreiung als wichtiger Bestandteil moderner Politik
Sexuelle Befreiung wird zu einem wichtigen Bestandteil fortschrittlich moderner Politik und sexuelle Verbote werden als Instrumente einer repressiven bürgerlichen Gesellschaft interpretiert. Ein zentrales Thema dieser Veränderung war auch die Sexualität zwischen Erwachsenen und Jugendlichen oder Kindern. Ein Verbot davon sei ein weiteres Beispiel staatlicher Unterdrückung. Parallel dazu kam das Thema der antiautoritären Pädagogik auf. Kinder sollten nicht mehr als Eigentum ihrer Eltern betrachtet werden, ihre Bedürfnisse sollten ernst genommen und ihre eigene Sexualität nicht geleugnet werden.
Einige Sexualforscher und ‑Reformer formen daraus den problematischen Schluss, Kinder könnten Erwachsenen gegenüber auch zu sexuellen Handlungen in einer Weise „zustimmen“, die mit der Zustimmung autonomer Erwachsener vergleichbar sei. Zudem bestreiten sie grundsätzlich eine Schädlichkeit von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern. Das Thema wird insbesondere in Deutschland und Frankreich von Teilen der Neuen Linken und von Teilen der in Entstehung befindlichen Grünen zunehmend politisch instrumentalisiert. Historische Untersuchungen belegen auch entsprechende Sichtweisen in liberalen juristischen, sexualwissenschaftlichen und pädagogischen Kreisen.
Daniel Cohn-Bandit und sein Umgang mit pädophilen Positionen
Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Daniel Cohn-Bendit, Mitbegründer der deutschen Grünen-Partei. Er veröffentlicht 1975 im Buch „Der große Basar“ (Original Le Grand Bazar, Verlag Pierre Belfond; Deutsche Übersetzung Trikont Verlag) sexualisierte Schilderungen aus seiner Tätigkeit in einem Frankfurter Kinderladen. Später erschienen dann im Magazin „Pflasterstrand“ (Frankfurter Stadtmagazin von 1976 bis 1990) weitere Texte mit pädophilen Positionen. Cohn-Bandit war hier Herausgeber und leitender Redakteur.
Später erklärte Cohn-Bandit seine Schilderungen als – Zitat: „fiktionale Provokationen im Kontext mit der sexuellen Revolution“ und bestritt den sexuellen Missbrauch von Kindern. Frühere Kinder und Eltern aus dem „Kinderladen“ unterstützten diese (Gegen)Darstellung 2001 in einem offenen Brief. Anfang der 1980er-Jahre gibt es bei Deutschen Grünen mehrere organisierte Pädophilen-Gruppen. In einer Bundesarbeitsgemeinschaft waren auch Päderasten organisiert, darunter ein verurteilter Straftäter.
Straffreiheit für sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern im offiziellen Wahlprogramm der deutschen Grünen
1985 wurde bei den Grünen in Nordrhein-Westfalen (NRW) die Forderung nach Straffreiheit für sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern offiziell in ein Wahlprogramm aufgenommen und beschlossen („Sexualität und Herrschaft“) – und nach massiver öffentlicher Kritik wieder zurückgenommen. Die Grünen ließen diese Entwicklungen 2013 wissenschaftlich untersuchen und entschuldigten sich. Später bezeichneten sie diese Vorgehensweise als „bedrückendes Kapitel in ihrer Parteigeschichte“.
Gleichlautende Entwicklungen gab es auch in Frankreich, wo schon 1977 prominente Intellektuelle Petitionen im Zusammenhang mit dem Sexualstrafrecht, mit einer Herabsetzung des Schutzalters von Jugendlichen und mit Straffreiheit für sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Minderjährigen öffentlich unterstützen. Zumindest einige dieser Petitionen wurden unterzeichnet bzw. unterstützt von Jean-Paul Satre, Simone de Beauvoir, Michel Foucault oder Guy Hocquenghem.
Internationale gesellschaftspolitische Entwicklungen auch Thema in Muehl-Kommune
Mehrere derartige Petitionen (und Briefe) wurden auch in bekannten und reichweitenstarken Zeitungen wie etwa „Le Monde“ veröffentlicht. 1978 diskutierten dann Foucault, Hocquenghem und der Jurist Jean Danet im französischen Radio ausführlich über das Sexualstrafrecht, die Herabsetzung des Schutzalters für Jugendliche und Parameter der „Zustimmung“ eines Kindes. Diese Radio-Diskussion wurde später unter dem Titel „La Loi de la puder“ („Das Gesetz der Scham“) auch gedruckt publiziert. Alle diese Diskussionen und Forderungen waren von einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber staatlicher Sexualregulierungen geprägt.
Diese Ereignisse und Entwicklungen waren auch Thema in der Muehl-Kommune, die ab Mitte der 1970er-Jahre neben dem burgenländischen Friedrichshof auch in Wien, München, Berlin, Hamburg, Bremen und Düsseldorf sowie in Paris, Lyon, Nancy und Toulouse sowie in Amsterdam, Oslo, Stockholm und Genf zusätzliche Stadtkommunen unterhielt. Am Höhepunkt Anfang der 1980er-Jahre hatte die gesamte Kommune dann rund 700 Mitglieder. Die Kommune ist spätestens ab hier auch ein erfolgreiches Unternehmen. Gemeinschaftseigentum, gemeinsame Arbeit, kollektive Kindererziehung sowie freie Sexualität und Selbstdarstellung sind ihre zentralen Prinzipien. Künstlerische Darstellungs- und Ausbildungsformen sind dabei ein wichtiger Inhalt und wichtige Ausdrucksformen.
Wiener Aktionismus Museum als Plattform für neuen wissenschaftlich wie kunstkuratorisch begleiteten Dialog
Ab ca. 1985 werden laut ehemaligen Kommunarden Missbrauchsfälle von Minderjährigen bzw. Kindern zu einem bestimmenden Thema in der Kommune. 1988 werden sie nach einer Strafanzeige aus der Muehl-Kommune und einem Bericht des deutschen Magazins „Stern“ öffentlich. 1990 erfolgt die offizielle Auflösung der Kommune, 1991 folgt Verurteilung und Haftantritt von Otto Muehl. Anfang der 2000er-Jahre äußert er sich in Interviews mit mehreren Medien: „Ich habe in der Kommune schon Fehler gemacht, aber in der Sexualität sicher nicht“ („Metropolis/ARTE“, 2001). „Warum soll der Staat vorschreiben, ab wann man Sex haben darf“ („FAZ“, 2004) oder „Ich bin kein Kinderschänder. Das ist doch Blödsinn. Das waren alles entwickelte Mädchen“ („Die Zeit“, 2004). 2010 entschuldigt sich Muehl für von „ihm verursachtes Leid“ anlässlich einer Ausstellung im Leopold Museum.
Enge Wegbegleiter aus der Kommune und (zumindest) zahlreiche Kinder der Muehl-Kommune sehen das anders. Erwähnt werden muss auch, dass WAM-Direktor Klaus Albrecht Schröder den Menschen Otto Muehl als – Zitat: „widerlich“ bezeichnet, auch öffentlich, wie in der Pressekonferenz zur aktuellen Schau im WAM. Schröder bekräftigt dort aber nochmals den national wie internationalen Stellenwert der Kunst von Otto Muehl. Vielleicht kann das Wiener Aktionismus Museum eine Plattform sein für einen neuen wissenschaftlich wie kunstkuratorisch begleiteten Dialog zwischen der Elterngeneration und ihren/den ehemaligen Kindern der Kommune. Im Interesse einer gemeinsamen transparenten Aufarbeitung, die dann auch Bezug zur Kunst von Otto Muehl nimmt.
„Heftig, aber interessant“ als Motto für die Zukunft
Als Mensch, der selbst jahrelange erzieherische und pädagogische Gewalt erlebte und insbesondere als Vater zweier Teenis erschüttern einen die aufwühlenden Missbrauchs-Erzählungen von ehemaligen Kommunarden und Müttern betroffener Kinder. Auch die intensiven Schilderungen der in der Kommune erlebten autoritären Gewalt sind sehr bedrückend. Gleichzeitig faszinieren Muehls Kunstwerke wie etwa die großartigen Materialbilder oder die Strahlkraft der (Linien)Malereien aus den gegenständlichen Zyklen „Erdbeben“ oder „Haushalt“ (siehe auch Ausstellungskritik „Eine überaus beeindruckende Kunst“).
Die Tatsache, dass der Wiener Aktionismus auch international als eine der besten künstlerischen Ausdrucksformen gilt, ist ein weiterer Faktor. Es muss eine Lösung geben für den vereinten und transparenten Umgang zwischen und vor allem mit Künstler und Werk. Bei der seinerzeitigen Eröffnung des WAM hat mich meine damals gerade 15 gewordene Tochter begleitet. Zu sehen in der Ausstellung waren unter anderen sehr eindringliche Fotoarbeiten zu Aktionen mit und von Günter Brus. Das abschließende Resümee meiner Tochter lautete: „Heftig, aber interessant“. Das könnte auch ein Motto für die Zukunft sein. (Christian Czaak) (Anm. d. Redaktion: nach erster Erscheinung wurden auf Basis von Informationen aus der Genossenschaft Zahlen zur Anzahl der Kinder und Mitglieder der Genossenschaft sowie weitere Standorte der Stadtkommunen ergänzt)