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© Wiener Aktionsmuss Museum_Otto Muehl_economy

Es braucht einen neuen Dialog

Aktu­elle Muehl-Schau im Wie­ner Aktio­nis­mus-Museum (WAM) ist von laut­star­ken Ver­bots­pro­tes­ten und media­len Angrif­fen auf Direk­tor Klaus Albrecht Schrö­der beglei­tet. Es geht um den immer noch nicht kom­plett auf­ge­ar­bei­te­ten Kin­des­miss­brauch und um Geld. Das WAM könnte die Platt­form für eine fun­dierte Auf­ar­bei­tung unter Ein­bin­dung aller Akteure wer­den. Ein Kom­men­tar von Chris­tian Czaak.

2019 schien die Welt rund um Prä­sen­ta­tio­nen aus dem umfang­rei­chen Werk von Otto Muehl (1925 bis 2013) ver­gleichs­weise noch von Dia­log und Ein­ver­neh­men getra­gen. Im Rah­men einer retro­spek­ti­ven Muehl-Aus­stel­lung am Stand­ort der ehe­ma­li­gen Muehl-Kom­mune am bur­gen­län­di­schen Fried­richs­hof bil­det sich aus ehe­ma­li­gen Kom­mu­nen-Kin­dern die Gruppe „Mat­hilda“. Ein Mit­glied der Gruppe war und ist auch Paul-Julien Robert, der 2013 im Film „Meine keine Fami­lie“ seine eige­nen Erleb­nisse als Kom­mu­nen-Kind auf­ge­ar­bei­tet hat. 

Grund für den Zusam­men­schluss war, dass die Aus­stel­lung ohne Hin­weis oder Ein­ar­bei­tung auf den in der Kom­mune pas­sier­ten und mit vie­len Wer­ken direkt ver­bun­de­nen Kin­des­miss­brauch erfolgte. Otto Muehl wurde 1991 u.a. für schwe­ren sexu­el­len Miss­brauch von Unmün­di­gen, für Ver­ge­wal­ti­gung und für Ver­stöße gegen das Sucht­mit­tel­ge­setz zu sie­ben Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt und sitzt die Strafe fast in vol­ler Länge ab. Die Gruppe „Mat­hilda“ einigte sich dann mit Hubert Klo­cker als dama­li­gen Aus­stel­lungs­ma­na­ger am Fried­richs­hof auf einen geson­der­ten Auf­tritt („Inter­ven­tion“, Anm.) bei der Finis­sage der Schau.

Von Dia­log und Ein­ver­neh­men zum kom­plet­ten Verbot

Grund­te­nor von „Mat­hilda“ und von Paul-Julien Robert war, dass die bei der Aus­stel­lung prak­ti­zierte strikte Tren­nung von Werk und Otto Muehl mit Nicht­er­wäh­nung des Kin­des­miss­brauchs gerade am Fried­richs­hof für die ehe­ma­li­gen Kom­mu­nen-Kin­der als „beson­ders ver­let­zend emp­fun­den wurde“. In einem dama­li­gen Bericht der Tages­zei­tung „Die Presse“ betonte Robert aber auch, es gehe „nicht um ein Aus­stel­lungs- oder Ver­kaufs­ver­bot für die Werke von Otto Muehl“, son­dern um „die Ein­ar­bei­tung des The­mas Kin­des­miss­brauch als zusätz­li­chen Kontext“.

Sie­ben Jahre spä­ter gibt es bei der Gruppe „Mat­hilda“ nun eine andere Sicht­weise. Par­al­lel zur Pres­se­kon­fe­renz für die aktu­elle Muehl-Schau im WAM pro­tes­tiert „Mat­hilda“ mit Tril­ler­pfei­fen und Trans­pa­ren­ten gegen die Aus­stel­lung – und dazu for­dern sie ein „Ende der Ver­mark­tung von Muehls-Kunst“. Die Gruppe for­dert zudem 2,5 Mil­lio­nen Euro als ent­schä­di­gende Abfin­dung (für alle Kom­mu­nen-Kin­der) und eine wis­sen­schaft­li­che Auf­ar­bei­tung. „Mat­hilda“ soll aus sechs Per­so­nen bestehen und wie auch andere Kin­der der Muehl Kom­mune von der Platt­form re-port eines ehe­ma­li­gen Kom­mu­nar­den unter­stützt wer­den. Die Platt­form steht wie­derum mit einer gemein­nüt­zi­gen Stif­tung in Verbindung. 

Kin­der der Muehl-Kom­mune erhal­ten 2,5 Mil­lio­nen Euro

Die Pro­teste von „Mat­hilda“ und die Frage zur Legi­ti­mi­tät einer Aus­stel­lung von Wer­ken eines ver­ur­teil­ten Sexu­al­straf­tä­ters wer­den von allen rele­van­ten Print­me­dien über das Ö1-Mit­tags­jour­nal bis hin zu ZIB1 und ZIB2 breit erör­tert. Die For­de­rung nach finan­zi­el­ler Ent­schä­di­gung erfolgt mit dem Wis­sen, dass ein gro­ßer Teil der Muehl-Samm­lung gerade um 12 Mil­lio­nen Euro den Besit­zer gewech­selt hat. Gemein­sam mit einem Kon­sor­tium rund um das neue WAM-Museum hat der Gale­rist und Muehl-Samm­ler Phil­ipp Kon­zett vom Fried­richs­hof ein Kon­vo­lut von rund 13.000 Arbei­ten erwor­ben. Von die­sem Kauf­preis sol­len nun die 160 ehe­ma­li­gen Kin­der einen Betrag von 2,5 Mil­lio­nen Euro erhalten. 

Die Kri­te­rien und die recht­li­che Basis für diese Zah­lung wer­den von der Genos­sen­schaft Fried­richs­hof und ihren rund 335 Mit­glie­dern gerade aus­ge­ar­bei­tet. Laut dor­ti­gen Infor­ma­tio­nen soll die Zah­lung an alle Kin­der gehen und ent­spre­chend mit allen abge­stimmt sein. Bis dato waren meh­rere Mit­glie­der der Genos­sen­schaft mit die­sen Aus­zah­lun­gen nicht ein­ver­stan­den, einige hat­ten juris­ti­sche Schritte dage­gen ergrif­fen. Jetzt soll bei einer brei­ten Mehr­heit Ein­ver­neh­men herr­schen und aktu­ell soll laut Anga­ben der Genos­sen­schaft die Zah­lung der 2,5 Mil­lio­nen schon offi­zi­ell geneh­migt sein. Mitt­ler­weile sind schon fast acht­zig ehe­ma­lige Kin­der Mit­glie­der in der Genos­sen­schaft, hal­ten Anga­ben zufolge 50 Pro­zent der Anteile und damit kön­nen sie direkt über das Geld mit­ent­schei­den. Laut eco­nomy vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen wer­den Mit­glied­schaf­ten auch durch re-port unterstützt.

Keine ein­zige Auf­for­de­rung, die Schau nicht zu zeigen

Zurück zur aktu­el­len Muehl-Schau im WAM, wo im Ver­gleich zur dama­li­gen Schau am Fried­richs­hof das Thema Kin­des­miss­brauch und die Ver­ur­tei­lung von Otto Muehl von der Pla­nung weg sowohl bei der Werk­aus­wahl wie auch in der Kom­mu­ni­ka­tion (inklu­sive Anfüh­rung der Delikte aus der Ver­ur­tei­lung) berück­sich­tigt wird. WAM-Direk­tor Klaus Albrecht Schrö­der und sein Team such­ten Anga­ben zufolge im Vor­feld der Schau mit ehe­ma­li­gen Kom­mu­nar­den und Kin­dern den Kontakt.

„In zahl­rei­chen Gesprä­chen mit vie­len Kom­mu­nar­den und auch mit sei­ner­zei­ti­gen Kin­dern und Opfern des sexu­el­len und des Macht­miss­brauchs in der Muehl-Kom­mune gab es nicht eine ein­zige Aus­sage, die Aus­stel­lung nicht zu zei­gen“, so Schrö­der in sei­ner Eröff­nungs­rede bei der Pre­view der Aus­stel­lung. „Wäre das der Fall gewe­sen, wir hät­ten die Aus­stel­lung trotz­dem gemacht“, bezieht der WAM-Direk­tor auch hier Stellung. 

Die große Leis­tung und die größte Differenz

Auch zur The­ma­tik von Wer­ken, die Miss­brauchs­op­fer dar­stel­len, bezieht Schrö­der Stel­lung: „Ich bin gebe­ten wor­den, Werke mit die­sen Opfern nicht aus­zu­stel­len, aber das kam für mich ohne­hin nie in Frage“. Wer Klaus Albrecht Schrö­der bes­ser kennt, der erlebt einen sehr betrof­fe­nen Men­schen und das resul­tiert ins­be­son­dere aus der Pres­se­kon­fe­renz einen Tag vor der Pre­view mit der par­al­le­len Pro­test­ak­tion von „Mat­hilda“ und aus danach publi­zier­ten Pres­se­be­rich­ten mit per­sön­li­chen Untergriffen.

„Ich bin nach der Pres­se­kon­fe­renz und den Zei­tungs­be­rich­ten mit vie­len eMails kon­fron­tiert wor­den, dass Otto Muehl als ver­ur­teil­ter Sexu­al­straf­tä­ter das Recht auf eine Prä­sen­ta­tion ver­wirkt hat. Ich sehe das anders und das ist die größte Dif­fe­renz, die ich mit einer Gruppe („Mat­hilda“, Anm.) habe, der ich die große Leis­tung zuer­kenne, dass sie auf die wah­ren Opfer die­ser Muehl-Kom­mune hin­ge­wie­sen hat. Das sind sicher keine Kom­mu­nar­den – son­dern das sind Kin­der“, betont Schröder. 

„Die Exis­tenz eines Werks und seine Bedeu­tung kann nicht ver­schwie­gen werden“

Und wei­ter: „Kin­der, die sich nicht aus­ge­sucht haben, wo, wie und mit wem sie auf­wach­sen. Auf diese Kin­der als Opfer hin­zu­wei­sen, das unter­stütze ich. Nicht unter­stütze ich, dass wir die Geschichte umschrei­ben. Otto Muehl ist der bedeu­tendste Wie­ner Aktio­nist, er war der Motor die­ses Wie­ner Aktio­nis­mus. Die Exis­tenz sei­nes Werks und seine natio­nale wie inter­na­tio­nale Bedeu­tung kann nicht weg­ge­zau­bert wer­den, kann nicht ver­schwie­gen wer­den, weil er ein Straf­tä­ter war“, so Schröder.

„Das Werk in sei­ner Exis­tenz­be­rech­ti­gung muss und hat eine Bedeu­tung. Kunst hat eine Eigen­mäch­tig­keit, die unab­hän­gig von der Zeit wirkt, unab­hän­gig von der Bio­gra­fie. Das gehört zu mei­ner fel­sen­fes­ten Über­zeu­gung“, resü­miert Klaus Albrecht Schrö­der als WAM-Direk­tor und Kura­tor der aktu­el­len Muehl-Schau. Vor dem WAM hat der pro­mo­vierte Kunst­his­to­ri­ker im Alber­tina-Museum gear­bei­tet, wo er über 25 Jahre die Direk­tion ver­ant­wor­tete, davor als Direk­tor des Kunst­fo­rums der dama­li­gen Bank Austria.

Muehls Vita und gesell­schafts­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen als Teil des Diskurses

Aus Sicht eines lang­jäh­ri­gen Beob­ach­ters der Ent­wick­lung rund um Otto Muehl braucht es jetzt bei allen invol­vier­ten Sei­ten mehr Sach­lich­keit und einen neuen Dia­log. Das inklu­diert auch einige Print­me­dien, wo ebenso eine gewisse Pola­ri­sie­rung fest­zu­stel­len ist. Bestand­teil die­ses Dis­kur­ses rund um Kom­mune, Miss­bräu­che und Werk muss auch die Vita von Otto Muehl sein und dazu die gene­relle gesell­schafts­po­li­ti­sche Ent­wick­lung im west­li­chen Mit­tel­eu­ropa der 1970er Jahre. Eine kunst­his­to­ri­sche Betrach­tung von ande­ren, ähn­lich pro­ble­ma­ti­schen Künst­lern (u.a. Gau­guin, Gill, Picasso, Schiele) kann dabei ebenso erfolgen.

Otto Muehl wird am 16. Juni 1925 im bur­gen­län­di­schen Grod­nau gebo­ren. Das Dorf zählt zu die­sem Zeit­punkt rund 400 Ein­woh­ner, 40 Pro­zent davon sind Roma. Muehls Mut­ter ist Haus­frau, sein Vater Volks­schul­leh­rer. Muehl besucht nach der Volks­schule ein Real­gym­na­sium und wird dann 1940, mit 15 Jah­ren zum soge­nann­ten Land­dienst ein­ge­zo­gen. 1943 wird er zur deut­schen Wehr­macht ein­ge­zo­gen. Er mel­det sich frei­wil­lig zur Offi­ziers­aus­bil­dung und wird schließ­lich zum Leut­nant befördert. 

Kriegs­trau­mata als Grund­lage für ein pes­si­mis­ti­sches Welt­bild und künst­le­ri­sche Ausdrucksformen

Muehls Vater und sein Bru­der fal­len im Krieg. 1944 wird Muehl an der Front ein­ge­setzt. Er nimmt an der Arden­nen­of­fen­sive teil, eine der letz­ten gro­ßen und beson­ders ver­lust­rei­chen deut­schen Offen­si­ven an der dama­li­gen West­front. Bei einem nächt­li­chen Bom­ben­an­griff auf einen Zug soll er eige­nen Erzäh­lun­gen zufolge auf den lich­ter­loh bren­nen­den Lok­füh­rer getrof­fen sein, der einer mensch­li­chen Fackel gleich flüch­ten wollte, bevor er ster­bend zusam­men­brach. Nach Kriegs­ende flieht Otto Muehl vor der rus­si­schen Armee kilo­me­ter­lang zu Fuß durch zer­störte Gebiete vol­ler Lei­chen. Er ist da 19 Jahre alt.

Der­ar­tige Erfah­run­gen machen etwas mit einem Men­schen und ins­be­son­dere mit einem jun­gen Men­schen, Stich­wort Trau­mata. Mög­li­cher­weise liegt hier die Grund­lage für Muehls pes­si­mis­ti­sches Welt­bild und seine künst­le­ri­schen The­men Zer­stö­rung und Ver­lust der mensch­li­chen Iden­ti­tät mit der Trans­for­ma­tion zu Mate­rial. „Muehls Aktio­nis­mus han­delt immer wie­der vom Ver­lust der Iden­ti­tät und von der Zer­stö­rung des (mensch­li­chen) Indi­vi­du­ums. Der Mensch ist für Muehl nur Mate­rial“, bestä­tigt auch Klaus Albrecht Schrö­der den the­ma­ti­schen Kon­text zu Muehls Werk.

Muehls neuer Opti­mis­mus für ein posi­ti­ves Menschenbild

Die Grün­dung der Kom­mune im Jahre 1970 mar­kiert dann aber einen zen­tra­len Wen­de­punkt in Muehls Sicht- und Lebens­weise. Geprägt auch von der gesell­schaft­li­chen Gegen­kul­tur der spä­ten 1960er Jahre leh­nen Muehl und seine Kom­mu­nar­den tra­di­tio­nelle gesell­schaft­li­che und fami­liäre Struk­tu­ren ab und expe­ri­men­tie­ren mit Psy­cho­ana­lyse, Kör­per­kunst und neuen For­men des gemein­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens. „Kunst kann nur Ant­wort auf die uns umge­bende Wirk­lich­keit sein, also im wei­tes­ten Sinn poli­tisch“, so Muehl 1966. Er ent­wi­ckelt die „Akti­ons­ana­lyse“ und die „Selbst­dar­stel­lung“, wo die Kom­mu­nar­den vor ver­sam­mel­ter Gruppe Gefühle, Kon­flikte und Rol­len aus­drü­cken soll­ten. „Kunst ist eine ehr­li­che Bewäl­ti­gung sei­ner eige­nen Neu­ro­sen – und das heißt: Dar­stel­lung sei­ner Ängste“, sagt Muehl. 

Klaus Albrecht Schrö­der beschreibt den Schritt der Kom­mune so: „Aus dem Aktio­nis­mus wird Leben und aus Leben wird Kunst und aus Kunst die Kom­mune“. Für Schrö­der ist die Kom­mune ein the­ra­peu­ti­sches Pro­jekt: „Hier äußert sich auf ein­mal der Opti­mis­mus einen neuen Men­schen schaf­fen zu kön­nen“, so der WAM-Direk­tor. Als Grund­lage sieht er die Zer­stö­rung der Klein­fa­mi­lie, etwa im Kon­text mit Wil­helm Reich (1897 bis 1957), öster­rei­chi­scher Arzt, Psy­cho­ana­ly­ti­ker und Sozi­al­for­scher. Die­ser sah in der bür­ger­li­chen, patri­ar­cha­li­schen Fami­lie die zen­trale Brut­stätte für auto­ri­tä­res Den­ken, sexu­elle Unter­drü­ckung und die Anfäl­lig­keit für Faschismus.

Die Kom­mune als neues Lebensmodell

Ein ande­rer Kon­text war laut Schrö­der die Urschrei­theo­rie von Arthur Janov, ebenso eine Behand­lungs­me­thode der Psy­cho­the­ra­pie. See­li­sche und kör­per­li­che Krank­hei­ten ent­ste­hen durch ver­drängte Schmer­zen aus der Kind­heit und diese Trau­mata prä­gen das ganze spä­tere Leben. Ein wich­ti­ger Punkt in der Muehl-Kom­mune war die freie Sexua­li­tät, auch als Attrak­ti­ons­punkt für neue Kom­mu­nar­den. „Final sollte in der Kom­mune ein neues Lebens­mo­dell ent­ste­hen, ein neuer Mensch und das ist das abso­lute Gegen­teil des­sen, was Muehl bis hier­her machte. Bis­her glaubte er nicht an die Hei­lung des Men­schen, jetzt soll das die Kom­mune ändern“, so Schröder.

Diese grund­le­gende Ver­än­de­rung fällt in die Zeit der 1970er-Jahre, wo die sexu­elle Revo­lu­tion breite Gesell­schafts­schich­ten erreicht und dann auch ein ent­spre­chend wich­ti­ges (gesellschafts)politisches Thema wird. Viele tra­di­tio­nelle Sexu­al­nor­men wer­den in Frage gestellt, dar­un­ter die Straf­bar­keit von Homo­se­xua­li­tät, die Dis­kri­mi­nie­rung unver­hei­ra­te­ter Paare, rigide Geschlech­ter­rol­len, Zen­sur, patri­ar­chale Fami­li­en­struk­tu­ren und ins­be­son­dere die (staat­li­che) Kon­trolle pri­va­ter Sexualität.

Sexu­elle Befrei­ung als wich­ti­ger Bestand­teil moder­ner Politik

Sexu­elle Befrei­ung wird zu einem wich­ti­gen Bestand­teil fort­schritt­lich moder­ner Poli­tik und sexu­elle Ver­bote wer­den als Instru­mente einer repres­si­ven bür­ger­li­chen Gesell­schaft inter­pre­tiert. Ein zen­tra­les Thema die­ser Ver­än­de­rung war auch die Sexua­li­tät zwi­schen Erwach­se­nen und Jugend­li­chen oder Kin­dern. Ein Ver­bot davon sei ein wei­te­res Bei­spiel staat­li­cher Unter­drü­ckung. Par­al­lel dazu kam das Thema der anti­au­to­ri­tä­ren Päd­ago­gik auf. Kin­der soll­ten nicht mehr als Eigen­tum ihrer Eltern betrach­tet wer­den, ihre Bedürf­nisse soll­ten ernst genom­men und ihre eigene Sexua­li­tät nicht geleug­net werden.

Einige Sexu­al­for­scher und ‑Refor­mer for­men dar­aus den pro­ble­ma­ti­schen Schluss, Kin­der könn­ten Erwach­se­nen gegen­über auch zu sexu­el­len Hand­lun­gen in einer Weise „zustim­men“, die mit der Zustim­mung auto­no­mer Erwach­se­ner ver­gleich­bar sei. Zudem bestrei­ten sie grund­sätz­lich eine Schäd­lich­keit von sexu­el­len Kon­tak­ten zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern. Das Thema wird ins­be­son­dere in Deutsch­land und Frank­reich von Tei­len der Neuen Lin­ken und von Tei­len der in Ent­ste­hung befind­li­chen Grü­nen zuneh­mend poli­tisch instru­men­ta­li­siert. His­to­ri­sche Unter­su­chun­gen bele­gen auch ent­spre­chende Sicht­wei­sen in libe­ra­len juris­ti­schen, sexu­al­wis­sen­schaft­li­chen und päd­ago­gi­schen Kreisen.

Daniel Cohn-Ban­dit und sein Umgang mit pädo­phi­len Positionen 

Eines der bekann­tes­ten Bei­spiele dafür ist Daniel Cohn-Ben­dit, Mit­be­grün­der der deut­schen Grü­nen-Par­tei. Er ver­öf­fent­licht 1975 im Buch „Der große Basar“ (Ori­gi­nal Le Grand Bazar, Ver­lag Pierre Bel­fond; Deut­sche Über­set­zung Tri­kont Ver­lag) sexua­li­sierte Schil­de­run­gen aus sei­ner Tätig­keit in einem Frank­fur­ter Kin­der­la­den. Spä­ter erschie­nen dann im Maga­zin „Pflas­ter­strand“ (Frank­fur­ter Stadt­ma­ga­zin von 1976 bis 1990) wei­tere Texte mit pädo­phi­len Posi­tio­nen. Cohn-Ban­dit war hier Her­aus­ge­ber und lei­ten­der Redakteur.

Spä­ter erklärte Cohn-Ban­dit seine Schil­de­run­gen als – Zitat: „fik­tio­nale Pro­vo­ka­tio­nen im Kon­text mit der sexu­el­len Revo­lu­tion“ und bestritt den sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern. Frü­here Kin­der und Eltern aus dem „Kin­der­la­den“ unter­stütz­ten diese (Gegen)Darstellung 2001 in einem offe­nen Brief. Anfang der 1980er-Jahre gibt es bei Deut­schen Grü­nen meh­rere orga­ni­sierte Pädo­phi­len-Grup­pen. In einer Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft waren auch Päd­eras­ten orga­ni­siert, dar­un­ter ein ver­ur­teil­ter Straftäter.

Straf­frei­heit für sexu­elle Kon­takte zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern im offi­zi­el­len Wahl­pro­gramm der deut­schen Grünen

1985 wurde bei den Grü­nen in Nord­rhein-West­fa­len (NRW) die For­de­rung nach Straf­frei­heit für sexu­elle Kon­takte zwi­schen Erwach­se­nen und Kin­dern offi­zi­ell in ein Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men und beschlos­sen („Sexua­li­tät und Herr­schaft“) – und nach mas­si­ver öffent­li­cher Kri­tik wie­der zurück­ge­nom­men. Die Grü­nen lie­ßen diese Ent­wick­lun­gen 2013 wis­sen­schaft­lich unter­su­chen und ent­schul­dig­ten sich. Spä­ter bezeich­ne­ten sie diese Vor­ge­hens­weise als „bedrü­cken­des Kapi­tel in ihrer Parteigeschichte“.

Gleich­lau­tende Ent­wick­lun­gen gab es auch in Frank­reich, wo schon 1977 pro­mi­nente Intel­lek­tu­elle Peti­tio­nen im Zusam­men­hang mit dem Sexu­al­straf­recht, mit einer Her­ab­set­zung des Schutz­al­ters von Jugend­li­chen und mit Straf­frei­heit für sexu­elle Kon­takte zwi­schen Erwach­se­nen und Min­der­jäh­ri­gen öffent­lich unter­stüt­zen. Zumin­dest einige die­ser Peti­tio­nen wur­den unter­zeich­net bzw. unter­stützt von Jean-Paul Satre, Simone de Beau­voir, Michel Fou­cault oder Guy Hocquenghem.

Inter­na­tio­nale gesell­schafts­po­li­ti­sche Ent­wick­lun­gen auch Thema in Muehl-Kommune

Meh­rere der­ar­tige Peti­tio­nen (und Briefe) wur­den auch in bekann­ten und reich­wei­ten­star­ken Zei­tun­gen wie etwa „Le Monde“ ver­öf­fent­licht. 1978 dis­ku­tier­ten dann Fou­cault, Hoc­queng­hem und der Jurist Jean Danet im fran­zö­si­schen Radio aus­führ­lich über das Sexu­al­straf­recht, die Her­ab­set­zung des Schutz­al­ters für Jugend­li­che und Para­me­ter der „Zustim­mung“ eines Kin­des. Diese Radio-Dis­kus­sion wurde spä­ter unter dem Titel „La Loi de la puder“ („Das Gesetz der Scham“) auch gedruckt publi­ziert. Alle diese Dis­kus­sio­nen und For­de­run­gen waren von einem grund­sätz­li­chen Miss­trauen gegen­über staat­li­cher Sexu­al­re­gu­lie­run­gen geprägt.

Diese Ereig­nisse und Ent­wick­lun­gen waren auch Thema in der Muehl-Kom­mune, die ab Mitte der 1970er-Jahre neben dem bur­gen­län­di­schen Fried­richs­hof auch in Wien, Mün­chen, Ber­lin, Ham­burg, Bre­men und Düs­sel­dorf sowie in Paris, Lyon, Nancy und Tou­louse sowie in Ams­ter­dam, Oslo, Stock­holm und Genf zusätz­li­che Stadt­kom­mu­nen unter­hielt. Am Höhe­punkt Anfang der 1980er-Jahre hatte die gesamte Kom­mune dann rund 700 Mit­glie­der. Die Kom­mune ist spä­tes­tens ab hier auch ein erfolg­rei­ches Unter­neh­men. Gemein­schafts­ei­gen­tum, gemein­same Arbeit, kol­lek­tive Kin­der­er­zie­hung sowie freie Sexua­li­tät und Selbst­dar­stel­lung sind ihre zen­tra­len Prin­zi­pien. Künst­le­ri­sche Dar­stel­lungs- und Aus­bil­dungs­for­men sind dabei ein wich­ti­ger Inhalt und wich­tige Ausdrucksformen.

Wie­ner Aktio­nis­mus Museum als Platt­form für neuen wis­sen­schaft­lich wie kunst­ku­ra­to­risch beglei­te­ten Dialog

Ab ca. 1985 wer­den laut ehe­ma­li­gen Kom­mu­nar­den Miss­brauchs­fälle von Min­der­jäh­ri­gen bzw. Kin­dern zu einem bestim­men­den Thema in der Kom­mune. 1988 wer­den sie nach einer Straf­an­zeige aus der Muehl-Kom­mune und einem Bericht des deut­schen Maga­zins „Stern“ öffent­lich. 1990 erfolgt die offi­zi­elle Auf­lö­sung der Kom­mune, 1991 folgt Ver­ur­tei­lung und Haft­an­tritt von Otto Muehl. Anfang der 2000er-Jahre äußert er sich in Inter­views mit meh­re­ren Medien: „Ich habe in der Kom­mune schon Feh­ler gemacht, aber in der Sexua­li­tät sicher nicht“ („Metropolis/​ARTE“, 2001). „Warum soll der Staat vor­schrei­ben, ab wann man Sex haben darf“ („FAZ“, 2004) oder „Ich bin kein Kin­der­schän­der. Das ist doch Blöd­sinn. Das waren alles ent­wi­ckelte Mäd­chen“ („Die Zeit“, 2004). 2010 ent­schul­digt sich Muehl für von „ihm ver­ur­sach­tes Leid“ anläss­lich einer Aus­stel­lung im Leo­pold Museum.

Enge Weg­be­glei­ter aus der Kom­mune und (zumin­dest) zahl­rei­che Kin­der der Muehl-Kom­mune sehen das anders. Erwähnt wer­den muss auch, dass WAM-Direk­tor Klaus Albrecht Schrö­der den Men­schen Otto Muehl als – Zitat: „wider­lich“ bezeich­net, auch öffent­lich, wie in der Pres­se­kon­fe­renz zur aktu­el­len Schau im WAM. Schrö­der bekräf­tigt dort aber noch­mals den natio­nal wie inter­na­tio­na­len Stel­len­wert der Kunst von Otto Muehl. Viel­leicht kann das Wie­ner Aktio­nis­mus Museum eine Platt­form sein für einen neuen wis­sen­schaft­lich wie kunst­ku­ra­to­risch beglei­te­ten Dia­log zwi­schen der Eltern­ge­nera­tion und ihren/​den ehe­ma­li­gen Kin­dern der Kom­mune. Im Inter­esse einer gemein­sa­men trans­pa­ren­ten Auf­ar­bei­tung, die dann auch Bezug zur Kunst von Otto Muehl nimmt.

„Hef­tig, aber inter­es­sant“ als Motto für die Zukunft

Als Mensch, der selbst jah­re­lange erzie­he­ri­sche und päd­ago­gi­sche Gewalt erlebte und ins­be­son­dere als Vater zweier Tee­nis erschüt­tern einen die auf­wüh­len­den Miss­brauchs-Erzäh­lun­gen von ehe­ma­li­gen Kom­mu­nar­den und Müt­tern betrof­fe­ner Kin­der. Auch die inten­si­ven Schil­de­run­gen der in der Kom­mune erleb­ten auto­ri­tä­ren Gewalt sind sehr bedrü­ckend. Gleich­zei­tig fas­zi­nie­ren Muehls Kunst­werke wie etwa die groß­ar­ti­gen Mate­ri­al­bil­der oder die Strahl­kraft der (Linien)Malereien aus den gegen­ständ­li­chen Zyklen „Erd­be­ben“ oder „Haus­halt“ (siehe auch Aus­stel­lungs­kri­tik „Eine über­aus beein­dru­ckende Kunst“). 

Die Tat­sa­che, dass der Wie­ner Aktio­nis­mus auch inter­na­tio­nal als eine der bes­ten künst­le­ri­schen Aus­drucks­for­men gilt, ist ein wei­te­rer Fak­tor. Es muss eine Lösung geben für den ver­ein­ten und trans­pa­ren­ten Umgang zwi­schen und vor allem mit Künst­ler und Werk. Bei der sei­ner­zei­ti­gen Eröff­nung des WAM hat mich meine damals gerade 15 gewor­dene Toch­ter beglei­tet. Zu sehen in der Aus­stel­lung waren unter ande­ren sehr ein­dring­li­che Foto­ar­bei­ten zu Aktio­nen mit und von Gün­ter Brus. Das abschlie­ßende Resü­mee mei­ner Toch­ter lau­tete: „Hef­tig, aber inter­es­sant“. Das könnte auch ein Motto für die Zukunft sein. (Chris­tian Czaak) (Anm. d. Redak­tion: nach ers­ter Erschei­nung wur­den auf Basis von Infor­ma­tio­nen aus der Genos­sen­schaft Zah­len zur Anzahl der Kin­der und Mit­glie­der der Genos­sen­schaft sowie wei­tere Stand­orte der Stadt­kom­mu­nen ergänzt)

Autor: red/czaak
14.09.2026

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Taschen­geld von Eltern oder Ver­wand­ten ist für junge Men­schen der Start im Umgang mit eige­nem Ver­mö­gen. Zum Schul­be­ginn unter­streicht der Finan­cial Life Park (FLiP) das Ler­nen von Ver­ant­wor­tung für einen bewuss­ten Umgang mit Geld.  Mit dem Schul­be­ginn erhal­ten viele Kin­der erst­mals regel­mä­ßig Taschen­geld oder über­neh­men mehr Ver­ant­wor­tung für ihr eige­nes Bud­get. Für den Finan­cial Life Park […]
Die Ver­läss­lich­keit von Open-Source-Soft­ware als Thema eines For­schungs­pro­jekts der Uni­ver­sity of Applied Sci­en­ces St. Pöl­ten. Wis­sen­schaft­ler ent­wi­ckeln Platt­form für mehr Sicher­heit und Trans­pa­renz. CroSSD2 umfasst aktu­ell 2.400 Open-Source-Pro­jekte mit rund 688.000 ana­ly­sier­ten Dokumenten. Open-Source-Soft­ware steckt heute in zahl­rei­chen digi­ta­len Anwen­dun­gen und Infra­struk­tu­ren. Gleich­zei­tig fehlt oft ein kla­rer Über­blick dar­über, wie sta­bil, sicher und nach­hal­tig ein­zelne […]
Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bank star­tet neue Initia­tive gegen Online-Betrug. Gemein­sam mit Uni Wien und Poli­zei­ex­per­ten soll mit Pro­jek­ten „Gene­ra­tio­nen gemein­sam sicher“ und „Pis­hing-Simu­la­tion“ junge wie ältere Men­schen für siche­res Online-Bezah­len und Betrugs­prä­ven­tion sen­si­bi­li­siert werden. Die Oes­ter­rei­chi­sche Natio­nal­bank (OeNB) star­tet mit „Gene­ra­tio­nen gemein­sam sicher“ und der „Phis­hing-Simu­la­tion“ zwei neue Pro­jekte, die Schü­ler und Senio­ren für siche­res Online-Bezah­len und […]
Lösun­gen gegen Hit­ze­be­las­tung an Öster­reichs Schu­len und Maß­nah­men zur Stär­kung der Kli­ma­re­si­li­enz als Schwer­punkte von AIT-Pro­jekt Cli­mate Ready Schools. Mes­sun­gen und Erhe­bun­gen an Öster­rei­chi­schen Schu­len mit prak­ti­scher Ein­bin­dung der Schü­ler zei­gen aku­ten Handlungsbedarf.  Hohe Tem­pe­ra­tu­ren beein­träch­ti­gen zuneh­mend den Schul­all­tag in Öster­reich. Wäh­rend Hit­ze­pe­ri­oden frü­her über­wie­gend in die Som­mer­fe­rien fie­len, tre­ten heiße Tage infolge des Kli­ma­wan­dels […]
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