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Europa hängt an der US-Nadel

Bei Tech­no­lo­gie und Kom­mu­ni­ka­tion ver­wen­det Europa nahezu aus­schließ­lich Pro­dukte und Dienste von US-Anbie­tern. Diese Abhän­gig­kei­ten betref­fen alle tech­no­lo­gi­schen Ebe­nen eines Betrie­bes und über die Betriebs­sys­teme von Smart-Pho­nes betref­fen sie zudem auch alle Privatpersonen.

Von welt­weit allen Com­pu­ter-Nut­zern ver­wen­den der­zeit rund 70 Pro­zent das Betriebs­sys­tem Win­dows von Micro­soft, rund 15 Pro­zent Mac-OS von Apple und rund 5 Pro­zent Linux (der Rest teilt sich auf andere kleine Sys­teme auf). 2010 hatte Microsoft/​Windows rund 80 Pro­zent, App­le/­Mac-OS rund 10 Pro­zent und Linux rund 2 Pro­zent. Für die Zukunft erwar­ten Markt­for­scher wei­tere Markt­an­teils­ge­winne für App­les Mac-OS und das gilt dann auch für die Hard­ware-Pro­dukte wie Desk­tops, Mac-Books oder I‑Pads.

Bei den welt­wei­ten Handy-Nut­zern ver­wen­den der­zeit rund 72 Pro­zent Goo­gles Android (neben Europa auch Asien, Afrika und Süd­ame­rika) und 27 Pro­zent App­les iOS (neben Europa auch Nord­ame­rika und Japan). Das Handy-Betriebs­sys­tem Harm­ony von Hua­wai aus China ist nur in Tei­len Chi­nas rele­vant. Wei­tere Handy-Sys­teme wie KaiOS (Afrika und Indien) sowie Sailfish OS (staat­li­che Nut­zung Finn­land) und Ubuntu Touch (nur Linux-Tech-Afi­ci­o­na­dos) sind kleine Nischenplayer.

Die fünf Schich­ten der Abhängigkeiten

Um nun die Ver­letz­lich­keit von Europa in Ver­bin­dung mit der Domi­nanz von US-Anbie­tern dar­zu­stel­len ist es hilf­reich, die digi­tale Welt als eine Art Schich­ten­mo­dell zu sehen. Für die Berei­che Unter­neh­men und Ver­wal­tung bestehen diese Schich­ten aus den Seg­men­ten Netz­werke (inklu­sive Rou­ter und Swit­ches), Betriebs­sys­teme und Platt­for­men, Daten und Kom­mu­ni­ka­tion sowie Cloud-Dienste und Rechenzentren.

Bei den betrieb­li­chen Netz­wer­ken und ‑Kom­po­nen­ten sowie im wich­ti­gen (ver­bin­den­den) Back­bone-Bereich domi­niert der US-Anbie­ter Cisco, seit Jahr­zehn­ten die welt­weite Num­mer 1 mit einem (hier geschätz­ten) Markt­an­teil von rd. 76 Pro­zent. Nen­nens­wert hier auch Juni­per Net­works (rund 7 Pro­zent Markt­an­teil) als zwei­ter rele­van­ter US-Anbieter. 

Der beson­ders kri­ti­sche Netzwerk-Bereich

Cisco und Juni­per ver­ant­wor­ten neben gro­ßen Fir­men-Netz­wer­ken eben auch die wich­ti­gen Back­bones von Inter­net-Ser­vice-Pro­vi­dern (ISPs) und dazu Rechen­zen­tren für Cloud-Ser­vices, hier auch für die soge­nann­ten Hypers­ca­ler wie Microsoft/​Azure, Google-Cloud oder Ama­zon Web Services/​aws). Ohne Dienste von Cisco oder Juni­per fließt kein ein­zi­ges Byte von A nach B !

Klei­nere Netz­werk-Anbie­ter für Europa sind dann noch die chi­ne­si­sche Hua­wai, Finn­lands Nokia (beson­ders für Tele­kom-Infra­struk­tur/­Car­rier und 5G-Netze), Aruba vom US-Anbie­ter HPE/Hew­lett-Packard Enter­pri­ses (stark bei WLAN, Mit­tel­stand, Behör­den, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen) und der US-Anbie­ter Ubi­quiti (für Klein­be­triebe). Wich­tig im euro­päi­schen Markt für pri­vate Heim-Netz­werke bzw. ‑Rou­ter sind TP-Lin­k/China, Netgear/​US (Bereich Gam­ing) und AVM (FRITZ!Box, Deutschland).

US-Mono­pol-Stel­lung bei Betriebs­sys­te­men für Com­pu­ter und Handys

Die nächste Schicht bzw. Ebene betrifft die Betriebs­sys­teme. Wie ein­gangs ange­führt haben die US-Anbie­ter Micro­soft (Win­dows) und Apple (Mac-OS) eine Mono­pol-Stel­lung. Mit zusam­men 85 Pro­zent Anteil beherr­schen sie den euro­päi­schen Markt. Das „offene“ Betriebs­sys­tem Linux hat hier einen Markt­an­teil von rund 5 Prozent. 

Noch stär­ker ist diese beherr­schende Mono­pol-Stel­lung der US-Anbie­ter wie ange­führt bei den Betriebs­sys­te­men für Smart-Pho­nes. Hier kom­men Google mit Android (62 Pro­zent) und Apple mit iOS (38 Pro­zent) auf zusam­men 100 Pro­zent in Europa. Wich­tig in die­sem Zusam­men­hang ist auch Betrieb (und Kon­trolle) der App-Stores, wo Google (Play-Store mit 46 Pro­zent Markt­an­teil beim Umsatz) und Apple (App-Store mit 53 Pro­zent) zusam­men ebenso den euro­päi­schen Markt beherrschen.

Die Berei­che Kom­mu­ni­ka­tion und Büro-Software

Als nächs­tes im Schicht­mo­dell folgt die Ebene Kom­mu­ni­ka­tion und Daten­ma­nage­ment. Das betrifft ein­mal klas­si­sche Berei­che wie E‑Mail, Office-Pro­gramme, Chat-Pro­gramme und Video­kon­fe­ren­zen und ent­spre­chend (wie­derum) pri­mär US-Anbie­ter wie Micro­soft, Google, Apple und IBM (Lotus Notes). Bei betrieb­li­chen Anwen­dern hat Micro­soft einen Markt­an­teil von rund 85 Pro­zent. Die rest­li­chen 15 Pro­zent tei­len sich die ande­ren genann­ten US-Anbie­ter auf, wobei Google (zB. Google Docs) hier führt.

Inter­es­sant in dem Bereich ist die zuneh­mend beliebte Nut­zung von web-basier­ter Büro-Soft­ware und auch hier füh­ren Google (Workspace) mit rund 50 Pro­zent Markt­an­teil und Micro­soft (MS 365 Web) mit rund 45 Pro­zent. Den Rest tei­len sich wei­tere US-Anbie­ter wie Apple (iWork) oder Libre­Of­fice (Open Office) auf. Zusam­men­ge­fasst läuft also die kom­plette, die kom­plette ope­ra­tive Büro-Kom­mu­ni­ka­tion mit den dazu­ge­hö­ri­gen Daten­über­tra­gun­gen zu 100 Pro­zent über US-Anbieter.

Bran­chen­spe­zi­fi­sche und betriebs­in­terne Software-Programme

Erwäh­nens­wert im Zusam­men­hang mit dem Thema betrieb­li­ches Daten­ma­nage­ment sind dann auch spe­zi­elle unter­neh­mens­in­terne Soft­ware-Pro­gramme etwa für Finanz- und Rech­nungs­we­sen (ERP) oder im Gesund­heits­be­reich für das Pati­en­ten­ma­nage­ment (iSH-Med) und für diese Berei­che wer­den dann oft­mals auch die Anwen­dun­gen von SAP als deut­sches Soft­ware-Unter­neh­men genutzt. 

Bis 2024 führte SAP hier nach Umsät­zen, nun liegt Ora­cle als wei­te­rer US-Anbie­ter (auch betr. Thema Daten­ban­ken) an ers­ter Stelle. Und für die betrieb­li­chen Berei­che Mar­ke­ting und Ver­trieb (CRM) ist man dann bei einer wei­te­ren markt­füh­ren­den US-Tech-Com­pany namens Salesforce. 

Social Media als Kommunikationsplattform

Zum Bereich Kom­mu­ni­ka­tion und Daten, betrieb­lich bzw. beruf­lich und auch pri­vat, gehö­ren mitt­ler­weile aber auch die soge­nann­ten Sozia­len Medien wie etwa Face­book, Insta­gram, Whats­App oder Lin­ke­dIn. Die betrei­ben­den (und Daten-spei­chern­den) Eigen­tü­mer sind hier, rich­tig, wie­derum aus­schließ­lich US-Kon­zerne wie Meta (Face­book, Insta­gram, Whats­App) und Micro­soft (Lin­ke­dIn). Rele­vant im Bereich jün­ge­rer Nut­zer ist hier noch Tik­Tok des China-Kon­zern ByteDance.

Zur Info auch hier die Markt­an­teile mit 3 Mil­li­ar­den Nut­zern für Face­book (welt­weit 45 Pro­zent Markt­an­teil), 2,1 Mil­li­ar­den für Insta­gram (31 Pro­zent) und 1,7 Mil­li­ar­den für Tik­Tok (24 Pro­zent mit star­kem Wachs­tum). Für Europa bedeu­tet das 410 Mil­lio­nen Nut­zer bei Face­book (45 Pro­zent Markt­an­teil), 320 Mil­lio­nen bei Insta­gram (35 Pro­zent) und 160 Mil­lio­nen bei Tik­Tok (rund 20 Pro­zent Markt­an­teil). Bei jün­ge­ren Nut­zern liegt Tik­Tok an ers­ter Stelle und Face­book nimmt stark ab. Bei älte­ren Nut­zern ist es umge­kehrt. Ins­ge­samt kon­trol­liert Meta (Face­book, Insta­gram) in Europa einen Markt­an­teil von 82 Pro­zent der Social Media Nutzer. 

Daten­spei­che­rung und Cloud-Dienste als wei­tere kri­ti­sche Themen

Als letzte Ebene im Schicht­mo­dell fol­gen nun die Berei­che Daten­spei­che­rung und Cloud. Die wich­tigs­ten Anbie­ter mit den dazu­ge­hö­ri­gen Anwen­dun­gen für betrieb­li­che und insti­tu­tio­nelle Kun­den aus den Bereich Wirt­schaft, Kri­ti­sche Infra­struk­tur und Ver­wal­tung kom­men auch aus den USA. Es sind die US-Tech-Rie­sen Ama­zon Web Services/​aws mit einem glo­ba­len Markt­an­teil von rund 30 Pro­zent, Azure von Micro­soft mit rund 20 Pro­zent und Google Cloud mit rund 13 Pro­zent. Den Rest des glo­ba­len Cloud-Mark­tes tei­len sich Ora­cle, IBM und Ali­baba (China) auf.

In Europa hal­ten die größ­ten Markt­an­teile aws (32 Pro­zent), vor Azur/​Microsoft (30 Pro­zent) und Google Cloud (12 Pro­zent). In Summe lie­gen also min­des­tens 74 Pro­zent der wich­ti­gen Daten aus Betrie­ben, Insti­tu­tio­nen und Ver­wal­tung bei US-Cloud-Anbie­tern. Aber auch bei den rest­li­chen 26 Pro­zent sind US-Anbie­ter wie Ora­cle oder IBM ver­tre­ten. Dazu kom­men hier dann erst­mals auch euro­päi­sche Anbie­ter wie eine Deut­sche Tele­kom und T‑Systems oder die fran­zö­si­sche OVH­cloud sowie natio­nale Anbie­ter wie A1, Faba­soft oder Kapsch, äh, CAN­COM Austria. 

Zwi­schen 85 Pro­zent und 100 Prozent

Die finale Zusam­men­fas­sung für Euro­pas Abhän­gig­kei­ten von US-Com­pa­nies bei Tech­no­lo­gien und ver­wand­ten Dienst­leis­tun­gen lau­tet nun – in der Chro­no­lo­gie des ange­führ­ten Schich­ten-Modells : 85 Pro­zent der Betriebs­sys­teme von Com­pu­tern kom­men von (zwei) US-Anbie­tern. 99 Pro­zent der Betriebs­sys­teme von Smart-Pho­nes kom­men von (zwei) US-Com­pa­nies. Ebenso von die­sen zwei US-Com­pa­nies wer­den die für die mobile Kom­mu­ni­ka­tion über Smart-Pho­nes not­wen­di­gen Apps & App-Stores kontrolliert.

Über 85 Pro­zent der Netz­wer­ke/-Kom­po­nen­ten kom­men von (drei) US-Com­pa­nies. 100 Pro­zent der Anwen­dun­gen für die klas­si­sche Büro-Kom­mu­ni­ka­tion und Daten­über­tra­gung kom­men von (vier) US-Com­pa­nies, 85 Pro­zent davon kommt von einem/​1 US-Kon­zern. Bei unter­neh­mens­in­ter­nen/-spe­zi­fi­schen Daten-/Soft­ware-Anwen­dun­gen (ERP und CRM) füh­ren nun erst­mals auch zwei US-Companies. 

Über alle Berei­che eine Abhän­gig­keit von 91 Prozent

Bei Social Media führt mit 80 Pro­zent ein/​1 US-Kon­zern, vor einer China-Com­pany für die rest­li­chen 20 Pro­zent. Und bei den wich­ti­gen Cloud-(Daten)Diensten für Unter­neh­men und Ver­wal­tung sind es über 80 Pro­zent in der Hoheit von (fünf) US-Tech-Com­pa­nies. Rech­net man alle ange­führ­ten Berei­che und Dienste und Pro­zent­werte zusam­men, dann sind Euro­pas Unter­neh­men, seine Behör­den und die euro­päi­schen Bür­ger zu 91 Pro­zent abhän­gig von US-Tech-Anbietern.

Diese Abhän­gig­keit betrifft im Wesent­li­chen eine Hand­voll US-Kon­zerne und ins­be­son­dere ihre US-Admi­nis­tra­tion mit nahezu unein­ge­schränk­ter Macht über aktu­ell gel­tende Regu­la­rien wie Cloud-Act oder FISA. Was diese Abhän­gig­kei­ten in der Pra­xis bedeu­ten kann, erör­tern wir im Text „Die stän­dige Gefahr des Abdre­hens“. (red/​rucz, red/​laucz, red/​cc)

Autor: (red/rucz, red/laucz, red/cc)
15.12.2025

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