
Exzellenzbemühung mit Warteliste
Der Europäische Forschungsrat vergibt jedes Jahr eine Milliarde Euro für exzellente Grundlagenforschung. Nicht jeder Sieger bekommt Geld. Doch Nutzen zeigen die Preise mitunter auch ohne Finanzierung.
Österreich hat seine Titel- und Preisträger bekanntlich besonders lieb. Das schließt auch Wissenschaftler nicht aus. Wenn jene unter rot-weiß-roter Flagge EU-Gelder nach Hause holen, werden sie bei Galaempfängen geehrt und mit Sonderbriefmarken bedacht.
Auch von Silke Bühler-Paschen, Leiterin des Instituts für Festkörperphysik an der Technischen Universität (TU) Wien, gibt es eine Sonderbriefmarke. Die Physikerin ging bei der Ausschreibung zum Advanced Investigators Grant des European Research Council (ERC) siegreich hervor. Die Belohnung : zwei Mio. Euro verteilt auf fünf Jahre, um Teilverhalten am absoluten Nullpunkt und damit zusammenhängend eine neue Energieskala zu erforschen. Über das Ansehen des Preises hierzulande freut sie sich. „Ich weiß aber nicht, ob das auch in anderen Ländern so viel gilt“, lenkt Bühler-Paschen ein.
Falko Netzer, Professor am Institut für Experimentalphysik der Technischen Universität Graz, hat zwei bis drei Monate Arbeit in seinen ARC-Antrag gesteckt. Der erfolgreiche Zuschlag bedeutet für ihn, bis zu sieben Forscher beschäftigen und sein Thema – Nanostrukturen in Reaktion mit Sauerstoff – kräftig vorantreiben zu können. Die Auszeichnung kommt für Netzer einer „Art Wittgensteinpreis“ gleich : „Man ist damit unter den top fünf oder zehn Prozent der europäischen Forscher.“
Wider die Abwanderung
Mit der Schaffung des ERC rang sich die EU erstmals dazu durch, dem Brain Drain, der aussichtsreiche Wissenschaftler insbesondere in Richtung USA treibt, ansehnlich dotierte Forschungsförderungen entgegenzusetzen. Mit den Preisen Starting Independent Researcher Grant und der Version für international etablierte Forscher, dem Advanced Investigators Grant, wurden ausbaufähige Strukturen geschaffen. Bei den Ausschreibungen sind auch Wissenschaftler außerhalb Europas willkommen. Ausgegeben muss das Geld der personenbezogenen Preise freilich in Europa werden. Erste – wenngleich vorsichtige – Erfolge gibt es bereits zu verzeichnen : Insgesamt sechs Advanced-Gewinner kommen mit ihrem Preis in die EU, drei darunter, so vergisst das ERC nicht herauszustreichen, sind US-Amerikaner.
22 Räte, 27 Staaten
Der Europäische Forschungsrat gilt als Etappensieg gegen den oftmals für typisch gehaltenen Proporz in der Union. Ernst-Ludwig Winnacker, seit Anfang 2007 Generalsekretär des ERC, nennt die Anzahl der wissenschaftlichen Räte als Argument, dass die Exzellenz der Anträge entscheide und sonst nichts : 22 Forschungsräte aus derzeit 16 Ländern gibt es, jedoch 27 EU-Staaten. Ein Schlüssel, wonach etwa EU-Nettozahler mehr bekommen, existiert nicht.
Verteilt wird jährlich eine Mrd. Euro. Bis 2013 sollen es laut Präsident Fotis Kafatos 1,7 Milliarden sein. Danach erwartet er sich eine geradezu sprunghafte Erhöhung, sodass bis 2020 in etwa das Budget der National Institutes of Health (NIH), der größten Forschungsförderungsstelle für Lebenswissenschaften in den USA, erreicht wird. Noch sind die Unterschiede allerdings augenfällig. Immerhin verteilen die NIH derzeit an die 30 Mrd. Dollar pro Jahr.
Das siebente Forschungsrahmenprogramm hält Bühler-Paschen, etwa im Vergleich zu den Ausgaben für Landwirtschaft oder Straßenbau, für unterdotiert. „Größere Sorge bereitet mir aber, dass zu viel Geld in der Administration verschwendet wird“, so die Wissenschaftlerin. Kritik, die viele Forscher ins Treffen führen : Der geradezu berüchtigt hohe Verwaltungsaufwand rund um EU-Projekte lässt die Fördergelder schmelzen.
Exzellente Wartelisten
Die Preise des ERC sind heiß begehrt. Beim ersten Aufruf zu den Starting Grants etwa – derzeit geht die Frist der zweiten Runde zu Ende – gab es mehr als 9000 Einreichungen und vorerst nur Geld, um 200 Zuschläge zu finanzieren. Der hohe Konkurrenzdruck hat dabei nicht immer sein Gutes. „Da ist dann schon ein bestimmtes Maß an Willkür dabei“, sagt Nanoforscher Netzer. Angesichts des großen Andrangs würde es manchmal genügen, wenn einem einzigen Gutachter etwas nicht gefiele. Weitere 229 Jungforscher erfüllten zwar die Exzellenzkriterien, stehen aus Geldmangel aber auf der Warteliste. Einige Staaten sind daher dazu übergegangen, ihre Kandidaten auf nationaler Ebene zu finanzieren, und können auf diese Weise zumindest die Kosten für die wissenschaftlichen Gutachter sparen.
Frank Verstraete, Professor am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation an der Universität Wien, steht auf der Warteliste. Die Exzellenzkriterien des Starting Grants erfüllt sein Antrag, Bescheid über eine Finanzierung gibt es noch keinen. Und Österreich ist keines der Länder, das beim ERC leer ausgegangene Sieger automatisch finanziert. Die Tendenz scheint eher umgekehrt.
„Der FWF möchte sich Geld sparen“, vermutet Netzer. So werden Bewerber der mit 1,5 Mio. Euro dotierten Jungforscherförderung „Start“ angehalten, den Antrag auch beim ERC einzureichen. „Im Falle der Zuerkennung beider Förderungen sollen die Start-Preismittel größtenteils zurückgelegt und die Förderung im Rahmen des ERC in Anspruch genommen werden“, führt Mario Mandel vom Wissenschaftsfonds aus.
Trotz allem ist Quantentheoretiker Verstraete überzeugt, dass Finanzierungen derzeit in Europa leichter zu bekommen sind als in den USA. Insgesamt freut sich der Forscher über den „Luxus“, dass überhaupt Geld in Grundlagenforschung investiert würde : „Immerhin handelt es sich dabei um eine längerfristige Verpflichtung“, schmunzelt er. Die Auszeichnung des ERC zeige bereits Nutzen für ihn – trotz fehlender Finanzierung : Der Preis verbessert die Sichtbarkeit innerhalb der wissenschaftlichen Community. Verstraete : „Das ist das Who’s who europäischer Forscher. Und das ist fast noch wichtiger als Geld, weil es gute Studenten anzieht.“