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Donnerstag, 15.01.2026 | 12:54

Exzel­lenz­be­mü­hung mit Warteliste

Der Euro­päi­sche For­schungs­rat ver­gibt jedes Jahr eine Mil­li­arde Euro für exzel­lente Grund­la­gen­for­schung. Nicht jeder Sie­ger bekommt Geld. Doch Nut­zen zei­gen die Preise mit­un­ter auch ohne Finanzierung.

Öster­reich hat seine Titel- und Preis­trä­ger bekannt­lich beson­ders lieb. Das schließt auch Wis­sen­schaft­ler nicht aus. Wenn jene unter rot-weiß-roter Flagge EU-Gel­der nach Hause holen, wer­den sie bei Gala­emp­fän­gen geehrt und mit Son­der­brief­mar­ken bedacht.
Auch von Silke Büh­ler-Paschen, Lei­te­rin des Insti­tuts für Fest­kör­per­phy­sik an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät (TU) Wien, gibt es eine Son­der­brief­marke. Die Phy­si­ke­rin ging bei der Aus­schrei­bung zum Advan­ced Inves­ti­ga­tors Grant des Euro­pean Rese­arch Coun­cil (ERC) sieg­reich her­vor. Die Beloh­nung : zwei Mio. Euro ver­teilt auf fünf Jahre, um Teil­ver­hal­ten am abso­lu­ten Null­punkt und damit zusam­men­hän­gend eine neue Ener­gieskala zu erfor­schen. Über das Anse­hen des Prei­ses hier­zu­lande freut sie sich. „Ich weiß aber nicht, ob das auch in ande­ren Län­dern so viel gilt“, lenkt Büh­ler-Paschen ein.
Falko Net­zer, Pro­fes­sor am Insti­tut für Expe­ri­men­tal­phy­sik der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz, hat zwei bis drei Monate Arbeit in sei­nen ARC-Antrag gesteckt. Der erfolg­rei­che Zuschlag bedeu­tet für ihn, bis zu sie­ben For­scher beschäf­ti­gen und sein Thema – Nano­struk­tu­ren in Reak­tion mit Sau­er­stoff – kräf­tig vor­an­trei­ben zu kön­nen. Die Aus­zeich­nung kommt für Net­zer einer „Art Witt­gen­stein­preis“ gleich : „Man ist damit unter den top fünf oder zehn Pro­zent der euro­päi­schen Forscher.“

Wider die Abwanderung
Mit der Schaf­fung des ERC rang sich die EU erst­mals dazu durch, dem Brain Drain, der aus­sichts­rei­che Wis­sen­schaft­ler ins­be­son­dere in Rich­tung USA treibt, ansehn­lich dotierte For­schungs­för­de­run­gen ent­ge­gen­zu­set­zen. Mit den Prei­sen Start­ing Inde­pen­dent Rese­ar­cher Grant und der Ver­sion für inter­na­tio­nal eta­blierte For­scher, dem Advan­ced Inves­ti­ga­tors Grant, wur­den aus­bau­fä­hige Struk­tu­ren geschaf­fen. Bei den Aus­schrei­bun­gen sind auch Wis­sen­schaft­ler außer­halb Euro­pas will­kom­men. Aus­ge­ge­ben muss das Geld der per­so­nen­be­zo­ge­nen Preise frei­lich in Eu­ropa wer­den. Erste – wenn­gleich vor­sich­tige – Erfolge gibt es bereits zu ver­zeich­nen : Ins­ge­samt sechs Advan­ced-Gewin­ner kom­men mit ihrem Preis in die EU, drei dar­un­ter, so ver­gisst das ERC nicht her­aus­zu­strei­chen, sind US-Amerikaner.

22 Räte, 27 Staaten
Der Euro­päi­sche For­schungs­rat gilt als Etap­pen­sieg gegen den oft­mals für typisch gehal­te­nen Pro­porz in der Union. Ernst-Lud­wig Win­na­cker, seit Anfang 2007 Gene­ral­se­kre­tär des ERC, nennt die Anzahl der wis­sen­schaft­li­chen Räte als Argu­ment, dass die Exzel­lenz der Anträge ent­scheide und sonst nichts : 22 For­schungs­räte aus der­zeit 16 Län­dern gibt es, jedoch 27 EU-Staa­ten. Ein Schlüs­sel, wonach etwa EU-Net­to­zah­ler mehr bekom­men, exis­tiert nicht.
Ver­teilt wird jähr­lich eine Mrd. Euro. Bis 2013 sol­len es laut Prä­si­dent Fotis Kaf­a­tos 1,7 Mil­li­ar­den sein. Danach erwar­tet er sich eine gera­dezu sprung­hafte Erhö­hung, sodass bis 2020 in etwa das Bud­get der Natio­nal Insti­tu­tes of Health (NIH), der größ­ten For­schungs­för­de­rungs­stelle für Lebens­wis­sen­schaf­ten in den USA, erreicht wird. Noch sind die Unter­schiede aller­dings augen­fäl­lig. Immer­hin ver­tei­len die NIH der­zeit an die 30 Mrd. Dol­lar pro Jahr.
Das sie­bente For­schungs­rah­men­pro­gramm hält Büh­ler-Paschen, etwa im Ver­gleich zu den Aus­ga­ben für Land­wirt­schaft oder Stra­ßen­bau, für unter­do­tiert. „Grö­ßere Sorge berei­tet mir aber, dass zu viel Geld in der Admi­nis­tra­tion ver­schwen­det wird“, so die Wis­sen­schaft­le­rin. Kri­tik, die viele For­scher ins Tref­fen füh­ren : Der gera­dezu berüch­tigt hohe Ver­wal­tungs­auf­wand rund um EU-Pro­jekte lässt die För­der­gel­der schmelzen.

Exzel­lente Wartelisten
Die Preise des ERC sind heiß begehrt. Beim ers­ten Auf­ruf zu den Start­ing Grants etwa – der­zeit geht die Frist der zwei­ten Runde zu Ende – gab es mehr als 9000 Ein­rei­chun­gen und vor­erst nur Geld, um 200 Zuschläge zu finan­zie­ren. Der hohe Kon­kur­renz­druck hat dabei nicht immer sein Gutes. „Da ist dann schon ein bestimm­tes Maß an Will­kür dabei“, sagt Nano­for­scher Net­zer. Ange­sichts des gro­ßen Andrangs würde es manch­mal genü­gen, wenn einem ein­zi­gen Gut­ach­ter etwas nicht gefiele. Wei­tere 229 Jung­for­scher erfüll­ten zwar die Exzel­lenz­kri­te­rien, ste­hen aus Geld­man­gel aber auf der War­te­liste. Einige Staa­ten sind daher dazu über­ge­gan­gen, ihre Kan­di­da­ten auf natio­na­ler Ebene zu finan­zie­ren, und kön­nen auf diese Weise zumin­dest die Kos­ten für die wis­sen­schaft­li­chen Gut­ach­ter sparen.
Frank Ver­straete, Pro­fes­sor am Insti­tut für Quan­ten­op­tik und Quan­ten­in­for­ma­tion an der Uni­ver­si­tät Wien, steht auf der War­te­liste. Die Exzel­lenz­kri­te­rien des Start­ing Grants erfüllt sein Antrag, Bescheid über eine Finan­zie­rung gibt es noch kei­nen. Und Öster­reich ist kei­nes der Län­der, das beim ERC leer aus­ge­gan­gene Sie­ger auto­ma­tisch finan­ziert. Die Ten­denz scheint eher umgekehrt.
„Der FWF möchte sich Geld spa­ren“, ver­mu­tet Net­zer. So wer­den Bewer­ber der mit 1,5 Mio. Euro dotier­ten Jung­for­scher­för­de­rung „Start“ ange­hal­ten, den Antrag auch beim ERC ein­zu­rei­chen. „Im Falle der Zuer­ken­nung bei­der För­de­run­gen sol­len die Start-Preis­mit­tel größ­ten­teils zurück­ge­legt und die För­de­rung im Rah­men des ERC in Anspruch genom­men wer­den“, führt Mario Man­del vom Wis­sen­schafts­fonds aus.
Trotz allem ist Quan­ten­theo­re­ti­ker Ver­straete über­zeugt, dass Finan­zie­run­gen der­zeit in Europa leich­ter zu bekom­men sind als in den USA. Ins­ge­samt freut sich der For­scher über den „Luxus“, dass über­haupt Geld in Grund­la­gen­for­schung inves­tiert würde : „Immer­hin han­delt es sich dabei um eine län­ger­fris­tige Ver­pflich­tung“, schmun­zelt er. Die Aus­zeich­nung des ERC zeige bereits Nut­zen für ihn – trotz feh­len­der Finan­zie­rung : Der Preis ver­bes­sert die Sicht­bar­keit inner­halb der wis­sen­schaft­li­chen Com­mu­nity. Ver­straete : „Das ist das Who’s who euro­päi­scher For­scher. Und das ist fast noch wich­ti­ger als Geld, weil es gute Stu­den­ten anzieht.“

Autor:
24.04.2009

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