
Fachkräftemangel bleibt betrieblicher Risikofaktor
Sechs von zehn Unternehmen betrachten Fachkräftemangel als ersten Risikofaktor für das eigene Wachstum. Größte Rekrutierungsschwierigkeiten hat Industrie. Künstliche Intelligenz kann immer öfter Abhilfe schaffen.
Der heimische Mittelstand steht auch in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten mehrheitlich für Resilienz und Innovation und mit Unterstützung digitaler Dienste dann für neue Wertschöpfung. Trotzdem gibt es auch hier Faktoren, die Wachstum bremsen und dazu gehört der Fachkräftemangel. Sechs von zehn Unternehmen zählen dieses Thema zu den größten Gefahren, ebenso wie wirtschaftlicher Abschwung (59 Prozent), hohe Energiepreise (56) und Inflation (63 Prozent).
Knapp drei Viertel der mittelständischen Betriebe haben nach eigenen Angaben weiterhin Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden. Besonders akut ist der Fachkräftemangel derzeit in der Industrie (85 Prozent) und im Bereich Immobilien und Baugewerbe (71). Auch kleinere Unternehmen mit einem Umsatz von unter zehn Millionen Euro tun sich schwer (rund 40 Prozent).
Aufwärtstrend mit positiven Beschäftigungssignalen
„Auch wenn die große Mehrheit immer noch Schwierigkeiten hat, geeignetes Fachpersonal zu finden, zeigt sich ein Aufwärtstrend mit positiven Beschäftigungssignalen. Verhaltener Optimismus lautet die Devise – auch wenn bei jedem zweiten mittelständischen Betrieb aktuell Stellen unbesetzt sind“, sagt Erich Lehner von EY Österreich. Basis für die Daten ist das seit 2008 regelmäßig erhobene EY-Mittelstandbarometer mit Befragung von Betrieben zwischen 30 und 2.000 Mitarbeitenden.
Unbesetzte Stellen gibt es aktuell bei der Hälfte der befragten Unternehmen. Besonders hoch bei den Dienstleistern (inkl. Finanz) sowie Soziales, Wissenschaft und Bildung. Am geringsten ist der Anteil an vakanten Stellen im Sektor Transport/Verkehr/Energie. Fast jedes vierte Unternehmen mit freien Stellen, hat Vakanzen im Bereich der Produktion, 17 Prozent im Bereich Marketing, Vertrieb und Kundendienst. Am seltensten sind unbesetzte Stellen in den Bereichen Finanzen sowie Geschäftsführung/Vorstand.
Ambivalente Situation bei neuen Stellen und bei Stellenabbau
Auch wenn die Zahlen zeigen, dass es viele unbesetzte Stellen zu füllen gibt, plant ein Viertel der mittelständischen Betriebe in den kommenden Monaten zusätzliche Stellen zu schaffen. Gleichzeitig wollen nur noch 13 Prozent der befragten Unternehmen ihre Mitarbeiterzahl reduzieren, deutlich weniger als zuletzt.
Für die kommenden sechs Monate dürfte damit die Beschäftigungsdynamik im Mittelstand spürbar stärker ausfallen als in den vergangenen zwei Jahren, vor allem der Bereich Soziales, Wissenschaft und Bildung plant, neue Positionen zu schaffen. Im Gegenteil dazu möchte ein Viertel der Mittelständler aus der Sparte Immobilien & Baugewerbe Positionen streichen.
Weitere Verschärfung erwartet und Umsatzeinbußen als Auswirkung
Der Fachkräftemangel wird die österreichischen Mittelständler aber noch länger beschäftigen : 74 Prozent rechnen mit einer weiteren Verschärfung in den kommenden Jahren. Besonders pessimistisch sind aktuell Unternehmen aus dem Bereich Transport/Verkehr/Energie (84 Prozent), am wenigsten pessimistisch sind Finanz- und andere Dienstleister (61 Prozent).
Vier von zehn der befragten mittelständischen Unternehmen geben an, infolge des Fachkräftemangels Umsatzeinbußen zu verzeichnen bzw. nicht alle Umsatzpotenziale realisieren zu können. 14 Prozent davon sogar erheblich, doppelt so viele wie im Vorjahr. Besonders betroffen sind Finanz- und andere Dienstleister und der Bereich Transport/Verkehr/Energie (zusammen knapp über 40 Prozent).
Stark gestiegene Rekrutierungskosten und keine Bereitschaft für Vollzeit
Zu schaffen machen dem heimischen Mittelstand teilweise stark gestiegene Such- und Rekrutierungskosten : Bei 45 Prozent der Unternehmen sind in den vergangenen fünf Jahren diese Kosten gestiegen, bei nur vier Prozent sind sie gesunken. Im Durchschnitt gab es einen Kostenzuwachs um rund neun Prozent, vor allem im Tourismus.
Als wichtigsten Grund für den Fachkräftemangel in österreichischen Unternehmen machen die befragten Betriebe die mangelnde Bereitschaft aus, in Vollzeit zu arbeiten. Zweitwichtigster Grund ist eine unzureichende Ausbildung und Qualifikation der Bewerbenden. Nur jeder sechste Betrieb nennt als einen wichtigen Grund für den aktuellen Fachkräftemangel eine unzureichende Unterstützung seitens der Regierung.
Erwartungen an Politik und KI als Chance
Die mittelständischen Betriebe stellen auch Anforderungen an die Politik. Jeder zweite Befragte wünscht sich von der Regierung eine Bildungsförderung für qualifizierte Fachkräfte, rund ein Drittel erwartet sich eine verstärkte staatliche Förderung von Weiterbildungsmaßnahmen. Eine gezielte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften wird von gut jedem vierten Mittelständler gefordert.
Die große Mehrheit der befragten Mittelständler (70 Prozent) sieht keine Möglichkeiten, KI im eigenen Unternehmen so einzusetzen, dass es die Auswirkungen des Fachkräftemangels abmildert. Jedes zehnte Unternehmen setzt KI hierfür allerdings bereits ein und weitere 20 Prozent halten den Einsatz von KI in diesem Bereich für wirksam. Am weitesten verbreitet ist der Einsatz von KI zum Zwecke der Abmilderung des Fachkräftemangels bei Finanz- und anderen Dienstleistern, gefolgt vom Tourismus.
Regionale Unterschiede deutlich
Der Blick in die Bundesländer zeigt, dass etwa in Tirol vier von zehn Unternehmen die Stellen auszuweiten möchten und dafür auch viel Geld in die Hand nehmen. Unternehmen in Tirol verzeichnen den höchsten durchschnittlichen Anstieg der Such- und Rekrutierungskosten, Unternehmen im Burgenland und in Wien sowie Vorarlberg den geringsten. Vom Fachkräftemangel aktuell am stärksten betroffen ist Kärnten. Am leichtesten ist die Recruitinglage derzeit für die Steiermark und Wien.
Im Burgenland sind die wenigsten Arbeitsplätze zu besetzen. Die meisten Streichungen sind in Vorarlberg und dem Burgenland geplant. Damit sind diese beiden Bundesländer die einzigen in ganz Österreich mit negativer Beschäftigungsprognose. Die Unzufriedenheit mit den Regierungsmaßnahmen ist besonders weit verbreitet in der Steiermark (51 Prozent) und in Oberösterreich (41), in Wien ist nur ein Viertel negativ gestimmt. (red/rucz)