
Fast nur Frauen in Elternkarenz
Die Erwerbsverläufe von Müttern und Vätern nach der Geburt. Die Rolle der Qualifikation und die Bedeutung des Geschlechts. Eine neue Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beleuchtet das Thema Elternkarenz auf mehreren Ebenen.
Berufliche Karieren nach der Geburt des ersten Kindes. Unterschiedliche Erwerbsverläufe bei Vätern und Müttern nach der Geburt von Kindern und das Ausbildungsniveau mit gemessenen Kompetenzen als zusätzliches Kriterium. Forscher:innen des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) haben einen umfassende Befund zum Arbeitsmarktverhalten österreichischer Eltern rund um die Geburt des ersten Kindes erhoben.
Die aktuelle Analyse der ÖAW stützt sich auf eine neuartige Verknüpfung österreichischer Registerdaten, darunter Geburtenregister und tägliche Erwerbsverläufe zwischen 2009 und 2022, mit standardisierten Kompetenztests aus einem OECD-Programm (Anm. Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC)). Die Stichprobe umfasst 5.130 in Österreich lebende Personen der Geburtsjahrgänge 1942 bis 1997. Die Ergebnisse sind jetzt im Fachjournal Comparative Population Studies veröffentlicht.
Mütter durchschnittlich 416 Tage in Karenz, Väter neun Tage
Ein Ergebnis zeigt, dass Mütter durchschnittlich 416 Tage nach der ersten Geburt bezahlte Elternkarenz in Anspruch nehmen. Väter bleiben lediglich neun Tage zu Hause. Und viele Mütter bleiben dann noch über die Dauer der bezahlten Karenz hinaus zu Hause. Diese Unterschiede bestehen unabhängig davon, ob Eltern über hohe oder niedrige berufliche Kompetenzen verfügen. Zwar kommen hoch qualifizierte Frauen etwas schneller in den Arbeitsmarkt zurück als geringer qualifizierte, doch auch für sie ist Elternschaft meist mit langen Erwerbsunterbrechungen und einem Wiedereinstieg in Teilzeit verbunden.
„Geringer qualifizierte Mütter bleiben besonders lange außerhalb des Arbeitsmarkts, während hoch qualifizierte Mütter häufiger Bildungskarenz nutzten und ihre Erwerbsabwesenheit damit verlängern“, erläutert Sonja Spitzer, Demographin bei der ÖAW und Co-Autorin der aktuellen Studie. Für Väter bleibt der Übergang zur Elternschaft im Vergleich weitgehend ohne arbeitsmarkttechnische Konsequenzen. Auch Kompetenzunterschiede spielen bei ihnen nur eine geringe Rolle.
Nötige Debatte über Neuverteilung von Care-Arbeit und über Väterbeteiligung in frühkindlicher Betreuung
Beim Thema Qualifikation zeigt sich, dass auch hoch qualifizierte Männer nur selten Elternkarenz in Anspruch nehmen. Die beobachteten Muster zeigen sich konsistent über verschiedene soziale Gruppen hinweg, unabhängig von Bildungsniveau, Migrationshintergrund oder Wohnort, so weitere Ergebnisse der Studie. Bei den Karenzregelungen an sich bieten großzügige Auslegungen einerseits finanzielle Absicherung und Flexibilität, andererseits bzw. parallel können aber zugleich traditionelle Arbeitsteilungen verfestigen.
„Oft wird vorgeschlagen, die Folgen des demographischen Wandels und den Fachkräftemangel über eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen zu lösen, dabei wird jedoch übersehen, dass großzügige Karenzregelungen allein nicht ausreichen, solange gesellschaftliche Normen Mütter für lange Zeit aus dem Beruf drängen“, ergänzt Claudia Reiter, Forscherin bei der ÖAW und Leiterin der Studie. „Wir müssen über eine Neuverteilung von Care-Arbeit, über Väterbeteiligung und über frühkindliche Betreuung sprechen.“ (red/czaak)