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Donnerstag, 15.01.2026 | 12:54

Finanz­krise als Motor für Wissenschaft

Alex­an­der Stom­per : „Es gab eine Menge war­nen­der Stim­men der Wis­sen­schaft vor der Krise. Das Pro­blem ist, dass die Wis­sen­schaft­ler von den Poli­ti­kern nicht gehört wur­den.“ Der Wie­ner Finanz­wirt sieht die öster­rei­chi­sche Situa­tion stark von Ost­eu­ropa abhän­gig, die Aus­wir­kun­gen las­sen sich im Moment noch nicht abschätzen.

Die Finanz­wirt­schaft steht ganz im Zei­chen der welt­wei­ten Finanz­krise. Eine Reihe von Öster­reichs Finanz­in­sti­tu­ten befand sich am Rand des Abgrunds. So ent­ging die Con­stan­tia Pri­vat­bank nur knapp einer Insol­venz, indem sie von fünf Groß­ban­ken auf­ge­fan­gen wurde. Die Kom­mu­nal­kre­dit musste zu ihrer Ret­tung ver­staat­licht wer­den. Auch die gro­ßen hei­mi­schen Häu­ser haben zu kämp­fen. Nicht umsonst wurde ein 100-Mrd. Euro-Ban­ken­hilfs­pa­ket im Herbst vom Natio­nal­rat ver­ab­schie­det. Ange­sichts der ange­spann­ten Lage befragte eco­nomy zwei Wie­ner Finanz­wirte über Hin­ter­gründe, Aus­wir­kun­gen und künf­tige For­schungs­schwer­punkte, aber auch die Rolle der Wis­sen­schaft im Vor­feld der Krise sowie den Sta­tus der Wie­ner Finanzwirte.

eco­nomy : Herr Dock­ner, Sie waren 15 Jahre am BWZ, dem Betriebs­wirt­schaft­li­chen Zen­trum der Uni Wien, tätig und sind seit 2008 am Depart­ment für Finanz­wirt­schaft und Rech­nungs­we­sen der Wirt­schafts­uni­ver­si­tät (WU) Wien. Was hat Sie dazu bewogen ?
Engel­bert Dock­ner : Einer­seits natür­lich die Her­aus­for­de­rung, an einem gro­ßen Depart­ment zu arbei­ten. Ande­rer­seits die Kol­le­gen, mit denen inter­es­sante For­schungs­ko­ope­ra­tio­nen mög­lich sind, die auch in der gemein­sam mit dem IHS (Insti­tut für Höhere Stu­dien, Anm. d. Red.) und der Uni Wien geführ­ten Dok­to­rats­schule rea­li­siert wer­den. Da haben wir im Moment eine Gruppe von 18 Doktoranden.

Ist es nicht so, dass die WU bei Matu­ran­ten die erste Wahl ist, wenn es darum geht, Wirt­schaft zu studieren ?
Alex­an­der Stom­per : Ich glaube, es kommt sehr dar­auf an, über wel­che Stu­den­ten man redet. Viele ent­schei­den danach, wen sie ken­nen und wo diese Leute stu­die­ren. Am BWZ hat sich eine Gruppe mit einem sehr star­ken Ost­eu­ropa-Fokus gebil­det. Das ist sicher eine Stärke des BWZ. Ich selbst habe übri­gens auch am BWZ studiert.

Das BWZ erhält mit Gyon­gyi Loranth im Herbst eine neue Pro­fes­so­rin für Finanz­wirt­schaft, die von der Judge School of Busi­ness in Cam­bridge nach Wien wech­seln wird. Sehen Sie da eine neue Ära für das BWZ ?
Alex­an­der Stom­per : Das ist jetzt jeden­falls ein­mal ein star­kes Zug­pferd und ein viel­ver­spre­chen­der Neu­an­fang. Es ist auch eine gute Gele­gen­heit für eine neue Gene­ra­tion nach dem Abgang von Pro­fes­sor Dock­ner und Pro­fes­sor Zech­ner. Wenn man sich aber ansieht, wie groß ein Depart­ment in Nord­ame­rika ist – und ich habe ja auch eine Stelle am MIT –, muss man sagen, dass kei­nes der Depart­ments in Wien letzt­lich groß genug ist, um inter­na­tio­nal mit­zu­spie­len. Daher haben wir die Vienna Gra­duate School of Finance gemein­sam gegründet.

Engel­bert Dock­ner : An unse­rem klei­nen Insti­tut am BWZ konn­ten wir uns nur auf die betrieb­li­che Finanz­wirt­schaft, also Cor­po­rate Finance, kon­zen­trie­ren. Das ist nur ein Teil­aspekt der Finanz­wirt­schaft. An der WU haben wir den Vor­teil, neben Cor­po­rate Finance auch Schwer­punkte im Asset Manage­ment, Ban­king und bei Ver­si­che­run­gen im Risiko Manage­ment set­zen zu können.

Alex­an­der Stom­per : Am BWZ sehe ich eine gute Chance in der Inter­ak­tion zwi­schen der Finanz­wirt­schaft und der Öko­no­mie. In Wien gibt es einen Man­gel an Leu­ten im Bereich Macro Finance. Die Krise demons­triert jetzt ganz deut­lich, wie wich­tig die­ser Bereich ist.

Engel­bert Dock­ner : Ich sehe fal­sche Anreiz­sys­teme als wesent­lichs­ten Grund, warum die Krise ent­stan­den ist bezie­hungs­weise die­ses Aus­maß erreicht hat. Mana­ger haben wegen ihrer Ent­loh­nungs­sys­teme über­pro­por­tio­nal Risiko genom­men, wes­halb viele Finanz­in­sti­tu­tio­nen in die­ser Krise sind.

Alex­an­der Stom­per : Wobei das auch eine Regu­lie­rungs­frage ist. Es war eine Risi­ko­kul­tur da, die unzu­rei­chend von der Regu­lie­rung begrenzt wurde.

Engel­bert Dock­ner : Ver­schärft wurde die Situa­tion durch intrans­pa­rente Pro­dukte wie etwa Kreditderivate.

Hätte die Wis­sen­schaft nicht schon lange die dro­hende Krise erken­nen müssen ?
Alex­an­der Stom­per : Es gab eine Reihe von Arbei­ten, etwa von den bei­den Stan­ford-Pro­fes­so­ren DeMarzo und Duf­fie, die in einer Stu­die genau dar­ge­legt haben, wie die Seku­ri­sie­rung (Umwand­lung von Hypo­the­ken­for­de­run­gen in han­del­bare Kapi­tal­markt­in­stru­mente, Anm. d. Red.) von Hypo­the­kar­kre­di­ten zu erfol­gen hat. Es gab auch eine Menge war­nen­der Stim­men. Bob Shil­ler, Pro­fes­sor an der Yale Uni­ver­sity, hat lange vor der Krise gesagt, dass die Immo­bi­li­en­preise in Ame­rika zu hoch sind.

Wie sehen Sie die Stel­lung Öste­reichs in der Krise ?
Alex­an­der Stom­per : In Öster­reich kommt die Krise über die Rezes­sion in Osteuro­pa her­ein. Die Aus­wir­kun­gen las­sen sich im Moment noch sehr schwer abschät­zen, daher brau­chen wir Makro­ökonomen. Finanz­wirt­schaft­lich sind wir ein Land, das stark über Bank­kre­dite finan­ziert wird, wo es wenig Eigen­ka­pi­tal­kul­tur gibt. Das wird sich ändern müssen.

Engel­bert Dock­ner : Was mich an der hei­mi­schen Dis­kus­sion stört, ist die nega­tive Ein­stel­lung gegen­über Kapi­tal­märk­ten. Diese Märkte über­neh­men zwei wich­tige Funk­tio­nen. Sie trans­fe­rie­ren Risi­ken und stel­len Preise für Risi­ken in Form von Kur­sen zur Ver­fü­gung. Risi­ko­trans­fer ist für jeden Unter­neh­mer wich­tig. Ein klei­ner Tisch­ler, der einen Lon­do­ner Auf­trag in Pfund fak­tu­rie­ren soll, hat ein Wech­sel­kurs­ri­siko, das er auf dem Kapi­tal­markt wei­ter­ge­ben kann.

Führt die Krise zu einer Bele­bung der Finanzwissenschaft ?
Alex­an­der Stom­per : Es gibt jetzt sicher viele Papers zur Ban­ken­krise, zur Liqui­di­tät und Regu­lie­rung. Wir haben aus der Krise auch gelernt, dass der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch zwi­schen Ban­ken, Auf­sichts­in­sti­tu­tio­nen und der Wis­sen­schaft unbe­dingt ver­stärkt wer­den muss.

Autor:
24.04.2009

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