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For­schung am Scheideweg

Bei der For­schungs­för­de­rung an Unter­neh­men liegt Öster­reich im inter­na­tio­na­len Ver­gleich an der Spitze. Doch die Uni­ver­si­tä­ten sind krass unter­fi­nan­ziert, Sozi­al­wis­sen­schaft­ler haben pre­käre Arbeits­ver­hält­nisse und Kri­ti­ker am Sys­tem mag man nicht.

Der „Jubel­fonds“ hatte das Pro­jekt des Insti­tuts für Kon­flikt­for­schung bewil­ligt. Für die Pro­jekt­lei­te­rin Karin Stö­g­ner war es wahr­lich ein Grund zum Jubeln, obwohl die bewil­ligte Summe knapp zwei Drit­tel der bean­trag­ten betrug. „Jubel­fonds“ steht für Jubi­lä­ums­fonds der Oes­ter­rei­chi­schen Nationalbank.
Karin Stö­g­ner forscht zu „Anti­se­mi­tis­mus und Finanz­krise“ und unter­sucht öster­rei­chi­sche Print­me­dien, ob sie auf einen anti­se­mi­ti­schen Dis­kurs zurück­fal­len. In den USA gab es sol­che Beob­ach­tun­gen – das brachte Stö­g­ner auf die Idee, dies auch in Öster­reich zu untersuchen.
Das For­schungs­pro­jekt, das bis Jän­ner 2011 dau­ert, sichert die Hälfte von Stö­g­ners Lebens­un­ter­halt. Die andere Hälfte finan­ziert sie über ein EU-For­schungs­pro­jekt an der Cen­tral Euro­pean Uni­ver­sity of Buda­pest. Stö­g­ner hat Sozio­lo­gie, Geschichte, Anglis­tik und Roma­nis­tik stu­diert. Seit zehn Jah­ren arbei­tet sie in pre­kä­ren Arbeits­ver­hält­nis­sen. Sie ist zwar ange­stellt, muss ihre For­schungs­pro­jekte aber sel­ber auf­stel­len. Hat sie kein Pro­jekt, wird ihr gekün­digt. Das ist die ganz nor­male Rea­li­tät für viele Sozi­al­wis­sen­schaft­ler in Österreich. 

Stu­die geheim gehalten
Nun könnte man der Mei­nung sein, dass Sozi­al­wis­sen­schaf­ten Luxus sind. Doch selbst wer so denkt, wagt es zumin­dest nicht laut zu sagen. Mög­li­cher­weise geht es bei sol­chem Aus­hun­gern nicht um Sozi­al­wis­sen­schaft per se, son­dern gegen kri­ti­sche Stim­men aller Art.
Die­ser Gedanke liegt ange­sichts vie­ler Vor­komm­nisse nahe. So hielt das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rium eine Auf­trags­stu­die fünf Jahre lang geheim. In der Stu­die wurde die finan­zi­elle Aus­stat­tung von Uni­ver­si­tä­ten in Wien, Mün­chen, Darm­stadt und Zürich ver­gli­chen. Ergeb­nis : Die Wie­ner Unis waren sehr arm. Statt mehr Geld für die Uni­ver­si­tä­ten zu for­dern, sperrte das Minis­te­rium die Stu­die in den Keller.
Selt­sa­mes pas­sierte auch zwi­schen Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tut (WIFO) und Indus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung (IV). Im Juni 2009 wurde bekannt, dass die IV ihren Bei­trag von 235.000 Euro jähr­lich an das WIFO auf 100.000 Euro kürzte und Raiff­ei­sen sei­nen 74.000 Euro-Bei­trag über­haupt strich, weil einige WIFO-Exper­ten zu „links“ wären.
In die­sem Früh­jahr trat Knut Con­se­mül­ler, Vor­sit­zen­der des Rates für For­schung und Tech­no­lo­gie­ent­wick­lung, als Brie­fe­schrei­ber in Erschei­nung. Er schrieb an die Geschäfts­füh­rer des Joan­neum Rese­arch – in ihrer Funk­tion als Chefs des For­schungs­exper­ten Andreas Schi­bany. Die­ser sei mit „bewusst gewag­ten State­ments“ an die Öffent­lich­keit getre­ten, statt seine Arbeit „im klei­nen fach­li­chen Kreis“ zu dis­ku­tie­ren – und habe „indi­rekt For­schungs­po­li­tik zu betrei­ben“ gedacht. Der Brief ging auch an einige Minis­te­rien – und dan­kens­wer­ter­weise an die Öffent­lich­keit (siehe FWF-Maga­zin info Nr. 73).
Schi­bany hatte auf­ge­zeigt, dass die staat­li­che For­schungs­för­de­rung an Unter­neh­men über­pro­por­tio­nal hoch im Ver­gleich zur Uni­ver­si­täts­för­de­rung ist und durch die Finanz­krise noch wei­ter gestie­gen ist. Jeweils 7,5 Mrd. Euro betru­gen 2008 und 2009 die gesam­ten F&E‑Ausgaben in Öster­reich. Als die Finanz­krise zuschlug, stopp­ten viele Unter­neh­men ihre For­schungs­pro­jekte, wes­halb die F&E‑Ausgaben der Unter­neh­men 2009 um drei Pro­zent san­ken, wäh­rend die des Bun­des um fünf Pro­zent stiegen.
In vie­len Gesprä­chen konnte man 2009 hören, dass die diver­sen För­der­töpfe lange nicht aus­ge­schöpft wur­den. Im End­ef­fekt zahlte die For­schungs­för­de­rungs­ge­sell­schaft FFG 2009 rund 378 Mio. Euro aus, 2008 waren es 366 Mio. Euro. 

Das Selbst­bild angepatzt
Doch Schi­ba­nys „Ver­ge­hen“ sind wohl grund­sätz­li­cher Natur. In sei­nem Working Paper „Der hin­kende Front­run­ner“ hat er das Selbst­bild des offi­zi­el­len Öster­reich als „Front­run­ner“ in der For­schung ange­patzt. Zwar liege Öster­reich im Ran­king des Euro­pean Inno­va­tion Score­board (EIS) von 2008 an sechs­ter Stelle. Auf die­ses Ran­king beru­fen sich For­schungs­po­li­ti­ker, wenn sie davon reden, dass Öster­reich inter­na­tio­nal aufhole.
Schi­bany stellte dem EIS eine Stu­die des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung von 2009 gegen­über. Da liegt Öster­reich von 17 Län­dern an 13. Stelle. Nur bei der staat­li­chen F&E‑Förderung an Unter­neh­men liegt es an der Spitze. Beim gesell­schaft­li­chen Inno­va­ti­ons­klima – Tole­ranz, Ein­stel­lung zu Frauen, Ein­stel­lung zu Tech­nik – liegt Öster­reich an letz­ter Stelle. 

Zurück auf die Kriechspur ?
Der Wis­sen­schafts­fonds FWF, der Grund­la­gen­for­schung an Uni­ver­si­tä­ten finan­ziert, ist wie­derum über minis­te­ri­elle Ein­spa­run­gen äußerst besorgt. 2009 san­ken die bewil­lig­ten Mit­tel auf 147,6 Mio. Euro, 2008 betru­gen sie noch den Rekord­wert von 176 Mio Euro. „Zurück auf die Kriech­spur?“, titu­lierte der FWF sei­nen Lage­be­richt 2009. Heuer heißt es : „Am Schei­de­weg“. Noch hofft der FWF auf Einsicht.

Autor:
27.08.2010

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