
Forschungsland am Wendepunkt
Dass Veränderung, einer der größten Angst-faktoren, zeitlebens die einzige Konstante sein soll, scheint tatsächlich ungemütlich. Forscher, die auch nur Menschen sind, sehen das nicht viel anders. Daher beschäftigen sich die ängstlichen unter ihnen mit poten-ziell schlaueren Kollegen, die Neues vom Zaun brechen könnten, nur auf Anfrage. Die Ignoranz verspricht zwar vorerst Stabilität, führt allerdings direkt in die Mittelmäßig-keit. Wer sich hingegen ins Abenteuer stür-zen, nach jungen Köpfen mit frischen Ideen Ausschau halten und diese fördern will, verlässt nicht selten das Land, weil dies anderswo Teil des Systems und nicht die Ausnahme ist. Dabei steht längst fest, dass das anregendste Forschungsklima ein positiv-kompetitives, interdisziplinäres Umfeld verlangt, das Freiheit auf Zeit bietet – Evaluierungen und der eigene Ehrgeiz als Regulativ. Gleichzeitig arbeitet man im Inland an einem Kurswechsel. Bis zum Ende des Jahr-zehnts soll sich Österreich an die europäische Forschungs-spitze fi nanziert haben – zumindest vom Forschungsanteil des Bruttoinlandsprodukts aus betrachtet. Dort angekommen, gibt es kein Abpausen von anderen Ländern mehr. Bis dahin bleibt jedoch eine Gnadenfrist, um Grundlegendes zu ändern. Etwa größere Institute mit fl acheren Hierarchien, internatio-nal kompatiblen Karriereplänen und verstärkt personenbezo-genen Förderungen zu schaffen, die es jungen Forschern früher erlauben, eine eigene Gruppe zu gründen. Der Aus-landsaufenthalt vieler heimischer Wissenschaftler könnte dann von Neugier und nicht von Aussichtslosigkeit im eige-nen Land getrieben sein. Ob dies auch Schreibtischforscher zum Abenteuer ermutigt, bleibt dahingestellt. Aber den Aben-teurern könnte man die Rückkehr schmackhafter machen.
Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.