
Freie Wahlen
Die Geschichte liegt zwar schon einige Jährchen zurück, doch wie mir berichtet wird, geht es heute noch genauso zu. Es war Sonntag, und es gab eine Gemeinderatswahl im Bezirk Mödling. Seit eh und je standen meine Eltern auf der Sympathisantenliste einer der beiden großen Proporzparteien. Also war es ja wohl auch vom Herrn Sohn zu erwarten, dass er seine Stimme für diese Partei abgibt. Sicherheitshalber rief schon am Vormittag der Bürgermeister (nämlicher Pateicouleur!) an, ob ich denn nicht von meinem Wahlrecht Gebrauch machen wolle. Für mich als Nachteule und Spätaufsteher noch keine Überlegung wert.
Interessant wurde es, als am frühen Nachmittag mein Nachbar, Gemeinderat der Sie-wissen-schon-Partei, anläutete, um mich im persönlichen Gespräch zu überzeugen, zur Wahl zu gehen und die „richtige“ Stimme abzugeben. Da hatte ich zwar schon gefrühstückt, trotzdem schlug mir diese Aufdringlichkeit mittelschwer auf den Magen. Ich erklärte ihm, dass ich zwar ein Kind des Parteimilieus sei, aber als überzeugter Freund des Waldes wenn schon, dann die Partei dieser Farbe wählen würde, insofern sei seine Wahlaufforderung für die eigene Partei kontraproduktiv.
Der Hammer kam dann aber so gegen 16 Uhr. Ein „alter Freund der Familie“ tauchte auf, von den Strapazen des Wahltags schon mit etlichen Promille gezeichnet, und machte einen auf emotionalen Schulterschluss : Wir müssten doch zusammenhalten, und ich sollte doch die Bewegung, meine Familie und meine Freunde nicht im Stich lassen. Wutentbrannt raste ich ins Wahllokal und wählte aus purem Ärger und Bestemm die großkoalitionäre Gegnerpartei, was ich auch jeden wissen ließ. Dann suchte ich ein Wirtshaus auf und besoff mich. Seither ist meine Sicht der Dinge nachhaltig davon geprägt, dass mich die Politik berlichingen kann.
Gerhard Scholz ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter und freier Journalist.