
Gemüsesorten zum Fürchten
Die Zeiten sind verrückt. Weshalb jetzt einer
in Manhattan Schlaf verkauft, genauer
gesagt: den zeitlich begrenzten Aufenthalt
in sogenannten Schlaf-Pods. Da bezahlt
man für 20 Minuten in Morpheus Armen
14 US-Dollar (10,50 Euro). Was niemanden
wundern sollte, kommentiert der britische
Guardian, immerhin würden Leute auch
Wasser in Flaschen, abgefüllt von Jungfrauen
bei Vollmond, kaufen. Dabei braucht
die Stadt, die niemals schläft, vielleicht
nichts dringender als Schlaf. Zudem werden
nun ja auch Stofftiere in die Ferien geschickt und kommen
mit Erinnerungsfotos wieder, wer will sich da über bezahlten
Schlaf mokieren? Neues gibt es auch in Sachen Gemüse:
Der in der Mode von der Sitcom Ugly Betty ausgelöste Trend
zur Hässlichkeit – von dem keiner weiß, wie er sich ins echte
Leben übersetzen lässt –, macht sich bei Früchten bemerkbar.
Tomaten werden verspeist, die riesig und aufgequollen aussehen.
Ein kleiner, schicker Laden, ganz dem unansehnlichen
Gemüse gewidmet und mitten im New Yorker Soho platziert,
ist gewiss auch schon im Entstehen. Überhaupt vermutet man
eine ganze Heerschar hässlicher Obst- und Gemüsesorten da
draußen, Bananen mit Krümmungen, fern jeder Norm. Alle
würden sie der Ugli nacheifern, die so hässlich ist wie keine
andere. Eine gewisse Bodenständigkeit besitzt der Trend
allerdings: Das schiache Gemüse schmeckt hervorragend.
Mehr noch: Ein Biss, und man vergisst all die runden, wohl
gefärbten Exemplare.
Und während man glaubt, dass nichts mehr ist, wie es war,
Wasser nicht mehr aus der Leitung getrunken und nicht mehr
im Bett geschlafen wird, ist plötzlich wieder Gemüse da, das
schmeckt. Da soll einer behaupten, die Zeiten seien verrückt. – Ausgewählte Berichte und Kommentare aus den Schwerpunkt-Ausgaben bereits erschienener economy Printausgaben.