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Genorm­tes Wis­sen für die Massen

Staat­li­che Schu­len mögen zwar ihrem demo­kra­ti­schen Bil­dungs­auf­trag fol­gen, das inhä­rente Ziel ist aller­dings nicht von der Hand zu wei­sen : mit dem Mono­pol auf Wis­sen Nor­men in der Gesell­schaft sicherzustellen.

In demo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten herrscht gemein­hin die Auf­fas­sung, dass eine der wesent­li­chen Auf­ga­ben des Staa­tes die Zuver­fü­gung­stel­lung von Bil­dung sei. Dies ergibt natür­lich auch in vie­ler­lei Hin­sicht Sinn. Bil­dung ist der Unter­bau einer auf­ge­klär­ten, demo­kra­ti­schen Gesell­schaft, uner­läss­lich für ein Wachs­tum der Wirt­schaft, für die kul­tu­relle Selbst­be­stimmt­heit und für poli­ti­schen Dis­kurs, ohne den eine Demo­kra­tie nicht funk­tio­nie­ren kann.
Was Staa­ten aller­dings aus die­sem Bil­dungs­auf­trag machen, ist in höchs­tem Maße unter­schied­lich. In Län­dern mit angel­säch­si­schem Kul­tur­erbe, etwa in Groß­bri­tan­nien, den USA und Aus­tra­lien, ist der Bil­dungs­auf­trag eng mit Eli­ten­bil­dung ver­knüpft, und daher wird Bil­dung, je höher sie ist, immer mehr zur käuf­li­chen Ware. In euro­päi­schen Län­dern mit libe­ra­ler oder sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Tra­di­tion ist Bil­dung eine Sache, die der Staat, also die Gesell­schaft zur Ver­fü­gung stellt, die also mehr­heit­lich kos­ten­frei oder nahezu kos­ten­frei ist.
Beide Sys­teme haben ihre Vor­züge und ihre Nach­teile. In Groß­bri­tan­nien etwa ist die Teil­nah­me­quote an Bil­dungs­we­gen über die Schul­pflicht hin­aus im Ver­gleich zu ande­ren Indus­trie­na­tio­nen rela­tiv gering. Dies wird teil­weise auf die hohen Gebüh­ren zurück­ge­führt, die für Schul­be­such und Hoch­schul­be­such man­cher­orts anfal­len. In den USA ist es ähn­lich. Hier wer­den teil­weise sehr hohe Stu­di­en­ge­büh­ren ver­langt. Da die Uni­ver­si­tä­ten in den USA ganz im Gegen­satz zu den High Schools aller­dings einen sehr hohen Sta­tus haben, neh­men es Eltern auf sich, sich ent­we­der für das Stu­dium zu ver­schul­den oder aber bereits Jahre vor­her Erspar­nisse für die Aus­bil­dung der Kin­der anzu­le­gen. In bei­den Fäl­len ist somit Bil­dung mit dem jewei­li­gen Wohl­stand der Fami­lien ver­knüpft. Wer es sich nicht leis­ten kann, und das sind eben Bevöl­ke­rungs­schich­ten mit gerin­gem Ein­kom­men oder Fami­lien mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, der bleibt von höhe­rer Bil­dung meist ausgeschlossen.
Ganz anders in Europa, dort ist in den meis­ten Län­dern der Besuch höhe­rer Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten kos­ten­los oder zumin­dest groß­zü­gig staat­lich geför­dert, womit es wesent­lich nied­ri­gere Bar­rie­ren für Schü­ler auch aus schwa­che­ren Ein­kom­mens­schich­ten gibt, zu höhe­rer Bil­dung zu gelangen.

Ver­zerrte Akademikerquoten
Doch was sind die Effekte die­ser bei­den Zugänge ? Anhand der Aka­de­mi­ker­quo­ten der ein­zel­nen Län­der kann man schwer die Vor­züge oder Nach­teile der bei­den Sys­teme able­sen. So hat etwa Kanada mit einem ähn­li­chen Bil­dungs­sys­tem wie die USA tra­di­tio­nell eine der welt­weit höchs­ten Aka­de­mi­ker­quo­ten unter Jugend­li­chen mit fast 50 Pro­zent, aller­dings knapp gefolgt von Finn­land, Nor­we­gen und Schwe­den, Län­dern mit einem freien Hoch­schul­zu­gang und einem groß­zü­gi­gen Sti­pen­di­en­we­sen. Die USA, Bel­gien, Frank­reich, Aus­tra­lien, Däne­mark und Groß­bri­tan­nien fol­gen mit eben­falls hohen Aka­de­mi­ker­quo­ten. Eine Mischung also, aus der nicht not­wen­di­ger­weise der Vor­zug eines freien Hoch­schul­zu­gangs oder teu­rer Bezahl­uni­ver­si­tä­ten ables­bar ist. Neben­bei erwähnt liegt die Aka­de­mi­ker­quote in Öster­reich bei mage­ren 14 Prozent.
Die Frage ist, was die Zah­len aus­sa­gen. Her­aus­le­sen kann man aus ihnen in ers­ter Linie, wel­cher Teil der Bevöl­ke­rung als „uni­ver­si­tär zuge­rich­tete Arbeits­kraft“ in den Wirt­schafts­kreis­lauf ent­las­sen wird. Es herr­sche in die­sen Bil­dungs­sys­te­men, vor allem in den kos­ten­pflich­ti­gen, „eine Logik der Ver­wer­tung“, wie Ralf Hof­f­rogge, der Hoch­schul­re­fe­rent des All­ge­mei­nen Stu­die­ren­den­aus­schus­ses der Freien Uni Ber­lin, meint. Seine Kri­tik gilt natur­ge­mäß den Stu­di­en­ge­büh­ren : „Die Uni­ver­si­tä­ten ver­las­sen in die­sem Pro­zess die staat­li­che Sphäre und tre­ten direkt in einen markt­för­mig orga­ni­sier­ten Wett­be­werb. Nicht nur die uni­ver­si­tär zuge­rich­tete Arbeits­kraft, son­dern auch die modu­lar genormte Bil­dung wird zur Ware, die per Stu­di­en­ge­bühr erwor­ben wer­den muss“, kri­ti­siert Hoffrogge.
Der Vor­teil von Bezahl­uni­ver­si­tä­ten aber ist es wie­derum, dass sie sich vom eng genorm­ten Kor­sett der staat­li­chen Bil­dungs­po­li­tik frei­ma­chen kön­nen. So sind Pri­vat­uni­ver­si­tä­ten, mögen sie noch so sehr von Dritt­mit­tel­fi­nan­zie­rung und von Geld­ge­bern und Lob­by­grup­pen abhän­gig sein, wenigs­tens bis zu einem gewis­sen Maß frei in der Wahl der Lehre. Anders bei den staat­li­chen höhe­ren Schu­len. Dort herrscht – etwa beson­ders inten­siv bei Gym­na­sien in Öster­reich – die Ver­mitt­lung genorm­ten Wis­sens vor, das sich nach star­ren Stu­di­en­plä­nen rich­tet. Wer nun sagt, staat­li­che höhere Bil­dungs­ver­mitt­lung setze zum Zwe­cke ihrer Admi­nis­trier­bar­keit auch eine gewisse Nor­mung des Wis­sens vor­aus, mag ver­wal­tungs­tech­nisch recht haben.

Deschoo­ling-Bewe­gung
Das Pro­blem ist aber, dass genorm­tes Wis­sen vor­her­seh­ba­res Ver­hal­ten erzeugt. Anders gesagt : Genorm­tes Wis­sen bedingt ein genorm­tes Leben, für das staat­li­che Gemein­we­sen posi­tiv, für das Indi­vi­duum nicht so sehr. Mit dem Pro­blem der Nor­mung des Men­schen durch die (staat­li­chen) Schu­len hat sich schon eine Reihe von Päd­ago­gen befasst. Am Ende die­ser Nach­denk­pro­zesse sind auch radi­kale Ant­wor­ten auf die­ses Phä­no­men entstanden.
So etwa das „Deschooling“-Konzept, geprägt vom öster­rei­chisch-ame­ri­ka­ni­schen Autor und Theo­lo­gen Ivan Illich und getra­gen von einer gan­zen Reihe von Schul­kri­ti­kern, von Psy­cho­lo­gen bis Anar­chis­ten. Die „Deschooling“-Bewegung argu­men­tiert, dass das Mono­pol der Schule auf die Ver­mitt­lung von Wis­sen und auf die Ver­gabe von Titeln und Berech­ti­gun­gen gebro­chen wer­den muss. Die Schule sei außer­dem ein „poli­ti­scher Akteur – und damit Gefäng­nis­sen, Hos­pi­tä­lern, Psych­ia­trien, Kaser­nen und Kir­chen zu ver­glei­chen –, indem sie poli­tisch erzieht. Jeweils im Sinne des­sen, der gerade die Macht im Staate hat. Und die Schule ver­mittle statt Auf­klä­rung und freier Bil­dung haupt­säch­lich Leis­tungs­kon­kur­renz und Norm­kon­for­mi­tät zur spä­te­ren Verwertbarkeit.

Autor:
25.09.2009

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