
Geringere Anzahl und mehr Volumen
In Europa und USA deutlich weniger Börsengänge durch Nahost-Krieg. In China steigen die IPOs. Verteidigungsindustrie, Infrastruktur und KI besonders gefragt. Weltweit größter Börsengang in Amsterdam. Wiener Börse entwickelt sich sehr gut.
Nach einem vielversprechenden Start ins Jahr 2026 führen neue geopolitische Spannungen und der weltweite Anstieg der Energiepreise zu einem deutlichen Rückgang auf dem IPO-Markt : Die Zahl der Börsengänge schrumpfte gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 23 Prozent und lag mit 230 auf dem niedrigsten Stand seit sechs Jahren. Zuletzt waren im zweiten Quartal des COVID-Jahres 2020 mit 195 IPOs weniger Börsengänge registriert worden als im abgelaufenen Quartal.
Obwohl deutlich weniger Unternehmen den Sprung aufs Parkett wagten, stieg das Emissionsvolumen um 36 Prozent auf knapp 41 Milliarden US-Dollar deutlich. Während die Zahl der Börsengänge mit einem Emissionsvolumen oberhalb von 500 Millionen US-Dollar von 14 auf 22 stieg, gab es deutlich weniger kleinere IPOs : Die Zahl der Börsengänge mit einem Wert von weniger als 100 Millionen US-Dollar sank von 237 auf 146, so Ergebnisse des aktuellen IPO-Barometers der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY.
Weltweit größter Börsengang in Amsterdam
Der weltweit größte Börsengang des ersten Quartals fand in Europa an der Amsterdamer Börse statt. Der tschechische Munitionshersteller CSG erzielte bei seiner Erstnotiz an der Amsterdamer Euronext ein Platzierungsvolumen von 4,5 Milliarden US-Dollar. Getrieben durch das deutlich gestiegene Investoreninteresse, prägten auch in Deutschland Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie, das IPO-Geschehen.
Von den drei Betrieben, die in Deutschland im ersten Quartal an die Börse gingen, lassen sich zwei dem Rüstungssektor zuordnen. Es sind Vincorion mit einem Volumen von 345 Millionen Euro sowie Gabler mit 134 Millionen Euro. Zusätzlich absolvierte der österreichische Kupfer-Spezialist ASTA Energy den Börsengang an der Frankfurter Börse (Anm. Emissionsvolumen von 198 Millionen Euro) und die Hamburger Arenit Industrie SE ist im Rahmen einer Privatplatzierung an den schwedischen Nasdaq First North Premier Growth Market gegangen.
Geopolitisches Umfeld belastet den Markt und die Investoren bleiben selektiv
„Die erneute Eskalation im Nahen Osten hat die weltweiten IPO-Märkte spürbar unter Druck gesetzt und die Zahl der Börsengänge auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren gedrückt. Wir sehen kräftig steigende Energiepreise, erhöhte Schwankungen an den Kapitalmärkten und zwischenzeitlich deutliche Kursrückgänge“, erläutert Martina Geisler, Partnerin und Leiterin IPO bei EY Österreich. Die Expertin sieht parallel auch handelspolitische Unsicherheiten wieder in den Vordergrund rücken.
„Wir erleben eine klare Fokussierung der Investor:innen auf bestimmte Sektoren und auf Unternehmen, die bereits vor dem Börsengang eine relevante Größe, stabile Geschäftsmodelle und eine überzeugende Historie vorweisen können“, so Geisler. Aus der Sicht von Geisler sind die globalen IPO-Märkte insgesamt bemerkenswert widerstandsfähig. „Branchen wie Verteidigung, Luftfahrt und Infrastruktur profitieren stark vom geopolitischen Umfeld – hier kann man fast schon von einer IPO-Hochphase sprechen“, ergänzt die EY-Expertin.
Rekordhandel und starkes internationales Wachstum an der Wiener Börse
An der Wiener Börse sorgte die volatile Marktlage für die höchsten Quartals-Aktienumsätze seit 15 Jahren. Gleichzeitig wurde das Angebot im internationalen Segment global market weiter ausgebaut. Neben der Aufnahme zahlreicher neuer internationaler Titel – darunter mehr als 30 Unternehmen aus dem STOXX Europe 600 – wurden auch aktuelle Börsengänge wie jener des österreichischen Unternehmens ASTA Energy Solutions in den Handel in Wien einbezogen. Der global market umfasst aktuell rund 900 internationale Wertpapiere aus 28 Ländern.
Auch im Anleihenbereich verzeichnete die Wiener Börse breiten internationalen Zuwachs. Im ersten Quartal nutzten globale Banken, internationale Konzerne und führende Asset Manager:innen aus Europa, den USA und Asien die Wiener Börse für ihre Anleihenlistings. Über 9.800 Primärlistings in den ersten drei Monaten bedeuten ein Rekordniveau. Ein starkes Signal für den Finanzplatz setzte hier auch die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur (OeBFA) mit der Ankündigung, neue Bundesanleihen künftig nur an der Wiener Börse zu listen.
Weniger Breite und mehr Tiefe im IPO-Markt
„In einem Umfeld erhöhter Unsicherheit bevorzugen Investor:innen Emittenten mit klarer Profitabilität, starker Positionierung und nachvollziehbaren Wachstumsperspektiven. Die Kluft zwischen sehr gut IPO-fähigen Unternehmen und solchen mit schwächerem Profil wird daher größer“, sagt Martina Geisler von EY. Für Europa erwartet sie weitere IPOs aus dem Verteidigungs- und Infrastrukturbereich.
Die verstärkten NATO-Anstrengungen, ihre Verteidigungsausgaben in Richtung des 5 Prozent Ziels des BIP zu erhöhen würden dafür gute Voraussetzungen schaffen. Neben Aerospace & Defense bleibe auch KI ein wichtiger Treiber des Marktes. „Allerdings verschiebt sich der Fokus zunehmend weg von visionären Zukunftsbildern hin zu konkreten, skalierbaren KI-Anwendungen, vor allem in den Bereichen Infrastruktur, Rechenzentren, Halbleiter und industrielle Nutzung“, analysiert Geisler.
Die internationalen Märkte und Branchen im direkten Vergleich
Ein Blick auf die einzelnen Märkte offenbart dann die teilweise deutlichen Unterschiede. In China (einschließlich Hongkong) wurden 68 Neuemissionen (Vorjahr : 50) gezählt mit einem Gesamtwert von fast 17 Mrd. US-Dollar. Beim Volumen ergibt das ein Plus von 181 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und der größte Anstieg unter allen relevanten Börsenplätzen.
Der US-Markt lag bei der Zahl der Deals im Minus (27 Deals ergeben minus 55 Prozent). Das Emissionsvolumen lag mit knapp über 10 Milliarden US-Dollar um 13 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. In Europa gingen zwar weniger Unternehmen an die Börse als im ersten Quartal 2025 (28 ergeben minus 18 Prozent). Dank des Mega-IPOs von CSG stieg aber das Platzierungsvolumen deutlich : um 48 Prozent auf 6,4 Milliarden US-Dollar.
Beim Blick auf die Branchen dominierten Advanced Manufacturing (42 IPOs mit 11,3 Milliarden US-Dollar) und Technology (38 IPOs mit 8,8 Milliarden US-Dollar). Und im Ranking der größten Börsengänge des ersten Quartals folgen auf CSG das US-Energieinfrastrukturunternehmen Forgent Power Solutions mit einem Emissionsvolumen von 1,7 Milliarden US-Dollar und dahinter der chinesische Fleischproduzent Muyuan Foods mit 1,4 Milliarden US-Dollar. (red/czaak)