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Gol­dene Nase für Doppelgänger

Pla­giate haben immer Sai­son : Der „Pla­gia­rius“ – ein Preis, der die dreis­tes­ten Pro­dukt­ko­pie­rer auszeichnet.

Wenn der „Pla­gia­rius“ ver­ge­ben wird, wim­melt es von Dop­pel­gän­gern nur so. Denn der Preis wird Unter­neh­men ver­lie­hen, die auf beson­ders dreiste Art exis­tie­rende Pro­dukte nach­bauen. Zu gewin­nen gibt es Gar­ten­zwerge mit gol­de­ner Nase.

Schä­den in Milliardenhöhe

Die Her­stel­ler kom­men typi­scher­weise aus Fern­ost. Ver­ant­wort­lich für die Pla­giate sind meist andere – näm­lich die Auf­trag­ge­ber. Die­ser ist oft der euro­päi­sche oder ame­ri­ka­ni­sche Kon­kur­rent, der ein Pro­dukt bei­spiels­weise in China oder Tai­wan bil­lig nach­ma­chen lässt, um es in Europa zu ver­mark­ten. „Es ist daher wich­tig, die Wert­schöp­fungs­kette, alle am Pro­zess Betei­lig­ten, zu über­prü­fen und gege­be­nen­falls abzu­mah­nen“, so die Preis­ver­lei­her. Die Euro­päi­sche Kom­mis­sion schätzt, dass sie­ben bis zehn Pro­zent des Welt­han­dels Fäl­schun­gen und Pla­giate sind.
Der welt­weite Scha­den wird auf 200 bis 300 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt. Mehr als 200.000 Arbeits­plätze wer­den gleich­zei­tig ver­nich­tet. Die Bekämp­fung die­ser Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät hat sich der Ver­ein „Aktion Pla­gia­rius“ auf die Fah­nen geschrie­ben. 1977 ent­deckte Pro­fes­sor Rido Busse, Desi­gner und Grün­der von Busse Design Ulm, zu sei­ner Über­ra­schung auf einem Mes­se­stand in Hong­kong ein exak­tes Pla­giat der von ihm ent­wor­fe­nen Brief­waage 8600 der Firma Soehnle- Waa­gen – ange­bo­ten zu einem Bruch­teil des Ori­gi­nal­prei­ses, aber auch in deut­lich schlech­te­rer Qua­li­tät. Das Ori­gi­nal war 1965 von Soehnle auf den Markt gebracht wor­den. Ver­kaufs­preis im Laden : 26 deut­sche Mark. Der Her­stel­ler aus Hong­kong bot das Pla­giat bil­li­ger an : sechs Stück für 24 Mark ! Die Ähn­lich­keit der Pro­dukte war rein äußer­lich. Statt hoch­wer­ti­gem ABS-Kunst­stoff ver­wen­dete der Pla­gia­tor Poly­pro­py­len, was die Wie­ge­ge­nau­ig­keit beträcht­lich beein­flusste. Soehnle erwirkte eine einst­wei­lige Ver­fü­gung. Der Pla­gia­tor musste die Waage von sei­nem Mes­se­stand ent­fer­nen und sich ver­pflich­ten, den Ver­trieb zu unter­las­sen. Aller­dings hatte er da schon über 100.000 Stück ver­kauft. Nach zwei Mona­ten bot ein ande­rer Hong­kong-Expor­teur das­selbe Modell auf dem deut­schen Markt an – wie­der einst­wei­lige Ver­fü­gung, wie­der Unter­las­sungs­er­klä­rung. Doch nur wenig spä­ter kam bereits der nächste Pla­gia­tor nach Europa. Busse beschloss, durch die Ver­gabe eines Nega­tiv­prei­ses die Öffent­lich­keit sowie den Gesetz­ge­ber auf den Miss­stand auf­merk­sam zu machen und über nega­tive wirt­schaft­li­che Aus­wir­kun­gen von Fäl­schun­gen auf­zu­klä­ren. So kam es, dass der „Pla­gia­rius“ jähr­lich auf der Frank­fur­ter Messe „Ambi­ente“ ver­lie­hen wird. Sym­bol ist der schwarze Zwerg mit der gol­de­nen Nase. „Für den Pla­gia­rius 2006 gab es nicht weni­ger als 60 Ein­rei­chun­gen“, führt Chris­tine La croix vom Ver­ein „Pla­gia­rius“ im Gespräch mit eco­nomy aus. Wer einen der wenig begehr­ten Preise abstaubt, wird sich erst am 10. Februar wei­sen. Der Preis stößt mitt­ler­weile auf gro­ßes Medieninteresse.

Dem Preis folgt die Strafe
Einige Pla­gia­to­ren wür­den ihr unfai­res Ver­hal­ten zuge­ben und suchen eine Eini­gung mit dem Ori­gi­nal-Her­stel­ler – durch Zah­lung einer Lizenz­ge­bühr, Ent­fer­nung des Pla­gi­ats vom Markt oder Scha­den­er­satz­zah­lung. Seit 1977 haben sich die Bedro­hungs­sze­na­rien durch­aus gewan­delt. „Waren es früher nur hand­li­che, greif­bare Pro­dukte, die in Pla­gi­ats- Aus­füh­run­gen auf den Markt kamen, ist die Palette heute viel brei­ter“, erklärt Lacroix. „Es gibt Pro­dukte, die wir gar nicht zur Preis­ver­lei­hung mit­neh­men kön­nen – wie ganze Maschi­nen oder Anla­gen.“ Gleich­zei­tig geht es ver­mehrt um das Abkup­fern geis­ti­gen Eigen­tums. Unter den Ein­rei­chun­gen fi ndet sich unter ande­rem der Quell­code einer Soft­ware. Pla­gia­to­ren kopie­ren nur erfolg­rei­che Pro­dukte, für die Nach­frage besteht, und spa­ren sich so die Kos­ten für For­schung und Ent­wick­lung sowie fürs Mar­ke­ting. „Häufi g ver­wen­den sie bil­lige Mate­ria­lien, sodass die Qua­li­tät deut­lich schlech­ter aus­fällt und der Käu­fer nicht lange Freude am ver­meint­li­chen Schnäpp­chen hat. Je nach Pro­dukt kann die schlechte Qua­li­tät sogar lebens­be­droh­li­che Aus­wir­kun­gen haben“, so der Ver­ein „Pla­gia­rius“. Letz­te­res treffe bei Medi­ka­men­ten, Ersatz­tei­len oder Spiel­zeug zu.

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus Print­aus­gabe 02/2006

Autor: Hannes Stieger
Economy Ausgabe: 02-01-2006
09.02.2017

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