
Hauptstadt von Plastic Valley
Das Silicon Valley gibt es schon – Linz will Zentrum des „Plastic Valley“ werden. Klingt hochgestochen, aber den Weg geben Borealis und Linzer Uni durch den Ausbau der Polymerforschung vor. Doch viele Steine blockieren den Weg : kleinliches „Fremden“recht und Technikfeindlichkeit.
Im Juli 2007 war Borealis-Marketingmanager Marcelo Delvaux noch ein Vorzeigeausländer. „Als Brasilianer zähle ich zu den Exoten in der oberösterreichischen Industrie“, sagte er auf einer Pressekonferenz in Linz. Neben ihm saßen Wirtschaftslandesrat Viktor Sigl (ÖVP), Uni Linz-Rektor Richard Hagelauer sowie Vertreter der Innovationsagentur TMG. Delvauxs Aufgabe war, das Land zu loben – für die neuen englischen Infobroschüren, die Ausländern wie ihm den Umzug nach Österreich erleichtern sollten.
Ein Jahr später war Delvaux zurück in Brasilien. Obwohl er seinen Job geliebt hatte, obwohl er eine spannende Arbeit, ein sehr gutes Gehalt und nette Kollegen hatte. Doch seine Frau war in Linz unglücklich. Wegen des langen kalten Winters, und weil sie nicht arbeiten durfte. Sie hatte keine Arbeitsgenehmigung.
Forscher brauchen Kindergärten
„Wir sind immer auf der Suche nach Experten“, sagt Alfred Stern, Innovations- und Technologieleiter bei Borealis. Er könnte bis zu 20 erfahrenen Leuten eine Position anbieten. Doch es sei schwer, Leute mit internationaler Erfahrung nach Linz zu bewegen. Die meisten sind verheiratet, viele haben Kinder, es müssen die Rahmenbedingungen für die ganze Familie passen. Daran hapert es in Linz, auch wenn schon einiges besser wurde. Beispiel Kindergarten : Erst gab es keinen bilingualen Kindergarten, auf Betreiben von Borealis schuf die Caritas einen, im Herbst eröffnet auch das Magistrat Linz einen. Wichtig ist, dass auch die Partnerinnen bzw. Partner arbeiten können.
2006 entschieden die Borealis-Eigentümer, das Innovationszentrum in Linz auszubauen. Das hing auch mit der Änderung der Eigentümer zusammen. Vorher hatte Borealis zu 50 Prozent der norwegischen Statoil, zu 50 Prozent der OMV und der Abu Dhabi-Investmentgesellschaft IPIC gehört. 2006 übernahmen IPIC und OMV Borealis zur Gänze.
Doch bevor das Unternehmen sein intellektuelles Schicksal Linz anvertraute, handelte es mit dem Land und der Johannes Kepler Universität (JKU) die Bedingungen aus. Bund und Land investierten 18 Mio. Euro in den Ausbau der Polymer-Ausbildung, OMV und Borealis stellten drei Mio. Euro zur Verfügung. Die JKU richtete vier neue Lehrstühle für Polymerforschung ein und bietet seit 2009 die Studienrichtung Kunststofftechnik an.
Das ging nicht ohne Reibung ab. Zwischen der JKU und der Montanuniversität Leoben brach ein provinziell wirkender Konkurrenzkampf aus. Leoben war bis dahin die einzige Möglichkeit in Österreich, Kunststofftechnik zu studieren – und war eifersüchtig auf den Ausbau in Linz. Doch heuer schafften dort nur 19 Personen den Bachelor, 27 den Master. In Oberösterreich allein gibt es 220 Kunststoffunternehmen mit knapp 34.000 Beschäftigten. 100 Kunststofftechnikabsolventen jährlich seien notwendig, sagen Industrievertreter.
„Die Grundvoraussetzungen sind geschaffen“, sagt Alfred Stern. „Nun geht es darum, Weltklasse zu werden, internationale Kooperationen zu bilden und die hellsten Köpfe der Welt für Linz zu begeistern. Der Wettkampf findet nicht zwischen Leoben und Linz statt, sondern mit Universitäten wie der ETH Zürich, der Universität Leuven in Belgien oder dem MIT in Boston.“
Durch den Ausbau seines Innovationszentrums in Linz hat Borealis von 2007 bis 2010 zu den bestehenden 230 Forschern 120 neue Mitarbeiter eingestellt. 50 Mio. Euro wurden in neue Gebäude und Labors investiert, 30 Mio. Euro in eine Borstar-Anlage zur Entwicklung neuer Produkte in Schwechat. Im Dezember 2009 entschied Borealis, in Linz auch eine Katalysatoranlage um 75 Mio. Euro aufzubauen. Katalysatoren sind Stoffe, die die Reaktionsgeschwindigkeit einer chemischen Reaktion verändern. Die Unterstützung des Landes und die Bereitschaft der JKU, ein Institut für industrielle Katalysatorforschung aufzubauen, waren entscheidend dafür, warum sich Linz gegen Porvoo in Finnland durchsetzte.
Eine andere Aufgabe steht noch bevor : den Funken der Begeisterung für Forschung zu zünden. „Die Technikfeindlichkeit ist ein großes Problem“, sagt Stern. „Unsere Mitbewerber sind in Indien, China, Osteuropa, wo die Einstellung zur Technik vollkommen anders ist.“ Umfragen in Österreich zur Reputation von Berufen seien erschütternd : Wissenschaftler und Chemiker rangieren am untersten Ende der Beliebtheitsskala.