
Im Sinne des Planeten und seiner Menschen
Die Vienna Fashion Week ist aus. Economy hat letzten Freitag als modische Höhepunkte die Arbeiten von Roee und Plural und vor allem Show und Engagement von Saubermacher und Label „Fröhlich“ gesehen. Hier war neben Mode auch Innovation und (wirklich) nachhaltige Kreislaufwirtschaft Thema. Einen unprofessionellen Auftritt von Nicolas Dudek gab es auch. Ein Bericht von Hannah Czaak und Alejandro Antonio „Chino“ Diaz Rodriguez (Fotos).
Die VIENNA FASHION WEEK ist ein Fixpunkt im internationalen Veranstaltungsreigen an Modeevents und letzte Woche im Wiener Museumsquartier über die Bühne gegangen. Samstag war großer Abschlussevent, economy war schon Freitag vor Ort. Primärer Hintergrund war das neue Engagement von Saubermacher, das nun die Themen Textilrecycling mit Innovation und qualitätsvoller wie schicker Mode verbindet. Nach Saubermacher mit dem Label „FRÖHLICH“ folgten noch die Designer und Labels Roee und Plural sowie die Personality-Show Nicolas Dudek.
Saubermacher sammelt Altkleidung und macht daraus mit Partnerbetrieben neue Textilstoffe, getrennt gesammelt, sortiert, recyclet, versponnen und gewebt. Als Partner der FASHIONWEEK präsentierte das Unternehmen Materialien, die Entstehungsprozesse und die modischen Endprodukte erstmals öffentlich. Im Rahmen des Auftritts wurden auch alle einzelnen Stationen der neuen Wertschöpfungskette beim Panels „Mode endet nicht. Sie beginnt neu.“ erläutert.

Alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette müssen ihren Beitrag leisten
Am Laufsteg zeigte dann in Beisein von Saubermacher-Gründer Hans Roth die Designerin Gabriele Rigby mit ihrem Label „FRÖHLICH“, wie aus textilem Kreislaufdenken neue Mode entsteht. „Kleidung soll sich gut anfühlen, bequem und alltagstauglich sein. Gleichzeitig ist es mir wichtig, vorhandene Ressourcen sinnvoll zu nutzen, anstatt laufend neue zu verbrauchen“, sagt Gabriele Rigby. „Recyclingstoffe vereinen genau diese Eigenschaften. Sie sind weich, angenehm zu tragen und lassen sich sehr gut verarbeiten“, ergänzt Rigby vom Label FRÖHLICH.

Ausgangsbasis für diese (vergleichsweise einmal wirklich nachhaltige) Innovation ist die Verschränkung der Bereiche Abfallwirtschaft, Produktion, Design und eben Nachhaltigkeit. Technische Lösungen für eine kreislauffähige Mode sind bereits vorhanden. „Entscheidend ist jetzt, Voraussetzungen zu schaffen, damit ein funktionierender Markt entstehen kann. Dafür brauchen Unternehmen eine ambitionierte und die Kreislaufwirtschaft fördernde Regulierung mit Planungssicherheit und verlässlichen Rahmenbedingungen für einen fairen Wettbewerb“, sagt Andreas Opelt, CEO Saubermacher. „Gleichzeitig müssen alle Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette ihren Beitrag leisten – von Herstellern über Designer bis hin zum Recycling“, betont Opelt.
13 Millionen Tonnen Textilabfälle und klare Spielregeln für mehr Investitionssicherheit
Der Handlungsbedarf ist groß: 2025 fielen laut Boston Consulting Group in Europa über 13 (!) Millionen Tonnen Post-Consumer-Textilabfälle an. Das sind etwa 25 Kilogramm pro Person. Gleichzeitig stammt derzeit weniger als ein Prozent des globalen Fasermarktes aus Faser-zu-Faser-Recycling. Die Lücke zwischen verfügbaren Alttextilien und ihrem Einsatz als Rohstoff für neue Textilien ist damit weiterhin enorm.
Für die Skalierung von Textilrecycling braucht es verlässliche Spielregeln. Viele dafür notwendige Schritte – recyclinggerechtes Produktdesign, eine erweiterte Herstellerverantwortung, der Ausbau von Sortier- und Recyclingkapazitäten – sind in der EU-Textilstrategie bereits angelegt. Diese EU-Textilstrategie sieht unter anderem vor, dass bis 2030 alle in der EU auf den Markt gebrachten Textilien langlebig, reparierbar und recycelbar – und, dass diese auch zu einem großen Teil aus recycelten Fasern hergestellt werden.
„Es braucht Entsorgungsbetriebe, die uns Recyclingbetrieben sortierte und aufbereitete Alttextilien zur Verfügung stellen“
„So wie andere Unternehmen ihre Zulieferbetriebe haben, braucht es das auch im Bereich des Textilrecyclings: Entsorgungsunternehmen, die uns Recyclingbetrieben sortierte und aufbereitete Alttextilien zur Verfügung stellen, die wir dann zu neuen Fasern verarbeiten können“, so Tércio Pinto von Refibertech. „Auf EU-Ebene sind die notwendigen Gesetze bereits vorhanden – nationale Regierungen müssen diese nun rasch umsetzen, sodass neue Bestrebungen im Bereich Textilrecycling aktiv gefördert werden“, unterstreicht Pinto von Refibertech.

Entscheidend ist nun die Umsetzung bei allen Beteiligten. Einmal sind die Hersteller gefordert, textile Recyclingfähigkeit bereits bei Design, Materialwahl und Produktentwicklung zu berücksichtigen. Handel und Konsumenten spielen eine wichtige Rolle bei Rückgabe, Sammlung und bewussten Konsumentscheidungen. Die Recyclingwirtschaft wiederum muss geeignete Sortier- und Aufbereitungslösungen für jene Textilien bereitstellen, die nicht mehr weiterverwendet werden können. Und parallel braucht es die angesprochene Investitionssicherheit und faire Wettbewerbsbedingungen, damit frühzeitig handelnde Unternehmen daraus keinen Nachteil haben.
Saubermacher als Gamechanger oder ein Pionier aus Österreich im Kampf um eine saubere Modewelt
Saubermacher arbeitet mit Partnern aus Forschung, Handel, Textilproduktion und Recycling daran, Lücken im textilen Kreislauf zu schließen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Materialsortierung: Erst wenn Zusammensetzung und Farbe zuverlässig erkannt sind, lässt sich der passende Recyclingweg bestimmen. Erkenntnisse aus laufenden Projekten fließen etwa in die Planung einer Materialsortieranlage im Großraum Graz ein. Dort sollen nicht mehr nutzbare Textilien künftig automatisiert nach Material und Farbe getrennt und gezielt für unterschiedliche Recyclingwege vorbereitet werden.
Ziel ist es, aus einzelnen Projekten belastbare Strukturen für größere Mengen zu entwickeln. „Derzeit wird weniger als ein Prozent der Altkleidung tatsächlich recycelt. Die große Herausforderung ist dabei nicht der Recyclingprozess selbst, sondern die Sortierung der Altkleidung nach ihrer Materialzusammensetzung und genau da setzt Saubermacher an“, sagt Nunu Kaller, Textilexpertin und Fair Fashion Aktivistin, THINK kallerful. „Die Projekte und Pläne von Saubermacher können in Europa ein echter Gamechanger sein. Schön, wenn ein Pionier im Kampf um eine saubere Modewelt aus Österreich kommt!“, so Nunu Kaller von THINK kallerful.
Roee & Plural in einer Show
Nach Saubermacher und „FRÖHLICH“ folgten dann noch die Designer Roee & Plural und als Schlußpunkt Nicolas Dudek. Die Vision von Roee ist eigenen Angaben zufolge „High-End-Designs jederzeit und jeder/n zugänglich zu machen“. Als Leitsatz der Kollektion gilt die Würdigung der menschlichen Vielseitigkeit, unabhängig von Größe, Form und Statur. Angaben von der Website zufolge werden in umweltfreundlichen Verfahren biologisch abbaubare oder recyclete Öko-Textilien hergestellt, frei von schädlichen Chemikalien und Pestiziden. Die Schau von „Roee“ war toll und professionell gemacht, von der Musik über die Models bis zur gezeigten Mode.

Das Label Plural wurde 2015 von Magdalena Brunner gegründet, quer eingestiegen über die Architektur zur Mode. „Minimalismus und Nachhaltigkeit im Leben ließen das Label zu einem nachhaltigen, veganen und minimalistisch urbanen Label heranwachsen“, so die eigene Beschreibung. Nachhaltigkeit bedeutet dabei laut Website: „Wir achten bei der Wahl unserer Stoffe auf Qualität, Tragekomfort, Gütesiegel, Herkunftsland sowie faire Produktionsbedingungen und wir verzichten bewusst auf tierische Materialien.“ Auch die Schau von „Plural“ war professionell gemacht und toll anzuschauen.
Ein unprofessioneller Auftritt von Nicolas Dudek
Nach Roee & Plural sollte dann als abschließender Höhepunkt der Designer Nicolas Dudek (20) folgen, bekannt für seinen Einsatz von Tüll und laut Website bzw. Instagram, spezialisiert auf – Zitat: „dramatische, voluminöse Designs, auch mit langen Schleppen“. Dudek legt eigenen Angaben zufolge „großen Wert auf Models mit unterschiedlichsten Hintergründen“. Und: „Go Big or Go Home“ als sein dort auch lesbares Motto soll seinen – Zitat: „mutigen Ansatz spiegeln, in der Mode perfekt zu sein.“

Dudeks Auftritt auf der Vienna Fashion Week war weit entfernt von „perfekt“, er bestand mehrheitlich aus einem eingespielten Video mit Nicolas Dudek als Inhalt und am Laufsteg dann Dudek-live mit langatmigen, teilweise, äh, sehr kindlichen Erzählungen zu – richtig: Nicolas Dudek. Plus Erwähnung, dass der unverzichtbare Papa im Publikum sitzt und die ebenso unverzichtbare Mama das aber immer noch nicht schafft und daher hinter der Bühne sitzt. Ah ja, Dudek-Mode wurde dann doch auch noch gezeigt. Die ist in der Tat schön anzusehen. (Hannah Czaak, red/czaak)