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Indien und China als öli­ges Tandem

Die zwei bevöl­ke­rungs­reichs­ten Län­der der Erde gehen künf­tig welt­weit gemein­sam auf Ölsu­che. Die­ser Ener­gie­pakt ist ein wei­te­res Indiz für das Tau­wet­ter zwi­schen den eins­ti­gen Riva­len Indien und China.

Wäh­rend sich China und Indien beim Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos getrennt von den Poli­ti­kern und Inves­to­ren Rosen streuen las­sen und auch getrennt um sie buh­len, haben die bei­den eins­ti­gen geo­po­li­ti­schen Riva­len schon längst einen Schul­ter­schluss voll­zo­gen : Die bei­den ener­gie­durs­ti­gen Län­der haben sich auf die gemein­same welt­weite Suche nach Öl ver­stän­digt. Aber auch beim Raf­fi­nie­ren, im Ölhan­del sowie im Bereich Alter­na­tiv­kraft­stoffe will man gemein­same Sache machen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis beide Län­der, die noch im Jahr 1962 gegen­ein­an­der Krieg geführt haben, auch bei ande­ren stra­te­gi­schen Roh­stof­fen glo­bal gemein­sam auf die Pirsch gehen. Am Ende steht gar ein Käu­fer­kar­tell, quasi ein Pen­dant zur Opec als Pro­du­zen­ten­kar­tell. Mög­lich gemacht hat die Ver­ein­ba­rung zwi­schen den zwei Super­mäch­ten auch das Tau­wet­ter in den sen­si­blen und his­to­risch extrem belas­te­ten Bezie­hun­gen zwi­schen Indien und Paki­stan, dem tra­di­tio­nel­len Bünd­nis­part­ner Chi­nas süd­lich des Himalaja.

Nun ist es fast zu einer Umkeh­rung der Bünd­nisse gekom­men, auch weil sich die Regie­rung in Islam­abad voll auf die Seite der USA gestellt hat, die eben­falls ver­sucht, ihre Prä­senz in der Region aus­zu­bauen. Und beim Öl sind China und die USA hef­tige Kon­kur­ren­ten, weil Peking ein Pipe­line-Netz mit dem ölrei­chen Zen­tral­asien schmie­det. Durch mehr als durch Ent­span­nungs­po­li­tik geprägt sind dage­gen die Bezie­hun­gen zwi­schen Indien und China, die sehr eng gewor­de­nen öko­no­mi­schen Ver­flech­tun­gen wer­den jetzt auf die Ener­gie aus­ge­wei­tet. Da der Ölver­brauch von Indien und beson­ders von China sehr stark steigt, wird die Import­lü­cke immer grö­ßer, weil beide Län­der nicht gerade auf Ölbo­nanzas sit­zen. Indien muss der­zeit 70 Pro­zent des benö­tig­ten Öls aus dem Aus­land impor­tie­ren, Ten­denz stei­gend. Im Falle Chi­nas sind die Nach­fra­ge­zu­wächse noch viel grö­ßer, das Reich der Mitte hat Japan als zweit­größ­ten Ölver­brau­cher der Welt über­holt. Geht das Wachs­tum so wei­ter, hat China in 15 Jah­ren den welt­größ­ten Ver­brau­cher USA über­holt. Im Reich der Mitte wächst die Ölnach­frage sogar wesent­lich schnel­ler als das Wirt­schafts­wachs­tum. China hat 2004 mit sie­ben Mio. Fass (je 159 Liter) im Jah­res­ab­stand um 16 Pro­zent mehr Öl benötigt.Vor zehn Jah­ren konnte China sei­nen Bedarf annä­hernd selbst decken, jetzt macht die Inlands­pro­duk­tion nur noch die Hälfte der Nach­frage aus. Auch in Indien ist das Defi­zit zwi­schen Erzeu­gung und Ver­brauch stark ange­wach­sen. Konnte das Land 1994 noch 50 Pro­zent der Nach­frage selbst abde­cken, sind es jetzt weni­ger als ein Drit­tel. Heute ver­brau­chen beide Län­der zusam­men schon fast zwölf Pro­zent der Welt­nach­frage, Ten­denz stark stei­gend. In 20 Jah­ren wer­den sie bis zu 85 Pro­zent ihres Öls impor­tie­ren müs­sen. Haupt­quelle für das von China and Indien zuge­kaufte Öl ist Saudi-Ara­bien. Die Sau­dis haben mit bei­den Län­dern eine stra­te­gi­sche Part­ner­schaft geschlos­sen, die über den Ener­gie­be­reich hin­aus­geht. Dabei geht es um wech­sel­sei­tige Inves­ti­tio­nen in Ver­mark­tung und Raf­fi­nie­ren sowie um Dün­ge­mit­te­lund Petrochemieprojekte.

Bis jetzt sind sich der chi­ne­si­sche Dra­che und der indi­sche Ele­fant beim Kampf um neue För­der­li­zen­zen welt­weit sehr oft auf die Zehen getre­ten und muss­ten erle­ben, dass Offerte des einen nur dazu dien­ten, den Preis für den ande­ren künst­lich in die Höhe zu trei­ben. Mit die­ser Bie­ter­kon­kur­renz soll jetzt Schluss sein, die staat­li­chen Unter­neh­men der bei­den Län­der, die indi­sche Oil and Natu­ral Gas Cor­po­ra­tion (ONGC) und die chi­ne­si­sche China Natio­nal Petro­leum Cor­po­ra­tion (CNPC), wol­len sich bei Bie­ter­ver­fah­ren in Dritt­län­dern vor­her abspre­chen. Laut Insi­dern wird das „ölige Duo“ beim Ver­kauf eines Joint Ven­tures von BP in Russ­land mit­bie­ten. Dabei geht es um eine Inves­ti­tion von drei Mrd. US-Dol­lar (2,5 Mrd. Euro).

Indien setzt Initiative
Die Initia­tive für den öli­gen Deal war von Indien aus­ge­gan­gen. Indi­ens ONGC hatte in den ver­gan­ge­nen Mona­ten gegen chi­ne­si­sche Kon­kur­ren­ten mehr­fach bei der Aus­schrei­bung von Lizen­zen und Ölge­sell­schaf­ten den Kür­ze­ren gezo­gen. In Kasach­stan hatte zum Bei­spiel im August die China Natio­nal Petro­leum Cor­po­ra­tion mit 4,18 Mrd. US-Dol­lar der ONGC Petro Kazakh­stan vor der Nase weg­ge­schnappt. Im Sep­tem­ber 2005 hat­ten die Chi­ne­sen die Inder in Ecua­dor aus­ge­sto­chen. Schwer­punkte der CNPC-Expan­sion sind Aser­bai­dschan, Kanada, Kasach­stan, Vene­zuela, der Sudan sowie Indo­ne­sien, Irak und Iran. Im Aus­land haben die Chi­ne­sen gegen­ü­ber den Indern der­zeit die Nase vorne. Ein wich­ti­ges Aus­lands­en­ga­ge­ment der CNPC ist Vene­zuela, wo die chi­ne­si­schen Ölkon­zerne zwei große Ölfel­der aus­ge­beu­tet haben. Die Koope­ra­tion hat auch geo­po­li­ti­schen Hin­ter­grund : Die Regie­rung in Cara­cas, die gegen die Inter­es­sen der USA agiert, sieht in der Volks­re­pu­blik China ein Gegen­ge­wicht zu Washing­ton und eine Schutz­macht im UN-Welt­si­cher­heits­rat. Die indi­sche ONGC fokus­siert ihre För­der­ak­ti­vi­tä­ten im Aus­land auf Russ­land und Viet­nam, Syrien und den Sudan. Explo­riert wird auch im Iran, im Irak, in Katar, in Myan­mar (ehe­mals Burma), Libyen, Ägyp­ten sowie der Elfen­bein­küste, sogar in Kuba setzt die Aus­lands­toch­ter ONGC Videsh die Bohr­mei­ßel an.

Stolze 1,7 Mrd. US-Dol­lar hat der Staats­kon­zern in Sacha­lin im rus­si­schen Fer­nen Osten in Öl und Gas inves­tiert. Das gesamte Pro­jekt Sakhalin‑1 ist mit annä­hernd zehn Mrd. Euro eine der größ­ten aus­län­di­schen Direkt­in­ves­ti­tio­nen in Russ­land, die ONGC hält daran 20 Pro­zent. Der pri­vate indi­sche Rivale Reli­ance Indus­tries ist bis dato im Jemen und im Oman in der För­de­rung prä­sent, explo­riert wird dar­ü­ber hin­aus im Iran und in Saudi-Ara­bien. Es gibt bereits zwei Pilot­pro­jekte indisch-chi­ne­si­scher Erdöl- Koope­ra­tion : Die Part­ner haben im Dezem­ber gemein­sam von Petro-Canada für 574 Mio. US-Dol­lar (484 Mio. Euro) einen 37-Pro­zent-Anteil an einem syri­schen Ölfeld erwor­ben. Auch im Sudan klappt die Zusam­men­ar­beit bereits wie geschmiert. Dort erschlie­ßen die Chi­ne­sen das Grea­ter-Nile-Ölfeld, die Inder hal­ten 25 Pro­zent. Die hei­mi­sche OMV hat der ONGC ihre Kon­zes­sion ver­kauft und sich wegen des Bür­ger­kriegs aus dem Sudan zurück­ge­zo­gen. Die CNPC und die ONGC dage­gen müs­sen offen­bar weni­ger Rück­sicht auf Kri­tik an den Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen im Sudan nehmen.

Rivale für ölhung­rige USA
Washing­ton muss einen Schul­ter­schluss Indi­ens mit China fürch­ten, denn das Reich der Mitte wird als ernst­zu­neh­men­der Rivale im Ölge­schäft betrach­tet. Im August 2005 ist der chi­ne­si­sche Ölkon­zern CNPC mit einer feind­li­chen Über­nahme des US-Kon­zerns Uno­cal am Wider­stand der US-Poli­tik geschei­tert. Diese geschei­terte Über­nahme ist ein Teil des Ver­suchs Chi­nas, die ste­tig stei­gende Nach­frage der Wirt­schaft durch eine Diver­sifi zie­rung der Roh­stoff­quel­len zu sichern. Im Ener­gie­sek­tor hat die Regie­rung in Peking den Bau von neuen Pipe­line-Net­zen quasi zur natio­na­len Prio­ri­tät erklärt. Damit könnte sich das Reich der Mitte zu einer regio­na­len Ener­gie­dreh­scheibe mau­sern. Die Vor­aus­set­zung haben die Chi­ne­sen mit dem Kauf von 60 Pro­zent der kasa­chi­schen Ölfi rma Akt­o­be­m­u­nai­gaz geschaf­fen. Diese hat eine 1.000 Kilo­me­ter lange Pipe­line zwi­schen Atasu in Zen­tral-Kasach­stan in die chi­ne­si­sche Pro­vinz Xin­jiang gelegt. Das Lei­tungs­sys­tem (Kos­ten : 700 Mio. US-Dol­lar) ist seit Jah­res­be­ginn in Betrieb.

Zen­tral­asien im Visier
Mit der neuen Lei­tung hat China zugleich Zugriff auf die För­der­an­la­gen von Petro Kazakh­stan im zen­tral­ka­sa­chi­schen Kum­kol, das mit dem öst­lich gele­ge­nen Atasu, dem Aus­gang der neuen Rohr­lei­tung, durch eine ältere Pipe­line ver­bun­den ist. Nun feh­len noch wenige hun­dert Kilo­me­ter, um die Ver­bin­dung zum Pipe­line-Netz in West­ka­sach­stan zu schlie­ßen, wo die größ­ten Ölvor­kom­men der Region lie­gen. Die­ses Pro­jekt ist schon im Pla­nungs­sta­dium. Damit könnte China den USA einen Strich durch die Rech­nung machen, die die Pipe­line von Baku nach Cey­han am tür­ki­schen Mit­tel­meer auch mit kasa­chi­schem Öl befül­len möch­ten, was bis dato nur auf dem Papier steht. Washing­ton wollte mit der von ihm geför­der­ten Öllei­tung Baku-Cey­han sowohl Russ­land als auch China als Trans­port­län­der aus­boo­ten. Ebenso wie beim Öl wächst auch der Gas­ver­brauch in bei­den Län­dern stär­ker als der welt­weite Durch­schnitt und auch deut­lich stär­ker als die jewei­lige Pro­duk­tion. Zugleich sind die inlän­di­schen Reser­ven alles andere als prall gefüllt. In China hat der Gas­ver­brauch zwi­schen 2003 und 2004 laut dem World Energy Report des Ölrie­sen BP um über 34 Pro­zent zuge­nom­men, in Indien waren es beschei­de­nere sie­ben Pro­zent, das ist dop­pelt so viel wie der Gesamt­markt. Mit­tel­fris­tig müs­sen beide Län­der viel mehr Gas impor­tie­ren, ent­we­der direkt über Pipe­lines oder als LNG in verfl üs­sig­ter Form. Zwi­schen den bei­den Bevöl­ke­rungs­rie­sen gibt es auch im Gas­be­reich gemein­same Inter­es­sen, wenn auch gren­zu­̈­ber­schrei­tende direkte Lei­tungs­pro­jekte an der Hima­laja-Grenze schei­tern bezie­hungs­weise öko­no­misch nicht dar­stell­bar sind. Indien hat ange­sichts des künf­tig wei­ter stark stei­gen­den Gas­be­darfs fünf große Lei­tungs­netze auf der Agenda, mit den Nach­bar­län­dern Ban­gla­desh und Myan­mar, wo auch die Chi­ne­sen in der För­de­rung tätig sind. Dazu gibt es das Pro­jekt einer Gas­lei­tung vom Iran über Paki­stan nach Indien mit Bau­kos­ten von sie­ben Mrd. US-Dol­lar. Zudem wurde ver­ein­bart, dass die Isla­mi­sche Repu­blik an Indien ver­flüs­sig­tes Erd­gas lie­fern wird, das Volu­men des Geschäfts beläuft sich auf 22 Mrd. US-Dollar.

Geo­stra­te­gi­sche Visionen

Wei­tere Lei­tungs­pro­jekte lie­gen auch schon auf dem Tisch, näm­lich eine Lei­tung von Turk­me­ni­stan über Afgha­ni­stan nach Paki­stan (dar­ü­ber haben die USA vor den Ter­ror­an­schlä­gen daheim im Sep­tem­ber 2001 mit der Tali­ban-Regie­rung in Kabul ver­han­delt). Aller­dings steht wegen der dem Iran dro­hen­den UN-Sank­tio­nen hin­ter den Gas­pro­jek­ten nun ein noch dicke­res Fra­ge­zei­chen. Die USA hat­ten die Lei­tungs­pläne der Inder aus poli­ti­schen Grün­den schon von Anfang an abgelehnt. 

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus Print­aus­gabe 03/2006

Autor: Clemens Rosenkranz
Economy Ausgabe: 03-02-2006
17.02.2017

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