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Elek­tro­nik für die abso­lute Kälte

Anwen­dun­gen im Welt­raum, in der Hoch­en­er­gie­phy­sik oder für Quan­ten­com­pu­ter. Her­kömm­li­che Elek­tro­nik ver­sagt bei Tem­pe­ra­tu­ren knapp über dem abso­lu­ten Null­punkt. Die TU Wien ent­wi­ckelt nun einen Weg über adap­tive Transistoren.

Elek­tro­nik kann Pro­bleme bekom­men, wenn sie zu heiß wird, siehe etwa ent­spre­chende Aus­fälle bei der Küh­lung eines Lap­tops. Elek­tro­ni­sche Schal­tun­gen kön­nen aber auch bei extre­mer Kälte unbrauch­bar wer­den und das kann dann zu Pro­ble­men füh­ren. Bei­spiele sind elek­tro­ni­sche Anwen­dun­gen, die der Kälte des Welt­raums aus­ge­setzt ist, bei Par­ti­kel­de­tek­to­ren in der Hoch­en­er­gie­phy­sik oder bei Quantencomputern. 

Diese Anwen­dun­gen müs­sen oft bis knapp über den abso­lu­ten Null­punkt gekühlt wer­den. Aller­dings kön­nen dann her­kömm­li­che elek­tro­ni­sche Bau­teile nicht mehr so funk­tio­nie­ren, wie sie sol­len. Die TU Wien forscht schön län­ger an alter­na­ti­ven, für extrem tiefe Tem­pe­ra­tu­ren aus­ge­legte Tran­sis­to­ren (Anm. Kryo-Tran­sis­to­ren) aus Sili­zium. Hier ist selbst extreme Kälte kein Pro­blem, außer­dem sind sie viel fle­xi­bler als her­kömm­li­che Tran­sis­to­ren und las­sen sich an die jewei­lige Anwen­dung anpas­sen.

Tran­sis­to­ren für den Quantenkühlschrank

Ope­ra­tiv wer­den in gewöhn­li­chen Halb­lei­ter­bau­tei­len gezielt Fremd­atome in das Sili­zium ein­ge­baut, eine soge­nannte Dotie­rung. Diese Fremd­atome sor­gen dafür, dass im Mate­rial genü­gend beweg­li­che Ladungs­trä­ger zur Ver­fü­gung ste­hen. Das kön­nen Elek­tro­nen sein oder soge­nannte Löcher, also feh­lende Elek­tro­nen. „Bei extrem tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren funk­tio­niert die­ser Trick jedoch nicht mehr zuver­läs­sig“, erklärt Masiar Sistani vom Insti­tut für Fest­kör­per­elek­tro­nik der TU Wien. „Die Dotie­r­atome geben ihre Ladungs­trä­ger nicht mehr frei – man spricht dann vom soge­nann­ten Dopant Freeze-out.“ 

Das Mate­rial ver­än­dert dadurch seine elek­tri­schen Eigen­schaf­ten, der Tran­sis­tor ver­liert seine Leit­fä­hig­keit und Schal­tun­gen funk­tio­nie­ren nicht mehr rich­tig. Für Quan­ten­com­pu­ter ist das ein rele­van­tes Pro­blem. Zwar sind die Qubits in einem Quan­ten­com­pu­ter selbst keine gewöhn­li­chen Tran­sis­to­ren, son­dern emp­find­li­che Quan­ten­sys­teme – etwa supra­lei­tende Schalt­kreise, Spins in Halb­lei­tern oder ein­zelne Ionen. Aber auch ein Quan­ten­com­pu­ter braucht klas­si­sche Elektronik. 

„Die Qubits müs­sen gesteu­ert, aus­ge­le­sen und mit der Außen­welt ver­bun­den wer­den“, so Sistani. „Und weil der Qubit-Chip bei extrem nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren in einem Kryo­sta­ten betrie­ben wird, muss zwangs­läu­fig auch die Steuer- und Aus­le­se­elek­tro­nik des Quan­ten­com­pu­ters bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren zuver­läs­sig funk­tio­nie­ren.“ Das ist wich­tig, da eine schnelle Daten­ver­ar­bei­tung nur mög­lich ist, wenn die Elek­tro­nik mit dem Quan­ten­com­pu­ter gemein­sam auf einem Chip inte­griert ist.

Rei­nes Sili­zium statt Fremdatom-Dotierung

An der TU Wien ent­wi­ckelte man daher eine neue Art von Elek­tronik­bau­tei­len: „Unsere Tran­sis­to­ren beru­hen nicht auf der übli­chen Dotie­rung des Halb­lei­ters mit Fremd­ato­men“, ergänzt Johan­nes Fuchs­ber­ger, ebenso vom Insti­tut für Fest­kör­per­elek­tro­nik der TU Wien. „Wir ver­wen­den Sili­zium, ohne Dotie­rung, das in Kon­takt mit Alu­mi­nium-Ein­kris­tal­len gebracht wird“, ergänzt der For­scher. Dem Team der TU Wien gelang es so, einen Tran­sis­tor zu ent­wi­ckeln, der sich als „quan­ten­fit“ erweist und auch bei für Quan­ten­sys­teme rele­van­ten extrem tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren zuver­läs­sig funk­tio­niert.

Anga­ben zufolge ist das nicht der ein­zige Vor­teil der neuen Tech­no­lo­gie. „Unser Tran­sis­tor hat eine zusätz­li­che Pro­gram­mier­elek­trode, über die man ihn gezielt und dyna­misch anpas­sen und von einem Betriebs­mo­dus in den ande­ren umschal­ten kann“, erläu­tert Wal­ter Weber, Lei­ter des For­schungs­be­reichs für Nano­elek­tro­ni­sche Bau­ele­mente der TU Wien. „Die Elek­trode steu­ert nicht nur, ob über­haupt Strom fließt, son­dern legt auch fest, ob der Strom durch die Bewe­gung von Elek­tro­nen oder durch die Bewe­gung von Löchern, also Elek­tro­nen­fehl­stel­len, trans­por­tiert wird“, so Weber.

Somit las­sen sich die Funk­ti­ons­weise des Tran­sis­tors und die dar­auf auf­bau­en­den Schal­tun­gen dyna­misch rekon­fi­gu­rie­ren und die soge­nann­ten Doping-Freeze-out Effekte umge­hen. In Zukunft könnte auch ein neu­ro­na­les Netz diese Rekon­fi­gu­ra­tion der Tran­sis­to­ren steu­ern, um die Schalt­kreise für die gewünschte Anwen­dung so umzu­pro­gram­mie­ren, dass eine opti­male Lösung gefun­den wird.

Schal­tun­gen kön­nen an unter­schied­li­che Ein­gangs­si­gnale ange­passt wer­den

Bei gewöhn­li­chen Tran­sis­to­ren sind Elek­tro­nen­trans­port und der Trans­port von Löchern zwei völ­lig unter­schied­li­che Auf­ga­ben – sie las­sen sich nur mit unter­schied­li­chen Tran­sis­to­ren erfül­len, die aus unter­schied­lich dotier­ten und vorab fest­ge­leg­ten Halb­lei­ter­ma­te­ria­lien bestehen. Schal­tun­gen sind daher bei klas­si­scher Elek­tro­nik spe­zi­ell auf eine bestimmte Anwen­dung abge­stimmt. Der neue Tran­sis­tor kann bei­des – man muss ihn nur zwi­schen den Modi umschalten.

„Auch fer­ti­gungs­be­dingte mini­male Abwei­chun­gen zwi­schen unter­schied­li­chen Tran­sis­to­ren kön­nen kor­ri­giert wer­den, das ist beson­ders inter­es­sant für Ver­stär­ker­schal­tun­gen“, sagt Fuchs­ber­ger. „Die Schal­tun­gen kön­nen an unter­schied­li­che Ein­gangs­si­gnale ange­passt wer­den – unser Tran­sis­tor ermög­licht Anpas­sungs­mög­lich­kei­ten, die mit her­kömm­li­chen Bau­tei­len nur sehr schwer mög­lich sind.“

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Vor­teil

Tief­tem­pe­ra­tur­schal­tun­gen könn­ten somit künf­tig direkt im Betrieb nach­jus­tiert wer­den, etwa um Tem­pe­ra­tur­än­de­run­gen oder Bau­teil­ab­wei­chun­gen zu kom­pen­sie­ren oder Arbeits­punkte und Ver­stär­kungs­fak­to­ren anzu­pas­sen. Damit rückt das Ziel näher, Steuer- und Aus­le­se­elek­tro­nik enger mit Quan­ten­sys­te­men zu inte­grie­ren und durch Rekon­fi­gu­rier­bar­keit intel­li­gen­ter zu gestal­ten. Das ist eine wich­tige Vor­aus­set­zung, wenn Quan­ten­com­pu­ter deut­lich grö­ßer wer­den und die zuge­hö­rige Elek­tro­nik, die die Ver­bin­dung zur digi­ta­len Welt dar­stellt, effi­zi­en­ter und schnel­ler wer­den soll. 

Ein wei­te­rer, nicht zu unter­schät­zen­der Vor­teil der neu vor­ge­stell­ten Tran­sis­to­ren ist, dass die ver­wen­de­ten Alu­mi­ni­um­kon­takte nicht nur kein Dopant Freeze-out zei­gen, son­dern bei ent­spre­chend nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren supra­lei­tend wer­den kön­nen. In Zukunft könn­ten daher auch die Qubits selbst auf die­ser Tech­no­lo­gie­platt­form mit­in­te­griert wer­den. „Aktu­ell erfor­schen wir das inten­siv“, so die Exper­ten der TU Wien. (red/​cc)

Autor: red/cc
28.06.2026

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