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Inter­pre­ta­tion der Welt auf Bestellung

Denk­fa­bri­ken oder Thinktanks sind jene Labore, wo öffent­li­che Mei­nung zusam­men­ge­braut wird. In ihrer Orga­ni­sa­tion ähneln sie manch­mal einer fast geheim­bund­ar­ti­gen Elitenversammlung.

Die Rand Cor­po­ra­tion ist einer der größ­ten und wich­tigs­ten Thinktanks der Welt. Das „Insti­tut“ ist eine pri­vate Orga­ni­sa­tion, die sich durch staat­li­che Zuschüsse, pri­vate Spen­den und Erträge aus Auf­trags­gut­ach­ten finan­ziert. So auch die offi­zi­elle Ein­stu­fung als Non-Pro­fit-Orga­ni­sa­tion, als aka­de­mi­sche Ein­rich­tung für Den­ker, Sozio­lo­gen, Poli­tik­be­ra­ter und Strategen.
1948 gegrün­det, war Rand (Rese­arch and Deve­lo­p­ment) eigent­lich eine Bera­tungs­or­ga­ni­sa­tion für das ame­ri­ka­ni­sche Mili­tär. Zahl­rei­che Wis­sen­schaft­ler ers­ten Ran­ges, die wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges in die USA kamen, wur­den in die Orga­ni­sa­tion ein­ge­bun­den und konn­ten dort For­schungs­auf­ga­ben nach­ge­hen, die von der jewei­li­gen Regie­rung der USA vor­ge­ge­ben wur­den. Meis­tens hat­ten diese mit Mili­tär zu tun, auch wenn sich Rand dane­ben mit gesell­schaft­li­chen The­men auseinandersetzte.
Es besteht aber kein Zwei­fel, dass die Haupt­auf­gabe der Orga­ni­sa­tion nach wie vor in der Mili­tär­be­ra­tung besteht. So hat Rand, nicht zuletzt durch so pro­mi­nente Mit­glie­der wie die Ex-US-Minis­ter Donald Rums­feld oder Con­do­leezza Rice, etwa die Stra­te­gie der bei­den Golf­kriege aus­ge­kno­belt ; nicht umsonst unter­hält Rand eine Zweig­stelle in Doha, der Haupt­stadt von Qatar, wo sich der größte Trup­pen­stütz­punkt der USA im Na­hen Osten befindet.

Illus­tre Persönlichkeiten
Im Auf­sichts­rat von Rand, der mit jedem Regie­rungs­wech­sel in den USA mehr oder weni­ger rotiert, sit­zen illus­tre Per­sön­lich­kei­ten, und die Beset­zun­gen zeu­gen hier und dort, mit kri­ti­schen Augen betrach­tet, durch­aus von Inter­es­sen­kon­flik­ten. Vor­sit­zen­der des Auf­sichts­ra­tes ist etwa Paul Kamin­ski, frü­he­rer Beschaf­fungs­chef des US-Mili­tärs und zweck­dien­li­cher­weise auch gleich Auf­sichts­rat von Gene­ral Dyna­mics, einem der größ­ten US-Rüs­tungs­kon­zerne. Oder etwa die Ex-Vize­che­fin von Dow Jones, Karen Elliott House, der frü­here US-Navy-Gene­ral Richard Dan­zig, der pen­sio­nierte US-Air­force-Gene­ral John Handy, Michael Lyn­ton, CEO von Sony Enter­tain­ment, Michael Powell, Bera­ter von Pro­vi­dence Capi­tal, und andere Top-Leute aus Mili­tär, Finanz- und Medi­en­in­dus­trie, zudem Harold Brown, frü­he­rer US-Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter, und Frank Car­lucci, Ehren­auf­sichts­rat der nicht min­der mys­te­riö­sen Car­lyle Group. Wenn man bis­her nicht wusste, was man als mili­tä­risch-indus­tri­el­len Kom­plex bezeich­nen soll, hat man mit Rand Cor­po­ra­tion ein gutes Beispiel.
„Kein Prä­si­dent würde es wagen, sich der bera­ten­den Umar­mung durch Rand zu ent­zie­hen“, urteilt Her­mann Ploppa von der AG Frie­dens­for­schung an der Uni­ver­si­tät Kas­sel. „In aller Stille hat sich in den USA ein Wis­sens­kon­glo­me­rat her­an­ge­bil­det, das zu einem Staat im Staate zu wer­den sich anschickt.“ Die Rand Cor­po­ra­tion ist mitt­ler­weile neben den USA und dem Nahen Osten auch in Europa prä­sent. Dort erhält sie etwa Unter­stüt­zung durch Auf­trags­gut­ach­ten von gro­ßen Fir­men wie Daim­ler, Sie­mens oder Air­bus und, weni­ger bekannt, von Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rien. „Die Kern­ge­schäfte von Rand lie­gen ein­deu­tig in den Berei­chen Mili­tär und innere Sicher­heit“, sagt Ploppa. So zählte es zur Kern­auf­gabe der Orga­ni­sa­tion, wäh­rend der kriegs­wil­den Jahre der Bush-Regie­rung dem Kon­gress stets neue Bedro­hungs­ana­ly­sen zu lie­fern, warum das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rium und der Hei­mat­schutz mehr Geld brau­chen, wobei das Kon­zept „Home­land Secu­rity“ eben­falls von Rand-Den­kern stammt.
Rand ist ein exzel­len­tes Bei­spiel, wie Thinktanks funk­tio­nie­ren. Und genau so muss man das Motto der Insti­tu­tion („Objec­tive Ana­ly­sis, Effec­tive Solu­ti­ons“) sehen. Ein Ver­fah­ren, das im deut­schen poli­ti­schen Sprach­ge­brauch etwas euphe­mis­tisch als „Her­stel­lung von Ent­schei­dungs­si­cher­heit“ bezeich­net wird.

Kon­ver­sion von Geld

Schon der Name „Denk­fa­brik“ bezie­hungs­weise das eng­li­sche Wort „Tank“ (im Sinne von „Behält­nis“) ver­deut­licht, dass das Ergeb­nis des Den­kens und For­schens einen Kapi­tal­fluss nötig macht. Der Sys­tem­theo­re­ti­ker Niklas Luh­mann schreibt : „Man finan­ziert nicht Wahr­hei­ten, son­dern Orga­ni­sa­tio­nen, die sich um die Fest­stel­lung und Erfor­schung von Wahr­hei­ten bezie­hungs­weise Unwahr­hei­ten mehr oder min­der erfolg­reich bemü­hen.“ Also, schließt Luh­mann, fin­det in einem Thinktank, sys­te­misch betrach­tet, eine Kon­ver­sion von Geld in Macht statt.
Rund 6000 Thinktanks oder ver­gleich­bare Ein­rich­tun­gen gibt es rund um den Glo­bus. Von Rand über den harm­lo­se­ren Club of Rome, vom libe­ra­len Cato Insti­tute in San Fran­cisco über das Stan­ford Rese­arch Insti­tute bis hin zur erz­kon­ser­va­ti­ven Heri­tage Foun­da­tion. In Europa ist es zum Bei­spiel die ein­fluss­rei­che Ber­tels­mann-Stif­tung, die eine ähn­li­che Lobby-Poli­tik in poli­ti­schen und indus­tri­el­len Krei­sen ver­folgt wie die US-ame­ri­ka­ni­schen Thinktanks. Oder etwa in Brüs­sel das Euro­pean Policy Cen­ter, das Cen­ter for Euro­pean Stu­dies, das Euro­pean Ideas Net­work sowie das Euro­pean Net­work of Poli­ti­cal Foun­da­ti­ons oder das Lon­do­ner Insti­tute of Eco­no­mic Affairs. Der Kreis schließt sich dann auf natio­na­ler Ebene etwa mit den Par­tei­aka­de­mien, in Öster­reich mit den Wirt­schafts­for­schungs­in­sti­tu­ten, dem Hayek Insti­tut Wien, der For­schungs­stelle für insti­tu­tio­nel­len Wan­del und euro­päi­sche Inte­gra­tion, dem Öster­rei­chi­schen Insti­tut für euro­päi­sche Sicher­heits­po­li­tik sowie dem Öster­rei­chi­schen Insti­tut für inter­na­tio­nale Poli­tik und dem Zen­trum für ange­wandte Politikforschung.
Eine ein­fluss­rei­che Denk­fa­brik in Öster­reich ist die Poli­ti­sche Aka­de­mie der ÖVP, kurz Polak genannt, die unter Ex-Kanz­ler Wolf­gang Schüs­sel zur Hoch­form auf­lief. Das SP-Gegen­stück ist das Karl Ren­ner-Insti­tut. Die Insti­tute erhal­ten einen guten Teil ihres Bud­gets aus der Publi­zis­tik­för­de­rung der Repu­blik, womit sie quasi öffent­lich finan­ziert werden.
Das Grund­pro­blem der Thinktanks ist und bleibt aber ihre Abhän­gig­keit von der Macht. Denn Poli­tik und Wirt­schaft las­sen sich ihre Ent­schei­dun­gen nur äußerst ungern „von außen“ legitimieren.

Autor:
25.09.2009

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