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It‘s Time for a Change

Der anhal­tende Wan­del im heu­ti­gen Busi­ness bewirkt einen Zwang zur stän­di­gen Erneue­rung der Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur. Kos­ten müs­sen run­ter. Märkte ändern sich. Ver­än­de­rungs­pro­zesse, die irri­tie­ren können.

Die Zei­ten wer­den rauer. Der Kampf um Markt­an­teile wird här­ter. Aber auch dyna­mi­scher : Wachs­tum und Rück­gang wech­seln in schnel­le­ren Zyklen. Und als ein­zige Kon­stante bleibt uns bald wohl nur noch : die Ver­än­de­rung. Man kann dies opti­mis­tisch betrach­ten : als täg­lich uns zuwach­sende Fülle neuer Chan­cen, als erfri­schen­den Wan­del, als Wind, der den pene­tran­ten Mief abge­stan­de­ner Busi­ness- Kon­ven­tio­nen weg­fegt. Frei nach Goe­thes Faust : Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Oder aber man begeg­net der per­ma­nen­ten Ver­än­de­rung mit Skep­sis : So schlecht war das Bis­he­rige, das Gewohnte nun auch nicht. Und : Wie lange wer­den wir das durch­hal­ten, wenn hin­ter jedem erfolg­reich erklom­me­nen Gip­fel schon wie­der der nächste Berg als Her­aus­for­de­rung auf uns war­tet ? Viel­leicht soll­ten wir bes­ser das Erreichte absi­chern und genie­ßen ? Noto­ri­sche Pes­si­mis­ten bemühen für ihre Sicht auf das Phä­no­men des stän­di­gen Wan­dels gar den alten Mythos von Sisy­phos : Kaum hat diese von den Göt­tern bestrafte Krea­tur den schwe­ren Stein den Hang hin­auf geschleppt, rollt die­ser prompt wie­der zu Tale. 

Und noch ein­mal – und wie­der. Und noch ein­mal – und wie­der : ein absur­der Pro­zess, der den Zyklen der moder­nen Wirt­schaft in Wahr­heit nicht ganz unähn­lich zu sein scheint, mut­maßt so man­cher Zyni­ker. Wie dem auch sei : Ver­än­de­rung ist jeden­falls ange­sagt. Der Ver­än­de­rung kann man sich nicht unge­straft ent­zie­hen. Die Aktio­näre for­dern zwecks opti­ma­ler Kurs­ent­wick­lung eine glo­riose Zukunft. Der Druck des Mark­tes lässt die Fir­men stän­dig einen kal­ten Hauch im Nacken spü­ren. Der glo­bale Wett­be­werb kennt keine Atem­pau­sen. Und um all dem erfolg­reich zu begeg­nen, braucht fast jedes Unter­neh­men eine moder­nere Stra­te­gie, eine robus­tere Orga­ni­sa­tion, neue Pro­dukte und Tech­no­lo­gien. Und dies immer wie­der. Und immer wie­der. „Aus die­sem Zwang zur Bewe­gung hat sich inzwi­schen ein eige­nes Busi­ness ent­wi­ckelt, die Gestal­tung des Wan­dels. Oder – in vie­len Ohren wohl­klin­gen­der : Change Manage­ment.“ Ein Zitat aus der jüngs­ten und bis­lang genau­es­ten Stu­die, wel­che sich unter dem Titel „Ver­än­de­run­gen erfolg­reich gestal­ten. Change Manage­ment 2005“ mit den aktu­el­len Bedin­gun­gen und Kon­se­quen­zen des stän­di­gen Wan­dels in der Wirt­schaft kri­tisch aus­ein­an­der setzt. Das Team rund um Mar­tin Cla­ßen, Vice Pre­si­dent der Bera­ter-Orga­ni­sa­tion Cap­ge­mini, konnte in prä­zi­sen Befra­gun­gen von reprä­sen­ta­tiv aus­ge­wähl­ten 114 Füh­rungs­kräf­ten aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz sowohl die Chan­cen als auch die Gefah­ren von Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen erst­mals erfassen.

Öster­reich tickt anders

Die erho­be­nen Fak­ten zei­gen den enorm hohen Stel­len­wert, der von den befrag­ten Füh­rungs­kräf­ten dem Change Manage­ment zuge­schrie­ben wird : Für 84 Pro­zent ist dies aktu­ell ein wich­ti­ges Thema. In einem Aus­blick auf das Jahr 2010 hat sich die­ser Stel­len­wert noch gestei­gert : 96 Pro­zent der Befrag­ten erwar­ten eine bedeut­same Rolle von Change Manage­ment. Als Aus­rei­ßer nach unten zeigt sich ledig­lich Öster­reich, wo der­zeit noch jeder dritte Mana­ger das Thema als weni­ger wich­tig ein­schätzt. Ein Stel­len­wert, der sich jedoch in der Sicht auf die kom­men­den Jahre auch bei den öster­rei­chi­schen Füh­rungs­kräf­ten deut­lich erhöht.

Als beson­ders ver­än­de­rungs­be­wusste Bran­chen erwie­sen sich Energie/​Versorger, Elek­tro­nik, Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie sowie Ban­ken und Ver­si­che­run­gen. So weit gespannt der Begriff „Change Manage­ment“ auch bleibt, die Anlässe und Gründe für Ver­än­de­run­gen in Unter­neh­men sind hin­ge­gen klar iden­tifi — zier­bar : Mit wei­tem Abstand (71 Pro­zent) ist Restrukturierung/​Reor­ga­ni­sa­tion die Haupt­ur­sa­che für „Change“, gefolgt von Kostensenkungsprogrammen/​Right­si­zing (42 Pro­zent) und einer ver­än­der­ten Unter­neh­mens­stra­te­gie (41 Pro­zent). Mer­gers & Acqui­si­ti­ons sowie ver­än­derte Markt­stra­te­gie spie­len mit 37 bezie­hungs­weise 30 Pro­zent eben­falls noch eine grö­ßere Rolle, dahin­ter wird nur noch die IT-Inno­va­tion sowie die Inter­na­tio­na­li­sie­rung (jeweils mit 23 Pro­zent) als Anlass für grö­bere Ver­än­de­run­gen im Unter­neh­men häufi ger genannt. Beim dif­fe­ren­zie­ren­den Blick auf die drei Län­der zeigt sich erneut, dass Öster­reich „anders“ ist : Die Kos­ten­sen­kung hat mit nur sie­ben Pro­zent eine sehr geringe Rele­vanz für Change-Pro­zesse, auch die Rolle von Mer­gers prä­sen­tiert sich weit unter­pro­por­tio­nal (21 Pro­zent). Im Kon­trast dazu ist die Inter­na­tio­na­li­sie­rung mit 36 Pro­zent ein extrem wich­ti­ger Grund für gezielte Veränderung.

Den­noch : So sehr diese Zah­len bele­gen, wie unver­meid­lich sich die bewusste Gestal­tung von Ver­än­de­rung im aktu­el­len Busi­ness-Leben auf­drängt, so irri­tie­rend gering bleibt die der­zei­tige Erfolgs­quote der initi­ier­ten Change- Pro­zesse. Das zeigt eine andere Unter­su­chung, durch­ge­führt von Diet­mar Vahs, Pro­fes­sor für Betriebs­wirt­schaft an der Fach­hoch­schule Ess­lin­gen, die nach­wei­sen konnte, dass mehr als 50 Pro­zent der Ver­än­de­rungs­pro­zesse in Unter­neh­men nicht zum gewünsch­ten Ziel füh­ren. Auch die Cap­ge­mini-Stu­die ergab, dass unzu­läng­lich durch­ge­führte Ver­än­de­rungs­pro­jekte einen durch­schnitt­li­chen Rück­gang der Pro­duk­ti­vi­tät von 21 Pro­zent bewir­ken. Plas­tisch aus­ge­drückt : Jeder fünfte Mit­ar­bei­ter wird durch ein miss­glück­tes Change Manage­ment zum Totalausfall. 

Die Ursa­chen dafür sind viel­fäl­tig, so die befrag­ten Füh­rungs­kräfte : Sie rei­chen von unzu­rei­chen­der Infor­ma­tion über lau­fende Prio­ri­tä­ten und erwar­tete Ergeb­nisse über inef­fi­zi­en­tes Arbei­ten auf­grund von Unkennt­nis über den Ver­än­de­rungs­pro­zess bis hin zu bewuss­ter Oppo­si­tion, in letz­ter Kon­se­quenz sogar zu ent­nerv­ter Kün­di­gung. Zudem offen­ba­ren sich hier dezi­diert natio­nale Eigen­hei­ten : Deut­sche Mana­ger und Mit­ar­bei­ter reagie­ren gerne mit Oppo­si­tion, Schwei­zer kün­di­gen über­pro­por­tio­nal „gerne“ – und Öster­rei­cher zei­gen sich demo­ti­viert, wenn sie im Pro­zess­ver­lauf unzu­läng­lich infor­miert wer­den. Der Cap­ge­mini- Experte Mar­tin Cla­ßen bringt all diese Ten­den­zen iro­nisch auf den Punkt : „Change Manage­ment lebt davon, dass viele Men­schen nicht so wol­len, wie sie sol­len.“ Warum wohl so viele „betrieb­li­che Mit­men­schen“ den viel­fäl­ti­gen Change-Pro­zes­sen eher nega­tiv gegen­ü­ber­ste­hen ? Weil sie in Summe von den Ver­än­de­run­gen am meis­ten betrof­fen sind. Die Mit­ar­bei­ter zu 91 Pro­zent, die Middle Mana­ger zu 85 Pro­zent und das Senior Manage­ment zu 50 Pro­zent. Die Top-Ebene hin­ge­gen lei­tet den Wan­del zwar ein, ist aber von den (bis­wei­len unlieb­sa­men) Kon­se­quen­zen kaum berührt : Auf­sichts­rat, Inves­to­ren, Per­so­nal­vor­stand, Geschäfts­füh­rer – alle­samt wer­den mit einer Quote von weni­ger als zehn Pro­zent von den Aus­wir­kun­gen der Ver­än­de­rung tangiert. 

Manage­ment-Stil fragwürdig
Sie agie­ren somit aus einer geschütz­ten Zone her­aus, ein kon­tra­pro­duk­ti­ves Fak­tum, das so man­chen unglaub­wür­dig wer­den lässt, meint der Cap­ge­mini- Mann Cla­ßen : „Es scheint immer mehr zum akzep­tier­ten Manage­ment- Stil zu gehö­ren, bei Ver­än­de­rungs­vor­ha­ben die Inter­es­sen und Bedürf­nisse der Beleg­schaft aus­zu­blen­den. Invest­ment Ban­ker machen dies bereits seit Lan­gem vor : Die Due Dili­gence etwa bei Akqui­si­tio­nen küm­mert sich um Bilan­zen und Märkte, nicht aber um die­je­ni­gen, die spä­ter dann Syn­er­gien heben sol­len.“ Nur logisch, dass die Igno­ranz gegen­ü­ber den am meis­ten Betrof­fe­nen diese zu Nega­tiv­hal­tun­gen gegen­ü­ber Ver­än­de­run­gen ani­miert : Wäh­rend vom CEO über den Vor­stand bis hin zu den Inves­to­ren alle­samt begeis­tert den Wan­del ein­läu­ten, kippt die Stim­mung bereits beim Middle Manage­ment in kri­ti­sche bis ableh­nende Grund­hal­tun­gen. Und schlägt bei den Mit­ar­bei­tern dann voll­ends in ein­deu­tig nega­tive Ein­stel­lun­gen um. Ein Sach­ver­halt, den die Autoren der Stu­die tro­cken kom­men­tie­ren : „Wahr­schein­lich lässt sich über Refor­men leich­ter ent­schei­den, wenn man nicht davon betrof­fen ist.“ Der logi­sche Schluss liegt wohl auf der Hand : Das heute üb­li­che „Change Manage­ment“ benö­tigt wohl selbst einen deut­li­chen Wan­del, damit seine ehr­gei­zi­gen Ziel­vor­ga­ben auch mit Erfolg erreicht wer­den. Wie lau­tete doch Bill Clin­tons Wahl­slo­gan ? It‘s Time for a Change ! 

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus Print­aus­gabe 04/2006

Autor: Jakob Steuerer
Economy Ausgabe: 05-03-2006
03.03.2017

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