
Jetzt sind die Gründer wieder gefragt
Lange nichts mehr gehört von der „Ich-AG“? Im Zeitalter rapide steigender Arbeitslosigkeit durch die Finanzkrise wird das Konzept des individuellen Unternehmensgründers mit staatlichem Zuschuss und geringsten bürokratischen Hürden wieder aktuell. Doch ist das die ausreichende Antwort auf die stotternde Wirtschaft ?
Auch wenn die Wirtschaftskrise sonst keine erfreulichen Auswirkungen hat, eines kommt in ihrem Fahrwasser wie das Amen im Gebet : die Deregulierung für Gründungsaktivitäten von Unternehmen. Noch in jedem Wirtschaftsabschwung war das die Antwort auf die wirtschaftlichen Probleme, eine Art Reaktion des Staates, die Problemlösung an kreative und innovative Personen mit Risiko‑, aber auch Chancenbewusstsein auszulagern. So etwa geschah es in Schweden in der tiefen Depression und hohen Arbeitslosigkeit der 1990er Jahre, als umfassende Deregulierungen und Steuererleichterungen das Umfeld für Unternehmensgründungen deutlich vereinfachten.
Ein ähnliches Konzept verfolgte Deutschland im Jahr 2003 unter Einfluss einer drückend hohen Arbeitslosenrate mit der sogenannten Ich-AG. Das etwas verträumte neoliberale Konzept ging davon aus, dass man Opfer von Betriebsschließungen und andere (qualifizierte) Beschäftigungssuchende vom unproduktiven Tropf der staatlichen Stütze nehmen und sie zur Gründung von Einzelunternehmen, den „Keimzellen der Wirtschaft“, animieren sollte.
Das Ergebnis der Ich-AG-Phase, die bis 2006 lief, war unterschiedlich. Eine erhebliche Zahl der Neugründer scheiterte nach kurzer Zeit, andere wiederum konnten Boden unter den Füßen fassen und in ein Beschäftigungsverhältnis wechseln. An neuen, gar – wie erhofft – innovativen Unternehmen blieben aber nicht viele übrig. Der an die Ich-Unternehmer ausbezahlte „Existenzgründungszuschuss“ hat sich für den Staat als eigentlich angedachte Maßnahme zur Verringerung der Sozialkosten für Arbeitslose nicht rentiert. Und zu guter Letzt wurde die Ich-AG auch noch zum „Unwort des Jahres 2002“ gewählt, weil sie „Individuen und menschliche Schicksale auf sprachliches Börsenniveau reduziert“, wie es der Sprecher der „Unwort des Jahres“-Jury, der Frankfurter Philologieprofessor Horst Schlosser, be-gründete.
Existenzgründung
So weit, Unternehmensgründungen von Beschäftigungssuchenden dezidiert zu unterstützen, ist man in Österreich im Krisenjahr 2009 noch nicht. Ein paar schwammige Formulierungen im „Konjunkturpaket II“ von Bundeskanzler Werner Faymann gibt es zwar : Man werde „im Rahmen der Konjunkturbelebung und Beschäftigungsförderung (…) gerüstet sein für den Fall, dass es notwendig ist, neue, treffsichere Maßnahmen zu setzen“, heißt es da etwas unverbindlich. Schließlich werde „eine Arbeitsgruppe, an der neben dem Bundes- und Vizekanzler auch zwei Landeshauptleute und der Rechnungshofpräsident teilnehmen, noch im Jänner die Arbeit aufnehmen“. Faymann verwies angesichts der Krise dann noch auf „wichtige psychologische Effekte wie Zuversicht und Optimismus“.
Diese wird man 2009 auch brauchen. Denn die Massenfreisetzungen von Mitarbeitern, zuletzt vor allem in der heimischen Autozulieferindustrie, werden sich in Österreich mittelfristig noch ordentlich aufs Staatssäckel schlagen. Die Frage ist dabei, wie man den Betroffenen, darunter viele Leiharbeiter, zu einer Unternehmensgründung verhelfen soll, wie es der BZÖ-Klubobmann Josef Bucher lauthals von Faymann fordert : „Die Etablierung von Ein-Mann-Unternehmen ist eine Chance, Arbeitsplätze zu halten, neue zu schaffen und damit die Binnenkonjunktur zu stärken.“
Das Problem bei den vielen freigesetzten oder noch freizusetzenden Leiharbeitern ist, dass gerade sie es gewohnt sind, dass ihnen professionelle Arbeitsplatzvermittler wie Man-power oder Trenkwalder die Verantwortung für eigeninitiatives Stellensuchen abnehmen und sie mit Konzepten wie einer eigenen Unternehmensgründung wenig anfangen können. Just bei ungelernten Arbeitskräften und bei jenen, die keine guten Deutschkenntnisse haben, sei die Situation „haarig“, wie Manpower-Sprecherin Andrea Lehky erklärt.
Das Österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) hat diese Erkenntnis in einer Analyse feiner ausformuliert : Es fehle in Österreich zwar nicht an „unternehmerischer Dynamik“, wenn man die Zahl der Unternehmensgründungen oder die Selbstständigkeitsquoten misst, doch das „zentrale Defizit“ sei die zu geringe Besetzung mit innovativen und wachstumsstarken Unternehmen : „Sie sind äußerst wichtig für die Wirtschaftsdynamik, weil sie den größten Teil zur Arbeitsplatzschaffung beitragen“, sagt Wifo-Experte Werner Hölzl.
Daher ist auch das Konzept der Ich-AG im aktuellen Zusammenhang überholt und wurde – basierend auf einer EU-Studie zum europäischen Arbeitsmarkt – durch den Begriff „Gazelle“ ersetzt. Eine Gazelle ist in diesem Zusammenhang eben ein solches „wachstumsstarkes“ Unternehmen – ganz im Gegensatz zu den Ich-AG-Gründungen in Deutschland, aus denen viele Anbieter einfacher Dienstleistungen wie Reinigungsservices oder Reparaturdienste hervorgegangen sind, für die kein wirklich nachhaltiger Bedarf bestand.
Ein Gazellenunternehmen zeichne sich dadurch aus, dass es „innovative und wissensbasierte“ Dienstleistungen entwickelt und anbietet, zitiert Hölzl aus der EU-Studie. Das muss aber nicht unbedingt bedeuten, dass sie in der Hochtechnologie zu Hause sein müssen. Auch in „traditionellen“ Branchen treffe man Gazellen an.
Auf jeden Fall aber sollte die Politik dafür sorgen, dass die Insolvenzgesetzgebung verändert werde, um das soziale Stigma des Scheiterns zu reduzieren, und gleichzeitig stärkere Kreditorenrechte einräumen, um Finanzierungslücken für schnell wachsende Unternehmen zu vermeiden, so der Expertenschluss.