
Junge Süchtige als Geschäftsmodell
Gefangen zwischen Klicksucht und Kontrollverlust. Gezielte psychologische Tricks von Social Media Plattformen erzeugen digitale Abhängigkeiten und machen sie zum Geschäftsmodell. Neue Studie von Arbeiterkammer und IHS belegt Manipulationen und Gefahren insbesondere für junge Menschen. Rascher Handlungsbedarf für Politik.
Scrollen, wischen, liken. Scrollen, wischen, liken. Scrollen, wischen, liken. Scrollen, wischen, liken. Scrollen, wischen, stöhn… Als Vater zweier Teenis, als engagierter Begleiter von Jugendlichen in Schule und Sportvereinen und final als aufmerksamer Beobachter jung-menschlicher Verhaltensformen im öffentlichen Leben ist der Kampf gegen die Vereinnahmung der Jugendlichen durch sogenannte soziale Medien zu einem wesentlichen Bestandteil in der ohnehin intensiven Auseinandersetzung des täglichen Mit- oder manchmal auch Nebeneinanders geworden.
Smart-Phones mit den darüber genutzten Angeboten von TikTok, Instagram, ChatGPT, You Tube, Netflix & Co. sind Mama, Papa, Oma, Opa, Freund:in, Berater und immer öfter auch emotional aufgeladener Lebenspartner oder gar Geliebte/r von jungen Menschen geworden ; siehe auch aktuelle KI-Studie von Saferinternet (economy berichtete). Das alles in vergleichsweise relativ kurzer Zeit, und in einer machtvollen Intensität. Im täglichen Kampf um Aufmerksamkeit oder zumindest kurze Ablenkung mit wortreich argumentierten Empfehlungen zu analogen oder gar physischen Tätigkeiten gewinnen zwischen mehrheitlich und nahezu immer die Smart Phones mit ihren „sozialen“ Diensten.
Warum können sie nicht aufhören?!
Waren es bisher „nur“ die Sozialen Medien, schwappt nun mit KI und insbesondere ChatGPT bereits die nächste Welle über die ohnehin schon mit pubertären Begleiterscheinungen, Schulstress, elterlichen Vorgaben oder generell sozialem (Eigen)Druck kämpfenden Jugendlichen hinweg. Als langjährig erfahrener Familien-Psychologe und Experte in Suchtfragen drängt die Frage nach dem Grund für diese ja gleich mehrfachen Intensitäten – und insbesondere : Warum können sie nicht aufhören?! Mehrere Studien und eigene Befragungen zeigen, dass es den Jugendlichen selbst zu viel ist und sie gerne weniger scrollen, wischen und liken wollen – und anstatt lieber wieder persönliche Gespräche, Kinobesuche oder (gar) Sport.
Eine Antwort auf diese Frage gibt eine neue Studie im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) zu sogenannten „Addictive Designs“ (Anm. abhängig machendes Design), die vom Institut für Höhere Studien (IHS) durchgeführt wurde. Applikationen (Apps) der Social Media Plattformen TikTok und Instagram wurden hier erstmals mit einem wissenschaftlich fundierten Ampel-System untersucht und bewertet und anlässlich des internationalen Saferinternet-Tags veröffentlicht. Parallel präsentierte die AK eine zweite Studie zu Technologien für die Altersfeststellung, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erstellt wurde. Beide Studien untermauern einen raschen politischen Handlungsbedarf im Kontext mit ebenso raschen Schutzmaßnahmen.
Addictive Designs“ mit „Likes“, „Push-Notifications“, „Streaks“, “Infinite Scroll” oder “Auto-Play”
Besonders alarmierend ist das Ergebnis zur Studie Addictive Designs“: Funktionen wie „Likes“, „Push-Notifications“ oder „Streaks“ gelten als besonders riskant. Bei insgesamt 55 Kriterien erhielt TikTok 44 (!) rote Bewertungen, Instagram 40 (!). „Die gesundheitlichen Folgen dieses zwanghaften Verhaltens sind Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, psychische Belastungen. Besonders gefährdet sind Jugendliche, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet“, sagt Gabriele Zgubic, Leiterin der AK Abteilung Konsumentenpolitik. „Wer Gesundheitsschutz ernst nimmt, muss eingreifen : Addictive Design gehört verboten, Jugendliche müssen geschützt werden – ohne den Jugendschutz zum Datenschutzrisiko zu machen“, betont Gabriele Zgubic von der AK.
„Endloses Scrollen (Anm. Infinite Scroll), Auto-Play, Push-Notifications sind Bestandteile eines Addictive Designs und erzeugen den Zwang zur Nutzung. Das sind gezielt eingesetzte manipulative Strategien, die suchtähnliches Verhalten zur Folge haben“, bestätigt auch Louise Beltzung von der Abteilung Konsumentenpolitik der AK. „Erklärtes Ziel ist, die Aufmerksamkeit von Nutzer:innen mit psychologischen Tricks möglichst lange an die Plattform zu binden. Diese App-Elemente sind kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell“, unterstreicht Beltzung von der AK.
„Was auf sozialen Medien zu beobachten ist, durchzieht die gesamte digitale Ökonomie“
„Was auf sozialen Medien zu beobachten ist, durchzieht die gesamte digitale Ökonomie, von Dating-Apps über Fitness-Tracker bis zu Online-Shops“, ergänzt Laura Wiesböck, IHS-Studienautorin. „Wo es um die Aufmerksamkeit von Nutzer:innen als Geschäftsmodell geht, gibt es Praktiken, die systematisch auf Kontrollverlust abzielen“, so Wiesböck vom IHS. AK und IHS haben die Parameter für die Studie wissenschaftlich aufgesetzt und gemeinsam mit den Studienergebnissen eine Übersicht zu den abhängig machenden Mechanismen übermittelt.
An erster Stelle das sogenannte Infinite Scroll, wo Endlosschleifen das Seitenende ersetzen. Nutzer:innen verlieren dadurch jegliches Zeitgefühl. Es gibt kein Seitenende, keine Pause und kein Signal zum Aufhören. Als nächstes „Pull-to-Refresh“, das Herunterziehen zum Aktualisieren der App, wie eine Art Hebel am Spielautomaten. Der/die Nutzer:in weiß nie, was als nächstes kommt, das weckt das Interesse. Diese Ungewissheit, kombiniert mit gelegentlichen Belohnungen in Form interessanter Inhalte, stärkt die Abhängigkeit nach demselben Prinzip, das auch Menschen stundenlang vor Slot Machines hält.
Subtiler sozialer Druck und enorme psychische Belastung
Weiters Push-Nachrichten, Likes & Co., die künstlichen, zeitlichen und sozialen Druck ausüben. Die Angst, etwas zu verpassen (engl. „Fear of Missing Out”/FOMO ) wird nicht zufällig ausgelöst, sondern systematisch ausgenutzt. Noch wirksamer wird dieses Prinzip dort, wo Plattformen soziale Beziehungen in Zahlen verwandeln. Like- und Follower-Counts sind bei Jugendlichen standardmäßig sichtbar und können psychisch belasten.
Ein „besonderes Feature“ sind dann die sogenannten Streaks, sie treiben den sozialen Druck auf die Spitze, indem sie täglichen Nutzungszwang erzeugen, ohne Pause-Funktion. Nutzer:innen berichten von Stress, selbst im Urlaub oder bei Krankheit, aus Angst, monatelange Streaks zu verlieren. Freundschaft wird zur Pflicht, jede Unterbrechung zur Strafe. Hinzu kommt subtiler sozialer Druck, etwa durch „Gesehen“-Markierungen, die sofortige Reaktionen erwarten lassen.
Funktionsweise der Algorithmen ist und bleibt intransparent
Jugendliche sind in einem Alter, in dem Selbstdarstellung entwicklungspsychologisch ohnehin eine zentrale Rolle spielt. Und hier verstärken Plattformen den Druck zur permanenten Performance. Final folgen dann noch die Algorithmen an sich. Diese optimieren die Nutzungsdauer, nicht etwa Wohlbefinden. Algorithmen entscheiden, welche Inhalte Nutzer:innen sehen – optimiert auf maximale Verweildauer statt auf Interesse oder eben Wohlbefinden. Den Nutzer:innen fehlt die Kontrolle : Sie können keine Themen ausschließen, etwa Diät-Content oder radikalisierende Inhalte.
Die Funktionsweise der Algorithmen bleibt intransparent und wird von den Plattform-Betreibern trotz oftmaliger Aufforderung auch von unterschiedlichen internationalen Behörden nicht offengelegt. Auch ein „Warum sehe ich das?“-Button existiert nicht. Stattdessen werden emotionalisierende Inhalte verstärkt – unabhängig von möglichen Folgen. So entstehen sogenannte „Rabbit Holes“, in denen Nutzer:innen in problematische Themen wie Essstörungen, Selbstverletzung oder Verschwörungsnarrative abrutschen.
Handlungsaufforderungen an Politik und Eltern sowie juristische Grundlagen
Die Experten der AK fordern nun die Politik zum sofortigen Handeln auf und sie nennen mehre Beispiele für Regularien. Die angeführten Praktiken Infinite Scroll, Autoplay & Co. müssen verboten werden. Die ebenso angeführten Streaks sollen nur mit Pause-Funktion erlaubt werden und generell keine Benachrichtigungen, die Druck erzeugen. Nutzer:innen müssen auf ihre Zeitnutzung aufmerksam gemacht werden. Algorithmen müssen transparent werden und es braucht eine Möglichkeit, jegliche Personalisierung abzuschalten. Weiters Schutz von Minderjährigen und bis es eine datenschutzkonforme europäische Lösung gibt, müssen die riskantesten Praktiken für alle Nutzer:innen verboten sein.
Als letzten Punkt dann noch Haftungs-Kriterien und wirksame Kontrollen damit Konsument:innen Schadensersatz einfordern können. Die AK-Experten geben auch Empfehlungen an Eltern und begleitende Erwachsene und das erstreckt sich von Bildschirmzeit begrenzen und altersgerechte Einstellungen vornehmen über Risiken und Regeln mit Kindern besprechen bis Benachrichtigungen stoppen sowie Apps reduzieren und generell die Nutzungszeiten prüfen und eine Vorbildfunktion einnehmen. Eine abschließende juristisch-rechtliche Forderung gibt es auch : „Die Plattformen müssen für Schäden durch Addictive Design etwa in den Bereichen Gesundheit oder Geld finanziell verantwortlich gemacht werden“, so die Experten der Arbeiterkammer (AK). (red/czaak)