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Kampf um die Zukunft hoch drei

Eine Alpha­frau auf Pfer­den, ein ech­ter Wie­ner in der Moschee, eine Ski­läu­fe­rin im Roll­stuhl – die drei 21-Jäh­ri­gen sind die Gesich­ter des neuen Öster­reich. Dass die wirt­schaft­li­che Zukunft unsi­cher ist, wis­sen sie. Sie stu­die­ren den­noch, was ihnen Spaß macht. 

Meh­met Kocak schwankt noch. Zwi­schen sei­nem Wunsch nach einem siche­ren Job und dem nach Selbst­stän­dig­keit. Kri­sen­fest wäre das Bun­des­heer. Die Alter­na­tive : eine eigene Medi­en­firma gründen.
Julia Rohr­dor­fer (Anm.: Name von der Redak­tion geän­dert) hofft, irgend­wann eine bezahlte Arbeit zu bekom­men. Dafür muss sie wohl aus­wan­dern. Denn sie stu­diert Pfer­de­wis­sen­schaf­ten, und Arbeit mit Pfer­den wird in Öster­reich maxi­mal mit Kost und Logis entgolten.
Auch Clau­dia Lösch reizt das Risiko, finan­zi­ell und über­haupt. Sie stu­diert Poli­tik­wis­sen­schaft und will Jour­na­lis­tin wer­den. Der­zeit ist sie Ski­renn­läu­fe­rin und gewann gerade zwei Gol­dene bei den Para­lym­pi­schen Spie­len in Vancouver.

Wie die Mil­len­ni­als ticken
Meh­met Kocak, Julia Rohr­dor­fer und Clau­dia Lösch sind 21 Jahre alt. Sie ste­hen exem­pla­risch für circa 100.000 wei­tere 21-Jäh­rige, die in Öster­reich leben. Wie ticken diese jun­gen Erwach­se­nen, was wol­len sie, wovon träu­men sie ? Sozio­lo­gen bezeich­nen sie als die Mill­en­nium-Gene­ra­tion. Die Defi­ni­tion vari­iert, aber meist sind damit die zwi­schen 1980 und 2000 Gebo­re­nen gemeint. Für die Jün­ge­ren kur­sie­ren auch die Begriffe Net Gene­ra­tion und Digi­tal Nati­ves – das sind jene Kin­der und Jugend­li­chen, die mit Com­pu­ter und Han­dys auf­ge­wach­sen sind und die Zeit, in der es diese Dinge noch nicht gab, gar nicht erlebt haben.
Mit 21 ist man erwach­sen, recht­lich gese­hen. Doch oft noch von der Fami­lie abhän­gig, finan­zi­ell betrach­tet. Von den drei hier zu Wort kom­men­den 21-Jäh­ri­gen woh­nen zwei bei ihrer Fami­lie, eine lebt unab­hän­gig in der Stadt, in der sie stu­diert. Bil­dungs­mä­ßig lie­gen sie über dem Durch­schnitt ihrer Alters­ge­nos­sen. Zwei stu­die­ren, einer been­det gerade eine HTL für Mediendesign.
„Otur, canım“, sagt Meh­met Kocak zum x‑ten Mal zu sei­ner klei­nen Schwes­ter. „Setz dich, mein Schatz.“ Der breit­schult­rige Kerl mit dem durch­trai­nier­ten Kör­per bringt für die Vier­jäh­rige eine Engels­ge­duld auf. Er hat sie zum Inter­view ins Café mit­ge­nom­men, weil sie sich zu Hause gelang­weilt hatte. Wie wird sich seine Schwes­ter in 30 Jah­ren sehen, wenn sie viel­leicht ver­hei­ra­tet ist und Kin­der hat ? „Sicher als Öster­rei­che­rin“, sagt Meh­met. „Sie ist hier gebo­ren, sie hat nie in der Tür­kei gelebt.“ 

„Ich bin ein ech­ter Wiener“
Ein Wen­de­punkt in sei­nem Leben war, als ihm eine Freun­din sagte, warum sie ihn gern habe. Weil er so offen sei. Und weil er viele Fremd­wör­ter benutze. Da wurde ihm bewusst, dass er wirk­lich hier­her gehört. „Ich bin ein Teil die­ser Gesell­schaft“, erkannte er. „Ich bin doch nicht bloß ein Türke, ein Typ mit Migrationshintergrund.“
Sein Vater hat sich geär­gert, als Meh­met als Bub alle mög­li­chen Schul­freunde heim­brachte : den Tho­mas ebenso wie den Moham­med aus Afgha­ni­stan. Damals riet ihm der Vater, nur tür­ki­sche Freunde zu haben. Weil er sel­ber sich frü­her nur auf seine Lands­leute stüt­zen konnte, wenn er Hilfe benö­tigte. Doch für Meh­met sieht die Welt ganz anders aus. Er ist in der tür­ki­schen Com­mu­nity – in der Moschee, in die sein Vater geht – genauso daheim wie in der „öster­rei­chi­schen“ Kul­tur. „Ich bin ein ech­ter Wiener.“
Pro­bleme gibt es natür­lich. „Das öster­rei­chi­sche Schul­sys­tem ist scheiße“, sagt Meh­met. Er ist in eine Volks- und Haupt­schule mit hohem Aus­län­der­an­teil gegan­gen. Dort hat er zu wenig gelernt. Die Leh­re­rin meinte, seine Eltern soll­ten ihm doch bei den Haus­auf­ga­ben hel­fen. Doch seine Mut­ter spricht kein Deutsch, sein Vater nur so viel, wie er in sei­nem Job auf Bau­stel­len braucht. Das ist meist ein Befehls­form-Deutsch : „Tu dies. Mach das.“
Meh­mets – die dritte – Migran­ten­ge­nera­tion habe sich alles weit­ge­hend sel­ber bei­gebracht. Die Eltern wür­den ihre Kin­der aber nach Kräf­ten finan­zi­ell unter­stüt­zen und sie ermah­nen, nur ja in die Schule zu gehen und kei­nen Blöd­sinn zu machen. „Ihr könnt mehr errei­chen als wir“, schär­fen tür­ki­sche Eltern ihren Kin­dern ein. „Steckt eure Ziele so hoch, wie ihr könnt.“
Die Mill­en­nium-Gene­ra­tion in den Indus­trie­län­dern in Europa und Nord­ame­rika ist zuneh­mend mul­ti­kul­tu­rell, bedingt durch die Migra­tion. Die sei für Europa über­le­bens­not­wen­dig, beto­nen Demo­gra­fen und weit­sich­tige Indus­tri­elle immer wie­der. Die Frage ist, wie viele Chan­cen den Ein­wan­de­rern und ihren Kin­dern ein­ge­räumt wer­den. Öster­reich baut selbst gegen­über hoch qua­li­fi­zier­ten Ein­wan­de­rern oft demü­ti­gende Hür­den auf. Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund ihrer Her­kunft ist eine Lebens­er­fah­rung für Migran­ten und ihre hier auf­wach­sen­den Kin­der. Obwohl die sich „öster­rei­chisch“ füh­len und so behan­delt wer­den wol­len – des­halb leh­nen viele von ihnen den sozio­lo­gi­schen Begriff „Migra­ti­ons­hin­ter­grund“ ab. Dabei könnte die Zwei­spra­chig­keit und mul­ti­kul­tu­relle Erfah­rung jun­gen Leu­ten wie Meh­met Chan­cen ein­räu­men, die „mono­kul­tu­relle“ Öster­rei­cher nicht haben. Ent­schei­dend ist aber, ob Unter­neh­men die Chan­cen ergrei­fen, die ihnen mul­ti­kul­tu­relle Arbeits­kräfte bie­ten. Oder ob Meh­met nur inner­halb der tür­ki­schen Com­mu­nity Web­sites erstel­len kann.
Auch Frauen haben hin­rei­chend Erfah­rung mit Dis­kri­mi­nie­rung. Noch immer ver­die­nen Frauen nur rund zwei Drit­tel so viel wie Män­ner. Selbst bei gleich guter Aus­bil­dung, in ver­gleich­ba­ren Posi­tio­nen. Berufe mit einem beson­ders hohen Frau­en­an­teil wer­den im All­ge­mei­nen beson­ders nied­rig entlohnt.
Julia Rohr­dor­fer ist sich des Dilem­mas bewusst : „Ich mache mir Sor­gen, dass ich mein Leben lang immer nur für Essen und Woh­nung arbei­ten werde müs­sen und mir nie ein eige­nes Pferd leis­ten kön­nen werde.“ Sie stu­diert Pfer­de­wis­sen­schaf­ten an der Vete­ri­när­me­di­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät in Wien. Dafür gibt es maxi­mal 50 Stu­di­en­plätze pro Jahr. Den Stu­den­tin­nen – bis auf zwei Män­ner nur Frauen – wurde bei Stu­di­en­be­ginn ein­ge­häm­mert, dass sie sich keine Jobs erwar­ten könn­ten. „Ich reite, seit ich sechs bin“, sagt Julia. „Ich will unbe­dingt mit Pfer­den arbei­ten.“ Einen Plan B hat sie nicht. Sie weiß nur, dass sie nach dem Stu­dium aus­wan­dern wird. Nach Deutsch­land, Hol­land oder Eng­land – dort gibt es Arbeit auf Pfer­de­ge­stü­ten und in Zuchtbetrieben.

Lukra­tive Jobs nur für Schöne
Um sich die meist unbe­zahl­ten Prak­tika leis­ten zu kön­nen, jobbt sie. Die ein­zi­gen halb­wegs lukra­ti­ven Jobs gibt es im Bereich Pro­mo­ti­ons – aber nur, wenn man gut aus­sieht. Sie könnte auch als Model arbei­ten und für ihr gutes Ausse­hen abca­shen. „Über­legt habe ich es mir schon“, gesteht sie. „Aber da müsste ich mir fünf Kilo run­ter­hun­gern, das war es mir bis­her doch nicht wert.“ Julia sieht sich eher als Mana­ge­rin eines Gestüts denn als Model. Eine Alpha­frau also. Das bedeu­tet aber, dass sie gegen das Frau­en­bild der gan­zen Pfer­de­bran­che ankämp­fen muss. Denn das ist durch die frei­wil­lige Arbeit ver­zerrt, die Tau­sende von Mäd­chen in Pfer­de­stäl­len leis­ten. Sie strie­geln die Pferde und mis­ten die Ställe aus, jah­re­lang und unbe­zahlt, nur um ihren gelieb­ten Tie­ren nahe zu sein. 

„Papa, das will ich auch!“
Auch Clau­dia Lösch ist eine, die tut, was sie will. Sie stu­diert Poli­tik­wis­sen­schaft und Ita­lie­nisch in Inns­bruck und will Jour­na­lis­tin wer­den. Damit steht ihr ein har­ter Kampf ums finan­zi­elle Über­le­ben bevor. Doch Kämp­fen ist sie gewohnt. Sie ist Pro­fi­sport­le­rin. Bei den Para­lym­pi­schen Win­ter­spie­len in Van­cou­ver hat sie eben vier Medail­len – zwei­mal Gold, ein­mal Sil­ber, ein­mal Bronze – errungen.
Als sie fünf war, erlitt Clau­dia bei einem Auto­un­fall eine Quer­schnitts­läh­mung. Seit­her ist sie auf den Roll­stuhl ange­wie­sen. Doch das hat ihren Bewe­gungs­drang nicht gestoppt. Als Kind war sie Tor­frau und klet­terte auf Klet­ter­ge­stelle. Als sie acht war, sah sie im Fern­se­hen einen Bericht über die Ski-WM für Behin­derte in Lech am Arl­berg. „Ich habe sofort geschrien : ‚Papa, das will ich auch machen!‘“, erzählt sie. Er ermög­lichte ihr Ski­kurse beim behin­der­ten Pro­fi­sport­ler Andreas Schie­stl. Der erkannte ihr Talent und riet ihr zum Rennfahren.
Nun lebt sie in zwei Wel­ten : Als erfolg­rei­che Renn­läu­fe­rin auf Ski­pis­ten in aller Welt und als ein­fa­che Stu­den­tin im Roll­stuhl. Dass die Leute auf der Straße sie anschauen –
und dabei oft blöd drein­bli­cken – daran hat sie sich gewöhnt. Dass jedoch ein Uni­pro­fes­sor jedes Mal weg­sah, wenn sie sich zu Wort mel­dete, war schlimm. Nach einer Vor­le­sung sprach sie ihn dar­auf an. Er sagte, er wisse nicht, wie er mit ihr reden solle. „Ganz nor­mal“, sagte sie. Seit­her sei die Kom­mu­ni­ka­tion zwi­schen ihnen okay.
Men­schen mit Behin­de­run­gen haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel erkämpft. Sie haben bau­li­che Bar­rie­ren in alten Uni­ver­si­täts­ge­bäu­den über­wun­den und sich ein Stu­dium ertrotzt. Einige wur­den Abge­ord­nete im Par­la­ment und haben so gehol­fen, Bewusst­sein und Gesetze zu ver­än­dern. Doch wie offen sind Medi­en­un­ter­neh­men, wenn eine Repor­te­rin im Roll­stuhl TV-Nach­rich­ten prä­sen­tie­ren möchte ?
Demo­gra­fen pro­gnos­ti­zie­ren einen gro­ßen Arbeits­kräf­te­man­gel in eini­gen Jah­ren. Viel­leicht wird erst der Abgang der alten Machos den Auf­stieg der Frauen in gute Posi­tio­nen, mit glei­cher Bezah­lung wie für Män­ner, ermöglichen.
Meh­met, Julia und Clau­dia ste­hen stell­ver­tre­tend für eine Gene­ra­tion mit viel Poten­zial. Die Zeit wäre reif für – Change.

Autor:
26.03.2010

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