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„Kein Grund, nicht hinzuhören“

Jill Tar­ter : „Ob die ande­ren nun wohl­wol­lend geson­nen sind oder Scha­den anrich­ten wol­len : Es ist doch bes­ser zu wis­sen, dass es sie gibt, als hier ahnungs­los her­um­zu­sit­zen.“ Die Astro­no­min und Direk­to­rin des kali­for­ni­schen Cen­ter for SETI Rese­arch im Gespräch über den lan­gen Gedulds­fa­den bei der Suche nach außer­ir­di­scher Intelligenz.

eco­nomy : In den 1980er Jah­ren sag­ten Sie, dass bis zur Jahr­tau­send­wende unsere eige­nen Signale jene aus dem All über­tö­nen könn­ten. Wir schrei­ben das Jahr 2008.
Jill Tar­ter : Es ist tat­säch­lich so, dass in bestimm­ten Fre­quen­zen Signale unhör­bar sind. Und bei den ver­füg­ba­ren Fre­quen­zen ver­wen­den wir genauso viel Com­pu­ter­leis­tung dar­auf, unsere eige­nen Signale her­aus­zu­fil­tern, wie für die eigent­li­che Suche. Man­che Fre­quen­zen sind ver­lo­ren, und zwar für immer, es sei denn, wir hören auf, sie zu benut­zen. Ein Handy-Signal etwa lässt sich am Mond noch nach­wei­sen. Und nicht nur das : Es ist die zweit­stärkste Quelle am Himmel.

Sie hören seit gut 30 Jah­ren ins All hin­aus. Lässt die Begeis­te­rung irgend­wann nach ? 
Wenn es fal­schen Alarm gibt, was wir vor­her frei­lich nicht wis­sen, ist es immer wie­der unglaub­lich auf­re­gend. Wenn es „the real thing“ sein könnte, spielt das Adre­na­lin ver­rückt, und wir ver­su­chen, das Rich­tige zu tun. Wir haben für den Fall des Fal­les immer Cham­pa­gner im Kühl­schrank. Wir könn­ten aber auch jahr­hun­der­te­lang nichts ent­de­cken. Ich bin mit bei­den Mög­lich­kei­ten ein­ver­stan­den. Man muss das lang­fris­tig sehen.

Wie häu­fig glau­ben Sie, „the real thing“ vor sich zu haben ?
Geschich­ten, die wirk­lich span­nend waren, die uns hin­ters Licht führ­ten, und wo wir glaub­ten, das könnte es sein, die kann ich an einer Hand abzäh­len. Das ist eine lange Zeit­spanne für ein paar sol­cher Ereig­nisse. Rund ein­mal pro Woche oder Monat ent­de­cken wir ein Signal, das nach den ers­ten Tests noch viel­ver­spre­chend aus­sieht. Es lässt sich dann aber meist schnell bestim­men, worum es sich handelt.

Aber nicht immer.
Das erste Mal pas­sierte es wäh­rend mei­nes aller­ers­ten Beob­ach­tungs­pro­gramms. Wir konn­ten Signale damals noch nicht in Echt­zeit unter­su­chen. Also wurde alles auf Magnet­bän­dern gespei­chert, alle drei Minu­ten ein neues Band. Ich nahm die Bän­der dann mit zum Super­com­pu­ter der Nasa, um sie zu bear­bei­ten. For­scher hat­ten einige Monate davor über das 300 Fuß (91,5 Meter, Anm. d. Red.) große Radio­te­le­skop der Natio­nal Radio Astro­nomy Obser­va­tory ein uner­klär­ba­res Ster­nen­si­gnal ein­ge­fan­gen. Also setz­ten wir den Stern auf unsere Liste und beob­ach­te­ten ihn drei Tage lang, jeweils um acht Uhr früh. Um aus­zu­schlie­ßen, dass es sich um ein irdi­sches Signal han­delt, zeich­ne­ten wir auch drei Minu­ten lang Daten auf, bevor der Stern in Sicht­weite gelangte. Und zwei Tage lang erhiel­ten wir ein rich­tig inter­es­san­tes Signal­mus­ter, das auf dem Kon­troll­band nicht zu hören war. Es stellte sich aber schließ­lich her­aus, dass es das CB-Funk­ge­rät eines Mit­ar­bei­ters war, des­sen Schicht genau um acht Uhr früh endete. Er ging nach drau­ßen zu sei­nem Truck und schal­tete sein Funk­ge­rät ein, wäh­rend wir das Tele­skop auf den Stern gerich­tet hatten.
Der Unter­schied zwi­schen Erd- und Ster­nen­zeit bedingt jedoch, dass man einen bestimm­ten Punkt am Him­mel jeden Tag vier Minu­ten spä­ter sieht. Am drit­ten Tag hatte er sein Funk­ge­rät bereits ein­ge­schal­ten, als ich den Stern noch nicht im Sicht­feld hatte.

Wie sieht Ihr Such­mus­ter aus ? Ein Stern nach dem anderen ?
Wir suchen uns ein­zelne Sterne in unse­rer Gala­xis als Ziele aus. Der­zeit habe ich eine Vier­tel­mil­lion im Kata­log, und ich hätte gern vier- oder fünf­mal so viele. Das Allen Telescope Array (42 zusam­men­schalt­bare Radio­te­le­skope, im End­aus­bau 350 ; maß­geb­lich von Micro­soft-Mit­be­grün­der Paul Allen finan­ziert, Anm. d. Red.) deckt ein ziem­lich gro­ßes Stück des Him­mels ab. In den letz­ten zehn Jah­ren haben wir uns tau­send Sterne über eine Mrd. Fre­quenz­bän­der ange­se­hen. Im kom­men­den Jahr­zehnt hof­fen wir, eine Mio. Sterne über zehn Mrd. Fre­quenz­bän­der zu betrachten.
Seit eini­gen Jah­ren suchen wir auch nach hel­len Licht­blit­zen, die weni­ger als eine Mil­li­ards­tel­se­kunde lang dau­ern und die nach unse­rem Wis­sens­stand keine natür­li­chen Quel­len haben. Jemand könnte einen Laser samt gro­ßem opti­schem Tele­skop als Leucht­feuer ver­wen­den. Diese Suche geht schnel­ler, ist aber mit Ein­schrän­kun­gen ver­bun­den. Staub zwi­schen den Ster­nen schluckt die Licht­wel­len. Opti­sches SETI (Search for Extra-Ter­restrial Intel­li­gence : Suche nach außer­ir­di­scher Intel­li­genz, Anm. d. Red.) kann daher nur rund tau­send Licht­jahre tief in die Gala­xis schauen.

Könnte jemand in Mus­tern sen­den, die wir nicht erkennen ?
Auf jeden Fall. Tat­sa­che ist : Wir fin­den nur, wonach wir suchen. Wenn das Mus­ter den Radio­wel­len einer natür­li­chen Quelle ähnelt, wie einem Pul­sar, dann wird es schwie­rig. Oder es ist eben etwas, woran wir über­haupt noch nicht gedacht haben. Die ein­zige Stra­te­gie ist, solange wie mög­lich zu über­le­ben, damit wir aus­rei­chend Wis­sen auf­bauen, um zu ver­ste­hen und danach zu suchen zu beginnen.

Wie steht es in Zei­ten von 700-Mrd.-Dollar-Auffangpaketen denn mit der Finanzierung ?
Ein­fach war es noch nie. Und jetzt ist es rich­tig schwie­rig. Ich hatte gro­ßes Glück und fühle mich sehr geehrt. 2009 einer der Gewin­ner des TED Awards zu sein. Im Februar darf ich einen Wunsch äußern, der die Welt ver­än­dern könnte. Die TED-Orga­ni­sa­tion wird die­sen umset­zen ver­su­chen. So ein Hilfs­mit­tel hat­ten wir noch nie zuvor, und ich bin zuver­sicht­lich, dass dies auch in wirt­schaft­lich her­aus­for­dern­den Zei­ten wir­kungs­voll sein kann.

Gibt es Wis­sen­schaft­ler, die raten, dass wir lie­ber nicht allzu genau ins Uni­ver­sum hin­ein­hö­ren sollten ?
Ja, tat­säch­lich. Der Erste, der viel Beach­tung bekam, war Mar­tin Ryle. Er war bri­ti­scher Hof­as­tro­nom, als wir mit dem Are­cibo-Radio­te­le­skop eine kurze Bot­schaft aus­sand­ten. Er sagte : „Du liebe Zeit ! Wenn du allein im Dschun­gel sitzt, darfst du nicht schreien. Sonst kom­men die Tiger, um dich zu fres­sen.“ Er war sehr ver­är­gert, dass wir das gemacht hatten.
Das ist natür­lich dumm. Seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts son­dern wir über Radio und Fern­se­hen (…) Funk­wel­len ab. Diese Signale kann man nicht zurück­ru­fen. Wir haben unsere Exis­tenz längst ver­kün­det. Also sehe ich kei­nen Grund, nicht hin­zu­hö­ren. Damit wird viel­leicht eine alte Frage beant­wor­tet : Sind wir alleine ? Ob die ande­ren uns nun wohl­wol­lend geson­nen sind oder Scha­den anrich­ten wol­len : Es ist doch bes­ser zu wis­sen, dass es sie gibt, als hier ahnungs­los herumzusitzen.

Autor:
01.01.2009

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