Zum Inhalt
© piqs.de/Emanuel Beier

Kein Wider­stand bei extre­mer Kälte

An der TU Wien gelingt eine neue Rechen­me­thode zur bes­se­ren Beschrei­bung der Vor­gänge bei supra­lei­ten­den Mate­ria­lien, die Strom bei extre­mer Kälte ganz ohne Wider­stand leiten.

Aktu­elle sind eine ganze Reihe Mate­ria­lien bekannt, die unter bestimm­ten Bedin­gun­gen wie extreme Kälte (Anm. minus 200 Grad Cel­sius) elek­tri­schen Strom völ­lig ohne Wider­stand lei­ten und die­ses Phä­no­men wird als Supra­lei­tung bezeich­net. Gemein­same Pro­blem­stel­lung ist, dass all diese Mate­ria­lien nur bei extrem nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren supra­lei­tend wer­den. Seit vie­len Jah­ren wird an theo­re­ti­schen Rechen­mo­delle geforscht um diese Tat­sa­che zu beschrei­ben und zu ver­ste­hen. An der TU Wien wurde nun eine neue Methode zum bes­se­ren Ver­ständ­nis der Tem­pe­ra­tur­ab­hän­gig­keit von Supra­lei­tern entwickelt. 

Extrem kom­pli­zierte Ausgangsbasis
Supra­lei­tung kann nicht ver­stan­den wer­den, indem man sich die Elek­tro­nen im Mate­rial als kleine Kügel­chen vor­stellt, die einer ein­deu­ti­gen Bahn fol­gen, wie Kugeln auf dem Bil­lard­tisch. Supra­lei­tung lässt sich nur mit den Geset­zen der Quan­ten­phy­sik erklä­ren. „Das Pro­blem daran ist, dass viele Teil­chen gleich­zei­tig am Phä­no­men der Supra­lei­tung betei­ligt sind“, erläu­tert Kars­ten Held vom Insti­tut für Fest­kör­per­phy­sik der TU Wien. „Dadurch wer­den die Berech­nun­gen extrem kompliziert.“

Sehr auf­wän­dige Rechenvorgänge
Die ein­zel­nen Elek­tro­nen im Mate­rial kön­nen nicht als von­ein­an­der unab­hän­gige Objekte betrach­tet wer­den, sie müs­sen ent­spre­chend gemein­sam beschrie­ben wer­den. Und das ist so kom­plex, dass die Auf­gabe selbst mit den größ­ten Com­pu­tern der Welt nicht exakt lös­bar ist. Eine Nähe­rungs­me­thode zur Beschrei­bung die­ser kom­ple­xen quan­ten­phy­si­ka­li­schen Kor­re­la­tio­nen zwi­schen den Elek­tro­nen ist die „Dyna­mi­cal Mean-Field Theory“. Sie eig­net sich beson­ders gut für Situa­tio­nen, in denen die schwer zu berech­nen­den Quan­ten-Kor­re­la­tio­nen zwi­schen den Elek­tro­nen sehr stark aus­ge­prägt sind.

Ver­bes­serte Beschrei­bung der Wechselwirkung
Die For­schungs­gruppe an der TU Wien prä­sen­tiert nun eine Erwei­te­rung der bestehen­den Theo­rie, die auf einer neu­ar­ti­gen Berech­nung von soge­nann­ten Feyn­man-Dia­gram­men beruht. Diese Dia­gramme sind eine Methode, die der Nobel­preis­trä­ger Richard Feyn­man ein­ge­führt hat, um Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Teil­chen zu beschrei­ben. Alle mög­li­chen Inter­ak­tio­nen, wie etwa Zusam­men­stöße von Teil­chen, aber auch die Neu­ent­ste­hung oder Absorp­tion von Teil­chen, wer­den dabei auf defi­nierte Weise in Dia­gram­men auf­ge­zeich­net und berechnet.

Neue Ent­wick­lung für die Supercomputer
Feyn­man dachte hier an ein­zelne Teil­chen im Vakuum, die Methode lässt sich aber auch für das kom­plexe Zusam­men­spiel der Teil­chen in Fest­kör­pern anwen­den. In der Fest­kör­per­phy­sik müs­sen aller­dings auf Grund der star­ken Wech­sel­wir­kung zwi­schen den Elek­tro­nen sehr viele Feyn­man-Dia­gramme berück­sich­tigt wer­den. „In einer von Ales­san­dro Toschi und mir ent­wi­ckel­ten Methode bauen wir nun­mehr die Feny­man-Dia­gramme nicht mehr direkt aus Wech­sel­wir­kun­gen zusam­men, son­dern ver­wen­den einen kom­ple­xen, zeit­ab­hän­gi­gen Ver­tex als Bau­stein“, erklärt Kars­ten Held. „Die­ser Ver­tex besteht bereits selbst aus unend­lich vie­len Feyn­man-Dia­gram­men, kann aber mit viel Auf­wand immer noch auf einem Super­com­pu­ter berech­net werden.“

Auf­wän­dige Forscherarbeit
Mit die­ser neuen Methode ent­steht eine erwei­terte Form der „Dyna­mi­cal Mean-Field-Theory“ und damit kann das kom­plexe quan­ten­phy­si­ka­li­sche Zusam­men­spiel der Teil­chen in guter Nähe­rung berech­net wer­den. „Wir konn­ten zei­gen, dass es genau die Zeit­ab­hän­gig­keit des Ver­tex ist, die dazu führt, dass Supra­lei­tung nur bei tie­fen Tem­pe­ra­tu­ren mög­lich ist.“ Das For­scher­team konnte dabei in auf­wän­di­gen Pro­zes­sen auch das kon­ven­tio­nelle Feyn­man-Dia­gramm iden­ti­fi­zie­ren und das ist dafür ver­ant­wort­lich, dass die gän­gi­gen Mate­ria­lien nur bei ‑200°C und nicht bei Raum­tem­pe­ra­tur supra­lei­tend werden.

Mög­li­cher Durch­bruch für revo­lu­tio­näre tech­no­lo­gi­sche Innovationen
Gemein­sam mit Expe­ri­men­ten, die der­zeit eben­falls am Insti­tut für Fest­kör­per­phy­sik durch­ge­führt wer­den, soll die neue Methode maß­geb­lich dazu bei­zu­tra­gen, Supra­lei­tung bes­ser zu ver­ste­hen und somit noch bes­sere supra­lei­tende Mate­ria­lien zu ent­wi­ckeln. Ein Mate­rial, das auch bei Raum­tem­pe­ra­tur immer noch supra­lei­tend bleibt, wäre ein gewal­ti­ger Durch­bruch, der eine ganze Palette an revo­lu­tio­nä­ren tech­no­lo­gi­schen Neue­run­gen ermög­li­chen würde.

Autor: red/czaak
21.02.2019

Weitere aktuelle Artikel

Digi­tal Phe­no­ty­p­ing oder das unge­nutzte Poten­zial digi­ta­ler Tech­no­lo­gien bei Schi­zo­phre­nie und ande­ren Krank­hei­ten. For­scher der Med Uni Inns­bruck zei­gen Ein­satz­mög­lich­kei­ten von Smart­phones und Weara­bles mit ver­gleichs­weise weit­aus stim­mi­ge­ren Ergeb­nis­sen bei Vor­her­sage und Diagnostik. In der moder­nen Psych­ia­trie ist die Dia­gnose und Behand­lung von Schi­zo­phre­nie-Spek­trum-Stö­run­gen (SSD) mit gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen ver­bun­den. Dia­gno­sen basie­ren oft auf sub­jek­ti­ven und […]
Men­schen hadern seit jeher mit der Ver­gäng­lich­keit des oder zumin­dest eines Lebens. Frü­her wurde der Jung­brun­nen gesucht, heute inves­tie­ren Mil­li­ar­däre in die Kon­trolle des Alterns und Auto­kra­ten las­sen medi­zi­ni­sche Wun­der­mit­tel erpro­ben. Eine His­to­ri­ke­rin der ÖAW ord­net nun die Sehn­sucht nach der Ver­län­ge­rung des irdi­schen Daseins ein.  Das soge­nannte Lon­ge­vity ist schon län­ger eine Art Trend. […]
TU Wien ent­wi­ckelt neues 3D-Druck-Ver­fah­ren zur Her­stel­lung von bio­lo­gi­schem Gewebe. Ein Anwen­dungs­ge­biet ist etwa die For­schung an Haut­krank­hei­ten. Neue Methode soll dabei auch die mehr­fach schwie­ri­gen Tier­ver­su­che ersetzen. Rund ein Vier­tel der euro­päi­schen Bevöl­ke­rung lei­det unter chro­nisch ent­zünd­li­chen Haut­krank­hei­ten wie Pso­ria­sis, Neu­ro­der­mi­tis oder Akne. The­ra­pien dafür zu erfor­schen ist oft schwie­rig. Die schon ein­mal ethisch […]
Metalle und Stahl­pro­dukte wer­den in gro­ßen Volu­mina für ver­schie­denste Erzeu­gun­gen benö­tigt. Roh­stoffe auf wenige Her­kunfts­ge­biete beschränkt. Her­stel­lung ener­gie­in­ten­siv und Recy­cling­quote nied­rig. Neues För­der­pro­gramm von SPRIND adres­siert neue Kreislaufmodelle. Kri­ti­sche Metalle sind zen­tra­ler Bestand­teil der ver­schie­dens­ten Her­stel­lungs­ver­fah­ren und betriebs­über­grei­fen­den Pro­duk­ti­ons­ket­ten. Die Anwen­dun­gen erstre­cken sich von High­tech-End­pro­duk­ten und erneu­er­ba­ren Ener­gie­tech­no­lo­gien über die Luft- und Raum­fahrt bis hin […]
Nie­der­ös­ter­rei­chi­sches Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria (ISTA) erhält von Uber-Mit­be­grün­der Garett Camp Spende über fünf Mil­lio­nen Euro. Im Fokus ste­hen neue For­schun­gen zu KI im engen Kon­text mit den The­men men­schen­zen­trierte Ver­trau­ens­wür­dig­keit und gesell­schaft­li­ches Gemeinwohl.  Das Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria (ISTA) in Klos­ter­neu­burg (NÖ) hat vom kana­di­schen Unter­neh­mer Gar­ret Camp, ein Mit­be­grün­der […]
magnifier
linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram