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Kochen im mul­ti­me­dia­len Zeitalter

Das Essen zählt zu den ele­men­tars­ten mensch­li­chen Bedürf­nis­sen. Der Spei­sen­zu­be­rei­tung wird oft­mals höchste Auf­merk­sam­keit geschenkt. Neben neuen Sen­dungs­for­ma­ten im Fern­se­hen ent­wi­ckelt sich auch online eine große Koch-Com­mu­nity, wäh­rend tech­ni­sche Ent­wick­ler ihre eige­nen Süpp­chen kochen.

Jeder kann kochen ! Dies behaup­tet nicht nur die Gerichte zau­bernde Ratte Rémy im Trick­film Rata­touille, son­dern es wird auch dem Fern­seh­volk tag­täg­lich auf dem Bild­schirm vor­ex­er­ziert. Sarah Wie­ner, Tim Mäl­zer und Co pre­di­gen zur bes­ten Sen­de­zeit übers Ein­kau­fen samt gesun­der Ernäh­rung mit Vit­ami­nen und Nähr­stof­fen. Sie schnei­den, rüh­ren und geben wert­volle Tipps, wenn nicht gerade der wort­karg schnip­selnde Silent Cook Patrick Mül­ler tele­vi­su­ell aufkocht.
Dabei wer­den Koch­sen­dun­gen bereits seit Beginn des Fern­se­hens gezeigt. In Deutsch­land bei­spiels­weise sorgte ein arbeits­lo­ser Schau­spie­ler mit dem Pseud­onym Cle­mens Wil­men­rod als ers­ter Fern­seh­koch bereits 1953 für Furore, wäh­rend in Öster­reich der kürz­lich ver­stor­bene Hel­muth Misak mit 134 Koch­sen­dun­gen in 16 Jah­ren zu den Pio­nie­ren unter den Küchen­herd-Enter­tai­nern zählte.
Zu Zei­ten sei­nes media­len Erst­ein­sat­zes (1961) waren die Prot­ago­nis­ten des der­zei­ti­gen ORF-Koch­du­etts Andi und Alex nicht ein­mal gebo­ren. Dass der hei­mi­sche Alt­meis­ter die Her­aus­gabe von Koch­bü­chern ablehnte, ver­wun­dert vor dem Hin­ter­grund, dass sich etwa die Publi­ka­tio­nen eines Jamie Oli­ver mona­te­lang ganz vorne in den Buch­best­sel­ler­lis­ten wie­der­fin­den. Zudem kann heute ohne per­so­ni­fi­zier­ten Online-Auf­tritt das Inter­esse an der eige­nen Per­son kaum am Köcheln gehal­ten werden.

Rezept- und Kochseiten
Doch die berühm­ten Koch­löf­fel­schwin­ger schei­nen nur das Sah­ne­häub­chen dar­zu­stel­len. Getrie­ben vom mas­sen­me­dia­len Hype erfreuen sich auch Online-Koch­sei­ten regen Zuspruchs. So berich­tet die ame­ri­ka­ni­sche Busi­ness Week, dass die lukul­li­schen Por­tale eine wich­tige Funk­tion im Social Net­wor­king über­neh­men und mitt­ler­weile zu den größ­ten Kate­go­rien im Inter­net zäh­len. Mit der Mög­lich­keit, Rezepte zu tau­schen und auch die eige­nen Koch­vi­deos online zu stel­len, erhält die Idee des User Gene­ra­ted Con­tent reich­lich Nah­rung. Allein im Novem­ber 2007 regis­trier­ten sich mehr als 58 Mio. Men­schen auf Rezept- bezie­hungs­weise Koch­sei­ten, erhob das Mar­ke­ting-Infor­ma­ti­ons­un­ter­neh­men Nielsen.
Fin­dige Haus­halts­ge­rä­te­her­stel­ler wie LG Elec­tro­nics oder Sam­sung ver­su­chen seit gut einem Jahr­zehnt, vor allem den Kühl­schrank netz­werk­fä­hig zu gestal­ten und ihn als zen­tra­les Steue­rungs­ele­ment eines ver­netz­ten Haus­halts zu posi­tio­nie­ren. Mit Touch­screen ver­se­hen, fin­det die Kom­mu­ni­ka­tion via E‑Mail oder Bild­te­le­fon statt, wobei sich der Kühl­schrank zum Bezie­hungs­zen­trum inner­halb der Fami­lie ent­wi­ckelt. Immer­hin kön­nen die gekauf­ten Lebens­mit­tel (noch) manu­ell über eine vir­tu­elle Tas­ta­tur erfasst wer­den, womit sich der vor­han­dene Inhalt samt Halt­bar­keits­da­tum via Inter­net oder Handy abfra­gen lässt. Aber auch als Küchen­chef leis­tet das Kühl­ge­rät gute Dienste. Es schlägt vor, wel­ches Rezept aus der umfang­reich vor­han­de­nen Samm­lung mit den vor­han­de­nen Lebens­mit­teln zube­rei­tet wer­den kann, oder teilt mit, wel­che Zuta­ten für das eine oder andere Gericht noch fehlen.

Kochende Com­pu­ter
Im Sep­tem­ber letz­ten Jah­res fand im Rah­men einer Tagung zur künst­li­chen Intel­li­genz an der Uni­ver­si­tät Trier ein Com­pu­ter-Koch­wett­be­werb statt. Dabei waren Stu­den­ten aus ganz Europa auf­ge­ru­fen, Koch­pro­gramme zu schrei­ben, die selbst­stän­dig Rezepte wäh­len, Menüs pla­nen und gege­be­nen­falls ein­zelne Zuta­ten tau­schen. Der wis­sen­schaft­li­che Ver­such sollte auch dazu die­nen, Rezept­ge­richte bei­spiels­weise für Aller-giker oder Vege­ta­rier zu vari­ie­ren oder Über­ge­wich­tige bei ihren Diät­plä­nen zu unter­stüt­zen. Aller­dings schei­ter­ten die ange­tre­te­nen Teams aus Spa­nien, Frank­reich, Irland, Indien und Deutsch­land in der Wett­be­werbs­prä­sen­ta­tion gerade beim Erset­zen von Zuta­ten wie Nüs­sen, Zitro­nen oder feh­len­dem Knob­lauch. Die extrem hohe Feh­ler­quote führte das Pos­tu­lat „Jeder kann kochen“ ad absur­dum, da die selbst gestrick­ten Pro­gramme die Impro­vi­sa­tion und jeg­li­ches Fein­ge­fühl fürs Kochen ver­mis­sen ließen.
Die Teil­neh­mer nah­men dies eher locker. Auf die Frage, ob einer der Infor­ma­ti­ker schon ein­mal ein Rezept nach­ge­kocht hätte, ant­wor­tete die­ser lapi­dar : „Ehr­lich gesagt nein, weil ich keine Zeit dafür hatte. Ich musste ja mein Pro­jekt wei­ter­brin­gen. Statt­des­sen gab es Fast Food, Men­sa­es­sen oder alles, was mir meine Freun­din zubereitete.“

Kochen in Wien
Vor rund fünf Jah­ren star­tete Hubert Kolm im pri­va­ten Umfeld mit anfäng­lich zehn Mit­glie­dern sein Por­tal Kochen in Wien. Der ehe­ma­lige Mar­ke­ting-Lei­ter für Indus­trie­kleb­stoffe lernte wäh­rend eines Ita­li­en­ur­laubs in Ligu­rien die beson­dere Atmo­sphäre am Herd ken­nen und zu schät­zen. Er impor­tierte seine Idee, orga­ni­sierte Koch­kurse für Klein­grup­pen unter Anlei­tung von Koch­pro­fis zu veranstalten.
„Unsere Spit­zen­kö­che wie Michael Meix­ner, Peter Kiri­s­chitz oder Her­wig Gas­ser bekom­men von den Teil­neh­mern direk­tes Feed­back, wäh­rend die Koch­no­vi­zen die Mög­lich­keit erhal­ten, nach­zu­fra­gen. Wie unter­scheide ich gute von schlech­ten Lebens­mit­teln bereits beim Ein­kauf ? Wo wer­den die Zuta­ten pro­du­ziert ? Schließ­lich ist Qua­li­tät immer ein sehr heik­les Thema“, erklärt der Koch­kurs­ver­an­stal­ter. „Des­halb brin­gen unsere Köche teil­weise auch ihre eige­nen Zuta­ten mit, die der Durch­schnitts­kon­su­ment im Super­markt so gar nicht erhält.“
Zwi­schen 15.000 und 30.000 Zugrif­fen regis­triert der Betrei­ber monat­lich, wobei das Por­tal für Anfän­ger und regel­mä­ßige Hob­by­kö­che aus dem In- und benach­bar­ten Aus­land wie der Slo­wa­kei, Deutsch­land oder Hol­land als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­form dient. Schließ­lich wird jeder Kurs mit­tels Fotos doku­men­tiert und diese online publi­ziert. Hubert Kolm, der den Unter­hal­tungs­for­ma­ten im Fern­se­hen eher kri­tisch gegen­über­steht, ist über­zeugt : „Kochen lernt man nur dann, wenn man es auch prak­ti­ziert.“ Und er ist sich bewusst : „Ohne die Mög­lich­kei­ten des Webs wären wir nie so weit gekommen.“

Autor:
15.01.2009

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