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Kranke Kas­sen blu­ten aus

Das Kran­ken­kas­sen­sys­tem in Öster­reich steht vor dem Finanz-Infarkt. Mit 1,2 Mrd. Euro Schul­den droht das Sys­tem aus dem Ruder zu lau­fen. Ein­spa­run­gen sind drin­gend nötig, doch schwer umzusetzen.

Die Dia­gnose des öster­rei­chi­schen Kran­ken­kas­sen­sys­tems ist ver­hee­rend : Die elf hei­mi­schen Kas­sen sind mit 1,2 Mrd. Euro in der Kreide, ergab die Bilanz des Haupt­ver­ban­des der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger für das Jahr 2008. Ohne drin­gende Geld­in­fu­sion wer­den sie das Jahr 2009 nicht durch­ste­hen, jeden­falls nicht mit den bis­her gewohn­ten Leis­tun­gen, warn­ten die Kassenvorstände.
Die Gesund­heits­aus­ga­ben in Öster­reich schlu­gen sich mit 13 Mrd. Euro zu Buche, und sie wer­den im lau­fen­den Jahr nicht sin­ken, im Gegen­satz zu den Bei­trags­ein­nah­men. Diese näm­lich wer­den durch die stei­gende Arbeits­lo­sig­keit sicher­lich unter den Pro­gno­sen zu lie­gen kom­men. Beträgt der „nor­male“ zusätz­li­che Finan­zie­rungs­be­darf der Kas­sen heuer wei­tere 100 Mio. Euro und 2010 das Dop­pelte, so schlägt sich der Rück­gang der Bei­träge von nur einem Pro­zent­punkt mit 60 wei­te­ren Mio. Euro pro Jahr zu Buche, ist dem ent­spre­chen­den Kon­zept­pa­pier des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums zu ent­neh­men. In Summe heißt das also, dass der „Abgang“ der Kran­ken­kas­sen Ende 2010 bei mehr als 1,5 Mrd. zu lie­gen kom­men wird. Rech­net man den pro­gnos­ti­zier­ten Bei­trags­ent­gang durch stei­gende Arbeits­lo­sig­keit ein, wird der Refi­nan­zie­rungs­be­darf eher 1,7 Mrd. Euro betragen.
In die­sem Zusam­men­hang ist inter­es­sant, dass Schät­zun­gen den Geld­ent­gang durch Kor­rup­tion im Gesund­heits­we­sen zulas­ten der Kas­sen auf knapp zwei Mrd. Euro im Jahr taxie­ren (siehe Seite 15). Allein mit der Ein­däm­mung der Kor­rup­tion könnte also ein spür­ba­rer Bei­trag zur Gesun­dung der Kas­sen geleis­tet wer­den, doch dafür wür­den merk­li­che Struk­tur­re­for­men im gesam­ten Medi­zin­be­reich, von den Kas­sen über die Kam­mern bis hin zur staat­li­chen For­schung und den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten, nötig sein, an denen schon zahl­rei­che Regie­run­gen geschei­tert sind.
Apro­pos schei­tern : Durch die extrem kame­ra­lis­ti­sche Struk­tur der Kran­ken­kas­sen und die mit nahezu jeder Legis­la­tur­pe­ri­ode oder Neu­wahl wech­seln­den Ein­flüsse wurde in den letz­ten Jah­ren eine wirk­lich durch­grei­fende Gesund­heits­re­form ver­un­mög­licht. Dazu kommt das erschwerte Durch­griffs­recht des Minis­te­ri­ums auf die selbst­ver­wal­te­ten Spi­tä­ler, der enorme Ein­fluss der reform-aver­sen Ärz­te­kam­mer und die Macht der Phar­ma­kon­zerne. Nach wie vor gibt es in der Gesund­heits­ver­wal­tung zahl­rei­che Dop­pel­glei­sig­kei­ten und ein­ge­ros­tete Strukturen.

Nega­ti­ves Reinvermögen

Der neue Gesund­heits­mi­nis­ter Alois Stö­ger (SPÖ) will den Kas­sen heuer erst mal eine Finanz­spritze von 400 Mio. Euro ver­ab­rei­chen, im Wesent­li­chen durch Umver­tei­lung von Steu­er­geld aus ande­ren Töp­fen, indem er etwa das Sozi­al­mi­nis­te­rium und das Finanz­mi­nis­te­rium anzapft. Im nächs­ten Jahr soll ein soge­nann­tes „Ent­schul­dungs­ge­setz“ für die Kas­sen kom­men, das es erlaubt, einen Groß­teil der Schul­den, das soge­nannte „nega­tive Rein­ver­mö­gen“ der Kas­sen, aus dem Bud­get abzudecken.
Kri­ti­ker die­ses Kon­zepts se-hen dadurch mög­li­chen Struk­tur­re­for­men und inne­ren Spar­maß­nah­men der Kas­sen jeden Wind aus den Segeln genom­men. „Das ist nur eine kurze Ver­schnauf­pause für die maro­den Kas­sen“, maulte etwa FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär und Sozi­al­spre­cher Her­bert Kickl. „Das Abzie­hen von Geld aus Steu­er­mit­teln zum Stop­fen von Finanz­lö­chern im Gesund­heits­be­reich kann ja nicht in alle Ewig­keit so wei­ter­ge­hen“, so der Frei­heit­li­che. Er for­derte – im Übri­gen im Ein­klang mit der rest­li­chen Oppo­si­tion – die Umset­zung einer „ech­ten Reform der Struk­tur“ und eine „nach­hal­tige Bekämp­fung des Miss­brauchs im Gesundheitssystems“.
Hans Jörg Schel­ling, der neue Vor­sit­zende des Haupt­ver­ban­des der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger, hat zumin­dest zum Amts­an­tritt ein „Reform­pa­ket“ für die Kran­ken­kas­sen ange­kün­digt. So wolle er dafür sor­gen, dass die Kas­sen „ihre Haus­auf­ga­ben machen“. Was damit gemeint ist : „Alle noch mög­li­chen Ein­spa­rungs­ef­fekte, die im Bereich der Abwick­lung des gesam­ten Ver­si­che­rungs­sys­tems vor­han­den sind“, sol­len genutzt wer­den, kün­digte Schel­ling an. Auf diese Weise sol­len Bei­trags­er­hö­hung, aber auch Leis­tungs­kür­zun­gen ver­mie­den wer­den. Da seine Reform­ideen aber auch Ärz­te­ver­träge und Qua­li­täts­kon­trol­len der Ärz­te­kam­mer umfas­sen, schoss diese erwar­tungs­ge­mäß mit schar­fem Geschütz zurück : Die Ärzte betref­fende Ein­spa­rungs­vor­schläge wür­den von einer „bestimm­ten Gesin­nung“ zeu­gen und wei­ter den „ohne­hin schon auf­ge­bläh­ten Ver­wal­tungs­ap­pa­rat“ beschäf­ti­gen, urteilte der nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent Chris­toph Reis­ner. „Wer refor­miert, sollte im glei­chen Atem­zug Ver­wal­tungs­bü­ro­kra­tie ab- statt aufbauen.“

Zusam­men­ar­beit gesucht
Am schwers­ten auf der Tasche lie­gen den Kas­sen die Medi­ka­men­ten­kos­ten. Daher ist einer der größ­ten Reform­bro­cken die Ein­däm­mung der Arz­nei­mit­tel­kos­ten in Zusam­men­ar­beit mit den Phar­ma­fir­men, die immer­hin etwas Bewe­gung in diese Rich­tung signa­li­siert haben. Auch die Sen­kung der Mehr­wert­steuer auf Medi­ka­mente von 20 auf zehn Pro­zent, seit 1. Jän­ner 2009 in Kraft, hat dies­be­züg­lich Ent­las­tung gebracht. „Das war längst über­fäl­lig“, sagt Apo­the­ker­kam­mer­prä­si­dent Hein­rich Burg­gas­ser. Öster­reich hatte bis­her hin­ter Däne­mark den höchs­ten Mehr­wert­steu­er­satz auf Medi­ka­mente, wobei man aber immer noch von den nied­ri­gen ein­stel­li­gen Sät­zen in Frank­reich und der Schweiz oder null Pro­zent in Irland, Groß­bri­tan­nien und Schwe­den ent­fernt ist.
Ein­spa­rungs­po­ten­zial im Medi­ka­men­ten­be­reich sieht Gesund­heits­mi­nis­ter Stö­ger auch in einer Aus­wei­tung des Rabatt­sys­tems für häu­fig ver­schrie­bene Medi­ka­mente, ein Sys­tem, gegen das die Phar­ma­bran­che der­zeit in Deutsch­land Sturm läuft, wo es als „Arz­nei­mit­tel­spar­pa­ket“ bezeich­net wird. Medi­ka­men­ten­teue­rung über der Brut­to­in­lands­pro­dukt-Stei­ge­rung will Stö­ger künf­tig aber nicht mehr durch­ge­hen lassen.

Autor:
27.02.2009

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