
Kratzer am Denkmal Rangnick
Der spielerische WM-Auftritt des Nationalteams als Kollektiv war ein Armutszeugnis. Kein Selbstbewusstsein, keine Abstimmung, kein Spielwitz und keine Härte deuten insbesondere auf eine fehlerhafte oder nicht mehr existente Mental-Betreuung hin. Ein WM-Resümee von Christian Czaak.
Last-Minute Zittersieg im ersten Match gegen Jordanien. Kampflose Niederlage gegen Argentinien. Last-Second Zitterunentschieden gegen Algerien. Klassenunterschiedlicher Untergang ohne auch nur einer einzigen Chance gegen Spanien. Die Spiele der Österreichischen Fußball-Nationalmannschaft bei der aktuellen Weltmeisterschaft (WM) in den USA, Mexico und Kanada strapazierten das hitzebedingt ohnehin strapazierte Nervenkostüm von so gut wie allen Fußball-interessierten Menschen im Lande.
Das Unvermögen aus der vorhandenen Einzelqualität auch ein spielerisches Kollektiv zu schaffen
Zur Erinnerung auch noch das entscheidende Tor um die WM-Teilnahme von Michael Gregoritsch kurz vor Spielschluss im entscheidenden Match gegen Bosnien. Ergebnisse und Spielverlauf in den Auftritten des Österreichischen Nationalteams bei der Fußball-WM erfordern eine entsprechende Reaktion. Die Mehrheit der Spieler benötigen mehr Selbstbewusstsein wie Härte und das Team als Kollektiv mit dem Ball eine primär offensiv orientierte Abstimmung und Spielverständnis. Das ist insbesondere eine mentale Bringschuld des Trainer- und Betreuerteams rund um Teamboss Ralf Rangnick.
Grundsätzlich verfügt das aktuelle National-Team über auch international gesehen wirklich gute Fußballer. Nahezu alle spielen und bestehen als Stammkräfte in starken Ligen wie Deutschland, Spanien oder England. In der Einzelbetrachtung sind die Spieler technisch und läuferisch-konditionell sehr gut. Dem Trainer- und Betreuerstab rund um Teamchef Rangnick ist es zudem gelungen das Team einmal vom Kopf her als starkes Kollektiv bzw. Einheit zu formen. Zusammengefasst existiert also ein gutes und auch international absolut konkurrenzfähiges Fundament.
Österreichische Kicker müssen auch eine „Krätz’n“ können
Was der Mehrheit der Spieler und damit auch dem spielerischen Kollektiv vergleichsweise fehlt ist Selbstbewusstsein, ein davon ausgehender Mut inklusive Spielwitz und eine vertretbare physische Härte bzw. Körperlichkeit im Kampf Mann gegen Mann. Im Match gegen Argentinien war das ein zumindest mitentscheidendes Momentum. Ein Wirken als „Krätz’n“ wie Argentiniens Mac Allister & Co. muss (insbesondere) ein österreichischer Kicker ja wohl auch „drauf‘ haben“.
Schon in meiner aktiven Zeit (1968 bis 1980 Jugend-Teams bis U‑19 beim Wiener Sportclub mit mehrfachen Meisterschaftsgewinnen) gab es Anweisungen, wichtige gegnerische Spieler zu Beginn einmal „ein bissel abzuklopf’n“ und ihnen so „die Schneid‘ zu nehmen. Bei uns hat das nahezu immer gut funktioniert und in vertretbaren, nicht verletzenden Dosierungen sollte das auch in heutigen Spielstrategien enthalten sein. Ist es auch, bei der jetzigen WM haben diese Strategie etwa Argentinien in vertretbarer und Paraguay in nicht vertretbarer Form gezeigt.
Sonderlob für Schlager und Alaba und Sabitzer und das restliche Fehlverhalten
Im ÖFB-Team zeigt sich das fehlende Selbstbewusstsein neben einer entsprechend oft nervös-unsicheren Körpersprache in zahllosen Quer- und Rückpässen, die dann überwiegend überhastet gespielt werden. Nur ja keine Verantwortung, rasch und lieber weg mit der Kugel zum Kollegen. Taktik, bzw. Ball halten hin oder her, der Ballbesitz-Fußball allein kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein – und ist es im Kontext der Spielverläufe und Ergebnisse auch nicht. Was mehrheitlich auch gefehlt hat, war das ansonsten typische Pressing der Rangnick-Truppe.
Die Wirkung einer selbstbewussten Ausstrahlung hat Tormann Alexander Schlager beim abgewehrten Elfer gegen Lionel Messi gezeigt. Gegen Messi ! Und David Alaba hat es u.a. mit seinem Superpass über das ganze Spielfeld auf Marko Arnautovic gezeigt, der diesen (glücklicherweise…) zum 1:0 gegen Algerien verwerten konnte. Detto Marcel Sabitzer mit seiner kontinuierlich gelebten Offensiv-Kraft. Warum nicht mehr solcher Pässe und etwaig auch mit dem sogenannten zweiten Ball als Abpraller Druck machen ? Schlager und Sabitzer und Alaba hatten bei der WM dieses Selbstbewusstsein plus Mut. Sie brachten damit zumindest etwas Dominanz auf den Platz.
Vergebene Chancen gegen Argentinien und die Wirkung eines eigenen Mental-Betreuers
Ein kollektiveres Mehr an Selbstbewusstsein und Mut gepaart mit einer Prise „Killerinstinkt“ wäre insbesondere auch gegen Argentinien nach dem vergebenen Messi-Elfer wichtig bzw. nötig gewesen. Oder, wenn eben nicht selbständig vorhanden, dann eine Anweisung Rangnicks — so er es erkennt. Die Argentinier waren hier längere Zeit total verunsichert, erkennbar allein optisch an der Körpersprache und Mimik. Österreich hat das nicht bemerkt oder nicht vermocht auszunutzen. Auch die Rolle und Funktion eines Kapitäns kann in diesem Kontext hinterfragt werden.
Was eine gesonderte Mental-Betreuung bewirken kann, hat das Engagement des Mental-Experten Marc Gassert rund um die erfolgreiche Qualifikation und den Turnier-Einsatz im Rahmen der EURO 2024 gezeigt. Gassert begleitete hier das ÖFB-Team und gehörte auch während der EURO zum Betreuerstab des ÖFB-Teams. Er gilt als Experte für mentale Stärke und Motivation, ist auch Meister von Kampfsportarten wie Karate sowie gut gebuchter Vortragender bei entsprechenden Veranstaltungen und erfolgreicher Autor mehrerer Bücher mit Titeln wie „Die Kraft des Drachen“ oder „Alles ist schwer, bevor es leicht wird“.
Keine eigene Mental-Betreuung beim Österreichischen Team bei dieser WM
Peter Schöttel hatte diese eigene Mental-Betreuung damals extra betont, Marko Arnautovic und Marcel Sabitzer etwa hatten sie gelobt und für gut befunden. Die Vermittlung dieser Mentalität bzw. entsprechender Sichtweisen oder ein gesondertes Augenmerk auf das Thema hätte dem Team sicher und gerade auch bei dieser WM gutgetan. Laut ÖFB-Pressestelle gab es aber bei dieser WM keinen eigenen Mental-Coach. „Die Spieler arbeiten individuell mit Mentalcoaches oder Psychologen zusammen“, so der ÖFB auf Anfrage von economy. Ein Fehler – und eigentlich unverständlich auch in Bezug auf die von Teamchef Ralf Rangnick selbst (vor)gelebte Mentalität.
Unterm Strich bleibt vor allem ein Schade, weil vom grundsätzlichen Potential her mehr möglich gewesen wäre. Unterm Strich bleibt aber auch ein Lob für einen sympathischen Auftritt, das sichtbare Bemühen und für das Überstehen der Vorrunde. Bei den medial üblichen Einzelwertungen gebührt nochmals Alexander Schlager, Marcel Sabitzer und David Alaba ein Sonderlob : Große Klasse, auch im internationalen Vergleich. Ein herzliches Sonderlob für Marko Arnautovic, wie Keith Richards bei den Stones ist, bzw. nun ja war er das emotionale und authentische Herz der Österreichischen Mannschaft. Alles Gute für die Zukunft an der Stelle.
Österreichische Momente und ehemals kleine Fußballnationen auf Augenhöhe mit großen Nationen
Erwähnenswert noch Kevin Danso, Konrad „The Machine“ Laimer, Paul Wanner und Carney Chukwuemeka, die zumindest ansatzweise spielerische oder mutige Akzente nach vorne gesetzt haben. Dazu Sasa Kalajdzic, allein schon als einziger (!) Vertreter der Österreichischen Bundesliga (Leihspieler beim Linzer LASK und nun wieder retour nach Wolverhampton/England) und natürlich für sein Last-Second-Goal, das Aufstieg und Auftritt gegen Spanien sicherte. Zu den restlichen Spielern sei nichts angeführt, das kollektive Bemühen ist schon erwähnt. Einzig vielleicht noch Florian Grillitsch für seine gewohnt perfekt sitzende Frisur. Die nötige spielerische Kritik hat Grillitsch schon von David Alaba auf dem Platz im Spiel gegen Spanien beim zweiten Gegentor erhalten…
Kritik und Lob ist diesmal aber auch im Kontext zu sehen, dass es mittlerweile de facto keine „Bloßfüßigen“, vulgo schwachen Teams mehr gibt. Das ist eine, wenn nicht die zentrale Erkenntnis dieser WM. Siehe Spiele und (leider) Ausscheiden von Teams wie Deutschland, Holland oder Brasilien. Der Fußball ist sozusagen noch internationaler geworden, Legionäre und internationale Trainer bringen und vermitteln viel Kompetenz und so spielen auch von der Einwohnerzahl her kleine Länder auf Augenhöhe mit den ehemals großen Fußball-Nationen.
Letztklassiges Paraguay und souveräne Franzosen
Von Auftritt und Umfeld her eine absolut sympathische WM, ausgenommen die „Ratz’n“ von Paraguay, letztklassig. Die zugegebenermaßen deftige Beschreibung „Ratz’n“ schließt auch die Paraguay-Politikerin Amarilla de Boccia ein, die Kylian Mbappe nach dem verlorenen Frankreich-Spiel übelst beschimpft und rassistisch beleidigt – Zitat u.a.: „Der Trottel hat nicht mal schreiben gelernt. Statt Muttermilch hat er Kokosnüsse ausgesaugt, und das Gebildetste, was er je gehört hat, waren Schimpansen“. Umso spitzenklassiger und souveräner und sympathischer dafür die Franzosen in diesem direkten Aufeinandertreffen.
Ebenso toll Entwicklung und Team von Norwegen, auch im Vergleich zu Österreich. Und wenn wir schon bei Vergleichen sind : Toll, weil spannend wie kompetent und informativ, die Berichterstattung von Servus TV, generell und noch mehr in Relation zu ORF oder ARD und ZDF. Wechselwilligkeit zum ORF gibt es nur, wenn der überaus sympathische, weil mit dem konkurrenzlosen Wiener Schmäh‘ gesegnete und unaufgeregt sehr kompetenten fußballerischen Klartext vermittelnde Andreas Herzog mehr Sendezeit bekommt.
Von Pele, Cruyff, Rivera und Beckenbauer zu Haarland, Kane, Yamal und Musiala
Abschließend noch zu den herausragenden Spielern bei dieser WM mit einer entsprechend angebrachten Verbeugung vor Erling Haarland (Norwegen), vor Harry Kane (England), vor Cristiano Ronaldo (41 und bei Portugal), vor Lamine Yamal (18 und bei Spanien) und vor Leroy Sane (Deutschland). Sie erinnern an die damaligen Heroes in der eigenen fußballesterischen Zeit der 1970er Jahre.
Dazu gehörten insbesondere die Brasilianer Pele, Carlos Alberto, Roberto Falcao, Roberto Rivelino und Jairzinho, die Holländer Johan Cruyff, Johan Neeskens, Wim van Hanegem, Rob Rensenbrink und Johnny Rep, die Italiener Gianni Rivera, Roberto Bettega, Sandro Mazzola, Giacinto Facchetti und Luigi „Gigi“ Riva und natürlich die Deutschen Franz Beckenbauer, Paul Breitner, Berti Vogts, Günter Netzer und Gerd Müller. Würdig und im Kontext, diese Legenden wieder einmal in Erinnerung zu rufen.
Ausnahmefußballkönner als Geschenk und die völkerverbindende Magie des Fußballs
In der „Ersten“ beim heimischen Wiener Sportclub spielte zu dieser Zeit übrigens auch ein Hero : Anton „Burli“ Herzog, der Vater von Andreas Herzog. Zurück zur aktuellen WM und den Heroes, wo neben einer Verbeugung oftmals auch ein „Niederknien“ angebracht ist : Vinicius Junior (Brasilien), Kylian Mbappe (Frankreich) und insbesondere Lionel „La Pulga“ Messi (39 und bei Argentinien), Fußballgott und bis dato auch zurück bis zu Pele, Beckenbauer, Cruyff & Co. bester Fußballer ever. Das „bis dato“ bezieht sich auf Mbappe, Yamal und Jamal Musiala (Deutschland), die dieses Potential auch haben.
Die angeführten Spieler der aktuellen WM und sicher auch einige mehr sind allesamt absolute Ausnahmefußballkönner, die noch dazu verlässlich wie auf Knopfdruck Tore und spielerische Gustostückerln liefern. Auch als ehemals meisterlicher Junior-Stürmer aus der Wiener Vorstadt : es ist ein Vergnügen und ein Geschenk diesen Künstlern gemeinsam zuschauen zu können und dabei einmal mehr die völkerverbindende Magie des Fußballs zu erleben. (red/czaak)