
Kriminelle Arbeitsteilung
25 Dollar für Zugang zu thailändischem Produktionssystem und 750.000 Dollar für Datenbank eines deutschen Industriebetriebes. Kriminelle Access-Broker handeln die Zugänge und angreifende Kollegen monetarisieren sie, so weitere Details aus aktuellem TrendAI-Report zum Thema Cyber-Kriminalität und ‑Security. Der Report nennt erstmals auch Details und Namen zu Angreifern, Methoden und besonders bevorzugte Ziele wie Unternehmensgruppen.
Neue Auszüge aus dem kürzlich vorgestellten Report „The Market for Trust: How Cybercriminals Recruit Corporate Insiders“ vom internationalen Cybersecurity-Anbieter TrendAI (Tochter von Trend Micro, Anm.) zeigen nun auch, wie Cyber-Kriminelle sowie Ransomware-Gruppen und geopolitisch motivierte Hacktivisten auf dieselben Zugänge zu Industrieunternehmen aus Produktion, Energie- und Wasserinfrastruktur zugreifen.
Die Experten von TrendAI waren über zwei Jahre in einschlägigen Untergrundforen „unterwegs“ und konnten hier erstmals in einer umfassenden Art und Weise die neuen „Trends“ der internationalen Cyber-Kriminalität beleuchten. Erste Erkenntnisse aus dem Report betrafen die neue Dienstleistung „Insider-as-a-Service“ (economy berichtete). Jetzt wurden weitere Ergebnisse veröffentlicht.
Der kriminelle Untergrund besteht aus vier miteinander verbundenen Bereichen
Die neue Forschung von TrendAI zeigt, wie sich insbesondere um industrielle Infrastruktur ein arbeitsteiliger krimineller Markt entwickelt hat. Sogenannte Access-Broker (vulgo Zugangs-Händler, Anm.) verkaufen Zugänge zu Unternehmen aus Industrie, Energie und Fertigung. Im nächsten Schritt monetarisieren Ransomware-Akteure (vulgo Angreifer, Anm.) diese Zugänge. Auch geopolitisch motivierte Hacktivisten greifen zunehmend auf dieselben Eintrittswege und Wissensquellen zurück.
Der untersuchte Untergrund besteht aus vier miteinander verbundenen Bereichen: Erster Bereich ist das sogenannte Access-as-a-Service: Broker verkaufen VPN- und RDP-Zugänge (Virtual-Private-Network und Remote-Desktop-Protocol, Anm. zu Produktionsstandorten, Energieunternehmen und Versorgern.
Dann folgt der Bereich Ransomware, wo sogenannte Affiliates (Vertriebs-Verteiler, Anm.) erlangte Zugänge für Verschlüsselung und Erpressung nutzen und sodann Daten auf Leak-Sites veröffentlichen. Der nächste Abschnitt in der kriminellen Wertschöpfungskette ist Hacktivismus: Geopolitisch motivierte Gruppen versuchen hier etwa, industrielle Systeme für Propaganda und zunehmend auch für reale Störungen zu nutzen.
Raubkopierte Spezial-Schulungen und digitale Tutorials
Im nächsten Schritt folgt der eigentliche Wissensaustausch: Raubkopierte ICS-Schulungen (Industrial Control Systems, Anm.), und digitale Tutorials senken die technische Einstiegshürde. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Marktplatz, sondern um ein Ökosystem mit arbeitsteiliger Struktur. Access Broker, Datenhändler, Ransomware-Akteure und Hacktivisten bewegen sich teilweise in denselben Foren und Kommunikationskanälen. Sie teilen Eintrittswege, Wissensquellen und in einigen Fällen sogar Personal.
TrendAI konnte sich auch das Entlohnungssystem anschauen. Die Preisspanne für Zugänge zu Industrieanlagen ist enorm. Auf der Plattform „BreachForums“ bot ein Verkäufer einen vollständigen Administratorzugriff auf das Produktionssystem eines thailändischen Fertigungsunternehmens für 25 US-Dollar an. Am anderen Ende der Preisskala listete ein Verkäufer auf „exploit.in“ die interne Datenbank eines deutschen Energie-Unternehmens für 12 Bitcoin – umgerechnet rund 748.000 US-Dollar.
Die Manipulation der Stromversorgung als Bonus
In einem weiteren Fall bot ein Akteur auf BreachForums die vollständige Kontrolle über SCADA-Systeme (Supervisory Control and Data Acquisition, Anm.) und Mitarbeiterdaten zweier pakistanischer Energieversorger für 3 Bitcoin (rund 187.000 US-Dollar) an. Inkludiert war die Möglichkeit, die Stromversorgung zu Spitzenzeiten zu manipulieren. Das Einfallstor ist selten eine Lücke (zB. Zero-Day, Anm.), die Angreifer nutzen vornehmlich bestehende Fernzugänge, so TrendAI.
Den Zutritt verschaffen sich die Zugangsbroker in den allermeisten Fällen nicht über hochentwickelte Exploits (Codes, Datenpakete, Software, Anm.), sondern über kompromittierte Standardinfrastruktur. VPN- und Remote-Access-Gateways sind mit 21 Prozent der ausgewerteten Zugangsangebote der mit Abstand häufigste Weg, gefolgt von RDP (13 Prozent) und gestohlenen Zugangsdaten (rund 12 Prozent).
Die große Verwundbarkeit von industriellen Fertigungsbetrieben
Häufig betroffen sind laut TrendAI Angaben sogenannte Edge-Appliances (dezentrale Peripherie-Geräte, Anm.) von Fortinet, Citrix, Cisco, Palo Alto Networks und SonicWall – meist abgesichert mit schwachen, wiederverwendeten oder gestohlenen Passwörtern. Direkte Zugänge über SCADA, ICS, HMI (Human-Machine-Interface) oder SPS (Speicher-Programmierbare-Steuerung/Programmable-Logic-Controller) bewerben die Verkäufer in rund sieben Prozent der Angebote explizit als besonders wertvolle-Premium-Ware.
Die TrendAI-Experten haben auch die betroffenen Branchen- bzw. Unternehmensgruppen ausgewertet. Demnach sind Fertigungsbetriebe mit 68 Prozent aller Forenbeiträge und 78 Prozent aller öffentlich gewordenen Ransomware-Opfer die mit Abstand am stärksten betroffene Branche. Ihre geringe Toleranz für Produktionsausfälle macht sie für Erpresser besonders attraktiv. Zwischen Januar 2024 und Juni 2026 zählte TrendAI 3.178 öffentlich gelistete Ransomware-Opfer aus den Bereichen Industrie und Energie.
Insbesondere pro-russische und pro-iranische Gruppen
Die Zahl der heimgesuchten Industrie-Unternehmen stieg von 974 im Jahr 2024 auf 1.437 im Jahr 2025 – ein Anstieg von fast 50 (!) Prozent (exakt waren es 48 Prozent). Allein im ersten Halbjahr 2026 wurden bereits 767 Opfer verzeichnet, womit das laufende Jahr das Vorjahresniveau übertreffen dürfte. Den Anstieg treiben wenige Ransomware-as-a-Service-Gruppen voran: Akira (372 Opfer), Qilin (338) und Play (238) zeichnen zusammen für rund 30 Prozent aller Fälle verantwortlich. Bei den Opferländern liegt Deutschland hinter den USA auf Platz 2, noch vor Kanada und Italien.
Der Report dokumentiert zudem auch eine wachsende Zahl geopolitisch motivierter Angriffe auf industrielle Infrastruktur, insbesondere durch pro-russische und pro-iranische Gruppen wie Z‑Pentest, NoName057, Sector 16, CyberAv3ngers und Handala. Diese Akteure verfügen häufig über geringere technische Fähigkeiten als klassische APT-Gruppen (Advanced Persistent Threat, Anm.), erzielen aber reale Wirkung: FBI, NSA und CISA (Cybersecurity and Infrastructure Security Agency, Anm.) bestätigten in einer gemeinsamen Warnmeldung im Dezember 2025, dass auch technisch wenig versierte, pro-russische Gruppen physische Schäden an Wasser‑, Energie- sowie Lebensmittelproduktions- und Agrarsystemen verursacht haben.
Existentielle Bedrohungen für Unternehmen brauchen entsprechende Schutzmaßnahmen
Ende Juli 2026 störte die mit Iran in Verbindung stehende Gruppe CyberAv3ngers durch die Ausnutzung speicherprogrammierbarer Steuerungen (SPSen) den Betrieb von Wasser- und Abwasserversorgern in mehr als 30 Kommunen im US-Bundesstaat Minnesota. Im Juni 2026 beanspruchte die pro-iranische Gruppe Handala einen Einbruch bei einem großen US-Wasserversorger für sich und erklärte, eine Unterbrechung der kommunalen Wasserversorgung wäre möglich gewesen.
„Die Ergebnisse zeigen, dass der industrielle Untergrund mehr als nur eine abstrakte Gefahr darstellt und schon heute als arbeitsteilige Ökonomie funktioniert“, sagt Udo Schneider, Governance, Risk & Compliance Lead Europe bei TrendAI. „Für Unternehmen bedeutet das: Ein kompromittierter VPN‑, RDP- oder anderer Remote-Access-Zugang kann weit über einen klassischen IT-Sicherheitsvorfall hinausreichen. Phishing-resistente Multi-Faktor-Authentifizierung/MFA, konsequentes Patchen internetexponierter Systeme und eine echte Trennung von IT und OT (Operation Technology) können zentrale Eintrittswege schließen“, unterstreicht Schneider von TrendAI. (red/czaak)