
Krise, welche Krise ?
Der qualitative Kunstauktionsmarkt funktioniert. Aktuell fallen wieder Rekordpreise. Anzahl der Verkäufe auch hoch. Ein Beispiel sind die Zeitgenossen im Wiener Dorotheum. Am 3. Dezember folgt Im Kinsky nächste Auktion mit hochkarätigen Werken.
236 Millionen Dollar für ein Werk von Gustav Klimt oder knapp 55 Millionen für eine Malerei von Frida Kahlo bei den aktuellen Kunstauktionen des internationalen Auktionshauses Sothebys in New York zeigen mit anderen Millionenverkäufen, dass qualitativ hochwertige oder namentlich prominente Kunstwerke wieder oder weiter potente Käufer finden.
Was augenscheinlich international gilt, ist auch im heimischen Markt zu beobachten. Nachdem im Wiener Dorotheum bei der „Klassischen Moderne“ eine Papierarbeit von Egon Schiele 3,2 Millionen Euro erzielte, wurden soeben auch im Segment der Zeitgenössischen Kunst (ab 1945) mehrere Rekorderlöse für heimische Maler vermeldet. Auch die Anzahl der verkauften Werke ist hoch, bei den zwei aufgeteilten Auktionen konnten für exakt 70 (!) Prozent der 372 angebotenen Lose Käufer gefunden werden. Der laufende Nachverkauf ist hier noch nicht berücksichtigt.
Zwei tschechische Künstler mit den höchsten Zuschlägen
Die gesamten Erlöse bei beiden Zeitgenossen-Auktionen beliefen sich inklusive Abgaben auf rund 11,5 Millionen Euro (Nachverkauf ebenso noch nicht berücksichtigt). Das teuerste Werk („Two Inquisitors II“) des tschechischen Künstlers Nikolaus Medek (1926 bis 1974) erzielte 812.000 Euro. Ebenso begehrt war eine Arbeit („Linie č. 109“) des auch aus Tschechien stammenden Künstlers Zdeněk Sýkora (1920 bis 2011) mit einem erzielten Preis von 737.500 Euro. Sýkora begann als einer der Ersten Bildkompositionen mittels Computer zu entwickeln.
Unter den weiteren Top-Ergebnissen waren Andy Warhols „Ten Jews“ mit 636.000 Euro, Fernando Boteros „Man Eating“ für 325.000 Euro, der Koreaner Lee Ufan mit „From Line No. 790256“ für 311.000 Euro, Carla Accardis „Scuro blu“ für 222.000 Euro oder Jean Fautriers „Le Marquis“, für 208.000 Euro. Hohe Zuschläge erzielten auch Werke von Josef Albers, Hans Hartung, Julian Schnabel oder Enrico Castellani. Die schon seit Jahren konsequent verfolgte Linie der Internationalisierung trägt weiter Früchte für das Auktionshaus Dorotheum (neben einer immer größeren Vielfalt bei anderen Auktions-Segmenten und ‑Formaten).
Relationen im Kontext mit Preis, Anzahl und qualitativer Wertigkeit
Rekordzuschläge, wenn auch vergleichsweise niedrigere Beträge, erzielten hier auch österreichische Maler, darunter eine großformatige rote Abstraktion des im Juni dieses Jahres verstorbenen Herbert Brandl mit 175.500 Euro oder Markus Prachensky (1932 bis 2011) mit 143.000 Euro für „Rot auf Weiß – Sebastianplatz“ aus 1960, ebenso eine rotdominierende Abstraktion — und als wirklich großartiges Bild auch die „Übermalung“ dieses Textes. economy konnte es auch in Natura bewundern.
Interessanter, weil aussagekräftiger für die aktuelle Marktsituation sind die Relationen bei Anzahl, qualitativen Wertigkeiten und Verkäufen. Von den bereits angeführten 372 angebotenen zeitgenössischen Werken im Dorotheum wurden eben exakt hohe 70 Prozent verkauft. Einzeln betrachtet waren es bei der höherwertigeren Auktion „Zeitgenossen I“ 78 von 113 angebotenen Werken und bei den niedrigpreisigeren „Zeitgenossen II“ waren es 181 von 259 Werken (ohne laufenden Nachverkauf).
Die Rolle der Österreichischen Künstler:innen
Bei „Zeitgenossen II“ wurden diese 181 Werke zu einem Gesamtpreis von knapp 3 Millionen Euro verkauft, daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Einzelpreis von rund 16.500 Euro. Einzelne Werke brachten aber auch hier Erlöse von (tlw. weit) über 100.000 Euro. Bei „Zeitgenossen I“ wurden die 78 Werke zum Gesamtpreis von knapp 8,5 Millionen Euro verkauft, macht 109.000 Euro als durchschnittlichen Einzelpreis. Sechs Werke brachten hier über 300.000 Euro, davon drei über 500.000 Euro.
Spitzenpreise gab es dabei auch für weitere Werke von Herbert Brandl oder Arnulf Rainer. Bilder von Hermann Nitsch blieben (abermals) etwas unter den Erwartungen. Weitere österreichische Künstler:innen bei der Auktion waren Martha Jungwirth (nicht mehr ganz so begehrt wie zuletzt), Brigitte Kowanz, Franz West (sehr begehrt), Erwin Wurm, Hubert Scheibl, Hans Staudacher, Otto Muehl oder Günter Brus.
Auktionsplattform für qualitativ gute aber noch unbekanntere Künstler:innen
Zusammengefasst im Kontext mit etwaigen Krisendiskussionen soll es schon schlechtere Auktionsergebnisse gegeben haben. In Verbindung mit Österreichischen Künstler:innen zeigt sich aber einmal mehr, dass nur die bekannten Namen im Auktionsgeschäft funktionieren bzw. von den Auktionshäusern genommen werden. Eine Art „Henne-Ei-Prinzip“. Hier wird dem typisch österreichischen Sammeln von Namen (und Wiedererkennbarkeit) Rechnung getragen. Aus unternehmerischer Sicht der Auktionshäuser an sich verständlich, Kataloge, Mitarbeitende, Vermarktung & Co. sind kostenintensiv.
Kunstmarktpolitisch, auch aus Sicht der Künstler:innen und deren Galerien, wäre es aber an der Zeit auch ein kuratiertes Auktions-Segment (inkl. gleiche Live-Auktionen) für qualitativ gute jüngere oder noch nicht so bekannte Künstler:innen zu eröffnen. Jüngeres kunstinteressiertes aber (noch) nicht finanzstarkes Publikum würde sich sicher freuen und die damit verbundene, vermarktungstechnisch immer wichtigere Sichtbarkeit in den Kunstmarkt-Datenbanken/-Portalen ist dann auch gegeben. In Deutschland ist etwa mit dieser Schiene das Auktionshaus „Grisebach“ schon länger erfolgreich.
Nächste wichtige Auktionen am 27. November und 3. Dezember
In Österreich hat neben Otto Ressler (Ressler-Auktionen) der Kunsthändler Roland Widder im Segment der Klassischen Moderne (Jahre 1900 bis 1935) begonnen auch noch nicht so bekannte Künstler über seine „Widder-Auktionen“ anzubieten, das nächste Mal am kommenden 27. November. Etablierte Österreichische Zeitgenossen kommen dann wieder am 3. Dezember im Auktionshaus Im Kinsky „zum Ruf“. Neben Rainer, Jungwirth, Nitsch & Co. werden hier auch zwei seltene frühe Werke von Alfred Kornberger (Wien 1933 bis 2002 Wien) angeboten. In Fachkreisen und musealen Sammlungen ist der expressive Kolorist schon lange Fixpunkt, beim breiteren Publikum noch nicht. Er ist also einer jener Künstler, die es noch zu entdecken gilt.
„Alfred Kornberger ist der Egon Schiele in der Kunst nach 1945. Das gilt für die gleiche handwerkliche Qualität und für seine ebenso vergleichbare Obsession für den weiblichen Akt“, urteilte der große Sammler und Museumsgründer Rudolf Leopold 2008 bei der Präsentation des von Franz Smola (damals Chefkurator Leopold Museum, jetzt Belvedere) herausgegebenen Werkverzeichnisses (WVZ) der Ölgemälde von Kornberger. Dieses WVZ gibt es auch online (siehe Link), man kann sich also „einschauen“ – um dann bei der Kinsky-Auktion einen neuen Treffer zu landen. (red/czaak ; Compliance-Hinweis : Die Familie des Autors betreibt in Wien eine Galerie)