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Kri­sen­si­che­res Spa­ren fürs Enkerl

Sie sind die Groß­el­tern der heu­ti­gen Invest­ment­klubs. Rüs­tig und sehr aktiv. Die rund 20.000 Spar­ver­eine Öster­reichs stel­len in der Finanz­welt nur ein Rand­phä­no­men dar, vom­Aus­ster­ben sind sie jedoch weit entfernt.

Sie tref­fen sich jeden Don­ners­tag­abend um zu plau­dern, zu essen, ein Gla­serl Wein oder­Bier zu trin­ken und um zu spa­ren. Karl, Erika und Hermi gehö­ren zum har­ten Kern eines35-köp­fi­gen Spar­ver­ei­nes. Werd abei eine Stamm­tisch­runde in einem rus­ti­ka­len, länd­li­chen­Wirts­haus vor Augen hat, liegt völ­lig dane­ben. Keine rot-weiß­ka­rier­ten Tisch­tücher, keine Spar­ver­eins­käs­ten, die gefüt­tert wer­den. Statt­des­sen wird die wöchent­li­che Ein­zah­lung aufs Ver­eins­konto von Hard­rock-Rhyth­men und dem Duft von Thun­fisch-Tra­mez­zini beglei­tet. Dass das Szene- und Ver­an­stal­tungs­lo­kal „Aera“ in der Gon­z­aga­gasse in Wien 1 einen Spar­ver­ein beher­bergt, hat die­Mit­ar­bei­ter der eco­nomy-Redak­tion, die vis-à-vis vom „Aera“ behei­ma­tet ist, belus­tigt und in ungläu­bi­ges Stau­nen versetzt.Doch jeden Don­ners­tag­abend kann man sich davon über­zeu­gen : Der „Spar­ver­ein Aera“ ist keine aus­ster­bende Kurio­si­tät, son­dern eine leben­dige Insti­tu­tion, die auf ein lan­ges Bestehen zurück­bli­cken kann. 

Vom „31er“ ins „Aera“
Als Ver­eins­prä­si­dent fun­giert SPÖ-Bezirks­rat Karl Gras­ser, der sich neben Umwelt- und Ver­kehrs­be­lan­gen der Inne­ren Stadt auch um den Fort­be­stand des Spar­ver­ei­nes küm­mert. Gemein­sam mit Gat­tin Erika hat Gras­ser vor 20 Jah­ren den „31er-Spar­ver­ein“ gegrün­det, benannt nach dem Gast­haus „Zum 31er“ am Schot­ten­ring, wo der Ver­ein ursprüng­lich behei­ma­tet war. „Wir sind damals von Nie­der­ös­ter­reich nach Wien gezo­gen, und da hat mich die Anony­mi­tät der Groß­stadt schon einbiss’l gestört“, beschreibt Frau Gras­ser ihre Beweg­gründe, die zur Grün­dung des Spar­klubs geführt haben. „Für uns war’s eine will­kom­mene Gele­gen­heit, um Freunde und Nach­barn zu tref­fen und den Kon­takt regel­mä­ßig zu pflegen.“Ebenfalls seit Beginn mit von der Par­tie ist Hermi Kavale, die als Ver­eins­kas­sie­rin fungiert.„In unse­ren Glanz­zei­ten hatte der Ver­ein 77 Mit­glie­der – heute sind wir noch 35.“ Damals(1988) gab’s von der Bawag, die das Ver­eins­konto betreut, 3,75 Pro­zent Zin­sen für das Ersparte.Heute ist der „31er“-Wirt imRu­he­stand und der Zins­satz von2,5 Pro­zent im Jän­ner auf 1,25Prozent (März) geplumpst. Ein­Um­stand, den die buch­füh­rende Funk­tio­nä­rin ach­sel­zu­ckend zur Kennt­nis nimmt. „Immer­hin ist die Ver­zin­sung für jeder­zeit beheb­ba­res Geld bei uns nach wie vor bes­ser als für Ein­zel­per­so­nen.“ Her­mis eigent­li­ches Bedau­ern gilt dem Mit­glie­der schwund und der Schlie­ßung des „31ers“,ist doch ihrer Mei­nung nach die der­zei­tige Loca­tion schuld daran, dass nur mehr ein klei­ner Teil der Mit­glie­der regel­mä­ßig zu den Ver­eins­tref­fen kommt.„Im ‚31er‘ war die Küche gut, und es war urge­müt­lich“, betont die Kas­sie­rin und wirft einen ver­ächt­li­chen Blick in Rich­tung mon­dän gestyl­ter Bar, wo eine Gruppe jun­ger Men­schen­leb­haft über Öster­reichs Bil­dungs­mi­sere dis­ku­tiert. Das Essen sei zwar auch im „Aera“ nicht schlecht, aber das Ambi­ente ist halt nicht grad das Ihre, gesteht Hermi. 

Pleite für Vereinslokal
Dabei ist es ohne­hin frag­lich, ob die Tref­fen auch wei­ter­hin im „Aera“ statt­fin­den kön­nen. Denn das Ver­eins­lo­kal ist pleite, ein Kon­kurs­ver­fah­ren läuft bereits. Wenn sich kein Käu­fer­für das Wie­ner Innen­stadt­lo­kal fin­det oder der neue Eigen­tü­mer kein Ver­eins­freund ist, müs­sen sich die gesel­li­gen Spa­re­frohs erneut auf Her­bergs­su­che bege­ben. Aber „wir geben nicht auf, wir sind ja fle­xi­bel“, gibt sich die Prä­si­den­ten­gat­tin opti­mis­tisch. Um auch wirk­lich fle­xi­bel zu blei­ben, hat der Ver­ein im Okto­ber des Vor­jah­res, also zu Beginn der welt­wei­ten Ban­ken­krise, ein Lock­an­ge­bot der Bawag abge­lehnt. Die Bank­ver­suchte dem Ver­ein höhere Zin­sen schmack­haft zu machen, unter der Bedin­gung, ein Jahr­lang keine Aus­zah­lun­gen durch­zu­füh­ren. „Aber das woll­ten wir nicht. Wir schät­zen doch gerade diese unkom­pli­zierte Spar­form sehr, bei der man unge­bun­den ist. Außer­dem geht’s uns gar­nicht vor­ran­gig um die Zin­sen, son­dern um den Spaß, den wir bei den Tref­fen haben“, beto­nen die Ver­eins­funk­tio­näre. Von der benach­bar­ten Min­dest­pen­sio­nis­tin, die monatlich100 Euro fürs Enkerl ein­zahlt, bis zur jün­ge­ren Toch­ter des­Ar­beits­kol­le­gen erschei­nen die meis­ten Mit­glie­der mehr oder­we­ni­ger regel­mä­ßig zu den Ver­eins­tref­fen. Der Rest über­weist via Dau­er­auf­trag. Ein­ge­zahlt wer­den im Schnitt zwi­schen 20und 100 Euro pro Monat. Der jähr­li­che Aus­zah­lungs­tag, der bei Mit­glie­dern und Bank ange­kün­digt wer­den muss, fin­det Ende Novem­ber statt, also recht­zei­tig zum Start der Weih­nachts­ein­käufe. Das Gros der Mit­glie­der spart, um das Weih­nachts­geld auf­zu­bes­sern, oder für eine Reise. 

Spa­ren im Betrieb
Einen erheb­lich höhe­ren Anteil am öster­rei­chi­schen Spar­gut­ha­ben erar­bei­ten aber jeneSpar­ver­eine, die in Betrie­ben ange­sie­delt sind. Eine Tra­di­tion, deren Wur­zeln in der Arbei­te­be­we­gung zu fin­den sind und die von der Bawag gehegt und gepflegt wird. 4300 Spar­ver­eine bestehend aus 300.000 Ein­zel­spa­rern aus Betrie­ben, Ämtern und Pen­sio­nis­ten­klubs zah­len­re­gel­mä­ßig auf ein gemein­sa­mes Konto ein. „Das Spar­vo­lu­men war im Vor­jahr immerhin1,15 Mil­li­ar­den Euro schwer. Die Ten­denz ist stei­gend“, ver­rät Chris­tian Bam­mer, Vor­stand des Ver­bands Öster­rei­chi­scher Spar­ver­eine (VÖS), der 1966 als­Dach­ver­band aller Spar­ver­eine der Bawag PSK gegrün­det wurde. Im Gegen­satz zu den klei­nen Gast­haus­spar­ver­ei­nen erhal­ten Betriebs­spar­ver­eine von der Bawag auch einen höhe­ren Zins­satz für ihr Erspar­tes – der zeit sind es im Schnitt 2,5 Prozent.Diese betrieb­li­che Spar­form, die meist von Betriebs­rä­ten ins­Le­ben geru­fen wird, erfreut sich laut Bam­mer wie­der gro­ßer Beliebt­heit. Die­sen Trend­be­stä­tigt auch Wolf­gang Svab, der Betriebs­rats­vor­sit­zende von Uni­le­ver in Wien. „Viele Kol­le­gen, die sich ihre Bau­spar­ver­träge oder Lebens­ver­si­che­run­gen aus­zah­len las­sen, brin­gen ihr Geld jetzt zu uns in den Betriebs­spar­ver­ein, weil es dort sicher und ange­sichts kon­ti­nu­ier­lich sin­ken­der Zin­sen gar nicht so schlecht zwi­schen gepark­tist. Da kom­men seit Beginn­des Jah­res immer wie­der­Be­träge rein, die sich durch aus­se­hen las­sen kön­nen.“ Bam­mer erwähnt grö­ßere Betriebe, deren Spar­ver­eins­kon­ten ein­Spar­gut­ha­ben von einer Mil­lion und mehr auf­wei­sen. Und wer­weiß, viel­leicht gelingt einem davon ein ähn­li­cher Coup wie dem im Jahr 1923 gegrün­de­ten­S­par- und Kre­dit­ver­ein der­Freunde und Ange­stell­ten der Julius Meinl AG, aus dem Jahre spä­ter die noble Pri­vat­bank des Julius-Meinl-Clans hervorging. 

Aus­ge­wähl­ter Arti­kel aus dem Jahr 2009

Autor: Astrid Kasparek
Economy Ausgabe: 72-04-2009
16.09.2017

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