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Macht kor­rum­piert auf jeden Fall

Er schrieb unlängst den umstrit­te­nen Bei­trag „Lahme Dame Demo­kra­tie“ und lässt mit sei­nem neuen Buch „Mitte und Maß“ wie­der poli­tisch nach­den­ken. eco­nomy sprach mit dem renom­mier­ten deut­schen Poli­to­lo­gen Her­fried Mün­k­ler über Poli­tik und Moral und die ideale Staatsform.

eco­nomy : Zu Poli­tik und Moral ist bereits unend­lich viel publi­ziert wor­den. Ist die­ses Thema eine „never ending story“?
Mün­k­ler : Bei der Moral­per­spek­tive gibt es meh­rere unter­schied­li­che Gesichts­punkte, die eine Rolle spie­len. Ich stelle drei zen­trale Aspekte fest. Wer sach­lich viel von Poli­tik ver­steht, ist geneigt, sich gern in der Ober­auf­se­her­rolle zu sehen. Hinzu kommt die Dyna­mik des Kamp­fes um die poli­ti­sche Macht, getrie­ben von der Erwar­tung einer guten Ein­kom­mens­mög­lich­keit. Hier kom­men wir zum zwei­ten Aspekt, dem Beu­te­zug, dem Beu­te­ma­chen von Poli­tik. Und drit­tens sehe ich den Dis­kurs über Gerech­tig­keit, der zur nor­ma­ti­ven Eva­lua­tion von Poli­tik geführt hat. Das heißt also, dass sich bestimmte Nor­men und Werte ent­wi­ckelt haben, an denen Poli­tik gemes­sen wird.

Wie wür­den Sie die Situa­tion in Deutsch­land in Bezug auf Poli­tik und Moral beurteilen ?
Nun, der Mecha­nis­mus „Gra­ti­fi­ka­tion – Satis­fak­tion“ greift ganz gut. Es fin­det immer wie­der eine Rei­ni­gung des poli­ti­schen Per­so­nals von den übels­ten und schlimms­ten Fin­gern statt. Die­je­ni­gen Poli­ti­ker, die gar zu scham­los sind, deren Tun wird in den Medien benannt. Und dadurch fin­det eine gewisse Aus­lese statt. Aber es gibt natür­lich auch sol­che Fälle, in denen die Poli­ti­ker von sich aus die Kon­se­quen­zen zie­hen. Beson­ders krass war zum Bei­spiel der Fall des Frei­to­des von Jür­gen Möl­le­mann (der umstrit­tene und skan­dal­um­wo­bene deut­sche FDP-Poli­ti­ker starb 2003 unter nicht voll­kom­men geklär­ten Umstän­den bei einem Fall­schirm­sprung, Anm. d. Red.).

Und wie sehen Sie als Beob­ach­ter von außen die poli­ti­sche Situa­tion bezüg­lich der Moral in Österreich ?
Öster­reich hat das Pro­blem, ein klei­nes Land zu sein. Es steht daher auch nicht so viel poli­ti­sches Per­so­nal zur Ver­fü­gung. Die Poli­ti­ker tref­fen sich in Wien, die Poli­tik fin­det dort statt. Ich glaube, die Säu­be­rungs­me­cha­nis­men grei­fen nicht so gut. Ein Grund dafür ist, dass die Kon­troll­funk­tion der Medien nur mäßig aus­ge­bil­det ist. Die Domi­nanz der Kro­nen­zei­tung ist bekannt und in Europa ein­zig­ar­tig. Viele Poli­ti­ker ver­su­chen des­halb, mit die­ser Zei­tung zu koope­rie­ren, um so poli­tisch Ter­rain zu machen. Der Ein­fluss von nur einer Zei­tung ist ver­hee­rend. Ich glaube aber nicht, dass es einen all­ge­mei­nen Ver­fall der Moral gibt. Wir nei­gen nur dazu, von Ver­fall zu spre­chen, weil wir Dinge rasch vergessen.

Ist es aber so, dass Macht auf alle Fälle korrumpiert ?
Ja, auf jeden Fall. Macht kor­rum­piert. So ist das schon seit zwei­ein­halb­tau­send Jah­ren. Das lässt sich nicht ändern. Man kann nur an den Kor­rek­turme­cha­nis­men fei­len, um dagegenzuarbeiten.

Zum Bei­spiel ?
Etwa Macht nur auf Zeit zu ver­ge­ben. Oder Anreize schaf­fen, die „Anstän­dig­keit“ för­dern. Die­je­ni­gen, die aus Posi­tio­nen aus­schei­den, kön­nen nur dann in die Wirt­schaft gehen, wenn sie in der Poli­tik eini­ger­ma­ßen anstän­dig agiert haben.

Und wenn Sie auf ein so macht­vol­les Land wie die USA bli­cken, was fällt Ihnen da hin­sicht­lich Poli­tik und Moral auf ?
Die ame­ri­ka­ni­sche poli­ti­sche Kul­tur ist geprägt von einer gele­gent­lich sehr auf­dring­li­chen Insze­nie­rung des eige­nen Gut­seins. Das hat einen kon­fes­sio­nel­len poli­ti­schen Hin­ter­grund und ist für euro­päi­sche Augen oft unerträglich.

In Ihrem in der deut­schen Zeit­schrift „Inter­na­tio­nale Poli­tik“ publi­zier­ten Arti­kel mit dem Titel „Lahme Dame Demo­kra­tie“ for­dern Sie „Mut zu etwas mehr Dik­ta­tur“ und schrei­ben von einem „Zustand der Erschöp­fung demo­kra­ti­scher Ener­gie“. Wie sollte eine ideale Staats­form aussehen ?
Mut zur Ent­schei­dung, nicht zur Dik­ta­tur ! Wir leben in einer beschleu­nig­ten Welt, und die Demo­kra­tie ist ent­schleu­nigt. Das ist unge­fähr so wie Fah­ren mit per­ma­nent ange­zo­ge­ner Hand­bremse. Der Vor­teil der Demo­kra­tie – Ver­mei­den von Fehl­ent­schei­dun­gen durch drei Mal Lesen eines Geset­zes, Bür­ger­be­tei­li­gungs- oder Anhör­ver­fah­rens – bringt Ver­lang­sa­mun­gen mit sich. Das lähmt oft. Keine Frage, die Demo­kra­tie ist in der Krise. Die Frage ist, wie Revi­ta­li­sie­rung mög­lich ist : a) Durch Rebel­lion, wie etwa im Jahr 1968 ; b) Revi­ta­li­sie­rung kos­tet. Die Krise ist nicht nur nega­tiv, son­dern eine Ent­schei­dung zur Erneue­rung und Gene­sung ; c) bei poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten ist der Zugang fast nur noch für die obere Mit­tel­schicht mög­lich. Die Frage ist also, wie wir die hohen Vor­aus­set­zun­gen für die Par­ti­zi­pa­tion wie­der „her­un­ter­hän­gen“ kön­nen. Trotz allem besitzt die Demo­kra­tie am ehes­ten Selbst­hei­lungs­kräfte und hat die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen, die Pro­bleme zu lösen.

Leben wir gene­rell in einer „unpo­li­ti­schen Zeit“, in der auch die Par­teien tat­säch­lich aus­tausch­bar gewor­den sind ?
Nein, aber die alte Gene­ra­tion, die sich poli­tisch enga­giert hat, besetzt noch viele poli­ti­sche Ämter und Schalt­he­bel. Auch das Poli­ti­ker-Dasein hat sich geän­dert. Frü­her ging man nach einem erfolg­rei­chen Berufs­le­ben in die Poli­tik. Heute begin­nen viele bereits in den Jugend­or­ga­ni­sa­tio­nen der Par­teien poli­tisch zu arbei­ten und sind dann mit 50 erschöpft. Ich finde das nicht beson­ders toll. Der alte Weg war mit Sicher­heit auch poli­tisch sau­be­rer. Und er brachte Men­schen mit Lebens­er­fah­rung in die ent­spre­chen­den Ämter.

Sie haben höchst erfolg­rei­che Bücher wie „Machia­velli“, „Impe­rien“ oder die „Die Deut­schen und ihre Mythen“ geschrie­ben und sind als Poli­tik­be­ra­ter sehr gefragt. Was wird Ihr nächs­tes Projekt ?
Mein neues Buch „Mitte und Maß. Der Kampf um die rich­tige Ord­nung“ kommt gerade auf den Markt. Nach einer Zeit, wo eine zuneh­mende poli­ti­sche Ord­nung der „Mitte“ herrschte, grei­fen jetzt wie­der ent­ge­gen­ge­setzte Strömungen.

Autor:
10.01.2010

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