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© Andy Urban

„Man lebt das Leben vor­wärts und ver­steht es rückwärts“

Die Unter­neh­me­rin und Grün­de­rin Gabriele Lang im zwei­ten Teil des eco­nomy-Gesprächs über ambi­va­lente Erleb­nisse mit För­der­insti­tu­tio­nen, die männ­lich domi­nierte Inves­to­ren­bran­che und Durch­hal­te­ver­mö­gen als (mit)entscheidenden Fak­tor für die Eta­blie­rung ihrer Unternehmen.

Bild 1 : „Sie sind anders, aber es hilft“, erin­nert sich Gabriele Lang an ihre ers­ten Beurteilungen.
Bild 2 : „Unter­neh­men wie auch die Ver­wal­tung inves­tie­ren Mil­lio­nen in tolle Inno­va­ti­ons­pro­zesse und ver­lie­ren Mil­lio­nen durch Rei­bungs­ver­luste und Kon­flikte“, unter­streicht Lang ihre lang­jäh­ri­gen Erfahrungen.
Bild 3 : „Ich gebe mein Wis­sen aus Psy­cho­lo­gie, Wirt­schaft und Sys­te­mik in einer ein­fa­chen, kos­ten­güns­ti­gen und betriebs­wirt­schaft­lich mess­ba­ren Form wei­ter“, fasst Lang Inno­va­tion und Nut­zen ihres neuen Unter­neh­mens bzw. die Dienst­leis­tun­gen zusammen.
Foto-Cre­di­t/s : Andreas Urban

Eco­nomy : UP’N’CHANGE ist der Name Ihres Start­Ups, einer inter­net­ba­sier­ten Platt­form und damit ein digi­ta­les Geschäfts­mo­dell. Was ist unter­neh­me­ri­sche Idee und Stra­te­gie dahinter ?

Gabriele Lang : Unter­neh­men sind auf nach­hal­ti­gen Erfolg und Inno­va­tion ange­wie­sen. Sie inves­tie­ren Mil­lio­nen, um tolle Inno­va­ti­ons­pro­zesse auf­zu­bauen, ver­lie­ren aber Mil­lio­nen durch Rei­bungs­ver­luste und Konflikte.
Hier set­zen wir an. Unsere Vision ist der ein­fa­che Zugang zu Hilfe und Unter­stüt­zung für jeden Men­schen bei Stress im Arbeitsleben.
UP’N’CHANGE bie­tet diese Hilfe in Form digi­ta­ler Tools.
Diese digi­Tools wer­den mit­tels digi­ta­ler Ent­schei­dungs­bäume, hin­ter denen aus­ge­klü­gelte Algo­rith­men ste­hen, dar­ge­stellt. Wei­ters wer­den Typo­lo­gien gezielt zum Ent­wi­ckeln eingesetzt.
Werk­zeuge bzw. Tools wie Tech­ni­ken wur­den am Markt oft­mals ana­log getes­tet, funk­tio­nie­ren mit weni­gen manu­el­len Ein­grif­fen und wer­den bei easy­Coa­ching in der Pro­zess­kette um eine emo­tio­nale Abho­lung erweitert. 

Eco­nomy : Sie waren viele Jahre im Manage­ment gro­ßer Unter­neh­men wie Coca­Cola oder Mondi, dann der Wech­sel in die Bera­tung zu Egon Zehn­der – und 2010 dann der „Sprung“ in die unter­neh­me­ri­sche Selbst­stän­dig­keit. Warum ?

Lang : Ich konnte mir nicht mehr vor­stel­len, noch wei­tere 20 Jahre nur Füh­rungs­kräfte zu rekru­tie­ren oder zu evaluieren.
Der zweite Grund war, dass mir die Leute gesagt haben, ich bin anders, aber es hilft. Bei Zehn­der war ich damals die erste weib­li­che Bera­te­rin und noch dazu Psy­cho­lo­gin. Also ein­fach anders.
Als Jung­un­ter­neh­me­rin war natür­lich anfäng­lich noch Angst und Unsi­cher­heit vor­han­den : was ist, wenn ich krank werde, wenn ich ein Kind habe ?
Und Selb­stän­dig­keit ist in Öster­reich nicht unbe­dingt nur posi­tiv besetzt.

Eco­nomy : Warum ?

Lang : Na ja, man denkt sich oft der Grund für Selb­stän­dig­keit ist, kei­nen Job gefun­den zu haben. Der oder die ist jetzt 40+, fin­det eben kei­nen Job und macht sich des­halb selb­stän­dig. Das war bei mir aber eben nicht der Fall.
Final reifte Ent­schei­dung und Sicher­heit selb­stän­dige Unter­neh­me­rin zu wer­den und dann habe ich es ein­fach Schritt für Schritt umgesetzt. 

Eco­nomy : Was waren die prä­gends­ten Erfahrungen ?

Lang : Es ist schon ein Risiko. Man beginnt nicht bei null, son­dern etwa nötige Finan­zie­run­gen mit­ein­bin­dend, bei minus zehn.
Bei mir kam dann noch die fami­liäre Ver­ein­bar­keit dazu, denn par­al­lel mit der Grün­dung bin ich auch Mut­ter gewor­den. Man muss sich dann schon mit sei­nen Ängs­ten gründ­lich auseinandersetzen.
Man lebt das Leben vor­wärts und ver­steht es rück­wärts. Sehr posi­tiv ist der Frei­raum selb­stän­dig zu gestal­ten und die Freude bei Pro­jek­ten die posi­ti­ven Ver­än­de­run­gen zu erle­ben und letzt­lich ja auch zu verantworten.
Ich glaub‘, ich kann von außen mehr tun als von innen, da hätte ich mit so vie­len Din­gen zu kämp­fen. Und bis heute hab‘ ich es kei­nen Moment lang bereut.

Eco­nomy : Stich­wort Finan­zie­rung. Wie ist es Ihnen da als Jung­un­ter­neh­me­rin gegangen ?

Lang : Durch­wach­sen. Jeder in Öster­reich erzählt, wie gut man als StartUp geför­dert wird, vor allem als Frau und im digi­ta­len Bereich.
Ich habe es anders erlebt. Man ist lange alleine auf dem Weg.
Seed­in­vest­ment (Anm. Grün­dungs­fi­nan­zie­rung) ist in Öster­reich immer noch ein Fremd­wort. Noch dazu in mei­nem The­men­be­reich. Emo­tio­nale Intel­li­genz und Krea­ti­vi­tät ist sowie schon ein­mal vor allem für Män­ner spooky.
Es gibt viele För­der- und Finan­zie­rungs­in­sti­tu­tio­nen, die meis­ten wol­len aber Sicher­hei­ten und ver­glei­chen etwa emo­tio­nale The­men mit krea­ti­ven Berei­chen wie Design oder Archi­tek­tur. Also Äpfel mit Birnen.
Viele beur­teil­ten mein Pro­jekt als span­nend, emp­fah­len mir aber ein­mal zu star­ten, Umsätze zu machen und dann noch­mal zu kom­men. So unter dem Motto, „wir haben unse­ren Fuß in ihrer Tür.“
Aber Hilfe hätte ich in der Ent­wick­lung und jetzt am Start benö­tigt, nicht wenn das Ding schon rund läuft.

Eco­nomy : Hat­ten Sie auch Kon­takt zu öffent­li­chen Finan­zie­rungs­ein­rich­tun­gen wie AWS oder FFG ?

Lang : Natür­lich. Wir waren über­all, von die­sen Insti­tu­tio­nen über die Wie­ner Wirt­schafts­agen­tur bis hin zu För­der­mes­sen und För­der-Cock­pit und haben uns abso­lut pro­fes­sio­nell vor­be­rei­tet, auch mit exter­nen Spezialisten.
Ban­ken wur­den natür­lich ebenso besucht. Deren Feed­back war beson­ders inter­es­sant mit : Wir inves­tie­ren gene­rell nicht in digi­tale Pro­jekte. Über­setzt : wir wol­len das nicht riskieren.

Eco­nomy : Das ist aller­dings eine inter­es­sante Aus­sage. Wie wirkt sich so eine Reak­tion auf die Moti­va­tion aus ?

Lang : Das ist schon frus­trie­rend, vor allem das Ver­hal­ten eini­ger öffent­li­cher För­der­insti­tu­tio­nen nach wochen­lan­gem Aus­fül­len von Förderanträgen.
In Wien gab es auf einen unse­rer Anträge null schrift­li­che Reak­tion, etwa bei der Wie­ner Wirt­schafts­agen­tur erst auf tele­fo­ni­sche Nach­frage. Wis­sen Sie, wie emo­tio­nal das ist, wenn Sie das Geld wirk­lich benötigen ?
Zumin­dest einen tol­len Ansprech­part­ner mit fun­dier­tem Feed­back gab es bei der AWS im Rah­men unse­rer Ein­rei­chung bei AWS-Impulse-Call, vor allem Frau Wal­traud Weikl.
Dort waren wir aber mit The­men­be­rei­chen wie Design und Archi­tek­tur in einem Topf, und es gab lei­der trotz gutem Feed­back eine Absage, da andere Pro­jekte bei der dor­ti­gen Jury mehr Punkte beka­men. Knapp dane­ben ist eben auch daneben.

Eco­nomy : Gab es auch Kon­takt mit pri­va­ten Investoren ?

Lang : Ja, ebenso mit denk­wür­di­gem Feed­back. Erst kürz­lich bei der Ver­an­stal­tung „Zukunft.Frauen“ in Koope­ra­tion mit der Indus­tri­el­len­ver­ei­ni­gung meinte der bekannte Inves­tor Michael Alt­rich­ter, dass er sich schon frage, warum ein StartUp keine öffent­li­chen För­de­run­gen erhält.
So auf die Art : da muss was nicht stim­men. Dazu erwarte er, dass Grün­der sich zeit­lich maxi­mal auf das StartUp fokus­sie­ren. Span­nende Aus­sa­gen, vor allem für working mums.
Ich halte es zudem für bedenk­lich, dass die Ziel­gruppe für Start­Ups oft­mals auf 20 bis 30-Jäh­rige und Tech­no­lo­gie fokus­siert wird. Und dann wun­dert man sich, warum so wenige Frauen gründen.

Eco­nomy : Wie­derum nicht sehr moti­vie­rend und das bei all dem bekann­ten Auf­wand für Finanzierungseinreichungen…

Lang : … Das gene­relle Pro­blem ist die oft­mals feh­lende Kom­pe­tenz der rich­ti­gen Ein­ord­nung. Bei mei­nen Inhal­ten trifft der sprich­wört­li­che Ver­gleich zwi­schen Äpfel und Bir­nen zu.
Und all diese Erfah­run­gen im Kon­text mit einem enor­men Auf­wand. Wir sind zu zweit vier Wochen Tag und Nacht bei Busi­ness-Plä­nen, Stär­ken-Schwä­chen-Ana­ly­sen und För­der-Anträ­gen geses­sen, haben uns externe För­der­be­ra­ter dazu geholt.
In Summe sehr frus­trie­rend und anfäng­lich auch mit Selbst­zwei­fel ver­bun­den, da braucht es schon ein star­kes Durchhaltevermögen.
För­de­run­gen im Bereich der emo­tio­na­len Intel­li­genz würde ich mir wün­schen. Das mache ich dann, wenn unser Unter­neh­men eta­bliert ist (lacht).

Eco­nomy : Eigent­lich trau­rig und unver­ständ­lich. Sie haben lang­jäh­rige Manage­ment­ex­per­tise in Berei­chen wie Mar­ke­ting, Ver­trieb und Mit­ar­bei­ter­ent­wick­lung und füh­ren ja schon 10 Jahre erfolg­reich ein Unter­neh­men. Wie haben Sie dann die aktu­elle Neu­grün­dung geschafft ?

Lang : Dank des pri­va­ten Inves­tors Peter Cza­bala. Und letzt­lich auch dank eines tol­len Teams, das teil­weise sel­ber inves­tiert hat (Anm. Swea­tEquity). Dafür bin ich auch sehr dankbar.
Zusam­men­hän­gend braucht sich auch nie­mand zu fra­gen, warum es so wenig weib­li­che Grün­de­rin­nen gibt. Die Inves­to­ren- und För­der­szene ist aus mei­ner Sicht pri­mär männ­lich dominiert.
Wenn man Mut­ter ist, bereits ein Unter­neh­men hat und dann noch ein zwei­tes stemmt in einem Bereich, der grund­sätz­lich ein­mal nicht eta­bliert ist, dann passt man schein­bar nir­gendwo dazu.
Jetzt haben wir uns aber wie­der bewor­ben für den Female-Foun­ders-Acce­le­ra­tor, da war­ten wir noch auf Feedback.

Eco­nomy : Wie ist jetzt der wei­tere Plan mit dem neuen Unternehmen ?

Lang : Wir haben viele Pläne. Aber step by step. Momen­tan liegt der Fokus auf dem Ver­trieb und die Platt­form UP’N’CHANGE bekann­ter zu machen. Dazu die­nen auch die ers­ten Refe­renz­bei­spiele mit einer Beur­tei­lung unse­rer Nut­ze­rIn­nen bzw. Kunden.
In der Schub­lade lie­gen drei wei­tere fix und fer­tige digi-Tools – etwa, wenn jemand unser ers­tes vor­han­de­nes Tool genutzt hat und dann wei­ter machen möchte.
Dazu gibt es Ver­hand­lun­gen mit wei­te­ren Investoren. 

Eco­nomy : Was wären oder sind dann wei­tere Schritte ?

Lang : Als nächs­tes der Auf­bau eines Markt­plat­zes. Es gibt viele gut dazu pas­sende Pro­jekte und Ser­vices, ins­be­son­dere auch von Frauen initi­iert und die wol­len wir hier koope­ra­tiv einbauen.
The­ma­ti­sche Spange ist dabei Unter­stüt­zung für Kör­per, Geist und Seele — eben wis­send auch von den immer aktu­el­ler wer­den­den psy­cho­so­ma­ti­schen Zusam­men­hän­gen in der moder­nen Arbeitswelt.
Und als wei­te­ren Punkt dann noch das Thema Inter­na­tio­na­li­sie­rung mit mehr­spra­chi­gen Anboten.

Eco­nomy : Wenn Sie jetzt noch­mal Inno­va­tion und Nut­zen des neuen Unter­neh­mens bzw. sein Pro­dukt zusam­men­fas­sen, wie würde das lauten ?

Lang : Jeder der möchte, hat ein­fa­chen Zugang zu Hilfe und Unter­stüt­zung bei Still­stand und Kon­flik­ten. Ich habe meine lang­jäh­ri­gen Erfah­run­gen im Bereich Exe­cu­tive-Coa­ching digi­ta­li­siert und gebe die­ses Wis­sen aus Psy­cho­lo­gie, Wirt­schaft und Sys­te­mik kon­den­siert in einer ein­fa­chen und kos­ten­güns­ti­gen Form wei­ter, den digiTools.
Ana­log wäre das ver­gleichs­weise weit­aus auf­wen­di­ger und ent­spre­chend schwie­rig. Das ist die Idee für die Grün­dung des neuen Unter­neh­mens UP’N’CHANGE.
Es geht um die ein­fa­che digi­tale Unter­stüt­zung und Ent­wick­lung bei The­men wie Zusam­men­ar­beit, Kom­mu­ni­ka­tion und Krea­ti­vi­tät – im Kon­text mit Gesund­heit, Wohl­be­fin­den und Pro­duk­ti­vi­tät. Für den ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter, die Füh­rungs­kraft und letzt­lich für den Betrieb.

Eco­nomy : Das hat eigent­lich auch eine volks­wirt­schaft­li­che Bedeu­tung oder zumin­dest eine arbeits- und gesundheitspolitische …

Lang : … in der Tat. Und daher ist das auch ein Thema für Betriebs­räte, Ver­si­che­rungs­trä­ger, Kran­ken­kas­sen, Gesund­heits­ein­rich­tun­gen oder Arbeit­neh­mer- und Arbeitgeber-Institutionen.

Hier lesen Sie den ers­ten Teil des Inter­views mit Gabriele Lang : „Ver­än­de­rung macht Angst“

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Autor: red/czaak
07.02.2020

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