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Medi­zin beflü­gelt Wirtschaft

Nicht nur Krebs­pa­ti­en­ten pro­fi­tie­ren von neuen Wegen in der Tumorbehandlung.

Ende 2010 wird im Nor­den von Wie­ner Neu­stadt mit dem Bau des Med Aus­tron Ionen­the­ra­pie- und For­schungs­zen­trums begon­nen. Das für die Behand­lung von 1200 Pati­en­ten jähr­lich aus­ge­legte Krebs­the­ra­pie­zen­trum wird 2014 den Medi­zin­be­trieb auf­neh­men und dann über einen der inter­na­tio­nal ers­ten Teil­chen­be­schleu­ni­ger ver­fü­gen, der den medi­zi­ni­schen Ein­satz von Pro­to­nen- und Ionen­strah­len ermög­licht. Hin­sicht­lich eini­ger heute nicht behan­del­ba­rer Krebs­er­kran­kun­gen rückt damit eine Hei­lung in greif­bare Reich­weite. Pla­nung und Bau erfol­gen in enger Koope­ra­tion mit dem Euro­päi­schen Kern­for­schungs­zen­trum (Cern) in Genf.
Med Aus­tron gehört zu einer völ­lig neuen Gene­ra­tion von Krebs­be­hand­lungs­zen­tren. Seit Ende des Jahrs 2009 ist eine ähn­li­che Anlage in Hei­del­berg in Betrieb, drei wei­tere befin­den sich euro­pa­weit in Bau. Bis zum heu­ti­gen Tag wur­den erst an die 70.000 Behand­lun­gen welt­weit durch­ge­führt, davon rund 6000 mit Koh­len­stof­fio­nen. Diese Methode der Radio­the­ra­pie ermög­licht die punkt­ge­naue Bestrah­lung des Tumors bei maxi­ma­ler Scho­nung des umlie­gen­den Gewe­bes. „Damit ist die Pro­to­nen- und Ionen­the­ra­pie eine Alter­na­tive bei Tumo­ren nahe an wich­ti­gen Orga­nen und kri­ti­schen Berei­chen des Kör­pers wie etwa dem Hirn­stamm und dem Rücken­mark“, erklärt Ramona Mayer, die medi­zi­ni­sche Lei­te­rin des Med Austron.
Alle Pati­en­ten wer­den an kli­ni­schen Stu­dien teil­neh­men. Inner­halb weni­ger Jahre sol­len so klare medi­zi­ni­sche Aus­sa­gen über die Vor­teile der Ionen­the­ra­pie und zur Wirk­sam­keit von Pro­to­nen und Koh­len­stof­fio­nen zur Ver­fü­gung stehen.

Tag und Nacht
Neben dem Pati­en­ten­be­trieb wird die Wis­sen­schaft – mit star­ker Anbin­dung an die uni­ver­si­täre For­schung – den All­tag am Beschleu­ni­g­er­zen­trum Med Aus­tron prä­gen. Im Rah­men der Strah­len­bio­lo­gie wird die Strah­lungs­wir­kung mit Zell­kul­tu­ren ana­ly­siert und in der medi­zi­ni­schen Strah­len­phy­sik an der Opti­mie­rung der Strah­len­do­sis gear­bei­tet. Die öster­rei­chi­schen For­scher wer­den auch Neu­land betre­ten. So soll über­prüft wer­den, inwie­weit sich andere leichte Ionen wie Sau­er­stoff und Stick­stoff für die Tumor­be­hand­lung eig­nen. Zu die­sen medi­zinna­hen For­schungs­ge­bie­ten gesellt sich die Experimentalphysik.
Ermög­licht wird das breite For­schungs­spek­trum durch die welt­weit ein­zig­ar­tige Dimen­sio­nie­rung des Med Aus­tron. Im Ver­gleich zu ande­ren medi­zi­ni­schen Beschleu­ni­gern ist es auf die etwa drei­fa­che Strahl­energie für Pro­to­nen aus­ge­legt. Der Beschleu­ni­ger wird sie­ben Tage in der Woche 24 Stun­den im Betrieb sein. „Dadurch wird aus­rei­chend Strahl für die Behand­lung der Pati­en­ten und für die For­schung zur Ver­fü­gung ste­hen“, sagt der tech­ni­sche Pro­jekt­lei­ter Michael Bene­dikt, „und die Inves­ti­tion wird effi­zi­ent genutzt.“

Tech­no­lo­gie­trans­fer
Etwa 20 tech­ni­sche Ange­stellte der EBG Med Aus­tron sind zur­zeit in Genf mit den Vor­be­rei­tun­gen beschäf­tigt. Sie sind in die ver­schie­de­nen tech­ni­schen Berei­che inte­griert und wer­den von soge­nann­ten Seni­or­part­nern aus dem Cern unter­stützt. Für Bene­dikt ist das die wich­tigste Form des Tech­no­lo­gie­trans­fers : „Die­ses Know-how könnte in Öster­reich ohne fremde Hilfe nicht auf­ge­baut wer­den. Würde das Cern ein­fach den Beschleu­ni­ger bauen und schlüs­sel­fer­tig über­ge­ben, hät­ten wir nie­mand, der ihn betrei­ben könnte.“ Wenn sich das Cern 2014 aus dem Pro­jekt zurück­zieht, wird das öster­rei­chi­sche Team den Beschleu­ni­ger nicht nur betrei­ben, son­dern auch eigen­stän­dig wei­ter­ent­wi­ckeln und den tech­ni­schen Nach­wuchs selbst heranziehen.

Stand­ort­chance
Der Bau des Med Aus­tron bie­tet öster­rei­chi­schen Unter­neh­men die Chance, sich im Hoch­tech­no­lo­gie­be­reich zu eta­blie­ren. Wie das gemacht wird, zeigt die bur­gen­län­di­sche ETM. Vor zehn Jah­ren, als indus­tri­elle Pro­zess­leit­sys­teme auf etwa 10.000 Kanäle beschränkt waren, ent­wi­ckelte das Soft­ware-Haus ein Kon­troll­sys­tem mit einer Mio. Kanäle für den neuen Large Hadron Col­l­i­der (LHC) des Cern und sicherte sich damit die Tech­no­lo­gie­füh­rer­schaft in sei­nem Geschäfts­be­reich. Bis heute pro­fi­tiert das Eisen­städ­ter Unter­neh­men von die­ser Zusam­men­ar­beit durch Fol­ge­auf­träge für kom­plexe Kon­troll­sys­teme – etwa für große U‑Bahnnetze oder Flughäfen.
Auch die Tech­no­lo­gie für medi­zi­ni­sche Teil­chen­be­schleu­ni­ger selbst stellt einen Zukunfts­markt dar. Laut Bene­dikt emp­fiehlt die EU pro 5 Mio. Ein­woh­ner eine Anlage von der Größe des Med Austron.
Vor Kur­zem ist in Wie­ner Neu­stadt die erste Aus­schrei­bung über die Bühne gegan­gen – die VA Stahl erhielt den Zuschlag für 700 Ton­nen Spe­zi­al­stahl für die Elek­tro­ma­gnete. Im Moment lau­fen die Ver­ga­ben für die Elek­tro­ma­gnete und das Kon­troll­sys­tem. Wei­tere Aus­schrei­bun­gen fol­gen in den kom­men­den Mona­ten. Wenn die hei­mi­schen Unter­neh­men diese Chan­cen ergrei­fen, wird das Med Aus­tron nicht nur Krebs­kran­ken, son­dern auch dem Wirt­schafts­stand­ort zugutekommen.

Autor:
29.01.2010

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