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Nach­hal­ti­ges Wirt­schaf­ten mit Augenmaß

André Mar­ti­nuzzi : „Es ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung, wie kri­sen­fest wir unsere Markt­wirt­schaft gestalten.“

Der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler André Mar­ti­nuzzi hat (gemein­sam mit Michal Sedlacko) im Auf­trag des Öko­so­zia­len Forums Öster­reich und geför­dert vom Bun­des­mi­nis­te­rium für Wis­sen­schaft und For­schung die Stu­die Bau­steine einer kri­sen­fes­ten Markt­wirt­schaft. Bestands­auf­nahme und Abgren­zung des For­schungs­be­darfs in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten erstellt. 

eco­nomy : Ange­sichts der Ereig­nisse der jüngs­ten Ver­gan­gen­heit stellt sich die Frage : Kann es denn über­haupt eine kri­sen­feste Markt­wirt­schaft geben ?
André Mar­ti­nuzzi : Es ist eine poli­ti­sche Ent­schei­dung, wie kri­sen­fest wir unsere Markt­wirt­schaft gestal­ten. Wer jähr­li­che Ren­di­ten von 15 Pro­zent oder mehr erzie­len will, muss dafür ein gewis­ses Risiko in Kauf neh­men. Die­ses Risiko ist umso höher, wenn die Ren­di­ten nicht aus rea­ler Wert­schöp­fung, son­dern aus Finanz­trans­ak­tio­nen und Spe­ku­la­tio­nen stam­men. Das haben pri­vate Anle­ger, Ban­ken und Gemein­den in den letz­ten Mona­ten schmerz­lich erfah­ren. Die aktu­elle Finanz- und Wirt­schafts­krise war daher kein „Betriebs­un­fall“, son­dern ein sys­te­mi­scher Feh­ler, der künf­tig ver­meid­bar wäre. Dazu ist es jetzt drin­gend erfor­der­lich, die Rah­men­be­din­gun­gen anders zu gestalten.

Wel­che Rah­men­be­din­gun­gen bezie­hungs­weise Kri­te­rien müs­sen dazu erfüllt werden ?
Eine nach­hal­tige Wirt­schafts­ord­nung muss indi­vi­du­el­les Enga­ge­ment för­dern und gleich­zei­tig die Zukunfts- und Lebens­fä­hig­keit von Umwelt, Gesell­schaft und Wirt­schaft sicher­stel­len. Ein Über­wäl­zen von Risi­ken oder Kos­ten auf die All­ge­mein­heit oder auf künf­tige Gene­ra­tio­nen ist zu unter­bin­den, damit kein Wett­be­werb „nach unten“ entsteht.
Wäh­rend in den letz­ten Jah­ren die Regu­lie­rungs­mög­lich­kei­ten natio­na­ler Regie­run­gen abge­baut wur­den, haben inter­na­tio­nale Insti­tu­tio­nen diese Funk­tio­nen nicht über­nom­men. Die welt­weite Finanz­krise und ihre weit­rei­chen­den Fol­gen für die Real­wirt­schaft zei­gen, dass ein Auf- bezie­hungs­weise Aus­bau der­ar­ti­ger Insti­tu­tio­nen drin­gend erfor­der­lich ist.

Wie sieht es in puncto Kom­pe­tenz­ver­tei­lung aus ? Also, wer hat wel­che Auf­ga­ben zu übernehmen ?
Wenn wir Gewinne pri­va­ti­sie­ren und Ver­luste als All­ge­mein­heit tra­gen, gefähr­den wir den sozia­len Zusam­men­halt und höh­len unsere sozia­len Errun­gen­schaf­ten aus. So geht es also nicht. Gleich­zei­tig müs­sen wir die Illu­sion ein­fa­cher Steu­er­bar­keit hin­ter­fra­gen und Pro­zesse der Selbst­or­ga­ni­sa­tion ins Blick­feld neh­men. Die Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten kön­nen in die­sem Bereich von neu­es­ten Erkennt­nis­sen der ange­wand­ten Ethik, der Sozi­al­psy­cho­lo­gie und der Sys­tem­theo­rien pro­fi­tie­ren, die der Kom­ple­xi­tät sozia­ler Sys­teme gerecht werden.

Ihre Stu­die ver­steht sich als Basis für ein zu instal­lie­ren­des For­schungs­pro­gramm. Wie liegt Öster­reich im Ver­gleich zu ande­ren Län­dern ? Wel­chen prak­ti­schen Nut­zen würde die Poli­tik dar­aus ziehen ?
Wir haben in Öster­reich sehr gute For­schungs­pro­gramme zum nach­hal­ti­gen Wirt­schaf­ten auf betrieb­li­cher und regio­na­ler Ebene. Zu volks­wirt­schaft­li­chen Fra­gen gibt es bis­her keine ver­gleich­ba­ren Pro­gramme. Hier lau­fen wir Gefahr, den Anschluss an inter­na­tio­nale Ent­wick­lun­gen zu ver­lie­ren und in der poli­ti­schen Debatte keine fun­dier­ten Posi­tio­nen ver­tre­ten zu kön­nen. Das von uns kon­zi­pierte For­schungs­pro­gramm soll For­schung mit Hand­lungs­ori­en­tie­rung kom­bi­nie­ren, inter­dis­zi­pli­när ange­legt sein und Impulse set­zen, die Öster­reich im Blick­punkt haben, aber auch zur Erar­bei­tung euro­päi­scher und glo­ba­ler Stra­te­gien bei­tra­gen. Ziel ist es, der öster­rei­chi­schen Poli­tik wis­sen­schaft­lich fun­dierte, kon­krete Hand­lungs­emp­feh­lun­gen zur Ver­fü­gung zu stel­len, um künf­tige Kri­sen zu ver­mei­den und die gesell­schaft­li­che Akzep­tanz der Markt­wirt­schaft sicherzustellen.

Fra­gen, die die Welt bewegen
Die welt­weite Finanz- und Wirt­schafts­krise hat zu einer Dis­kus­sion von natio­na­len und glo­ba­len Rah­men­be­din­gun­gen und Kon­troll­me­cha­nis­men geführt.
Das der­zeit ver­füg­bare öko­no­mi­sche Wis­sen und die dar­auf auf­bau­en­den Instru­mente der Wirt­schafts­po­li­tik sind weder für effek­tive Prä­ven­tion noch für den erfolg­rei­chen Umgang mit Kri­sen die­ser Grö­ßen­ord­nung aus­ge­legt. Daher sind For­schungs­ar­bei­ten erfor­der­lich, um künf­tige Kri­sen zu mini­mie­ren oder zu vermeiden.
Im Pro­jekt „Bau­steine einer kri­sen­fes­ten Markt­wirt­schaft“ wurde eine Bestands­auf­nahme wirt­schafts­wis­sen­schaft­li­cher Theo­rien und Ansätze für eine kri­sen­feste Markt­wirt­schaft durch­ge­führt und dar­aus offene For­schungs­fra­gen abgeleitet.
Die im Rah­men von Work­shops und Inter­views mit inter­na­tio­na­len Exper­ten erarbeite­ten For­schungs­fra­gen legen ein beson­de­res Augen­merk auf Pra­xis­ori­en­tie­rung und poli­ti­sche Rele­vanz und sind in drei The­men­fel­der geteilt :
1. Ver­bes­se­run­gen der Wirt­schafts­rah­men­ord­nung : Wel­che Mecha­nis­men und insti­tu­tio­nel­len Vor­aus­set­zun­gen braucht das Welt­fi­nanz­sys­tem, um Umwelt- und Sozi­al­wir­kun­gen zu berück­sich­ti­gen ? Wel­che inno­va­ti­ven sozia­len Siche­rungs­in­stru­mente wei­sen aus­rei­chende Kri­sen­fes­tig­keit auf ? Wie kann Sta­bi­li­tät, Robust­heit bezie­hungs­weise Kri­sen­fes­tig­keit von Wirt­schafts­sys­te­men abge­schätzt wer­den, um Aus­sa­gen über Trends und Effekte von Inter­ven­tio­nen zu ermöglichen ?
2. Dau­er­hafte Siche­rung wirt­schaft­li­cher, öko­lo­gi­scher und sozia­ler Res­sour­cen : Wie könnte eine an Bestän­den ori­en­tierte Volkswirtschaft(stheo­rie) aus­se­hen, die auch Natur- und Sozi­al­ka­pi­tal berück­sich­tigt ? Wel­che Ursa­chen und wel­che Fol­gen hat die dem aktu­el­len Wirt­schafts­sys­tem imma­nente Wachs­tums­dy­na­mik ? In wel­chen Berei­chen ist Ver­sor­gungs­si­cher­heit wich­ti­ger als freier Han­del und Eco­no­mies of Scale ?
3. Intel­li­gen­ter Umgang mit kom­ple­xen sozia­len Sys­te­men : Wie kön­nen Sys­tem­theo­rien, kon­struk­ti­vis­ti­sche Ansätze und ver­hal­tens­öko­no­mi­sche Ansätze als sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Inter­ven­ti­ons­theo­rien genützt wer­den ? Wie sind die gesell­schaft­li­chen Aus­hand­lungs­pro­zesse zu gestal­ten ? Wel­che Instru­mente und Sti­muli sind zu wel­chem Zeit­punkt in der Ent­wick­lung und Ver­brei­tung tech­ni­scher und sozia­ler Inno­va­tio­nen sinn­voll oder erforderlich ?

Autor:
23.10.2009

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