
„Nicht um jeden Preis“
Auftritt von Peter Thiel bei Wiener Festwochen nach eingehender Reflexion unterschiedlicher Positionen abgesagt. Nach fundierter Erörterung und Zustimmung mehrerer Gremien im Vorfeld geben verlautbarte und angedrohte Absagen anderer Künstler den Ausschlag. Ganzes Procedere final nun Art eigenes Festwochen-Stück.
Die Wiener Festwochen rund um Intendant Milo Rau und Geschäftsführerin Artemis Vakianis haben den für 7. Juni vorgesehenen Diskussionsauftritt des US-Tech-Unternehmers Peter Thiel abgesagt. Die Absage kommt jetzt eigentlich überraschend. Im Vorfeld dieser finalen Entscheidung gab es auf Grund medialer Debatten und einiger mit dem Thiel-Auftritt verbundener Absagen anderer Festwochen-Protagonisten mehrere gesonderte und öffentliche Erörterungen zu Pro und Contra des Thiel-Auftritts.
Rat der Republik und Experten und gesonderte öffentliche Debatte allesamt für Auftritt von Peter Thiel
Das Stimmungsbild im sogenannten Rat der Republik und bei einer zusätzlich im Wiener Odeon-Theater veranstalteten öffentlichen Debatte der Republik legte laut Festwochen „die Durchführung der Thiel-Veranstaltung nahe“ und auch „das einstimmig positive Statement von externen Experten:innen sprach sich für die Durchführung aus“, so die Festwochen in einer Aussendung. Die ebenso zustimmende Sichtweise von economy kann im Text „Willkommen Peter Thiel und Bravo Milo Rau!“ nachgelesen werden.
Das im Kontext mit dem Thema Cancel-Prozedere einberufene Beratungsgremium der Festwochen bestand aus Natasha Tripney (Autorin und Kritikerin in London und Belgrad, Mitglied des Programmbeirats), Monika Mokre (Politikwissenschaftlerin, Mitglied des Rats der Republik) und Matthias Pees (Intendant der Berliner Festspiele). „Diese Gesellschaft ist und muss stark genug sein, um auch polemische, spaltende, unsolidarische, extremistische, undemokratische oder verfassungswidrige Stimmen und Beiträge zu ertragen, zu erdulden, ihnen entgegenzutreten, sie aufzudecken und ihnen entgegenzuwirken“, so der finale Befund des Gremiums.
„Absagen schwächen in ihrer Gesamtheit diesjährige Festwochen in untragbarem Umfang“
Parallel waren die Wiener Festwochen mit einer zunehmenden Anzahl kritischer Stimmen und vor allem mit immer zahlreicheren politisch oder ethisch motivierten Absagen von Beteiligten am künstlerischen Programm konfrontiert und das hat dann final die Absage nach sich gezogen. „Diese Absagen schwächen in ihrer Gesamtheit die diesjährigen Festwochen in einem untragbaren Umfang, weshalb sich die Geschäftsführung entschlossen hat, die Debatte mit Peter Thiel abzusagen“, so die Festwochen.
Intendant Milo Rau verlautbarte dazu auch seine persönliche Sichtweise : „Nicht um jeden Preis : Ich nehme die kritischen Stimmen sehr ernst. Aus meiner Verantwortung für das Gesamtprogramm musste ich mich leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel entscheiden, obwohl ich diese extrem spannend und im Rahmen der Republic of Gods (Anm. das Motto der diesjährigen Festwochen) konsequent gefunden hätte. Ein Beharren auf der Veranstaltung stünde jedoch im Widerspruch zu meiner Wertschätzung für unser künstlerisches Programm und alle daran Beteiligten“.
Breite Debatte in Medien mit Zustimmung wie auch fundierter Kritik an Absage
Die Absage wurde in mehreren Medien breit diskutiert und von den Leser:innen mehrheitlich begrüßt. Es gab aber auch fundiert kritische Stimmen gegen die Absage. Nachfolgend zwei beispielgebende Postings zum entsprechenden Bericht zur Absage aus dem Forum vom Online-Standard, wo es in kurzer Zeit über 1.000 Beiträge gab.
Standard-Poster:in „Gatze Choupette Lagerfeld“ schreibt :
„Cancel Culture ist der falsche Weg für eine offene Gesellschaft. Man muss die Positionen von Peter Thiel keineswegs teilen, um zu erkennen, dass das vorschnelle Ausladen unliebsamer Gäste unserer demokratischen Diskurskultur massiv schadet. Eine lebendige Demokratie lebt vom Austausch und der Auseinandersetzung – auch und gerade mit kontroversen Meinungen.
Nur so können sich Bürgerinnen und Bürger ein eigenes, kritisches Bild machen. Mit diesem überstürzten Einknicken vor dem ersten Protest haben die Verantwortlichen der Debatte rund um die „Wokeness“ ein gefundenes Fressen geliefert. Von den Entscheidungsträgern eines so bedeutenden Kulturfestivals darf man Souveränität statt Panik erwarten. Meinungen zu canceln, nur weil Gegenwind aufkommt, ist das Gegenteil von gelebter Demokratie.“ (Zitat-Ende)
Standard-Poster:in „Haigha“ schreibt : „Peinlich, schade und überflüssig. Es ist ja nicht so, als wäre Thiel für seinen Einfluss auf diese Veranstaltung angewiesen gewesen. So ist jetzt auch die Chance auf eine öffentliche Kritik dahin“. (Zitat-Ende).
Inhaltliche Debatten und Medienberichte auch erfolgreicher Diskursbeitrag plus Wertschöpfung für Wien und Festwochen
Nun, leicht haben sich die Festwochen die Einladung von Peter Thiel und die Entscheidungsfindung zum Auftritt sicher nicht gemacht. Der Prozess und die inhaltlichen Debatten sowie die zahlreichen nationalen wie internationalen Medienberichte mit den verbundenen Sichtweisen und Diskussionen sind für sich genommen auch ein erfolgreicher Diskursbeitrag und final zu einem eigenen Festwochen-Stück geworden. Eine Art Drama, als Theater-Format gemeint, nicht in der Wortbedeutung.
Die Vielzahl an Medienberichten bringt auch zusätzliche Wertschöpfung für die Kulturstadt Wien und die Festwochen. Spannender und noch erfolgreicher im Sinne eines lebendigen und demokratiefördernden Diskurses wäre natürlich ein Live-Auftritt von Peter Thiel gewesen. Vielleicht springt ja Michel „fleh“ Fleischhacker und Servus TV ein. (red/czaak)