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© pexels/julia m cameron

„Noch nie war Schul­den­ma­chen für Jugend einfacher“

Trotz Inte­gra­tion in Lehr­plan immer noch große Lücken beim Thema Finan­zen. Jede/​r fünfte Jugend­li­che ohne Über­blick zu eige­nen Finan­zen, die Hälfte sieht sich auf eigene Zukunft nicht vor­be­rei­tet, so aktu­elle Studie.

Die Zahl der Pri­vat­in­sol­ven­zen unter 24-Jäh­ri­ger stieg im Jahr 2023 laut dem Alpen­län­di­schen Kre­di­to­ren­ver­band um 22 Pro­zent. Jugend­ver­schul­dung und ver­ant­wor­tungs­volle Finanz­pla­nung bil­den zudem die Schwer­punkte der natio­na­len Finanz­bil­dungs­stra­te­gie der nächs­ten bei­den Jahre. Dass Öster­reichs Jugend selbst Hand­lungs­be­darf in die­sem Bereich sieht, zeigt nun eine aktu­elle, reprä­sen­ta­tive Jugend­stu­die des Sozi­al­un­ter­neh­mens YEP in Zusam­men­ar­beit mit dem Erste Finan­cial Life Park (FLiP), wo 1.800 Per­so­nen befragt wurden.

48 Pro­zent der befrag­ten Jugend­li­chen geben an, sich „eher nicht“ oder „gar nicht“ beim Thema Geld und Finan­zen aus­zu­ken­nen (Anm. 2021 waren es noh 60 Pro­zent). Deut­li­che Unter­schiede zei­gen sich bei den Geschlech­tern, 56 Pro­zent der weib­li­chen Befrag­ten fehlt es an Finanz­wis­sen, bei den männ­li­chen sind es mit 36 Pro­zent merk­lich weni­ger. Als Fol­gen wer­den attes­tiert, dass jede zweite weib­li­che Befragte (51 Pro­zent) fühlt sich vom Umgang mit Geld gestresst, wäh­rend es bei den männ­li­chen Befrag­ten „nur“ rund jeder Drit­ter (29 Pro­zent) ist.

Feh­len­des Wis­sen und Infla­tion sor­gen für Zukunftsängste
Als Stress­fak­to­ren im finan­zi­el­len All­tag nen­nen die Jugend­li­chen vor­wie­gend die Infla­tion und dass es ihnen schwer­falle Geld zu spa­ren. Thema sind aber auch Zukunfts­ängste wie sie sich ihr zukünf­ti­ges Leben leis­ten sol­len. Erho­ben wur­den auch die Gründe : 51 Pro­zent der Jugend­li­chen in Öster­reich füh­len sich mit ihrer aktu­el­len finan­zi­el­len Bil­dung nicht auf die Zukunft vor­be­rei­tet. Wäh­rend 57 Pro­zent der weib­li­chen Befrag­ten sich nicht auf die Zukunft vor­be­rei­tet füh­len, sind es bei den männ­li­chen Befrag­ten mit 40 Pro­zent deut­lich weniger. 

„Sich früh­zei­tig mit dem Thema Finan­zen aus­ein­an­der­zu­set­zen, ist eine extrem gute Inves­ti­tion in die eigene Zukunft. Viele junge Men­schen wer­den ins kalte Was­ser gewor­fen, quasi ‚lear­ning by doing‘, wenn es um die eige­nen Finan­zen geht. Das kann man sich aber im Umgang mit Geld wort­wört­lich nicht leis­ten”, sagt Gerda Holz­in­ger-Burg­stal­ler, CEO der Erste Bank Oes­ter­reich, im Rah­men der Vor­stel­lung der Studie.

Ver­schul­dung unter jun­gen Men­schen stark angestiegen
Wel­che schwer­wie­gen­den Fol­gen man­geln­des finan­zi­el­les Wis­sen hat, zei­gen aktu­elle Zah­len aus der Insol­venz­sta­tis­tik 2023 des Alpen­län­di­schen Kre­di­to­ren­ver­band (AKV). In die­sem Jahr befan­den sich mit 22 Pro­zent mehr Per­so­nen unter 24 Jah­ren in Pri­vat­in­sol­venz als noch im Jahr zuvor, bei weib­li­chen Betrof­fe­nen beträgt der Anstieg sogar 45 Pro­zent. Als pri­märe Ursa­che iden­ti­fi­ziert der AKV Kon­sum­schul­den und die kom­men vor allem aus dem Onlinebereich. 

Raten­zah­lung und Zah­lungs­ver­zug wür­den dazu füh­ren, dass die jun­gen Men­schen den Über­blick über ihre Aus­ga­ben ver­lie­ren wür­den. Die Ergeb­nisse der Jugend­stu­die unter­strei­chen das : Jede fünfte jugend­li­che Per­son in Öster­reich hat keine Über­sicht, wie viel Geld sie im Monat aus­gibt. Und 17 Pro­zent hat­ten schon ein­mal Sor­gen, aus­ge­borg­tes Geld nicht mehr zurück­zah­len zu können.

Schul­den machen unter Öster­reichs Jugend ist besorgniserregend
„Es ist besorg­nis­er­re­gend, wie ver­brei­tet das Schul­den machen unter Öster­reichs Jugend ist. Social-Media-Trends, wo mit der Höhe der offe­nen Rech­nun­gen ange­ge­ben wird und die Tat­sa­che, dass mitt­ler­weile nahezu jeder Online­shop eine Buy-Now-Pay-Later-Bezahl­lö­sung anbiete, wür­den die Lage zusätz­lich ver­schär­fen“, erläu­tert Philip List, Lei­ter des Erste Finan­cial Life Park. „Noch nie war es so ein­fach Kon­sum­schul­den zu machen. Umso wich­ti­ger ist es, den Jugend­li­chen die rea­len Fol­gen auf­zu­zei­gen“, betont der Finanz­ex­perte für die Jugend.

Aber auch Sucht sowie man­geln­des Wis­sen und Erfah­rung wären Fak­to­ren, so der Experte. Für List kön­nen Eltern einen essen­zi­el­len Bei­trag leis­ten, um den Jugend­li­chen kri­ti­sches Kon­sum­den­ken zu ver­mit­teln : „Das Thema Geld zuhause pro-aktiv anzu­spre­chen und selbst den rich­ti­gen Umgang vor­zu­le­ben ist ein wich­ti­ger Teil der Erzie­hung.“ Aller­dings geben 30 Pro­zent der befrag­ten Jugend­li­chen an, zu Hause sel­ten oder gar nicht über Geld zu sprechen.

Viel­fäl­tige Ursa­chen für Ver­schul­dung und die wich­tige Rolle der Schule
Laut der aktu­el­len YEP-Jugend­stu­die geben die Jugend­li­chen für die Ver­schul­dung ihrer Alters­ge­nos­sen „man­gelnde Bil­dung“, „unzu­rei­chende Auf­klä­rung“ oder „keine Ahnung von Finanz­ma­nage­ment“ als Ursa­chen an. Schwie­rig­kei­ten bei der Über­nahme von Eigen­ver­ant­wor­tung, (Kauf)sucht oder die Nei­gung, „Kon­sum­op­fer“ zu wer­den, wären eben­falls Gründe. Viele Jugend­li­che wür­den sich in Schul­den stür­zen, um unnö­tige Dinge zu kau­fen und stets das „Neu­este“ oder „Beste“ zu besitzen.

Damit soll auch ein bestimm­tes Image auf­recht­erhal­ten oder andere beein­druckt wer­den. Grup­pen­druck in Freun­des­krei­sen spiele hier eine große Rolle, ob Mar­ken­zwang oder kost­spie­lige Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten mit ihren Freund:innen. Mehr zum Thema Finanz­bil­dung ler­nen, wür­den die Jugend­li­chen in Öster­reich am liebs­ten in der Schule. Die Grund­la­gen dafür wur­den mit der Inte­gra­tion von Finanz­bil­dung in den Lehr­plan geschaf­fen. „Der rich­tige Umgang mit den eige­nen Finan­zen muss zu einem Life­styl­e­thema wer­den“, wünscht sich denn auch Holz­in­ger-Burg­stal­ler als wich­ti­gen Schritt gegen eine Tabui­sie­rung des Themas.

Finanz­bil­dung ist ein­fa­cher als gedacht
Bei den Füh­run­gen und Schu­lun­gen im FLiP zum Thema Finanz­bil­dung wür­den viele Jugend­li­che „immer noch an die Ver­mitt­lung von hoch­kom­ple­xen Finanz­markt­in­hal­ten den­ken“, so List. „Es geht im FLiP nicht um den nächs­ten Bör­sen­guru, son­dern ein Gefühl zu bekom­men und zu ver­ste­hen : Was sind fixe, was varia­ble Kos­ten ? Wel­che monat­li­chen Aus­ga­ben kom­men auf mich zu ? Im FLiP ver­mit­teln wir diese The­men auch in einer spie­le­ri­schen Art“, skiz­ziert Philip List, Lei­ter des Erste Finan­cial Life Park.

Die Rele­vanz des The­mas Finanz­bil­dung zeige laut List auch die enorme Nach­frage, die trotz zwei­jäh­ri­ger Pan­de­mie-Unter­bre­chung seit der Eröff­nung 2016, unge­bro­chen ist : „Wir durf­ten mitt­ler­weile über 120.000 Schüler:innen im FLiP begrü­ßen“, so der Lei­ter des Erste Finan­cial Life Park (FLiP). Bei der Stu­die im Herbst 2023 haben exakt 1.879 Jugend­li­che im Alter von 14 bis 20 Jah­ren teil­ge­nom­men und in Fokus­grup­pen, Work­shops und einer quan­ti­ta­ti­ven Befra­gung, span­nende Ein­bli­cke in ihre Bedürf­nisse und Wün­sche gegeben. 

FLiP und Jugend­li­che grün­den eige­nen Jugend­bei­rat zum Thema Finanzen
Die Stu­die wurde in Zusam­men­ar­beit mit dem Erste Finan­cial Life Park (FLiP) nach 2021 bereits das zweite Mal durch­ge­führt. Meh­rere der befrag­ten Jugend­li­chen bil­den in den nächs­ten Jah­ren den FLiP Jugend­bei­rat. Die Ergeb­nisse des Jugend­be­richts flie­ßen mit Hilfe des Bei­rats in die Kon­zep­tio­nie­rung von neuen Ange­bo­ten des FLiP ein. „Jugend­li­che sind die Expert:innen ihrer Lebens­rea­li­tät. Wir soll­ten Finanz­wis­sen stär­ker för­dern, um allen Kin­dern eine gerechte Chance auf einen fai­ren Start im Leben zu geben“, unter­streicht auch Rebekka Dober, Grün­de­rin von YEP. 

„Geld ist so ein wich­ti­ges Thema, aber nie­mand möchte dar­über spre­chen. Es ist immer noch ein abso­lu­tes Tabu. Wie sol­len Lehrer:innen Finanz­bil­dungs­un­ter­richt geben, wenn sie nicht ein­mal selbst dar­über spre­chen?“, so ein Kom­men­tar eines Jugend­li­chen, die auch die ver­stärkte Inte­gra­tion des The­mas im Lehr­plan fordern. 

Autor: red/czaak
06.02.2024

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