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Nukle­ar­me­di­zi­ner um Zukunft besorgt

Die Nukle­ar­me­di­zi­ner schla­gen Alarm : Der Aus­fall der ver­al­te­ten Reak­to­ren hat euro­pa­weit einen Radio­iso­top-Man­gel aus­ge­löst. Der Ver­sor­gungs­eng­pass bedroht akut die Gesund­heit Tau­sen­der Tumorpatienten.

Über­all in Europa gibt es seit Mona­ten Eng­pässe bei der nukle­ar­me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung. Grund ist der annä­hernd zeit­glei­che Aus­fall der Reak­to­ren, die Molyb­dän-99 erzeu­gen. Davon gibt es welt­weit nur fünf Anla­gen. Der für Europa wich­tigste Reak­tor im nie­der­län­di­schen Pet­ten ist nach einem Leck im Kühl­sys­tem nicht wie­der in Betrieb genom­men worden.
Auch die bei­den ande­ren euro­päi­schen Reak­to­ren in Bel­gien und Frank­reich, die Iso­tope für die nukle­ar­me­di­zi­ni­schen Zen­tren pro­du­zie­ren, waren zeit­wei­lig wegen War­tungs­ar­bei­ten außer Betrieb. Außer­halb Euro­pas gibt es noch Reak­to­ren in Kanada und Süd­afrika. Der For­schungs­re­ak­tor im deut­schen Jülich, der eben­falls Molyb­dän-99 erzeu­gen konnte, wurde bereits 2006 abgeschaltet.
Von den Nukle­ar­me­di­zi­nern drin­gend für die Unter­su­chun­gen benö­tigt wird eigent­lich Tech­ne­tium-99m, das als Zer­falls­pro­dukt des wie­derum bei der Spal­tung von Uran anfal­len­den Molyb­dän-99 ent­steht. Die Gam­ma­strah­lung, die das in den Kör­per ein­ge­schleuste Tech­ne­tium-99m aus­sen­det – diese Unter­su­chung wird als Szin­ti­gra­fie bezeich­net –, kann gemes­sen wer­den und gibt dann Hin­weise auf die Durch­blu­tung von Orga­nen oder auf Ent­zün­dungs­herde oder Tumore. Die Bedeu­tung der nukle­ar­me­di­zi­ni­schen Dia­gnos­tik ins­ge­samt ist unbe­strit­ten sehr groß. Unter­su­chun­gen vor und wäh­rend Brust­krebs­ope­ra­tio­nen, bei Che­mo­the­ra­pien, vor und nach Trans­plan­ta­tio­nen, zur Vor­be­rei­tung bei Herz­ope­ra­tio­nen und bei der Dia­gnos­tik und Behand­lung von Tumo­ren wer­den von den Nukle­ar­me­di­zi­nern durchgeführt.
Für einen erheb­li­chen Teil der Pati­en­ten bedeu­tet der Ver­sor­gungs­eng­pass eine akute Gefahr für ihre Gesund­heit. Beson­ders bei schnell wach­sen­den Tumo­ren kann eine feh­lende The­ra­pie­mög­lich­keit lebens­be­dro­hend sein.
Im Februar und Mai sei wegen neu­er­li­cher War­tungs-arbei­ten an den Reak­to­ren wie­der mit einer Ver­schär­fung der Situa­tion zu rech­nen, warnte jetzt die deut­sche Gesell­schaft für Nukle­ar­me­di­zin. Der aktu­elle Not­stand in der Nukle­ar­me­di­zin – viele Szin­ti­gra­fien fal­len ganz aus oder wer­den ver­scho­ben – hat auch die Poli­tik alar­miert. Die Gesund­heits­mi­nis­ter der EU-Län­der haben das Bera­ter­gre­mium für Kri­sen­si­tua­tio­nen einberufen.

Gar­ching als Lösung
Eine Lösung wäre die Nut­zung der For­schungs­neu­tro­nen­quelle in Gar­ching. Betrei­ber ist die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät (TU) Mün­chen, Eigen­tü­mer das Lan­des Bay­ern. Win­fried Petry, wis­sen­schaft­li­cher Direk­tor in Gar­ching, sagte im Gespräch mit eco­nomy, die For­schungs­neu­tro­nen­quelle sei eine moderne Anlage, die bereits andere Iso­tope für medi­zi­ni­sche Zwe­cke pro­du­ziere. Der Reak­tor müsse nur um eine Ein­heit zur Erzeu­gung von Molyb­dän-99 ergänzt wer­den. Dann könne Europa zu gro­ßen Tei­len von Gar­ching aus ver­sorgt wer­den. Der Finan­zie­rungs­be­darf betrage fünf Mio. Euro. Eine Anpas­sung sei zügig mög­lich. Der Bau eines gänz­lich neuen Kern­re­ak­tors würde 400 Mio. Euro kos­ten und min­des­tens zehn Jahre dau­ern. Eine Her­stel­lung von Molyb­dän-99 durch Elek­tro­nen­be­schleu­ni­gung, wie Tho­mas Ruth vom kana­di­schen Labor für Par­ti­kel- und Nukle­ar­phy­sik in Van­cou­ver in der Zeit­schrift Nature vor­schlägt, hält Petry weder wis­sen­schaft­lich noch öko­no­misch für sinnvoll.
Han­deln ist jeden­falls drin­gend ange­sagt, war­nen die Nukle­ar­me­di­zi­ner. „Da die Reak­to­ren aus den 1950er und 1960er Jah­ren stam­men, wird aus der­zei­ti­ger Sicht der letzte 2015 abge­schal­tet wer­den müs­sen“, betont Mar­kus Mit­ter­hau­ser vom Wie­ner AKH.
In vie­len Fäl­len sei auch ein Aus­wei­chen auf eine moderne, wei­tere Unter­su­chungs­me­thode, die PET-CT (Posi­tro­nen-Emis­si­ons-Tomo­gra­fie in Kom­bi­na­tion mit Com­pu­ter­to­mo­gra­fie), ein durch­aus mög­li­cher Aus­weg aus der Krise, meint Mit­ter­hau­ser. Wäh­rend die CT eine rein topo­gra­fisch-ana­to­mi­sche Infor­ma­tion ver­mit­telt, gibt die PET über funk­tio­nelle Struk­tu­ren (zum Bei­spiel akti­ves Tumor-Gewebe) Aus­kunft. Ver­ein­facht aus­ge­drückt weiß die CT, „dass da etwas sein muss“, wäh­rend die PET zeigt, „was da ist“.
In Kom­bi­na­tion ein­ge­setzt, kann in einer ein­zi­gen Unter­su­chung ermit­telt wer­den, wo exakt ein Tumor sitzt oder sich eine Lymph­kno­ten­me­ta­stase befin­det. „Dadurch sehen wir sofort, ob der Pati­ent durch eine Ope­ra­tion geheilt wer­den kann“, schwärmt Pri­mar Alexan-der Beche­rer vom Lan­des­kran­ken­haus (LKH) Feldkirch.
Die noch junge PET-CT – das erste Gerät welt­weit kam 2001 auf den Markt, in Öster­reich bot als Ers­tes das PET-CT-Zen­trum Linz am Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Schwes­tern im Jän­ner 2003 die Unter­su­chung an – fin­det immer mehr Anklang und wird von einer stei­gen­den Zahl von medi­zi­ni­schen Fächern in Anspruch genom­men, etwa in der Chir­ur­gie (Indi­ka­ti­ons­stel­lung und Ope­ra­ti­ons­pla­nung), der Der­ma­to­lo­gie (Auf­spü­ren von Mela­nom­ge­we­ben), der Pul­mo­lo­gie (Lun­gen­krebs), der Radio­the­ra­pie (Ziel­be­stim­mung und Erfolgs­kon­trolle) sowie der gene­rell der Onko­lo­gie, also Krebs­for­schung (The­ra­pie­kon­trolle).

Kri­tik an Krankenkassen
„Nicht mit­ge­macht haben die­sen Ent­wick­lungs­schub aller­dings die Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger“, kri­ti­siert Chris­tian Pirich, Vostand der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Nukle­ar­me­di­zin am LKH Salz­burg. „Es ist ein Para­do­xon, dass die Geräte von den Spi­tals­er­hal­tern gekauft wer­den müs­sen und die Unter­su­chun­gen nicht bezahlt wer­den, es gibt kei­ner­lei Refun­ding dafür“, pol­tert Pirich und fährt fort : Es werde nicht ver­stan­den, „wie sehr die PET-CT sinn­lose Ope­ra­tio­nen ver­mei­det, onko­lo­gi­sche The­ra­pien durch ver­fei­nerte The­ra­pie­kon­trolle und ‑abstim­mung erfolg­rei­cher macht oder die Früh­erken­nung und recht­zei­tige Behand­lung von Tumo­ren ermög­licht.“ Pirich for­dert daher ein „rasches und zukunfts­ori­en­tier­tes Umden­ken zum Nut­zen der Patienten“.
Die PET-CT ist ein ent­schei­den­der Fort­schritt in der Onko­lo­gie, dar­über sind sich die Medi­zi­ner einig. „Die PET-CT ist aller­dings keine neue dia­gnos­ti­sche Wun­der­me­thode, die alle ande­ren Unter­su­chun­gen über­flüs­sig wer­den lässt“, betont Mar­kus Rade­rer vom Wie­ner AKH und Spe­zia­list für mali­gne Lym­phome (bös­ar­tige Erkran­kun­gen bei Lymph­kno­ten, Rachen­man­deln, Milz und Kno­chen­mark). Es sei wich­tig, dass nicht jeder Pati­ent unkri­tisch die PET-CT durch­läuft, „wenn andere Metho­den gleich gut oder sogar bes­ser sind“, stellt Rade­rer klar. Die PET-CT könne jeden­falls kei­nes­falls die kon­ven­tio­nelle Über­prü­fung von Gewe­be­pro­ben erset­zen, sagt der Wie­ner Mediziner.

Autor:
26.02.2009

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