
Ohne Netze gibt es keine Telemedizin
Johannes Hahn : „Die Digitalisierung von Patientendaten ermöglicht einen immer breiteren Einsatz der Telemedizin. Für den Patienten gibt es zwei wesentliche Anwendungsgebiete : die Akut- und Notfallmedizin sowie die Betreuung chronisch Kranker.“ Der Wissenschaftsminister ist vom weitreichenden Nutzen der Telemedizin überzeugt.
Worin liegen Chancen und Risiken der Telemedizin ?
Die größte Chance sehe ich in einer besseren Betreuung der Patienten und in der Chancengleichheit. Auf den Punkt gebracht : Telemedizin bringt Spitzenmedizin überall und jederzeit. Durch den Einsatz von Telemedizin kann die Behandlung von Akut- und Notfallerkrankungen deutlich verbessert werden. Telemedizin kommt weiters bei der Wissensvermittlung für Studierende und/oder Ärzte zum Einsatz. Ein Risiko kann mitunter die komplexere Behandlungslogistik darstellen.
Welchen Stellenwert hat Telemedizin in Österreich, und gibt es eine Alternative dazu ?
Telemedizin wird in Österreich mittlerweile routinemäßig genutzt und weiter ausgebaut. Die Synergien und die Möglichkeit zur Einholung einer „Second Opinion“ machen sie gerade für Standorte mit geringeren Personalressourcen interessant, um auf diesem Weg medizinisches Wissen auszutauschen. Alternativen sind in manchen Bereichen denkbar, aber in der Regel mit einem erhöhten Personal- und Budgeteinsatz verbunden.
Können Sie ein praktisches Beispiel für Telemedizin in der Anwendung und Umsetzung nennen ?
Als Beispiel fällt mir die Teleradiologie ein : In einigen Krankenhausverbünden ermöglicht sie eine radiologische Versorgung auch an Wochenenden und Nachtzeiten, welche ohne Telemedizin nicht gegeben war beziehungsweise zu aufwendigen Patiententransporten in ein Zentralkrankenhaus geführt haben.
Seit wann widmen sich die Mediziner diesem Thema – und mit welchem Erfolg ?
Seit etwa zehn bis 15 Jahren. In manchen Bereichen ist die Telemedizin nicht mehr wegzudenken, da sie eine wesentliche Unterstützung in der Patientenbetreuung bedeutet.
Wie ist Österreich im internationalen Vergleich in puncto „Telemedizin“ positioniert ?
Innerhalb Europas haben wir uns sehr gut positioniert. International sind manche Länder wie beispielsweise Australien aufgrund der geringeren Siedlungsdichte und der größeren geografischen Entfernungen noch etwas weiter.
Welche Funktion nimmt das Wissenschaftsministerium bei der Einführung und Forcierung der Telemedizin ein ?
Das Wissenschaftsministerium fördert bereits seit Längerem die Forschung im Bereich Telemedizin an den Medizinischen Universitäten. Dort wurden dafür auch eigene Professuren geschaffen, zum Beispiel Neue Medien in der medizinischen Wissensvermittlung und ‑verarbeitung. Die Medizinischen Universitäten sind eindeutig die innovative Kraft im Bereich der österreichischen Telemedizin. Gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium haben wir unter Einbeziehung nationaler Experten die Koordinationsplattform für Telemedizin im österreichischen Gesundheitswesen gegründet. Sie berät unter anderem die Bundesregierung und kooperiert mit den entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften.
Wie werden die notwendigen Investitionen in desem Bereich finanziert ?
Die Investitionen übernehmen die jeweiligen Krankenanstaltenträger. Im Bereich der Medizinischen Universitäten erfolgt die Finanzierung durch das Globalbudget im Rahmen der Leistungsvereinbarungen.
Was verbessert sich für den Patienten, was für den Arzt, die Spitäler ?
Für die Patienten fallen unnötige Transporte weg, was eine Erleichterung bedeutet. Die Ärzte haben durch die Telemedizin besseren Zugang zu Wissen. Und für die Spitäler bringt Telemedizin eine Effizienzsteigerung.
Welche Vor- und Nachteile erwarten die Ärzte durch die Einführung der integrierten Versorgung ?
Sie bringt jedenfalls eine bessere Zusammenarbeit im Gesundheitswesen, die Chance auf bessere Informationen über Vorbefunde und damit auch eine bessere Qualität der Behandlung.
Seit wann gibt es die drei österreichischen telemedizinischen Zentren in Wien, Graz und Innsbruck, und was ist deren Funktion ?
Aufgrund der Anschubfinanzierung des BMWF wurden ab 2004 die Telemedizinischen Zentren an den Medizinischen Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck gegründet. Diese sollen als interdisziplinäres Forschungsnetzwerk die beteiligten Kliniken und Institute in Lehre, Forschung und Patientenbetreuung verbinden. Außerdem sollen sie den Grundstein für nationale und vor allem internationale telematische Kommunikation bilden und nationaler Integrationskern für Telemedizin-Forschung auf höchstem internationalem Niveau sein.