
Othmar Karas : Verlustbeteiligung für Manager
Othmar Karas bleibt – trotz Ernst Strasser. Der in Finanzfragen einflussreiche Europaparlamentarier über Julius Meinl V., neue europäische Regeln für Banken und Manager sowie seine privaten Aktienverluste.
„Ich bleibe“, sagt Othmar Karas am Ende eines langen Gespräches über windige Manager, den Umbau des Kapitalismus und neue europäische Kontrollen für den Finanzmarkt. Er wirkt aufgekratzt an diesem Vormittag im Wiener Café Eiles. Es liegt wohl an den Gerüchten, wonach er alles hinschmeißen wollte, nachdem ihm seine Partei für die EU-Wahlen wieder einmal ein „Zugpferd“ vor die Nase gespannt hat. Diesmal wird er also hinter Ernst Strasser die Nummer zwei geben. „Ja, ich hab’ kurz überlegt, wie ich darauf reagiere. Aber ich bin noch nie davon gelaufen“, sagt Karas, grübelt kurz und empfängt den nächsten Interviewpartner.
economy : Ein paar Hundert Meter von uns entfernt kommt Julius Meinl V. gerade gegen eine Kaution von 100 Mio. Euro frei. Was halten Sie von ihm ?
Othmar Karas (nach einer langen Pause): Ich kenne ihn, er war nie eine sehr nahbare Person. Ich kenne seine Geschäftspraktiken nicht, aber es ist ein enormer Aufklärungsbedarf gegeben. Wobei es in der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht nur um den Herrn Meinl geht. Es haben sich in der globalen Finanzwelt Dinge entwickelt, Derivate etwa, die nicht kontrolliert und geregelt waren. Es gibt viele weiße Flecken auf der Finanzmarktlandkarte, die wir möglichst rasch erschließen müssen.
Manager wie Meinl werden derzeit geprügelt, aber haben nicht auch Europa-Politiker wie Sie Mitschuld, die rein dem Markt vertraut und auf wirksame Regeln verzichtet haben ?
Wenn Sie das so fragen, ist jeder in einer Form mitverantwortlich. Aber fürs EU-Parlament kann ich sagen, dass wir in den letzten Jahren viele Anträge für mehr Regulierung gestellt haben. Vieles wurde noch nicht umgesetzt, weil das Bewusstsein fehlte. Viele haben gemeint, alle offenen Fragen regelt der Markt. Die Sichtweise hat sich geändert.
Ihre Fraktion im EU-Parlament, die Konservativen, war Garant für die neoliberale Politik der letzten zwei Jahrzehnte.
Der neoliberale Kurs ist ein angelsächsischer, nicht ein europäischer. Ich bin Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. Es braucht so viel Markt wie möglich und so viel Regelung wie notwendig. Der Markt hat soziale und ökologische Verantwortung, ist Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. Viele Praktiken und Finanzprodukte, die aus Amerika kamen, haben wir in Europa einfach übernommen. Wir sind selbst maßlos und grenzenlos geworden. Jetzt ziehen wir die Lehren daraus.
Was ist vom Europäischen Parlament zu erwarten ?
Ich verhandle gerade über eine europäische Finanzmarktaufsicht. Diese sollte so wie Zentralbanken aufgebaut sein. Das heißt, die nationalen Aufsichtsbehörden arbeiten in einer europäischen Holding zusammen.
Mit eigenem Hauptsitz und Chef wie bei der EZB mit Jean-Claude Trichet in Frankfurt ?
Ja, es muss eine letzte Instanz geben, die entscheidet, wenn es Streitigkeiten gibt. Die Aufsicht sollte bis 2011, 2012 stehen.
Bis jetzt haben Aufsichten wenig verhindert.
Es fehlten die Kompetenzen und die Regeln etwa für Hedgefonds und Private Equity (Risikokapital, Anm. d. Red.). Bei den Hedgefonds gibt es 27 verschiedene Regelungen, einheitliche Regeln werden die Transparenz enorm erhöhen. Außerdem haben wir Rating-Agenturen, die nicht registriert und kontrolliert sind.
Wird Spekulation durch diese neue Aufsicht eingedämmt ?
Selbstverständlich. Uns sollte nichts mehr durch die Lappen gehen. Jedes Produkt muss kontrolliert und genehmigt werden. Klar ist aber auch, dass nicht alle Finanzprodukte gleich geregelt sein werden. Es wird risikoreichere, sicherere Produkte geben. Der Punkt ist : Wie schaut der Grad an Transparenz aus, wie ist die Information des Kunden ?
Wie soll Europa künftig mit seinen Banken umgehen ?
Wir legen fest, dass Banken künftig nur Großkredite vergeben dürfen, die maximal 25 Prozent des Eigenkapitals der Bank ausmachen und bei kleinen Banken maximal 150 Mio. Euro pro Kredit. Außerdem muss bei Krediten, die über Verbriefungen innerhalb der Banken weitergegeben werden (Stichwort : Credit Default Swaps, Anm. d. Red.), ein Selbstbehalt von fünf Prozent in den eigenen Büchern behalten werden. Das heißt, ein Teil des Risikos bleibt. Damit setzt man sich intensiver mit dem Risiko auseinander. Ich wollte höhere Selbstbehalte für schlechte Kredite, aber das wäre kompliziert gewesen, deswegen haben wir uns auf einen Einheitssatz von fünf Prozent geeinigt. Manche wollten 15 Prozent. Aber wir wollten den Verbriefungsmarkt, der zu einem funktionierenden Bankensystem gehört, nicht abwürgen. Der ist derzeit ohnedies tot.
Soll es neue Vermögenssteuern zur Finanzierung der Krise geben, etwa eine Devisentransaktionssteuer ?
Das sehe ich nicht in der Pipeline. Das muss, wenn, auf globaler Ebene kommen. Österreich fordert die Tobin Tax ja. Aber wir haben hier zwei Probleme : Wird sie in Europa oder global erhoben ? Was geschieht mit dem Geld ? Die einen sagen, es soll in die Dritte Welt fließen, andere wollen es für die EU-Kasse oder gleich an die Mitgliedsstaaten zurücksenden. Das ist kein konkretes Projekt.
Zu den Manager-Gehältern : Soll deren Höhe begrenzt werden ?
In dieser Frage bin ich dagegen, direkt einzugreifen. Das sind privatrechtliche Verträge. Mein Ansatz ist : Dort, wo es Boni gibt, muss es auch eine Verlustkomponente geben. Und die Basis für die Berechnung (von Bonus oder Malus, Anm. d. Red.) muss verlängert und verbreitert werden. Das heißt, es zählt bei der Berechnung nicht nur die Entwicklung des Aktienkurses, sondern auch der Gewinn des Unternehmens. Dann zählt der unternehmerische Wert wieder.
Und der Manager geht, bevor die Zeiten schlechter werden.
Die Verantwortung würde es trotzdem erhöhen. Außerdem kann ich im Vertrag ja ganz auf ein Anreizsystem verzichten.
Letzte Frage : Hatten Sie je Meinl-Aktien ?
Nein, ich habe keine Einzelaktien. Ich habe zwei Fonds für die Altersvorsorge, die beide verloren haben.