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Pri­vat­hoch­schu­len unter der Lupe

„Öster­reich braucht wie­der Eli­ten“, heißt es. Wer oder was treibt den Füh­rungs­nach­wuchs in die Kader­schmie­den der Wirt­schaft, in Pri­vat­in­ter­nate, Busi­ness Schools und in am Reiß­brett kon­zi­pierte Élite-Universitäten ?

Seit den Bil­dungs­re­for­men der 1970er Jahre hat Hoch­schul­po­li­tik nicht mehr so tief grei­fende Ver­än­de­run­gen nach sich gezo­gen wie gegen­wär­tig. Die Uni­ver­si­tä­ten wer­den durch und durch refor­miert. Doch in Wahr­heit han­delt es sich um eine De-For­ma­tion des euro­päi­schen Hoch­schul­we­sens. Wir erle­ben eine Struk­tur­ver­schie­bung, die die Bezie­hung zwi­schen einer Gesell­schaft und ihrem Wis­sen gänz­lich neu gestal­tet. Das muss nicht prin­zi­pi­ell schlecht sein. Das Prin­zip, das der sich wan­deln­den Hoch­schul­welt von heute und mor­gen zugrunde liegt, ist aller­dings in zuneh­men­der Weise ökonomisch.
Es gibt, seit Lan­gem wie­der, fri­sches Geld für die aus­ge­zehr­ten Unis. Aber nicht für alle. Das heißt : über Élite-Wett­be­werbe, Hoch­schul­pakte und Stu­di­en­ge­büh­ren. Gleich­zei­tig wer­den neue Bache­lor- und Mas­ter-Stu­di­en­gänge ein­ge­führt und die Hoch­schu­len einem ver­schärf­ten Wett­be­werb unterzogen.

Bil­dung wird warenförmig
Das Deli­kate an die­ser Ent­wick­lung ist : Die Ver­ant­wort­li­chen sind nicht so ein­fach ding­fest zu machen – wie in vie­len aktu­el­len Pro­zes­sen. Denn die Eta­blie­rung eines radi­ka­len Wis­sens­mark­tes greift auf ver­schie­dens­ten Ebe­nen inein­an­der. Auf inter­na­tio­na­ler Ebene hat man 2002 mit den Gats-Ver­hand­lun­gen (Gene­ral Agree­ment on Trade in Ser­vices) begon­nen zu über­le­gen, wie der Bil­dungs­sek­tor zum Dienst­leis­tungs­be­reich ver­mark­tet wer­den kann.
Die Regeln, nach denen die Ware Bil­dung gehan­delt wird, ver­han­deln die Markt­füh­rer, die über die pro­fi­ta­bels­ten Unter­neh­men in der Wis­sens­pro­duk­tion ver­fü­gen : die USA und die EU. Heute gibt es schon zahl­rei­che Unis, die über Zweig­stel­len im Aus­land ver­fü­gen – oder zumin­dest expan­die­ren wol­len. Es bedarf kei­ner Weis­heit, um abzu­se­hen, dass staat­li­che „Sub­ven­tion“ von Bil­dung irgend­wann als „wett­be­werbs­ver­zer­rende Maß­nahme“ durch­ge­hen darf und abge­schafft wer­den muss – in der Wirt­schaft und ande­ren Berei­chen ein bekann­tes Phänomen.
Par­al­lel dazu läuft der soge­nannte Bolo­gna-Pro­zess. Das ist for­mell die Stu­fung des Stu­di­ums in Bache­lor- und Mas­ter­por­tio­nen auf euro­päi­scher Ebene. Aber auch dar­un­ter liegt die Han­del­bar­keit von Wis­sens­ein­hei­ten. Durch kleine Wis­sens­mo­dule, die schon heute einem euro­päi­schen „Cre­dit Sys­tem“ ent­spre­chen, lässt sich die Ware Bil­dung zah­len­mä­ßig erfas­sen. Der Kant ist heute sie­ben Cre­dits wert, erhält­lich im Online­shop der Uni : Zur Buchung von Kur­sen ver­fü­gen die meis­ten Hoch­schu­len längst über Soft­ware mit digi­ta­len Waren­kör­ben. Just buy it.
Um von inner­uni­ver­si­tä­ren „Opti­mie­rungs­plä­nen“ ver­schont zu blei­ben, opti­miert sich die Wis­sen­schaft vor­sorg­lich selbst. Die ver­meint­li­che Opti­mie­rung heißt Öko­no­mi­sie­rung. For­schungs­er­geb­nisse und Stu­di­en­leis­tun­gen wer­den zah­len­mä­ßig erfasst, gerankt und ver­gleich­bar gemacht. Auch die Uni wird von Wett­be­werbs­de­n­ken und Kon­kur­renz­lo­gik durch­drun­gen. Die Höhe der Dritt­mit­tel­zu­wen­dun­gen – das heißt : wie viel Geld ein Pro­fes­sor beschaf­fen kann – ist eines der wich­tigs­ten Kri­te­rien bei der Bemes­sung von „Leis­tung“ und viel ent­schei­den­der bei der Ver­gabe von Pro­fes­su­ren und damit der Gestal­tung von Lehre.
Kon­kur­renz, Wett­be­werb, Ver­wert­li­chung, Ver­wert­bar­keit und Res­sour­cen­be­schrän­kung sind Grund­la­gen, auf denen das Hoch­schul­we­sen fußt. Doch wo das Prin­zip der Wis­sens­ver­mitt­lung – und das Prin­zip der Wis­sens­er­schlie­ßung – auf markt­för­mi­gen Ord­nungs­grund­la­gen beruht, geht das eigent­lich Wis­sens­werte ver­lo­ren : die fun­dier­ten, reflek­tier­ten, unab­hän­gi­gen Ant­wor­ten auf unab­hän­gige Fra­gen. Der Umgang einer Gesell­schaft mit ihren Bil­dungs­res­sour­cen ist immer die Grund­lage ihrer eige­nen Per­spek­tive. Wenn jedoch die sozial- und natur­wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­wel­ten ihren Wert nur noch auf­grund ihrer Ver­wert­bar­keit erhal­ten, wer­den einer Aus­ein­an­der­set­zung mit sich selbst die Grund­la­gen ent­zo­gen. Weil unbe­queme Ant­wor­ten aus­blei­ben. Die soge­nann­ten Refor­men schrei­ten genau die­ser Rich­tung entgegen.
Bil­dung ist grund­le­gen­des Moment der Daseins­vor­sorge des Indi­vi­du­ums. In den kapi­ta­lis­ti­schen Indus­trie­län­dern des 19. und 20. Jahr­hun­derts galt Bil­dung – zumin­dest der Idee nach – über­dies als ele­men­ta­res Men­schen- und Bür­ger­recht und als Bedin­gung der per­sön­li­chen Ent­fal­tung des Ein­zel­nen. Bil­dung ist heute durch ihre Pri­va­ti­sie­rung welt­weit waren­för­mig geworden.

Élite heißt Auswahl
Der Begriff „Élite“ stammt vom latei­ni­schen Wort „eli­gere“ für „aus­wäh­len“. Noble bri­ti­sche Unis wol­len ihre Aus­wahl­kri­te­rien ver­schär­fen – und noch eli­tä­rer wer­den. Ein­sen rei­chen nicht, Ein­sen mit Plus davor müs­sen es sein. Für 20-jäh­rige Élite-Anwär­ter, die Talk­show-Auf­tritte trai­nie­ren und Kar­rie­re­be­ra­tun­gen buchen, sind Men­schen, die weni­ger als 70 Stun­den pro Woche arbei­ten, „Min­der­leis­ter“.
Mit beson­de­rer Sorg­falt aus­wäh­len kön­nen sich auch in Öster­reich sowohl eta­blierte als auch neu geschaf­fene Insti­tu­tio­nen ihre „Kun­den“, ob – „Voll-Uni“ oder nicht – Donau-Uni­ver­si­tät Krems, Fach­hoch­schule (FH) St. Pöl­ten oder die 2006 per Gesetz geschaf­fene „Flagg­schiff­or­ga­ni­sa­tion“ Insti­tute of Sci­ence and Tech­no­logy Aus­tria (IST Aus­tria), die, so Spre­cher Oli­ver Leh­mann, ent­ge­gen anders­lau­ten­der, häu­fig kol­por­tier­ter Mei­nung, sich zu kei­ner Zeit selbst den Titel „Élite-Uni­ver­si­tät“ ver­lie­hen habe.
Ab Herbst wer­den die ers­ten Wis­sen­schaft­ler am IST Aus­tria tätig sein, bis 2016 sol­len 40 bis 50 For­schungs­grup­pen mit rund 400 bis 500 For­schern arbei­ten. „Die PhD-Stu­den­ten wer­den sorg­fäl­tig nach fai­ren und trans­pa­ren­ten Regeln, auf Grund­lage des hohen Qua­li­täts­an­spruchs von IST Aus­tria, aus­ge­wählt“, heißt es. Zu wel­chem Preis, dar­über konnte man indes (noch) keine Anga­ben machen.
Die eta­blierte FH St. Pöl­ten, die mit ihren der­zeit rund 1700 Stu­den­ten im inter­na­tio­na­len Ver­gleich einen Spit­zen­platz ein­nimmt, for­ciert die inter­dis­zi­pli­näre Aus­rich­tung zur „unter­neh­me­ri­schen Hoch­schule“ und bie­tet exzel­lente Rah­men­be­din­gun­gen zu Schnäpp­chen­ge­büh­ren von 360 Euro pro Semes­ter. Bil­dung ? In St. Pöl­ten keine Preisfrage.

Autor:
25.09.2009

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