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Pro­fit­in­ter­es­sen ver­sus über­grei­fende Wirtschaftsbildung

Neues Netz­werk kri­ti­siert zuneh­mende Pro­fit­in­ter­es­sen an Schu­len und for­dert zukunfts­fä­hige und inte­gra­tive Wirt­schafts­bil­dung. Attac, Arbei­ter­kam­mer, Armuts­kon­fe­renz, Bil­dungs­ver­eine und Uni­ver­si­tä­ten zei­gen Pro­bleme und Lösungs­wege auf.

Ein neues Netz­werk aus Wis­sen­schaft und Zivil­ge­sell­schaft für eine zukunfts­fä­hige Wirt­schafts­bil­dung sieht die Unab­hän­gig­keit der Schule durch Pro­fit­in­ter­es­sen bedroht und for­dert eine zukunfts­fä­hige und inte­gra­tive Wirt­schafts­bil­dung. Das beinhalte volks­wirt­schaft­li­che Bil­dung, Kon­su­men­ten­schutz, öko­no­mi­sche Alpha­be­ti­sie­rung und die Ver­mitt­lung der Fähig­keit, wirt­schaft­li­ches Han­deln in soziale, poli­ti­sche und öko­lo­gi­sche Kon­texte ein­bet­ten zu kön­nen. Kri­ti­siert wer­den zudem die Pläne für eine Ein­füh­rung eines ein­di­men­sio­na­len Faches „Wirt­schaft“, das ein­fluss­rei­che Wirt­schafts­lob­bys vor­an­trei­ben sollen. 

„Wir alle machen Wirtschaft“
In einer von Attac ver­sand­ten Aus­sendung wer­den als erste Pro­po­nen­tIn­nen und Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen des neu gegrün­de­ten Netz­werks : „Wir alle machen Wirt­schaft — Netz­werk für eine zukunfts­fä­hige und inte­gra­tive Wirt­schafts­bil­dung” genannt : Rein­hold Hedtke, Sozio­loge an der Uni Bie­le­feld, Wal­ter Ötsch, Öko­nom an der Uni Koblenz, der Ver­ein für Geo­gra­phi­sche und Wirt­schaft­li­che Bil­dung, Attac Öster­reich, die Arbei­ter­kam­mer und die Armutskonferenz. 

Auch das Rechts­staat & Anti­kor­rup­ti­ons­volks­be­geh­ren for­dert daher etwa „die ehest­mög­li­che Schaf­fung und Imple­men­tie­rung ent­spre­chend kla­rer Com­pli­ance-Regu­la­rien für die öffent­li­che Ver­wal­tung, um Anscheins­be­fan­gen­hei­ten, Inter­es­sen­kon­flikte und letzt­lich auch Ein­falls­pfor­ten für Kor­rup­tion ver­läss­lich hint­an­hal­ten zu können.“ 

Bil­dung bedeu­tet Demokratiebefähigung
„Eine zukunfts­fä­hige wirt­schaft­li­che Bil­dung för­dert die Befä­hi­gung zur Demo­kra­tie. Gleich­zei­tig muss Öko­no­mie als Sozi­al­wis­sen­schaft ver­stan­den und ver­mit­telt wer­den. Quasi „natur­wis­sen­schaft­li­che“ Regeln eines Mark­tes oder öko­no­mi­sche Sach­zwänge müs­sen kri­tisch hin­ter­fragt werden.“

Und : „Wirt­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen sind auch einem poli­ti­schen, demo­kra­ti­schen Dis­kurs zu unter­wer­fen. Dies muss auch eine zukunfts­fä­hige Bil­dung ver­mit­teln, damit Men­schen demo­kra­tisch mit­be­stim­men kön­nen und Zukunft gestalt­bar und offen ist“, erläu­tert Wal­ter Ötsch, Öko­nom an der Uni­ver­si­tät Koblenz. 

Kom­pe­ten­zen für ver­ant­wor­tungs­be­wuss­tes Mitgestalten
Chris­tian Fri­d­rich, Vor­sit­zen­der des Ver­eins für geo­gra­phi­sche und wirt­schaft­li­che Bil­dung for­dert eine kri­ti­sche, mehr­per­spek­ti­vi­sche und an ver­schie­de­nen wirt­schaft­li­chen Denk­rich­tun­gen aus­ge­rich­tete Bil­dung : „Junge Men­schen müs­sen Orientierungs‑, Urteils- und Hand­lungs­kom­pe­ten­zen entwickeln.“ 

Und : „Diese müs­sen es ihnen ermög­li­chen, als mün­dige Bür­ge­rIn­nen die gesell­schaft­li­chen, öko­lo­gi­schen, öko­no­mi­schen und tech­no­lo­gi­schen Her­aus­for­de­run­gen ver­ant­wor­tungs­be­wusst mit­zu­ge­stal­ten.“ Die Schaf­fung eines eige­nen Faches Wirt­schaft und die Unter­tei­lung in viele Ein­zel­dis­zi­pli­nen sei „aus didak­ti­scher Per­spek­tive höchst frag­wür­dig“ und „Wirt­schafts­bil­dung müsse noch stär­ker zu einem fächer­über­grei­fen­den Unter­richts­prin­zip werden.“ 

Schlechte Erfah­run­gen mit ein­di­men­sio­na­lem Fach „Wirt­schaft“
Auf Basis der Erfah­run­gen aus Deutsch­land kri­ti­siert Rein­hold Hedtke, Sozio­loge an der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld, die Pläne für eine Ein­füh­rung eines eige­nen, ein­di­men­sio­na­len Faches Wirt­schaft. Rund ein Drit­tel der Auf­ga­ben nehme darin die Unter­neh­mer­sicht ein, keine die der Arbeit­neh­me­rin­nen. “Poli­tik kommt zwar vor, aber die Men­schen haben kei­nen Ein­fluss dar­auf“, kri­ti­sert Hedtke. 

Hedtke wei­ter : „Wirt­schafts- und sozi­al­po­li­ti­sche Alter­na­ti­ven und Kon­tro­ver­sen exis­tie­ren nicht. In die­sem Welt­bild haben die Wirt­schafts­bür­ger zwei Auf­ga­ben : Steu­ern zah­len und wäh­len gehen.“ Wirt­schaft­li­che Bil­dung müsse „zur Mit­be­stim­mung an der poli­ti­schen Gestal­tung von Wirt­schaft, in Öffent­lich­keit und Poli­tik, Unter­neh­men, Orga­ni­sa­tio­nen und Zivil­ge­sell­schaft befä­hi­gen.“ Sie gehe damit weit über indi­vi­du­el­les Ori­en­tie­ren, Ent­schei­den, Han­deln und Opti­mie­ren hinaus. 

Pro­fit­ori­en­tierte Groß­un­ter­neh­men drän­gen in schu­li­sche Sphären
„Pri­vate, pro­fit­ori­en­tierte Groß­un­ter­neh­men, Ban­ken, Ver­si­che­run­gen und deren Inter­es­sens­ver­bände drän­gen aktu­ell immer stär­ker in die schu­li­sche Sphäre. Sie pro­du­zie­ren ver­mehrt Unter­richts­ma­te­ria­lien und bie­ten außer­schu­li­sche Ange­bote an. Darin stel­len sie die Zukunfts­fä­hig­keit des Sozi­al­staats in Frage, pro­pa­gie­ren pri­vate Vor­sor­ge­pro­dukte mit hohen Gebüh­ren und lob­by­ie­ren bei zustän­di­gen öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen und Minis­te­rien für ein eige­nes Fach Wirt­schaft, bei des­sen Lehr­plan und Inhal­ten sie mit­schrei­ben wol­len“, so ein wei­te­rer Kritikpunkt. 

Die Wirt­schafts- und Finanz­bil­dung habe frei von kom­mer­zi­el­len Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen zu erfol­gen, for­dert auch die Arbei­ter­kam­mer. „Wir wol­len nicht, dass an unse­ren Schu­len pro­fit­ori­en­tierte Ver­wer­tungs­in­ter­es­sen unge­fil­tert gelehrt wer­den, als gebe es keine Alter­na­ti­ven dazu. Es braucht gut infor­mierte, kri­ti­sche Kon­su­men­tIn­nen, die eine breite Wirt­schafts­bil­dung haben und über Risiko, unglei­ches Wis­sen und die umver­tei­lende Wir­kung von Kapi­tal­märk­ten Bescheid wis­sen”, unter­streicht Ilkim Erdost, Bereichs­lei­te­rin Bil­dung und Kon­su­men­tIn­nen, Arbeiterkammer.

Kli­en­tel­po­li­tik für Finanzdienstleister
Die Bun­des­re­gie­rung hat als Folge einer OECD-Initia­tive im Sep­tem­ber 2021 eine “Finanz­bil­dungs­stra­te­gie“ vor­ge­legt. Diese benennt zwar auch sozial-öko­no­mi­sche Pro­bleme wie Alters­ar­mut, Kli­ma­wan­del, Ver­ar­mung oder Über­schul­dung. Doch in der Stra­te­gie „gehe es nicht darum, wirt­schaft­li­che Zusam­men­hänge zu ver­ste­hen und kri­tisch zu reflek­tie­ren.“ Unter den Schlag­wor­ten Armuts­be­kämp­fung und Geschlech­ter­gleich­stel­lung werde statt­des­sen „Kli­en­tel­po­li­tik für Finanz­dienst­leis­ter betrieben.“

Zukunfts­fä­hige Wirt­schafts­bil­dung müsse hin­ge­gen „kri­ti­sche Refle­xion, die Inter­es­sen der All­ge­mein­heit und den Erhalt unse­rer Lebens­grund­la­gen ins Zen­trum stel­len“, for­dert Attac. „Alters­ar­mut von Frauen ist nicht auf deren man­geln­des Finanz­wis­sen zurück­zu­füh­ren. Andern­falls wer­den nicht nur Zusam­men­hänge falsch dar­ge­stellt, son­dern auch die tat­säch­li­chen Ursa­chen von Frau­en­ar­mut ver­schwie­gen”, unter­streicht Mar­tin Schenk, Sozi­al­ex­perte der Armutskonferenz.

Autor: red/czaak
02.05.2022

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